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·Fachbeitrag ·Unfallversicherung

Unfallbegriff: Muskelfaserriss beim Fußballspiel als plötzliche Einwirkung von außen

von VRiOLG a.D. Werner Lücke, Telgte

Ein Unfallereignis liegt auch dann vor, wenn ein Torwart sich beim Abschlag einen Muskelfaserriss zuzieht (OLG München 10.1.12, 25 U 3980/11, Abruf-Nr. 120809).

Sachverhalt und Entscheidungsgründe

Der VN hat wegen eines nach dem Muskelfaserriss verbliebenen Dauerschadens am Bein eine Invaliditätsentschädigung geltend gemacht. Der VR hat das Vorliegen eines bedingungsgemäßen Unfalls deshalb in Abrede gestellt, weil es sich bei dem Abschlag um eine vollständig beherrschte Eigenbewegung gehandelt habe. Die Einwirkung des Balls auf den Fuß sei auch nicht „plötzlich“ gewesen. Sie habe vielmehr im Rahmen der willkürlichen Eigenbewegung gelegen. Die Klage hatte in beiden Instanzen Erfolg.

 

Ein Unfall liegt vor, wenn der Versicherte durch ein plötzlich von außen auf seinen Körper wirkendes Ereignis unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet (1.3 AUB 2008).

 

  • Für die Frage, ob die Einwirkung „von außen“ erfolgt, ist allein das Ereignis in den Blick zu nehmen, das die Gesundheitsbeschädigung unmittelbar herbeiführt (BGH VK 11, 171). Nicht entscheidend sind demgegenüber die Ursachen, auf denen dieses Ereignis seinerseits beruht. Es macht insoweit keinen Unterschied, ob der Körper des Versicherten mit einer beweglichen oder unbeweglichen Sache kollidiert. Ob auch eine Eigenbewegung des Versicherten im Zusammenspiel mit äußeren Einflüssen als ein von außen auf seinen Körper wirkendes Ereignis im Sinne dieses Unfallbegriffs angesehen werden kann, ist nur zu prüfen, wenn schon diese Eigenbewegung - und nicht erst eine durch sie verursachte Kollision - zur Gesundheitsbeschädigung geführt hat. Nach dieser Abgrenzung ist auch im streitgegenständlichen Fall von einer Einwirkung „von außen“ auszugehen. Entsprechend sind Fragen der Eigenbewegung des Versicherten im Zusammenspiel mit äußeren Einflüssen nicht relevant. Die Gesundheitsbeschädigung - Einriss des Muskels - wurde unmittelbar durch den aufprallenden Ball und die dabei auf den Muskel einwirkenden Kräfte herbeigeführt und nicht schon durch die vorhergehende Eigenbewegung des Klägers, nämlich die volle Streckung des Beins und Fußes. Dass der Abschlag gewollt war, betrifft nicht die „Einwirkung von außen“, sondern die von den Versicherungsbedingungen weiter geforderten Merkmale „plötzlich“ und „unfreiwillig“.

 

  • Der Aufprall des Balls auf den Fuß bei gestrecktem Bein des Klägers ist entgegen der Auffassung des VR auch „plötzlich“ erfolgt. Für dieses Merkmal spielt es keine Rolle, ob der Abschlag in vollem Umfang willensgetragen war. Das Erfordernis des Plötzlichen dient der Abgrenzung der versicherten Risiken gegenüber solchen Ereignissen, die durch einen allmählichen, sich auf einen längeren Zeitraum erstreckenden Eintritt des schädigenden Umstands gekennzeichnet seien. „Plötzlich“ stellt in erster Linie ein zeitliches Element des Unfallbegriffs dar. Wenn sich das objektive Geschehen innerhalb eines kurzen Zeitraums verwirklicht hat, ist das Geschehen stets in diesem Sinne plötzlich. Der Begriff sei insoweit objektiv zu verstehen. Auf die Erwartungen und Vorstellungen des Betroffenen kommt es daher nicht an (vgl. BGH a.a.O.).

 

  • In der Rechtsprechung ist zwar wiederholt der Versicherungsschutz auch auf solche Ereignisse erstreckt worden, die zwar nicht innerhalb eines kurzen Zeitraums eingetreten sind, deren Eintritt für den Betroffenen jedoch unerwartet und unentrinnbar war. Das bedeutet, dass das zusätzliche Element des Unerwarteten es zwar ermöglicht, auch einen Unfall zu bejahen, wenn das Ereignis nicht nur innerhalb eines kurzen Zeitraums eingewirkt hat. Es ist aber nicht als zusätzliches kumulatives Erfordernis misszuverstehen. Es sollen keine Ereignisse ausgegrenzt werden, die sich tatsächlich innerhalb einer kurzen Zeitspanne vollzogen haben (Prölss/Martin, VVG, 28. Aufl., Rn. 14 zu § 178). Wenn das zeitliche Element der Unfalldefinition erfüllt ist, ist Plötzlichkeit auch unabhängig davon gegeben. Deshalb schließt auch allein ein geplanter und nach Plan ablaufender Vorgang „plötzlichr“ nicht aus (Prölss/Martin, a.a.O., Rn. 13 zu § 178; ähnlich Rüffer in Rüffer/Halbach/ Schimikowski, VVG, 1. Aufl., 2009, Rn. 8, 9 zu § 178).

 

  • Schließlich hat der Kläger die Gesundheitsbeschädigung vorliegend auch im Sinne der Versicherungsbedingungen „unfreiwillig“ erlitten. Das Merkmal der Unfreiwilligkeit bezieht sich - schon nach dem Wortlaut - nicht auf das Unfallereignis, also hier auf das Zusammentreffen mit dem Ball, sondern auf die dadurch bewirkte Gesundheitsbeschädigung. Hätte der VN diese Gesundheitsbeschädigung gewollt oder billigend in Kauf genommen, läge keine Unfreiwilligkeit vor. Diese scheitert aber nicht daran, dass das Unfallereignis durch eigenes vorsätzliches Handeln herbeigeführt wurde. Auch wer sich bewusst einer Gefahr aussetzt, erleidet die Gesundheitsbeschädigung unfreiwillig, selbst wenn er sich diese als möglich vorstellt, aber darauf vertraut, sie werde nicht eintreten (Prölss/Martin, a.a.O., Rn. 20 zu § 178 m.w.N.).

 

Praxishinweis

Das OLG bestätigt mit seiner Entscheidung eine schon länger und zwar auch höchstrichterlich gefestigte Rechtsprechung (BGH VK 11, 171). Es steht deshalb außer Frage, dass eine Einwirkung von außen bejaht werden muss, wenn die letzte Ursache (hier: Auftreffen des Balls auf den Fuß) für die eingetretene Primärverletzung (hier: Muskelfaserriss) von außerhalb des eigenen Körpers gekommen ist. Nach dem Verständnis des durchschnittlichen VN nicht minder unproblematisch ist, dass das Merkmal der Plötzlichkeit jedenfalls in erster Linie in objektiver Hinsicht zeitlich zu verstehen ist, es also auf die Frage der Unentrinnbarkeit (und damit auf ein subjektives Verständnis) nicht ankommt, wenn der schädigende Vorgang (hier: der Ballkontakt) nur kurz auf den Körper eingewirkt hat. Zur Unfreiwilligkeit genügt ein Blick in das Gesetz (§ 178 Abs. 2 S. 1 VVG). Die Einwendungen des VR waren offensichtlich verfehlt.

Quelle: Ausgabe 08 / 2012 | Seite 131 | ID 34426710