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01.08.2007 | Kfz-Kaskoversicherung

Muss der Teilkasko-Versicherer bei Überfahren eines toten Wildschweins zahlen?

von VRiOLG a.D. Hellmut Münstermann, Aachen
Überfährt der VN ein auf der Fahrbahn liegendes, möglicherweise bereits totes Wildschwein und wird dadurch der teilkaskoversicherte Pkw beschädigt, ist der VR aus der Wildschadenklausel eintrittspflichtig (LG Stuttgart 7.2.07, 5 S 244/06, n.rkr., Abruf-Nr. 071456).

 

Sachverhalt und Entscheidungsgründe

Der VN überfuhr mit seinem teilkaskoversicherten Pkw ein Wildschwein, das bewegungslos auf der Fahrbahn lag. Dabei löste ein Airbag aus, der ebenso wie das Airbagmodul erneuert werden musste. Das AG hat der Klage des VN stattgegeben. Die Berufung des VR hatte keinen Erfolg.  

 

Das AG hat zu Recht die verlangte Entschädigung gem. § 12 Abs. 1 I d AKB zugesprochen. Aus der Klausel ergibt sich keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass nur der Zusammenstoß mit einem in Bewegung befindlichen Wild, das sich aus eigener Kraft auf der Fahrbahn bewegt und dadurch für einen Überraschungsmoment sorgt, erfasst sein soll. Die spezifische Tiergefahr hat sich auch verwirklicht, wenn ein Tier unkontrolliert auf die Fahrbahn läuft, bereits überfahren wurde und dann leblos auf der Fahrbahn liegt.  

 

Praxishinweis

In der Regulierungspraxis gibt es immer wieder Meinungsverschiedenheiten zur Frage, ob die Wildschadenklausel auch Schäden des Kfz durch den Zusammenstoß mit einem toten Tier umfasst oder ob sich das Tier – ebenso wie das versicherte Fahrzeug – in Bewegung befinden muss. 

 

Der Wortlaut des § 12 Abs. 1 I d AKB gibt für die vom VR nicht selten vertretene Auffassung, das Tier müsse sich beim Zusammenstoß ebenfalls in Bewegung befinden, nichts her. Die Fassung der Klausel „Schäden durch einen Zusammenstoß des in Bewegung befindlichen Fahrzeugs mit Haarwild ...“ ist eindeutig. Sie lässt eine erweiternde Auslegung im vom VR vertretenen Sinne nicht zu. Nichts hätte näher gelegen, als auch bei Haarwild den Zusatz „in Bewegung befindlich“ anzufügen. Dies ist nicht geschehen, so dass die Wildschadenklausel nach zutreffender Meinung auch erfüllt ist, wenn sich das Tier beim Zusammenstoß mit dem fahrenden Fahrzeug nicht in Bewegung befindet, sondern auf der Fahrbahn steht oder liegt, ob lebend oder tot. Auch in diesen Fällen verwirklicht sich in der Regel die typische Wildgefahr, gegen die sich der VN durch die Teilkasko absichern will (OLG Nürnberg VersR 94, 929; OLG Saarbrücken r+s 03, 357 = VersR 04, 1306; a.A. OLG München VersR 86, 863). 

 

Zum besseren Verständnis der Wildgefahr bedarf es nicht einmal der Heranziehung von Ausnahmefällen, in denen z.B. ein Kleinwagen auf einen auf der Fahrbahn liegenden Hirsch mit massigem Geweih trifft, der von einem anderen Fahrzeug angefahren wurde. Dasselbe gilt, wenn ein solches Tier vom Scheinwerferlicht geblendet auf der Fahrbahn steht und sich dem Kleinwagen entgegenstellt.  

 

Eine andere Auffassung könnte für die nicht selten vorkommenden Fälle vertreten werden, in denen Haarwild i.S.d. § 12 Abs. 1 I d AKB von anderen Fahrzeugen bereits mehrfach überfahren wurde und der Kadaver seine Formatierung als Wild weitgehend oder völlig verloren hat.  

 

Hat der VN den Nachweis für eine Kollision mit Wild erbracht, ist weitere Voraussetzung für den Deckungsschutz die Kausalität des Zusammenstoßes von Fahrzeug und Wild für den am Fahrzeug eingetretenen Schaden. Auch hierfür trägt der VN die Beweislast. Diesen Beweis kann er grundsätzlich im Wege des Anscheinsbeweises führen (BGH r+s 92, 82 = VersR 92, 349). 

 

Der Anwalt des VN sollte im Blick behalten, dass in Fällen, in denen es nicht zu einem Zusammenstoß mit Wild gekommen und der VN diesem ausgewichen ist, dadurch verursachte Fahrzeugschäden zwar nicht nach § 12 Abs. 1 I d AKB, aber u.U. im Wege des Rettungskostenersatzes nach §§ 62, 63 VVG beim VR geltend gemacht werden können.  

 

Rettungskostenersatz setzt nicht voraus, dass der Versicherungsfall bereits eingetreten ist. Es reicht aus – sog. Vorerstreckung –, dass er unmittelbar bevorsteht, was durch das Ausweichen vermieden werden soll (BGH r+s 91, 116 = VersR 91, 459). Die Grenze für die Entschädigungspflicht des VR ist dort zu ziehen, wo der VN die Rettungshandlung (= Ausweichmanöver) den Umständen nach nicht für geboten halten durfte. Ihm schadet dabei grobe Fahrlässigkeit (BGH r+s 97, 98 = VersR 97, 351). Eine solche wird allgemein bei Ausweichen vor kleineren Tieren (z.B. Hase, Kaninchen, Marder, Fuchs) angenommen. Anders und unschädlich für den VN ist das Ausweichen jedoch bei größeren Tieren (z.B. Wildschwein, Hirsch, Reh).  

Quelle: Ausgabe 08 / 2007 | Seite 140 | ID 109841