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  • ·Fachbeitrag ·Praxisbarometer Digitalisierung 2020

    Videosprechstunden boomen ‒ Ärzte scheuen Aufwand und Fehlerpotenzial bei Digitalisierung

    von Alexandra Buba M. A., Wirtschaftsjournalistin, Fuchsmühl

    | Dass die Corona-Pandemie das Angebot von elektronischen Sprechstunden massiv gepusht hat, war ein erwartbares Ergebnis beim „Praxisbarometer Digitalisierung 2020“ der KBV (Studie online unter iww.de/s4482). Überraschungen gab es jedoch auch: So nehmen vier von fünf Praxen ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis bei der Digitalisierung wahr. |

    Besprechung von Untersuchungsergebnissen per Video

    Insgesamt ein Viertel aller vertragsärztlichen Praxen bot seinen Patienten zuletzt eine Videosprechstunde an! Bis zum März 2020 hatte dieser Wert bei zehn Prozent gelegen, wie das „Praxisbarometer Digitalisierung 2020“ darlegt. Die Mehrheit der Ärzte hält sie zudem für ein geeignetes Mittel der Versorgung. Den Hauptanwendungsbereich identifizierten die Befragten bei der Besprechung von Untersuchungsergebnissen. Doch auch eine Fernbehandlung ohne vorherigen unmittelbaren Patientenkontakt stößt auf weniger Skepsis: Ein Drittel der Praxen beurteilt eine solche Fernbehandlung positiv, im Vorjahr waren es erst 20 Prozent gewesen.

    Nutzen wird stärker erkannt

    Doch auch über die Videosprechstunde hinaus hat sich die Einschätzung des Nutzens, den die digitalen Anwendungen mit sich bringen können, verändert. So lässt sich seit 2018 ein kontinuierlicher Anstieg der Zustimmung zum Einsatz technischer Möglichkeiten verzeichnen. 37 Prozent finden inzwischen die Fernabfrage medizinischer Daten gut, Online-Fallbesprechungen befürworteten zuletzt 49 Prozent. In 2019 waren dies 43 und in 2018 erst 40 Prozent gewesen. Kritischer werden die Möglichkeiten im Hinblick auf Online-Diagnose und -Therapie gesehen. Jedoch stehen diesen inzwischen auch 24 Prozent der Befragten positiv gegenüber. Im Jahr 2018 waren es erst 16 Prozent gewesen.

    Fehlerhafte Telematikinfrastruktur

    Zum Zeitpunkt der Befragung waren knapp 90 Prozent der Mediziner an die Telematikinfrastruktur (TI) angeschlossen. Dies scheint in kleineren Praxen besser zu funktionieren als in den größeren. So gaben 43 der Praxen mit zwei bis vier Ärztinnen bzw. Ärzten an, wöchentlich von Fehlern betroffen zu sein, die vor allem mit dem Konnektor, dem Kartenterminal und dem VPN-Zugang zusammenhängen. In den Einzelpraxen war dies nur bei 34 Prozent der Fall.

     

    Einzelpraxen haben aber generell größere Schwierigkeiten in der Administration, da sie seltener mit externen Dienstleistern zusammenarbeiten als die größeren Praxen. In 74 Prozent der Fälle kümmert sich in der Einzelpraxis der Arzt oder das Personal um die Technik. In Praxen mit mindestens fünf Ärzten ist dies dagegen nur bei 49 Prozent der Befragten der Fall. Im Rahmen der Befragung kristallisierte sich zudem heraus, dass die Auseinandersetzung mit Anforderungen an IT-Sicherheit und Datenschutz als sehr mühsam empfunden wird und der Wunsch nach verbindlichen Checklisten besteht.

    Digitale Arztbriefe selten ‒ Sorge wegen Aufwand und Fehler

    Während eine Mehrheit den digitalen Austausch von Arztbriefen und Befunddaten als Fortschritt betrachtet, hat diesen in der Realität erst eine Minderheit umgesetzt. So gaben nur 21 Prozent der Befragten an, digital übermittelte Daten aus anderen Praxen oder ambulanten Einrichtungen empfangen zu haben, bei den Arztbriefen waren dies lediglich 14 Prozent. Letzterer Wert ging im Vergleich mit 2019 sogar um einen Prozentpunkt zurück.

     

    Fragt man die Praxen, weshalb die Digitalisierung schleppend vorangeht, dann herrscht die Einschätzung vor, dass sich die Hemmnisse bislang nicht verringert haben, in etlichen Bereichen werden sie sogar stärker wahrgenommen als im Jahr zuvor. So geben 83 Prozent der Befragten einen hohen Umstellungsaufwand als Problem an, 82 Prozent befürchten eine Fehleranfälligkeit der Systeme ‒ beide Werte sind gestiegen.

    Etwas mehr Vertrauen in die Sicherheit

    Umgekehrt ist die Angst vor Sicherheitslücken etwas gesunken, und zwar um drei Prozentpunkte von 85 auf 82 Prozent. Ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis sehen unverändert 79 Prozent und damit vier von fünf Praxen. Als großes Problem wird zudem die fehlende Nutzerfreundlichkeit digitaler Anwendungen wahrgenommen. Weniger problematisch scheint eine unzureichende Internetgeschwindigkeit, wenngleich auch hier ein Negativtrend zu beobachten ist, dass dies derzeit 56 Prozent beklagen, während dies in den beiden Vorjahren nur 51 Prozent taten. Fehlende eigene Erfahrung im Umgang mit digitalen Medien attestieren sich selbst 41 Prozent.

    Verhaltene Erwartungen an ePA

    Im Hinblick auf die elektronische Patientenakte (ePA) geben 39 Prozent an, dass sie sich davon eine Verbesserung der Verwaltung und des Organisationsmanagements erwarten. 27 Prozent glauben an Vorteile bei der Diagnose- und Indikationsqualität. Lediglich ein Viertel verspricht sich positive Effekte der ePA auf die Wirtschaftlichkeit der Patientenversorgung. Erstaunliche 37 Prozent glauben umgekehrt, dass die ePA die Arzt-Patienten-Beziehung verschlechtern wird, 49 Prozent erwarten hier keine wesentliche Veränderung. Die Behandlungsqualität sehen ebenso viele eher sinken wie ansteigen, nämlich jeweils ein Fünftel. Keine Auswirkungen durch die ePA prognostiziert etwas mehr als die Hälfte.

     

    FAZIT | Dass sich die Ärzteschaft aber intensiv mit der Digitalisierung auseinandersetzt, zeigt die erneut hohe Beteiligung (knapp 2.200 Praxen beteiligten sich an der Befragung). Die Pandemie hat laut Bericht am Beispiel der Videosprechstunden gezeigt, wie schnell die Praxen in der Lage seien, ihren Patienten digitale Angebote zu machen.

     
    Quelle: Ausgabe 02 / 2021 | Seite 7 | ID 47059228