· Hausärztliche Medizin
„Die Digitalisierung schafft neue Ressourcen für den menschlichen Kontakt“

In der Allgemeinmedizin geht der Trend zu größeren Praxiseinheiten mit nichtmedizinischem Personal. Diese Entwicklung wäre ohne digitale Hilfsmittel zumindest deutlich schwieriger, wenn nicht unmöglich. Prof. Dr. med. Marco Roos ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Zudem ist er Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Augsburg. Ursula Katthöfer fragte ihn, wie digitale Tools helfen, wachsende Aufgaben zu bewältigen.
Redaktion: Wie wird sich die Größe von Hausarztpraxen in den kommenden Jahren entwickeln?
Prof. Dr. Roos: Die Hausarztmedizin ist zunehmend weiblich dominiert. Weil viele Hausärztinnen in Teilzeit arbeiten möchten, werden die Einheiten mit mehreren Fachärzten für Allgemeinmedizin zunehmen, vielleicht auch als MVZ. Diese Entwicklung hängt mit den gesellschaftlichen Trends zusammen. In vielen Partnerschaften sind die Karrierewege heute gleichwertig. Auch möchten Hausärztinnen nicht die Verantwortung für eine eigene Praxis tragen, solange die Kinder klein sind. Möglicherweise fehlt in dieser Lebensphase noch das betriebswirtschaftliche Fachwissen.
Dabei sind die meisten Praxen nach wie vor Einzelpraxen. Auch junge Kolleginnen mit Kindern wählen später die Niederlassung. Wir beobachten, dass zwei Drittel als angestellte Fachärztin in Teilzeit beginnen, nach fünf bis sechs Jahren aber zwei Drittel in die Niederlassung gehen, um autonom und flexibel zu sein. Der Wunsch, der eigene Chef zu sein, gilt auch für die männlichen Kollegen.
Redaktion: Ein anderer gesellschaftlicher Trend ist die Urbanisierung. Wie kann dem Ärztemangel auf dem Land begegnet werden?
Prof. Dr. Roos: Wir beobachten in Deutschland drei Fehlverteilungen: Wir haben in den urbanen Räumen ein Überangebot an Ärzten und in strukturschwachen Regionen einen Mangel. Es fehlt eine Bedarfsplanung, sodass wir in einigen Facharztdisziplinen weniger Ärzte haben als wir brauchen – auch in der Allgemeinmedizin. Und wir haben zulasten des ambulanten Sektors einen überproportionalen Zuwachs im stationären Sektor. Um diesen Fehlverteilungen entgegen zu wirken, sollte man eine Bedarfsplanung diskutieren, die bereits vor der Niederlassung greift. Um direkt Versorgung aufzufangen, schlägt die DEGAM im politischen Diskurs beispielsweise vor, die Versorgung vom direkten Arzt-Patienten-Kontakt zu lösen und an die versorgende Praxis zu binden. Wir müssen über interprofessionelle Teampraxen nachdenken, in die auch akademische nicht-ärztliche Berufe integriert sind. Im nächsten Schritt müssen wir soziale Einrichtungen, ambulante Pflegedienste und die Heilmittelerbringung auf kommunaler Ebene besser mit den Praxen vernetzen. Allerdings sind die Vergütungsstrukturen derzeit sehr eng mit dem Arzt-Patienten-Kontakt verknüpft. Selbst wenn der Patient ein Folgerezept braucht, muss er formalrechtlich seinen Arzt sehen. Dieses Vergütungsprinzip führt zu einer unsinnigen Ressourcenvergeudung. Ressourcen, die für andere Patienten fehlen. Deshalb schlägt die Degam beispielsweise eine jährliche Pauschale für eingeschriebene Patienten vor.
Redaktion: Inwiefern kann die Digitalisierung diesen Wandel in der Versorgung unterstützen?
Prof. Dr. Roos: Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HAEV) beendet derzeit die Pilotierung des HÄPPI-Modells, das „Hausärztliche Primärversorgungszentrum – Patientenversorgung Interprofessionell“. In den vergangenen sechs Monaten konnten wir beobachten, dass die teilnehmenden Praxen bei der Digitalisierung einen Schritt nach vorne gemacht haben. Hier in Bayern schlägt der HAEV den Praxen eine App vor, über die nicht nur Termine vereinbart werden können, sondern die auch allgemeine Informationen wie z. B. rund um das Impfen geben. Auch ein telekommunikativer Kontakt zur Praxis ist möglich. Es ist sehr spannend zu sehen, dass die Patienten die App wertschätzen und dass einige Praxen in die nächste Innovation gehen. So nutzen MFAs mit der Ausbildung zur VERAH oder Primary Care Managerinnen (PCM) die App, um während eines Hausbesuchs dringende Fragen per Videokontakt mit dem Arzt oder der Ärztin zu klären.
Redaktion: Ist es denn sinnvoll, wenn jeder HAEV-Landesverband eine eigene App entwickelt?
Prof. Dr. Roos: Ja und nein. Weil wir einen großen Nachholbedarf haben, sehen wir aktuell eine Wild-West-Situation auf dem Markt: Viele Anbieter konkurrieren, der politische Rahmen gibt wenige Anforderungen vor. Einerseits ist es gut, dass es Initiativen für Apps gibt, auch seitens der Krankenversicherungen. Andererseits habe ich die Sorge, dass ein Flickenteppich entsteht. Deshalb wünsche ich mir eine ordnungspolitische Regelung im Gesetzentwurf zur Primärversorgung. Über den Innovationsfonds des G-BA hätten wir ein Instrumentarium, um zügig eine Forschungsagenda aufzusetzen. Denn wir brauchen eine breitere Evaluationsbasis, um herauszufinden, welche digitalen Tools gut funktionieren. Derzeit scheitern gute Ideen in den Praxen, weil sie technisch instabil sind oder weil der stationäre Sektor nicht angebunden ist. Die ePA ist schwer zu durchsuchen und kann in der alltäglichen Versorgung nicht genutzt werden. Wenn die Digitalisierung nicht gut umgesetzt wird, entstehen Widerstände.
Redaktion: Patienten bemängeln, dass ihnen beim Arztbesuch der menschliche Kontakt fehlt. Wird er durch die Digitalisierung zu- oder abnehmen?
Prof. Dr. Roos: Ich glaube, dass die Digitalisierung unsere Prozesse deutlich effizienter macht und neue Ressourcen für den menschlichen Kontakt schafft. Die hausärztliche Medizin lebt sehr von der sozialen Bindung. Wir müssen die Sorgen des Patienten und das gemeinsame Ziel wieder stärker in den Fokus rücken.
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