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Aktuelle Fallbeispiele

Hyperventilationstetanie als Notfall – Diagnose, Therapie und Abrechnung der Leistungen

Die Hyperventilationstetanie stellt keine häufige Beratungsursache in der hausärztlichen Praxis dar, ist aber in jedem Fall als akutes Ereignis einzustufen. Pathophysiologisch handelt es sich um eine meist unwillkürlich erhöhte Atemfrequenz, die durch Konfliktsituationen unterschiedlichster Genese ausgelöst werden kann. Alkoholgenuß, Medikamente oder Drogen können weitere Ursachen sein.

Durch die erhöhte Atemfrequenz wird vermehrt CO2 abgeatmet, der CO2-Partialdruck (paCO2) wird abgesenkt, woraus eine respiratorische Alkalose resultiert. Diese verursacht eine erhöhte Bindung des freien Calciums im Serum, was letztendlich zu einer erhöhten Krampfbereitschaft der Muskulatur führt. Angst und Aufregung in dieser Situation führen zu einer weiteren Erhöhung der Atemfrequenz und unterstützen somit die Hyperkapnie. Das Krankheitsbild kann bei den Beteiligten einen dramatischen Eindruck erwecken.

Der Fall

Ein 56jähriger Geschäftsmann kollabiert aus ungeklärter Ursache während des Sonntagsgottesdienstes in der Kirche. Dem sofort herbeigerufenen Hausarzt bietet sich folgendes Bild: bewußtseinsreduzierter Patient mit deutlicher Hyperventilation und ängstlicher Unruhe, Tachycardie, Streckspasmen der Extremitäten und deutlicher Tremor.

Die anamnestische Befragung der aufgeregten Ehefrau ergibt keinen Hinweis auf Tabletteneinnahme oder ein bekanntes Anfallsleiden. Die Untersuchung der Thoraxorgane ergibt keinen Verdacht auf ein kardiales Geschehen. Die neurologische Untersuchung bestätigt, daß kein Anfall vorliegt. Der Blutzucker ist mit 84mg/dl im Normbereich, so daß zur Durchbrechung des Anfalles sofort eine Plastikbeutelrückatmung eingeleitet und eine Kurzinfusion mit Kalziumglukonat durchgeführt wird.

Leistungen vor Ort

Die Leistung nach Nr. 1 GOÄ ist nicht neben der Besuchsgebühr nach Nr. 50 GOÄ berechnungsfähig. In diesem Fallbeispiel ist für die Besuchsleistung an Sonn- und Feiertagen im Rahmen der GOÄ der Zuschlag nach Buchstabe “H” einmal zu berechnen. Weitere Zuschläge – wie für den unverzüglich ausgeführten Besuch (Buchstabe E) oder für andere Leistungen an Sonn- und Feiertagen (Buchstabe D) – sind neben dem Zuschlag nach Buchstabe H ausgeschlossen.

Angesichts der erschwerten Verhältnisse “Leistung am Notfallort, bewußtseinsreduzierter und unruhiger Patient” können die GOÄ-Nrn. 50, 7 und 271 auch mit einem höheren Multiplikator (bis 3,5fach) berechnet werden.

Für die Abrechnung der Wegepauschalen (Nrn. 7234 ff.) besteht bei den Ersatzkassen eine bundeseinheitliche Regelung. Für die Primärkassen dagegen wurden  zwischen deren Landesverbänden und verschiedenen KVen zum Teil unterschiedliche Regelungen getroffen.

Nach Durchbrechung des Anfalls mittels der Beutelrückatmung sowie der Beruhigung des Patienten wird in der Praxis ein EKG durchgeführt und der Patient etwa 45 Minuten beobachtet. Zur weiteren psychosomatischen Diagnostik wird ein Termin vereinbart.

Die später durchgeführte psychosomatische Differentialdiagnostik bestätigt den Verdacht des Vorliegens eines psychosomatischen Krankheitszustandes. Zur Bewältigung der Ursachen wurden weitere Gespräche durchgeführt und der Patient wird in die Technik des autogenen Trainings eingeführt.

Für die Leistungen der Psychosomatik besteht ein qualifikationsabhängiges Zusatzbudget, so daß diese Leistungen außerhalb des Praxisbudgets gesondert vergütet werden.

Die Symptomatik der Hyperventilationstetanie ist gekennzeichnet durch Kribbelparästhesien an Händen, Armen, Füßen und perioral sowie durch ängstliche Unruhe, Tachypnoe, Tachycardie und vor allem durch tonische Kontraktionen an Armen, Händen (sogenannte “Pfötchenstellung”) und Beinen. Pektanginöse Beschwerden, Thoraxschmerzen, Schwindel und Sehstörungen können weitere Symptome sein. Die Notfalldiagnostik umfaßt die körperliche und orientierende neurologische Untersuchung, die Erhebung der Fremdanamnese, die Blutzuckerbestimmung und das EKG.

Die Therapie besteht in erster Linie in der Beruhigung des Patienten, der sofortigen Plastikbeutelrückatmung sowie einer eventuellen i.v.-Gabe von Kalziumglukonat. Nach einem diagnostischen Gespräch kann eine Therapie mittels psychosomatischer Gespräche und dem autogenen Training eingeleitet werden.

Quelle: Abrechnung aktuell - Ausgabe 03/1998, Seite 11

Quelle: Seite 11 | ID 99669