· Fachbeitrag · Stimmungsbarometer 3. Quartal 2026
Stimmung der Ärzte auf historischem Tiefstand, Zahnärzte noch am wenigsten pessimistisch
Die Stimmung der niedergelassenen Ärzte in Deutschland ist regelrecht abgestürzt: Im 3. Quartal 2026 fiel der Stimmungswert auf -48,5 Punkte – mehr als 20 Punkte unter dem Wert der vorherigen Erhebung und so tief wie noch nie seit Beginn des Stimmungsbarometers vor über 20 Jahren. Der bisherige Negativrekord lag bei -38,7 Punkten. Vergleichsweise moderat fiel der Rückgang bei den Zahnärzten aus. Ihre Stimmung sank um 8,9 Punkte auf -36,4. Damit sind sie derzeit die am wenigsten pessimistische der vier betrachteten Fachgruppen.
Ein Alarmsignal, das die Politik nicht überhören sollte
Treiber des Absturzes – über alle Mediziner betrachtet – ist vor allem der massive Einbruch bei den wirtschaftlichen Erwartungen: Die Einschätzung der Entwicklung in den kommenden sechs Monaten verschlechterte sich gegenüber der vorherigen Erhebung um fast 35 Punkte.
„Wir erleben hier keine normale Schwankung mehr. Die Stimmung in den Praxen ist auf einem historischen Tiefpunkt angekommen“, sagt Prof. Dr. med. Dr. rer. pol. Konrad Obermann, Forschungsleiter der Stiftung Gesundheit. „Wenn ein seit mehr als 20 Jahren erhobener Indikator derart abstürzt, ist das ein Alarmsignal, das die Politik nicht überhören sollte.“
Die Unzufriedenheit wird vor allem beim Blick auf die Ursachen ersichtlich: 92,0 Prozent der Ärzte geben an, dass sich politische Entscheidungen, gesetzliche Regelungen und Vorgaben der Selbstverwaltung in den vergangenen drei Monaten negativ auf ihre Gesamtarbeitssituation ausgewirkt haben. Damit liegen Politik und Regulierung inzwischen mehr als 40 Prozentpunkte vor allen anderen abgefragten Belastungsfaktoren.
„Die Zahlen zeigen sehr deutlich, dass der Frust weit über einzelne Vergütungsfragen hinausgeht“, so Obermann. „Die angekündigten Reformen kommen nicht voran, gleichzeitig erleben die Ärzte immer neue Einzelmaßnahmen und regulatorische Eingriffe. Solange ein gemeinsames Ziel für die grundlegende Weiterentwicklung des Gesundheitswesens fehlt, wird es schwer sein, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.“
Der Stimmungseinbruch zieht sich durch nahezu alle betrachteten Fachgruppen. Am stärksten verschlechterte sich die Stimmung bei den Psychologischen Psychotherapeuten: Ihr Wert sank um 33,6 Punkte auf -48,3. Bei den Fachärzten ging der Stimmungswert um 25,7 Punkte auf -51,5 zurück. Ähnlich drastisch ist die Entwicklung bei den Hausärzten: Mit einem Minus von 25,2 Punkten erreichen sie einen Wert von -55,6 und bilden damit das Schlusslicht unter den betrachteten Fachgruppen.
Für Obermann liegt in den Ergebnissen auch eine klare Botschaft für die weitere gesundheitspolitische Debatte: „Mit kleinteiligen haushalterischen Korrekturen werden sich die strukturellen Probleme des Gesundheitswesens nicht lösen lassen. Wir brauchen eine Debatte über die grundlegenden Fragen – und zwar gemeinsam mit allen Beteiligten. Sonst droht aus dem aktuellen Stimmungstief eine dauerhafte Vertrauenskrise zu werden.“
Weiterführende Hinweise
- Das Stimmungsbarometer gibt differenziert Auskunft darüber, wie die niedergelassenen Ärzte in Deutschland ihre aktuelle wirtschaftliche Lage einschätzen und welche Entwicklung sie in den kommenden sechs Monaten erwarten. An der repräsentativen Erhebung im 3. Quartal 2026 nahmen 941 Ärzte teil. Darüber hinaus hat die Stiftung auch die wirtschaftliche Stimmung der Heilberufler erhoben.
- Die Stiftung Gesundheit setzt sich seit 30 Jahren für Orientierung, Transparenz und verständliche Informationen im Gesundheitswesen ein. Neben Analysen und Studien zur Versorgungslandschaft betreibt die Stiftung Gesundheit die Arzt-Auskunft, die auf dem Strukturverzeichnis der Versorgung basiert und Patienten bei der Suche nach passenden Ärzten, Heilberuflern und Einrichtungen unterstützt. Außerdem zertifiziert sie Gesundheitsratgeber und -websites und verleiht jährlich den Publizistik-Preis für herausragende gesundheitsjournalistische Beiträge.