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·Fachbeitrag ·Praxisorganisation

Der Wunschtraum vieler Therapeuten: Die Privatpraxis

von Dipl.-Volkswirt/Sportwissenschaftler (M.A.) Uwe Schiessel, Uwe Schiessel Consulting, www.USConline.de 

| Eine Praxis, in der nur Privatpatienten und Selbstzahler behandelt werden, löst sicherlich viele Probleme, mit denen man mit einer Kassenzulassung täglich konfrontiert wird. Aber ist alles so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint? Um diese Frage zu klären, werden in diesem Beitrag die Erfordernisse einer Privatpraxis diskutiert, die Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen und es wird überlegt, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, um mit einer Privatpraxis erfolgreich zu sein. |

Unterschiede Kassenpraxis vs. Privatpraxis

Welches sind nun die wesentlichen Unterschiede zwischen einer Privatpraxis und einer Praxis mit Kassenzulassung? Eine Praxis, die gesetzlich versicherte Patienten behandeln möchte, benötigt eine Kassenzulassung. Hierfür müssen die Zulassungsrichtlinien eingehalten werden. Eine Privatpraxis, die keine Kassenzulassung wünscht, ist nicht an die Rahmenverträge gebunden.

 

Kassenpraxis
Privatpraxis
  • Verträge in Form von Rahmenverträgen
  • Behandlungsvertrag mit jedem einzelnen Patienten
  • Rahmenvertrag gibt Mindestausstattung vor (Sprossenwand usw.)
  • Keine Ausstattungsvorgaben
  • Preise über die Rahmenverträge vorgegeben
  • Freie Preisgestaltung
  • Zulassung der Praxis notwendig
  • Keine Zulassung notwendig
  • 100 Prozent Patientenpotenzial (gesetzl. Versicherte und Privatpat.)
  • Ca. 12 Prozent der Deutschen sind nicht gesetzlich versichert
  • Anzahl der Behandlungen vom Arzt/-budget und von den Heilmittelrichtlinien vorgegeben
  • Anzahl der Behandlungen vom Arzt vorgegeben
  • Kassen erstatten Behandlungen nach Abschluss des Rezepts
  • Rechnung wird an Patienten direkt gestellt
  • Behandlungsdauer im Rahmenvertrag vorgegeben
  • Behandlungsdauer wird mit Privatpatient vereinbart
  • Prüfpflicht der Rezepte mit allen Risiken und Organisationsaufwand zur Rezeptänderung
  • Privatrezepte mit minimalen Bestandteilen
  • Fristen für Behandlungsbeginn, Unterbrechungszeiten usw.
  • Freie Terminierung möglich
  • Zuzahlung der Patienten gesetzlich geregelt
  • Erstattung der Behandlungspreise für Privatversicherte je nach Tarif und Versicherung unterschiedlich hoch
 

 

  • Warum haben die meisten Praxen eine Kassenzulassung?

Die Kassenzulassung einer Praxis ist alleine aufgrund des Marktpotenzials sehr interessant. In Deutschland sind ca. 88 Prozent der Menschen gesetzlich versichert. Um diese Patienten als Kunden gewinnen zu können, wird im Normalfall eine Kassenzulassung benötigt, weil nur so die Patienten die Behandlungskosten von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet bekommen. Natürlich könnten sich Kassenpatienten mit ihrem Rezept auch in einer Privatpraxis behandeln lassen, nur würden ihnen dann die Kosten nicht erstattet werden. Dafür, dass eine Praxis mit Kassenzulassung auf das gesamte Potenzial der gesetzlich Versicherten zugreifen kann, muss sie den gesetzlichen Krankenkassen in Form der verhandelten Erstattungsätze einen „Mengenrabatt“ geben. Da Praxen mit Kassenzulassung zirka acht Mal so viel potenzielle Patienten haben, lassen sich somit viele Praxen auf die Rahmenverträge und die deutlich geringeren Erstattungen ein.

 

Finanzielle Rahmenbedingungen einer Privatpraxis

In einer durchschnittlichen Praxis mit Kassenzulassung haben wir aufgrund der Anteile der privatversicherten Patienten einen anderen Stundenumsatz, als in einer rein privaten Praxis. So kann man in der Regel davon ausgehen, dass eine Praxis mit Kassenzulassung und ca. 12 Prozent Privatpatientenanteil einen Stundenumsatz von ca. 45 Euro (entspricht einem Jahresumsatz von ca. 65.000 Euro pro Vollzeittherapeut) erwirtschaften kann. Dagegen kann eine Privatpraxis mit 100 Prozent Privatpatienten einen Stundenumsatz von ca. 63 Euro (entspricht einem Jahresumsatz von ca. 91.000 Euro pro Vollzeittherapeut) erwirtschaften. Zudem dürfte in einer reinen Privatpraxis der Anteil der passiven Leistungen im Verhältnis deutlich höher sein, als in einer Kassenpraxis. Somit kann man davon ausgehen, dass ein Therapeut in einer Privatpraxis ca. 40 - 50 Prozent mehr Umsatz erwirtschaften kann, als in einer durchschnittlichen Praxis mit Kassenzulassung.

 

MERKE | Die Umsatzzahlen für Stunden- und Jahresumsätze hängen von vielen Variablen ab, wie zum Beispiel Zeittakt, umsatzrelevante Arbeitszeit, Privatpatientenanteil, Selbstzahleranteil, Höhe der Privatpreise, usw. In den Beispielen gehen wir von einer durchschnittlichen Praxis aus. Passive Leistungen wie Fango, Strom, Eis usw. sind hier nicht berücksichtigt. Bei der Privatpreiskalkulation im Beispiel wurde der Beihilfesatz als unterste Preisstufe gewählt. Höhere Preise sind jederzeit möglich.

 

Organisatorische Rahmenbedingungen einer Privatpraxis

Da eine Privatpraxis keinen Rahmenverträgen unterliegt, verhandeln diese ihre Leistungen direkt mit ihren Patienten. Sie schließen hierzu mit den Patienten einen Behandlungsvertrag ab, der die Preise sowie die Leistung, die sie dafür bekommen sollen, festlegt. Somit sind sie faktisch an keine Behandlungslängen und keine Vorgaben, wann welche Leistungen erbracht werden, gebunden, was ihnen die Möglichkeit gibt, den Behandlungsablauf an den Erfordernissen des Krankheitsbildes zu orientieren. Sie können sich allerdings einiges an Diskussionen mit Ihren Privatpatienten ersparen, wenn Sie versuchen, die Behandlungen so durchzuführen und die Preise so festzulegen, dass die Patienten einen großen Anteil der Kosten von ihrer privaten Krankenversicherung zurückerstattet bekommen.

 

  • Einschränkungen der Preise für Privatpatienten

Als Privatpraxis können sie die Preise und Behandlungsdauer für die angebotenen Behandlungen frei festlegen. Bisher war die Obergrenze der erstattungsfähigen Preise der ortsübliche Satz, der von den Praxen bei der Preisfestlegung nicht überschritten werden durfte, bzw. bei Überschreitung keine vollständige Erstattung zur Folge hatte. Hierbei kamen einige Gutachten zu dem Schluss, dass der 2,3-fache Satz als ortsüblich angenommen werden kann.

 

Um eine Kostensteigerung bei den privaten Krankenkassen zu vermeiden, wurde immer wieder versucht, den ortsüblichen Satz auf den Beihilfesatz zu reduzieren, was aber schon in mehreren Gerichtsurteilen als nicht rechtens angesehen wurde, da der Beihilfesatz als nicht kostendeckend für eine Therapiepraxis angesehen wird (lesen Sie dazu auch PP 01/2003, Seite 3).

 

Merke | In vielen neuen Versicherungstarifen von privaten Krankenversicherungen finden sich eigene Preislisten, nach denen die Erstattungen für Heilmittelausgaben gehandhabt werden. Zu beachten ist hierbei, dass eine private Krankenversicherung in der Regel im Nachhinein die Erstattungen nicht auf eine versicherungsinterne Erstattungsliste reduzieren darf - es gelten die Bedingungen, die bei Vertragsabschluss versprochen wurden. Bei Neuverträgen oder Vertragsänderungen kann die Erstattung von Heilmitteln allerdings auf eine interne Erstattungsliste begrenzt werden.

 

Nachteile einer Privatpraxis

Neben den genannten Vorteilen einer Privatpraxis stehen natürlich auch die Nachteile, die eine Privatpraxis hat:

 

  • Geringes Marktvolumen: Nur ca. 12 Prozent der Bevölkerung ist nicht gesetzlich krankenversichert und würde demnach zu Ihrer Zielgruppe zählen.

 

  • Praxen mit Kassenzulassung können aus den gesetzlich versicherten Patienten Selbstzahler gewinnen. Diese Kassenpatienten fallen in privaten Praxen weg.

 

  • Sie konkurrieren mit allen Praxen mit Kassenzulassung, da diese einen Anteil an Privatpatienten benötigen, um die geringen Erstattungssätze der gesetzlichen Krankenversicherungen querfinanzieren zu können.

 

  • Als Privatpraxis sind Sie direkter Konkurrent zu Ärzten und Heilpraktikern. Viele Ärzte überlegen sich, ob sie die Patienten mit eigenen Angeboten versorgen, oder ob sie die Patienten zu einem Therapeuten weiterschicken.

 

  • Viele Praxisinhaber von privaten Praxen klagen darüber, dass die Diskussionen über die Preise und die Erstattungen nervig sind. Zudem lassen sich einige Privatpatienten lange Zeit, bis sie die Rechnungen bezahlen. Hier ist ein gutes Vertrags- und Forderungsmanagement notwendig.

Gedanken zur Umstellung auf eine Privatpraxis

Die Umstellung auf eine Privatpraxis kommt sicherlich nur für Praxisinhaber infrage, die folgende Bedingungen (zumindest zum Teil) erfüllen:

 

  • Sie hatten bisher schon einen großen Privatpatientenanteil.
  • Sie verfügen über eine gute Zusammenarbeit mit Ärzten mit sehr hohem Privatpatientenanteil.
  • Sie haben sich spezialisiert, zum Beispiel auf besondere Behandlungsmethoden oder Krankheitsbilder.
  • Sie streben eine Verkleinerung der Praxis und der Mitarbeiter an, zum Beispiel weil sie keine Angestellten mehr haben wollen oder es schwierig ist, neue Therapeuten zu finden.
  • Sie wollen lieber Therapeut und kein Geschäftsführer sein.

 

Wenn Sie bisher eine Praxis mit Kassenzulassung hatten und nun nur noch Privatpatienten behandeln wollen, müssen Sie sich zudem Gedanken über folgende weitere Punkte machen:

 

  • Sie können Ihre Stamm-Kassenpatienten nicht mehr weiterbehandeln, da Sie keine Kassenzulassung mehr haben. Kommen Sie damit klar?
  • Können Sie genügend Privatpatienten gewinnen.
  • Können Sie sich einfach von Ihren Angestellten trennen, falls das erforderlich wäre?
  • Müssen Sie sich eventuell neue Praxisräumlichkeiten mit weniger Therapieplätzen und geringeren Fixkosten suchen?
  • Sie werden als Privatpraxis von Kollegen und Ärzten anders gesehen. Teilweise wird Neid entstehen, weil Sie sich die Umstellung zur Privatpraxis getraut haben.
  • Welche Besonderheiten können Sie bieten, um die Privatpatienten von Ihrer Leistungsfähigkeit zu überzeugen?

 

FAZIT | Die Umstellung auf eine Privatpraxis kommt sicherlich nur für ganz wenige Therapeuten infrage. Private Heilmittelpraxen müssen vieles anders und meistens auch besser als andere machen, um die Zielgruppe der Privatpatienten mit Ihrem Angebot anzusprechen. Hierfür sind eine eindeutige Marktposition und ein strukturiertes Marketing nötig (hierzu mehr im Folgebeitrag).

 

In den allermeisten Fällen kommt der Wunsch nach einer Privatpraxis dann auf, wenn man wieder einmal mit den Vorgaben der Kassenverträge angeeckt ist oder die Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenkassen in bestimmten Fällen schwierig ist. Das lässt sich aber meist gut damit lösen, dass man die Vorgaben der Kassenverträge kennt und auch einhält. Hierzu sind definierte Praxisabläufe notwendig und eine routinierte Arbeit bei der Abrechnung der Rezepte. Denn auch mit einer Kassenpraxis kann man bei guter Organisation und gutem Marketing ordentliche Gewinne erwirtschaften.

 

Im Folgebeitrag „Marketing für Privatpraxen“ wird zudem auf die veränderten Marketingerfordernisse eingegangen, da aufgrund der Marktstruktur einer Privatpraxis andere Schwerpunkte für das Marketing bestehen.

Quelle: Ausgabe 01 / 2015 | Seite 6 | ID 43111279