logo logo
Meine Produkte: Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen. Anmelden
Menu Menu
MyIww MyIww
Jetzt testen

·Fachbeitrag ·Betriebswirtschaft

Fachkräftemangel in der Heilmittelbranche: Ursachen und Lösungsansätze

von Dipl.-Volkswirt/Sportwissenschaftler (M. A.) Uwe Schiessel, Uwe Schiessel Consulting, www.USConline.de

| Von einem Fachkräftemangel geht man bei Ingenieuren dann aus, wenn auf eine offene Stelle keine sieben arbeitssuchenden Ingenieure gemeldet sind. Bei den Heilmittelberufen zeigt sich indes ein anderes Bild. Hier können seit Jahren nur noch schwer offene Stellen besetzt werden - und das, obwohl die Berufe des Physiotherapeuten, des Ergotherapeuten und des Logopäden in der Beliebtheit sehr weit oben platziert sind. |

Ursachen des Fachkräftemangels

Der Fachkräftemangel in der Heilmittelbranche hat nicht nur externe Ursachen, sondern ist in vielen Fällen auch hausgemacht.

 

Wandel des Arbeitsmarkts in den letzten Jahren

Hatten Praxisinhaber noch vor wenigen Jahren die Qual der Wahl, unter mehreren gut ausgebildeten Therapeuten den idealen Bewerber auszuwählen, bleiben heute Stellenanzeigen auf den einschlägigen Online-Portalen monatelang ohne Erfolg. In den Therapieschulen hängen die Wände voller Stellenangebote für eine Handvoll Absolventen. Und in Bewerbungsgesprächen fordern Berufsanfänger Einstiegsgehälter, die nicht einmal ein Therapeut mit vielfältigsten Fortbildungen und über zehn Jahren Berufserfahrung bekäme.

 

  • Gründe für den Fachkräftemangel
  • Gut gemeinte Aktionen der Verbände zur Verbesserung der Situation der Praxisinhaber haben bei den Berufssuchenden das Bild einer Branche produziert, in der viel gejammert wird, und in der die Berufsaussichten nicht gut sein können.
  • Die Heilmittelbranche hat sehr hohe Eintrittsvoraussetzungen (Schulgeld, mehrere Jahre Gehaltsverzicht während der Ausbildung, schlechte Gehaltsaussichten nach der Ausbildung, usw.).
  • In einer von Frauen dominierten Branche arbeiten viele Therapeutinnen nur wenige Jahre in Vollzeit und kehren nach einer Elternzeit dann nur noch als Teilzeitkraft wieder in den Beruf zurück.
  • Durch die Akademisierung der Heilmittelberufe fallen gerade bei den Logopäden ständig viele potenzielle Berufseinsteiger weg, weil diese sich für ein anschließendes Studium entscheiden.
 

Viele Praxen lassen systeminterne Therapeutenpotenziale brachliegen

Die eigene Beratungserfahrung aus über 400 Praxen hat gezeigt, dass der Anteil umsatzrelevanter Arbeitszeit (d. h. der Zeit, die Kostenträger auch erstatten) sehr niedrig ist. In vielen Praxen erbringen Therapeuten nur zu 70 Prozent ihrer Arbeitszeit Therapieleistungen, im Durchschnitt sind bundesweit nur ca. 80 Prozent der Arbeitszeit mit bezahlten Therapien belegt.

 

Mit optimierten Organisationsstrukturen, systematischen Routinen usw. ließen sich umsatzrelevante Arbeitszeiten von 90 bis 95 Prozent erzielen. Das bedeutet, dass viele Praxen derzeit ein systeminternes Therapeutenpotenzial von über 15 Prozent haben, das ungenutzt bleibt. Der Hauptgrund liegt darin, dass den Therapeuten in vielen Praxen neben ihrer normalen Therapiezeit noch vielfältigste organisatorische Aufgaben aufgebürdet werden.

 

  • Gründe für die Defizite in der umsatzrelevanten Arbeitszeit
  • Terminplanung, Organisation der Absagen
  • Kontrolle und Abrechnung der Rezepte
  • Putzen der Räumlichkeiten
  • Telefonieren mit den Ärzten
  • Erstellung von aufwendigen Therapieberichten
  • Falsche Organisation von Hausbesuchen
  • Überdimensionierte und zu häufige Teammeetings
  • Zu lange Therapiedauer (z. B. 25 oder 30 min statt 15 bzw. 20 min für Krankengymnastik, Klassische Massage und Manuelle Therapie (PP 03/2013, Seite 5).
  • Falsche Arbeitsverträge: Z. B. einer Empfehlung des Deutschen Bundesverbands Logopädie folgend, vereinbaren viele Logopäden in 40 Wochenstunden nur 40 Therapien. Dadurch ist die umsatzrelevante Arbeitszeit per Arbeitsvertrag auf 75 Prozent festgelegt. Ausfälle oder Lücken in den Ferienzeiten können bei solchen Vertragsformen die umsatzrelevante Arbeitszeit auf unter 70 Prozent senken.
 

Praxisinhaber stellen zu große Anforderungen an die Bewerber

Viele Praxen suchen immer noch „den Therapeuten“, der alle Vorstellungen des Praxisinhabers erfüllt. Da wird z. B in Stellenanzeigen ein Therapeut (m/w) für 35 Stunden pro Woche gesucht, weil es gerade so in das Organisationssystem passt. Eine Bewerberin, die aber eine Stelle mit 40 h pro Woche sucht, wird sich eventuell auf diese Stellenanzeige gar nicht bewerben. Auch bei gewünschten vorhandenen Fortbildungen, bestimmten Arbeitszeiten, Führerschein usw. werden oftmals Dinge in Stellenanzeigen gefordert, die eventuell gerade der interessierte Bewerber nicht hat.

Langfristige und kurzfristige Lösungsansätze

Langfristige Lösung kann nur eine Änderung der Rahmenbedingungen für die Branche sein. Als Praxisinhaber können Sie aber schon jetzt etwas tun.

 

Langfristige Lösungsansätze für die Heilmittelbranche

Veränderte Rahmenbedinungen zielen darauf ab, die Heilmittelberufe wieder interessant und auch lukrativ zu machen. Folgendes müsste sich ändern:

  • Die Ausbildung müsste kostengünstiger oder sogar kostenlos sein.
  •  
  • Es müssten Möglichkeiten geschaffen werden, dass in der Ausbildung schon Geld verdient werden kann.
  •  
  • Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen und ihre Anstrengungen bündeln: Wenn das Jammern der Branche noch einige Jahre weitergeht, werden sich immer weniger Schulabgänger für diese tollen Berufe entscheiden. Hier ist von allen Beteiligten ein konsequentes Vorgehen wünschenswert, um endlich Lösungen für bessere Erstattungssätze und weniger Verwaltungsaufwand zu finden und faire Löhne zahlen zu können.

 

Optimieren Sie die Arbeitsorganisation in Ihrer Praxis!

Die Arbeitsorganisation Ihrer Praxis haben Sie selbst in der Hand: Organisieren Sie Ihre Praxis so, dass die Therapeuten ihre volle Arbeitszeit dazu nutzen können, Therapien durchzuführen. Verwaltungskräfte und Organisationskräfte sind leichter und in der Regel günstiger zu finden als Therapeuten. Trennen Sie die Aufgaben Verwaltung/Rezeption/Reinigung vom Therapieprozess und setzen Sie dafür andere Kräfte ein.

 

PRAXISHINWEIS | Ziel sollte es sein, mindestens 90 Prozent der Arbeitszeit bei Therapeuten für Therapie einzusetzen. Eine Steigerung der umsatzrelevanten Arbeitszeit von 75 auf 90 Prozent erzielt einen zusätzlichen Jahresumsatz von 12.000 Euro pro Vollzeittherapeut. Somit haben Sie Spielraum für Lohnanpassungen.

 

Überprüfen Sie Ihre Personalsuche!

Auch Ihre Personalsuche können Sie aktiv beeinflussen: Wenn Sie keinen Mitarbeiter für eine offene Stelle finden, können Sie diese auch mit zwei Teilzeitkräften besetzen, die sich in ihren Qualifikationen entsprechend ergänzen. Oft können Sie diese sogar noch flexibler einsetzen und damit sogar (durch Überstunden) Nachfrageschwankungen ausgleichen. Formulieren Sie die Stellenanzeige so offen wie möglich. Prüfen Sie die eingehenden Bewerbungen daraufhin, wie Sie den Bewerber in die Praxis integrieren können.

 

Für viele Bewerber ist der Lohn nicht der wichtigste Faktor, um sich für oder gegen eine Stelle zu entscheiden. Wenn Sie nicht so viel zahlen wollen oder können, wie andere Praxen, überlegen Sie sich, warum ein Bewerber sich trotzdem für Ihre Stelle entscheiden soll. Vermarkten Sie Ihre offene Stelle wie ein Produkt. Fragen Sie sich, was einen Bewerber interessiert und was einen Bewerber dazu bringen könnte, sich für Ihre Stelle zu entscheiden.

 

FAZIT | Der Fachkräftemangel ist auch bei den Heilmittelerbringern angekommen. Kurzfristig gibt es Möglichkeiten, durch optimierte Arbeitszeitorganisation die fehlenden Fachkräfte zu kompensieren. Praxen die optimierter arbeiten, haben zudem Möglichkeiten, höhere Löhne zu bezahlen und mehr auf die Wünsche und Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen. Auch mehr Flexibilität bei der Personalsuche kann den Fachkräftemangel lindern. Mittel- und langfristig sind Lösungen erforderlich, um die Berufe des Physiotherapeuten, des Logopäden und des Ergotherapeuten wieder attraktiv zu machen.

 

Weiterführende Hinweise

Quelle: Ausgabe 08 / 2016 | Seite 5 | ID 44183774