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  • ·Fachbeitrag ·Heilmittelverordnung

    Zwei Themenschwerpunkte, ein Aufreger: BARMER Heilmittelreport 2021

    | Kommen die bisherigen Vergütungserhöhungen für Heilmittelerbringer, die der Gesetzgeber 2017 und 2019 auf den Weg gebracht hat, auch bei den angestellten Therapeutinnen und Therapeuten an? Und warum sind in den neuen Bundesländern die Ausgaben für Heilmittel pro Versicherten deutlich höher als in den alten? Mit diesen beiden Themenschwerpunkten befasst sich der BARMER Heilmittelreport 2021 (online unter iww.de/s5858). Das Thema Vergütung wird dabei zum Aufreger: Deutliche Kritik kommt vonseiten des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten ‒ IFK e. V. |

    Datenbasis und Datenaufbereitung

    Der BARMER Heilmittelreport wird erstellt durch das BARMER Institut für Gesundheitsforschung (bifg). Er stützt sich auf die Daten von ca. 8,7 Mio. Versicherten, d. h. etwa 12 Prozent der Versicherten in Deutschland. Wegen dieses hohen Marktanteils und weil die Altersstruktur in etwa der in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) gleicht, lassen sich die Erkenntnisse aus den BARMER-Daten auf die gesamte GKV übertragen. Etwaige regionale Verzerrungen werden durch eine Hochrechnung ausgeglichen.

     

    PRAXISTIPP | Erstmalig liefert das bifg mit dem Heilmittel-Atlas ein interaktives Analysetool (online unter iww.de/s5859). Auf einer Deutschlandkarte kann der Nutzer für die Heilmittel Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie in den Jahren 2018 bis 2020 verschiedene Kennzahlen betrachten und weiter filtern (Kosten je Versichertenjahr, Patienten je 1.000 Versichertenjahre, Verordnungen je 1.000 Versichertenjahre, Kosten je Verordnung und Verordnungen je Heilmittel-Patient).

     

    Themenschwerpunkt Umsatz und Therapeutengehälter

    Im Jahr 2020 haben die gesetzlichen Krankenkassen etwa 3 Mrd. Euro mehr für Heilmittel ausgegeben als im Jahr 2017, heißt es in der Einleitung des Reports. Grund dafür sind die Steigerungen der Heilmittelpreise, die über das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG; PP 04/2017, Seite 3) sowie das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG, PP 04/2019, Seite 3) beschlossen wurden, u. a., um die Entlohnung angestellter Therapeutinnen und Therapeuten zu erhöhen.

     

    BARMER: „Umsatzsteigerung kommt nicht bei den Angestellten an“

    Bereits im Heilmittelreport 2019 hielt die BARMER die Preissteigerungen nur für gerechtfertigt, wenn sie mehr Qualität in der Heilmittelversorgung bewirken, d. h., den Therapeutenberuf durch höhere Gehälter attraktiver machen. Der BARMER Heilmittelreport 2021 kommt zu dem Ergebnis, dass dem nicht so ist: Während die Umsätze in der Heilmittelbranche um 43 Prozent gestiegen seien, habe sich das Einkommen der angestellten Therapeutinnen und Therapeuten nur um etwa 21 Prozent erhöht. Das Ziel des Gesetzgebers werde mit dieser Entwicklung unterlaufen.

     

    Zusätzlich sei der wegen der Coronapandemie aufgelegte Rettungsschirm Heilmittel (PP 06/2020, Seite 3) überdimensioniert: Ohne Berücksichtigung der Preissteigerungen infolge des TSVG im Juli 2019 sei das Verordnungsvolumen etwa um 500 Mio. Euro gesunken, ausgezahlt wurden an die Leistungserbringer aber 810 Mio. Euro (PP 09/2020, Seite 3). Zudem hätten nur 85 Prozent der Leistungsberechtigten Mittel aus dem Rettungsschirm beantragt. Der Rettungsschirm sei daher viel zu groß gewesen.

     

    IFK: BARMER liefert „verzerrtes Bild“

    In einer Stellungnahme vom 21.12.2021 wirft der IFK der BARMER vor, durch selektive Darstellung der Fakten ein „verzerrtes Bild“ der Umsatz- und Vergütungssituation in der Physiotherapie zu liefern.

     

    • „Verzerrtes Bild“ ‒ so argumentiert der IFK e. V.
    • Die Prozentangaben der BARMER für die GKV-Ausgaben basierten auf hochgerechneten Werten eigener Versicherter, so der IFK e. V. Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums betrage das Umsatzplus in der Heilmittelbranche nur 35 Prozent, in der Physiotherapie sogar nur 30,6 Prozent.

     

    • Nur 70 Prozent des Umsatzes in der Physiotherapie seien GKV-Umsatz. D. h., die von der BARMER bezifferten Mehrausgaben hätten für Physiotherapeuten nur einen Mehrumsatz von 21,4 Prozent bewirkt. (70 Prozent von 30,6 Prozent).

     

    • Auch beim Einkommen lege die BARMER die Werte eigener Versicherter zugrunde. Der IFK beruft sich auf Zahlen der Berufsgenossenschaft für Gesundheit und Wohlfahrtspflege (BGW), die ein Gehaltsplus von 22 Prozent ausweisen.

     

    • Bzgl. der Coronapandemie und insbesondere beim Rettungsschirm Heilmittel blende die BARMER zahlreiche Fakten aus:
      • Der Rettungsschirm solle den gesamten Umsatzausfall der Heilmittel abdecken, nicht nur den GKV-Umsatz.
      • Durch die coronabedingte Kurzarbeit seien die Gehaltszahlungen gesunken.
      • Die Physiopraxen hätten wegen Corona hohe Mehrausgaben für Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel (wegen Knappheit z. T. zu überteuerten Preisen), die durch die Hygienepauschale nicht kompensiert wurden).
      • In vielen Physiopraxen herrsche Investitionsstau. Auch die Praxisinhaberinnen und -inhaber hätten bzgl. der eigenen Vergütung einen enormen Nachholbedarf. Sie seien schlechter gestellt als ein leitend angestellter Therapeut im Krankenhaus. Dies belege u. a. das WAT-Gutachten (PP 09/2020, Seite 4).
     

    Themenschwerpunkt Heilmittelversorgung in Ost und West

    Sowohl bei den Kosten für Heilmittel pro Versicherten als auch beim Anteil der Patienten, die eine Heilmittelbehandlung erhalten, liegen die neuen Bundesländer vor den alten. Dieser Unterschied zwischen Ost und West ist wiederholt durch zahlreiche Publikationen untersucht worden, wie z. B. durch den BARMER Heilmittelreport der Jahre 2018 (PP 03/2019, Seite 3) und 2019 (PP 01/2020, Seite 3) bzw. den WIdO-Report 2021 der AOK (PP 03/2021, Seite 3).

     

    Der BARMER Heilmittelreport 2021 betreibt Ursachenforschung. Durch die Vereinheitlichung der Heilmittelpreise infolge des TSVG sind seit 2020 regionale Preisunterschiede ausgeschlossen. Der BARMER Heilmittelreport 2021 nennt stattdessen folgende Unterschiede:

     

    • Mengenunterschiede: In den neuen Bundesländern gibt es durch alle Altersgruppen mehr Patienten, die eine Heilmittelbehandlung erhalten.

     

    • Strukturunterschiede: In den neuen Bundesländern erhalten die Patienten im Vergleich zum Bundesdurchschnitt mehr „teurere“ Heilmittel: Im Westen dominiert die Krankengymnastik, im Osten die teurere manuelle Therapie. Zusätzlich werden dort mehr Behandlungen mit Massage und Wärmetherapie verordnet.

     

    • Standardisierte Patientenquote in der Physiotherapie nach Leistungsarten und Region im Jahr 2019
    Therapie
    Anzahl Patienten mit Verordnungen je 1.000 Versichertenjahre

    Flächenland Ost

    Flächenland West

    Stadtstaat

    Bund

    Manuelle Therapie

    112,9

    33,1

    47,9

    60,8

    Krankengymnastik

    111,5

    142,0

    126,0

    129,4

    Wärme- und Kältetherapie

    73,7

    23,2

    56,0

    45,1

    Massagen

    23,1

    10,4

    9,8

    14,3

    Manuelle Lymphdrainage

    19,5

    19,8

    16,3

    19,0

    Elektrotherapie

    11,0

    1,8

    4,0

    5,1

    Traktionsbehandlung

    3,1

    1,7

    0,9

    2,0

     

    Quelle: BARMER Heilmittelreport 2021, Seite 28

    Weitere Ergebnisse des Heilmittelreports 2021

    Der BARMER Heilmittelreport 2021 bestätigt einige Fakten, die auch schon in den vorigen Jahren festgestellt wurden:

     

    • Die Physiotherapie macht den größten Kostenanteil an den Heilmittelausgaben aus (ca. 70 Prozent).

     

    • Bezogen auf die Arztgruppen stellen Orthopäden die meisten physiotherapeutischen Verordnungen aus. Dabei stellen die Orthopäden im Osten mehr Rezepte aus als ihre westdeutschen Kollegen.

     

    • I. d. R. steigt mit dem Lebensalter der Anteil der Versicherten mit Heilmittelbedarf. Erst ab einem Alter von 85 Jahren kehrt sich der Trend um. Zusätzlich zur Physiotherapie herrscht in der Altersgruppe bis 15 Jahren ein hoher Bedarf an logopädischen Leistungen, ab einem Alter von 60 Jahren wächst der Bedarf an podologischen Behandlungen.

     

    Quellen

    • BARMER Institut für Gesundheitsforschung (bifg; Hg.): Heilmittelreport 2021. Berlin November 2021; online unter iww.de/s5858
    • Barmer-Heilmittelreport 2021 liefert verzerrtes Bild. Mitteilung des IFK e. V. vom 21.12.2021, online unter iww.de/s5867
    Quelle: Ausgabe 02 / 2022 | Seite 10 | ID 47914639