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·Fachbeitrag ·Beruf und Familie

Physios in Deutschland: Physiotherapie ist ein Teilzeitberuf

von Alexandra Buba M. A., Wirtschaftsjournalistin, Fuchsmühl

| Über die Hälfte der Therapeuten in Deutschland erledigen ihren Job in Teilzeit. Das klingt nach perfekter Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch die Rahmenbedingungen für Teilzeitkräfte in der Branche sind wenig familienfreundlich und in der Praxis bedeutet Teilzeitarbeit oft ein sehr niedriges Einkommen und ein höheres Risiko für Armut im Alter. |

Überdurchschnittlich hohe Teilzeitquote bei Physios

Die Gesundheitspersonalrechnung des Statistischen Bundesamts zählt insgesamt 234.000 Physiotherapeuten in Deutschland. Eingerechnet werden sowohl Angestellte als auch Selbstständige in allen Beschäftigungsarten, also Voll-, Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigte. Davon sind 177.000 Frauen und 58.000 Männer. Von den Frauen arbeitet weit über die Hälfte (106.000) in Teilzeit, während bei den Männern klar die Vollzeit dominiert. Nichtsdestoweniger ist auch fast ein Drittel der Männer (19.000 von 58.000) in Teilzeit beschäftigt.

 

  • Gesundheitspersonal in Deutschland nach Alter, Geschlecht und Beschäftigungsverhältnis
Gesundheitspersonalrechnung Deutschland
Gesundheitspersonal (Zahlenangaben in Tausend)

Berufe im Gesundheitswesen Klassifikation der Berufe [KldB] 2010 der Bundesagentur für Arbeit (online unter https://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Grundlagen/Klassifikation-der-Berufe/KldB2010/KldB2010-Nav.html)

Beschäftigungsverhältnis

Vollzeit

Teilzeit- und geringfügig beschäftigt

Insgesamt

männl.

weibl.

insg.*

männl.

weibl.

insg.*

männl.

weibl.

insg.*

KldB-Ziffer

Anzahl 2016

8171

Berufe in der Physiotherapie

39

71

110

19

106

124

58

177

234

81712

Physiotherapie-Fachkraft

6

9

15

4

22

26

10

31

42

81713

Physiotherapie-Spezialist

33

61

94

14

83

97

47

144

190

81714

Physiotherapie-Experte

0

1

1

0

1

1

0

2

2

 

* Wegen Rundungsdifferenzen stimmt die angegebene Zahl nicht unbedingt mit der jeweiligen Summe der Spalten „männl.“ und „weibl.“ überein.

Quelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018

 

Insgesamt liegt die Teilzeitquote unter den Physios bei knapp 53 Prozent – und damit klar über dem bundesdeutschen Durchschnitt (28,6 Prozent, bezogen auf 37,04 Mio. Arbeitnehmer, branchenübergreifend, laut Mikrozensus 2016).

 

MERKE | Vergleichbar sind die beiden o. g. Teilzeitquoten nur eingeschränkt, da der Mikrozensus nur die Angestellten analysiert. Denn die Statistiker gehen davon aus, dass Selbstständige selten in Teilzeit arbeiten. Das gilt freilich möglicherweise nicht nur für einen Teil der Therapeuten, sondern auch für andere Branchen.

 

In Teilzeit mehr Arbeit gewünscht, in Vollzeit weniger

Dennoch lässt sich davon ausgehen, dass Teilzeitarbeit im Therapeutenberuf weit verbreitet ist. Das heißt gleichzeitig aber nicht unbedingt, dass sich dadurch Familie und Beruf so in Balance bringen ließen, wie sich das die Beschäftigten wünschen. Denn die hohe Teilzeitquote hat auch finanzielle Konsequenzen: Durch sie steigt das Risiko für Altersarmut, das Frauen generell stärker betrifft als Männer. Wer heute geringe Rentenbeiträge auf Basis seines Teilzeitsalärs einzahlt, bekommt später nur eine schmale Rente. Das ist doppelt problematisch, da die Gehälter in der Branche in etlichen Fällen bereits so knapp bemessen sind, dass der Aufbau einer privaten Altersvorsorge schwerfällt. Das gilt im Übrigen auch für die Selbstständigen.

 

So fand die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) in einer branchenübergreifenden Befragung heraus, dass Teilzeitbeschäftigte beiderlei Geschlechts und aller Altersgruppen gern mehr arbeiten würden – Männer etwas mehr als Frauen. Frauen, die etwa im Schnitt 20,7 Stunden pro Woche arbeiten und zwischen 15 und 29 Jahre alt sind, würden gern knapp 4 Stunden länger am Arbeitsplatz verbringen. Umgekehrt sieht es bei den Vollzeitbeschäftigten aus: Hier dominiert der Wunsch nach Verkürzung der Arbeitszeit – im Schnitt um 4 bis 5 Stunden. Das ist nachvollziehbar, denn der Durchschnitt der wöchentlichen Arbeitszeit der Vollzeitarbeitnehmer liegt in allen Altersgruppen bei teilweise deutlich über 40 Stunden.

 

  • Tatsächliche und gewünschte durchschnittliche Arbeitszeit in Stunden nach Alter (17.718 Befragte)
Alter
Teilzeit (10–34 Stunden)
Vollzeit (ab 35 Stunden)

Tatsächliche Wochenarbeitszeit

Gewünschte Veränderung

Tatsächliche Wochenarbeitszeit

Gewünschte Veränderung

Männer

15-29 Jahre

17,4

+4,2

44,1

-3,7

30-49 Jahre

24,5

+4,1

44,6

-4,7

50-65 Jahre

24,9

+3,0

43,8

-4,8

Frauen

15-29 Jahre

20,7

+3,9

43,2

-4,9

30-49 Jahre

23,4

+2,5

42,2

-5,7

50-65 Jahre

24,0

+1,4

41,4

-5,9

 

Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Arbeitszeitreport (2016)

Destatis: 4,7 Prozent der Physios sind in Elternzeit

Zurzeit gibt es 135.000 Physiotherapeuten im Alter zwischen 18 und 45 Jahren. Das ist die Altersgruppe, in der sich, statistisch gesehen, die meisten Arbeitnehmer in Elternzeit befinden. Auf Anfrage der PP-Redaktion hat das Statistische Bundesamt für die Berufsgruppe der Physiotherapeuten innerhalb dieser Altersgruppe eine Statistik angefertigt (Basis: Mikrozensus 2016). Diese Statistik zeigt, dass Elternzeit unter den Physiotherapeuten Frauensache ist: Männer werden aufgrund der geringen Fallzahl nicht erfasst.

 

  • Weitere Angaben zur Elternzeit (Quelle: Destatis, Stand: Juli 2018)
  • Unter den 18- bis 45-jährigen Physiotherapeuten gibt es 36.000 Männer (26,7 Prozent) und 99.000 Frauen (73,3 Prozent).
  • 4,7 Prozent von ihnen (Männer und Frauen) sind zurzeit in Elternzeit.
  • Bezieht man die Quote nur auf die Frauen, sind es 6,3 Prozent.
  • Ca. 7.000 Therapeuten sind alleinerziehend. Von ihnen ist nur eine statistisch nicht erfasste Anzahl in Elternzeit.
 

Familienunfreundliche Arbeitszeiten

Die o. g. Zahlen zeigen, wie weit gespreizt die Verteilung der Erwerbsarbeit im Therapeutenberuf ist – und wie selten dies mit den Bedürfnissen der Familien übereinstimmt. Arbeitsmarktexperten bringen nicht umsonst immer wieder ins Gespräch, dass eine 32-Stunden-Woche – also eine reduzierte Vollzeit – ein gangbares Modell für die Zukunft sein könnte, in dem sich beide Geschlechter mit ihren beruflichen und privaten Bedürfnissen wiederfinden könnten.

 

Derzeit ist davon aber noch wenig in der Praxis angekommen. Vielmehr kommt gerade bei den Gesundheitsberufen ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: Das Arbeitsaufkommen verträgt sich nicht unbedingt mit dem Tagesablauf einer Familie. Denn Patienten sind häufig selbst berufstätig und wollen just zu einer Zeit am Tagesrand bedient werden. Dann allerdings sind nicht nur Schulen und Kitas geschlossen, sondern insbesondere bei der Betreuung älterer Kinder und Jugendlicher fallen hier innerhalb der Familie die meisten Aufgaben an (z. B. Fahrdienste zum Sportverein).

Flexibilität der Arbeitgeber und im Team bleiben gefragt

Diese verschiedenen zeitlichen Anforderungen für Physiotherapeuten erschweren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zusätzlich und fordern ein hohes Maß an Flexibilität von den Beteiligten – weit über die Elternzeit hinaus. Denn nach der dreijährigen Elternzeit beginnt ja erst die kritische Phase der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wiedereinstiegsseminare bietet etwa PHYSIO DEUTSCHLAND seit einigen Jahren nicht mehr an. Insofern obliegt es den Therapeutinnen (i. d. R. sind es die Frauen!), in Eigenregie wieder den Anschluss zu finden. Das allerdings fällt nicht allzu schwer – zu groß ist bereits der Fachkräftemangel in der Branche.

 

Zurück am Arbeitsplatz geht es vor allem um Flexibilität, denn diese brauchen Eltern in besonderer Weise. Das betrifft nicht nur Unvorhergesehenes wie ein krankes Kind, das von der Schule abgeholt werden muss, sondern etwa auch die Urlaubsplanung, die sich an Ferienzeiten orientieren muss. Deshalb ist nicht nur eine Veränderung im Großen – eine Annäherung von Teilzeit und Vollzeit hin zur reduzierten Vollzeit – notwendig, sondern auch weiterhin die Solidarität der Praxisinhaber mit ihren Angestellten und im Team.

 

Weiterführender Hinweis

  • „Unterbringung und Betreuung von Kleinkindern: So können Sie Mitarbeiter effektiv unterstützen“ (PP 03/2017, Seite 13)
Quelle: Ausgabe 08 / 2018 | Seite 3 | ID 45386005