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30.06.2008 | Leserforum

Einbringung der Praxis in eine Gemeinschaftspraxis

Frage: Ich führe seit 1988 eine Praxis für Physiotherapie und denke nun, mit fast 56 Jahren, so langsam an den Ruhestand. Ich habe eine junge Kollegin gefunden, die bereit ist, mit mir eine Gemeinschaftspraxis zu gründen. Ich möchte ihr zum 1. Januar 2009 die Hälfte der Praxis verkaufen und in ca. drei bis fünf Jahren den Rest. Worauf muss ich achten? In diesem Zusammenhang hat mir mein Steuerberater mitgeteilt, dass ich zum 31. Dezember 2008 eine Einbringungsbilanz erstellen müsste und dann auch die Rezepte und Behandlungen zu versteuern wären, die zwar erbracht sind, für die ich aber weder vom Abrechnungsunternehmen noch von den Patienten das Geld erhalten habe. Kann ich die Versteuerung in 2008 irgendwie vermeiden? 

Gründung einer Gemeinschaftspraxis

Antwort: Zunächst ist es zu begrüßen, dass Sie rechtzeitig an Ihren Ruhestand denken und schon jetzt den Fortgang der Praxis planen. Wenn die Kollegin bereit ist, mit Ihnen eine Gemeinschaftspraxis (Gesellschaft des bürgerlichen Rechts, kurz: GbR) zu gründen, dann bedeutet das, dass Sie einen entsprechenden Gesellschaftsvertrag mit der Kollegin schließen sollten (lesen Sie ausführlich zum Thema „Gründung einer Gemeinschaftspraxis“ die Ausgaben 2 bis 4/2005 von „Praxisführung professionell“). In diesem Gesellschaftsvertrag sollten Regelungen enthalten sein über: 

 

Checkliste zum Gemeinschaftspraxisvertrag

  • Beginn / Errichtung / Zweck der Gemeinschaftspraxis
  • Bezeichnung der Gemeinschaftspraxis / Praxissitz
  • Beteiligungen / Vertragseintritte / Einlagen
  • Praxiszeiten / Personalangelegenheiten / Patientenkartei
  • Geschäftsführungs- und Vertretungsbefugnisse
  • Einnahmen / Ausgaben / Gewinnverteilung / Verlustbeteiligung
  • Jahresabschluss / Entnahmen / Rücklagen
  • Haftung / Berufshaftpflichtversicherung
  • Urlaub / Krankheit / Berufsunfähigkeit / Todesfall
  • Vertragsdauer, ggf. Kennenlernphase / Kündigung / Auflösung
  • Ausscheiden und Auseinandersetzung
  • Fortführung und Aufnahme weiterer Gesellschafter
  • Wettbewerbsverbot / Konkurrenzschutzklausel

Die Besonderheit besteht in Ihrem Fall nun darin, dass Sie sich – anders als im Fall des Zusammenschlusses von Physiotherapeuten, die bisher beide keine Praxis geführt haben – Klarheit darüber verschaffen müssen, welchen Wert Ihre Praxis hat. Denn Sie bringen Ihre Praxis mit in die GbR ein, die Kollegin hingegen nichts. Um mit gleichen Anteilen an der GbR beteiligt zu sein, muss die Kollegin eine Ausgleichszahlung leisten – entweder direkt an Sie oder an die Gesellschaft. Nur so kann die Kollegin eine entsprechende Finanzierung und ihre finanziellen Belastungen planen. Wie Sie den Wert Ihrer Praxis ermitteln können, lesen Sie in den Ausgaben 9 bis 11/2006 von „Praxisführung professionell”. 

 

Da es sich juristisch betrachtet um einen Wechsel des Rechtsträgers handelt, müssen Sie auch prüfen, ob Ihre Praxis den zurzeit geltenden Zulassungsbedingungen entspricht. Die aktuellen Zulassungsbedingungen finden Sie im Online-Service „myIWW“ in der Rubrik „Gesetze, Richtlinien und Entwürfe“. 

 

Es kann im Übrigen ratsam sein, die Kollegin für eine bestimmte Zeit befristet anzustellen, um sie kennenzulernen und so in der praktischen Erfahrung zu erproben, wie man zusammenpasst. Es ist auch möglich, im Gemeinschaftspraxisvertrag Sonderregelungen für eine Kennenlernphase vorzusehen. Eine solche Kennenlernphase sollte aber die Dauer von drei Jahren nicht übersteigen (lesen Sie hierzu „Praxisführung professionell”, Ausgabe 2/2008). 

Steuerliche Folgen

Die Aussage Ihres Steuerberaters in Bezug auf die Einbringungsbilanz ist richtig. Denn wenn Sie Ihren Gewinn durch Einnahmen-Überschussrechnung ermitteln und die Praxis zum 1. Januar 2009 in die Gemeinschaftspraxis einbringen wollen, muss eine sogenannte Einbringungsbilanz erstellt werden. Tatsächlich muss eine Bilanz erstellt werden, bei der auch offene Honorarforderungen zu erfassen und damit zu versteuern sind. Dies gilt für die Behandlungsleistungen bei Kassen- wie auch Privatpatienten und unabhängig davon, ob die Rechnungen gezahlt wurden oder nicht. 

 

Es gibt allerdings eine Möglichkeit, die Sofortversteuerung zu vermeiden: Nach einem Urteil des Bundesfinanzhofes vom 14. November 2007 lassen sich betriebliche Forderungen von der Einbringung ausnehmen (Az: XI R 32/06, Abruf-Nr: 080690). Das bedeutet, dass der Gemeinschaftspraxisvertrag eine Regelung enthalten muss, in der festgehalten wird, dass die offenen Behandlungsforderungen nicht mit in die Gemeinschaftspraxis eingebracht werden. Sie gehören weiterhin zu dem Ihnen zuzuordnenden „Restbetriebsvermögen“ und gehen auch nicht in Ihr Privatvermögen über. Ist das der Fall, tritt keine sogenannte „Gewinnrealisierung“ zum Einbringungszeitpunkt ein. Die Versteuerung erfolgt vielmehr in dem Moment, indem Ihnen die Forderungen auch tatsächlich zufließen bzw. gutgeschrieben werden. Also zu dem Zeitpunkt, zu dem Sie den Scheck vom Abrechnungsunternehmen erhalten (für Dezember also beispielsweise im Januar 2009), oder zu dem die Privatpatienten tatsächlich bezahlen. 

 

Quelle: Ausgabe 07 / 2008 | Seite 5 | ID 120113