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·Fachbeitrag ·Marktentwicklung

Aktuelle Daten des Verordnungsmarktes 2012: Was gilt es für die Apotheke zu beachten?

von Apotheker und Unternehmensberater Dr. Reinhard Herzog, Tübingen

| Die diesjährige Berichtssaison zum Arzneimittel- und Gesundheitsmarkt umfasst bislang den BARMER GEK Arztreport 2012, den ABDA-Zahlenbericht sowie den jüngst vorgestellten Arzneimittelreport der BARMER GEK und den Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse. Die strukturellen Daten zeigen, wie sich der Markt verändert hat und welche Schwerpunktthemen hervorstechen. |

Allgemeiner Überblick

Die BARMER GEK stellt mit gut 9,1 Mio. Versicherten (5,3 Mio. weiblich, 3,8 Mio. männlich) die größte Einzelkrankenkasse dar. Das Durchschnittsalter liegt bei 44,9 Jahren - und damit etwa ein Jahr höher als im GKV-Durchschnitt.

 

Die BARMER GEK verwaltete in 2011 einen Haushalt von etwa 25 Mrd. Euro. Darunter befanden sich 23,1 Mrd. Euro Erträge, wovon das meiste (22,8 Mrd. Euro) aus dem Gesundheitsfonds beigesteuert wurde. Diese Erträge verteilten sich in Höhe von 21,5 Mrd. Euro auf die Leistungsausgaben auf der einen und knapp 1,2 Mrd. Euro für die Verwaltung auf der anderen Seite. Sie führten zu einem positiven Ergebnis (Überschuss) von 340 Mio. Euro. Die wichtigsten Kennzahlen der Arzneimittelausgaben der BARMER GEK zeigt die Tabelle.

 

  • Tabelle: Arzneimittelumsätze der BARMER GEK in 2010/2011
2011
20101)
+/- zu 2010

Arzneimittelausgaben brutto pro Person - Männer

411 Euro

411 Euro

+/- 0 %

Arzneimittelausgaben brutto pro Person - Frauen

449 Euro

450 Euro

- 0,2 %

Verordnete Packungen pro Person - Männer

7,63

7,90

- 3,4 %

Verordnete Packungen pro Person - Frauen

9,37

9,53

- 1,7 %

Verordnete Tagesdosen (DDD) pro Person - Männer

486

468

+ 3,8 %

Verordnete Tagesdosen (DDD) pro Person - Frauen

540

521

+ 3,6%

Gesamtzahl Packungen BARMER GEK

78,4 Mio.

80,3 Mio.

- 2,4 %1)

Ausgaben BARMER GEK brutto für Fertigarzneimittel vor Rabatten und Zuzahlungen

3,93 Mrd. Euro

3,93 Mrd. Euro

+/- 0 %

Durchschnittlicher Packungswert brutto auf Kassenebene

50,20 Euro

49,00 Euro

+ 2,4 %

Durchschnittlicher Packungswert, Apothekenverkaufspreis netto ca. 2)

40,50 Euro

39,50 Euro

+ 2,5 %

1) Originalwerte aus dem Arzneimittelreport 2011; der aktuelle Report weist für 2010 etwas andere Daten aus.

2) Aufgrund der den Kassen gewährten verschiedenen Rabatte nur Näherungswerte.

 

Tatsächlich wurden 4,12 Mrd. Euro brutto für Arzneimittel und Impfungen aufgewendet, davon 396 Mio. Euro für Rezepturen und spezielle Einzelimporte. Bei den Rezepturen fällt der neue Posten „Diamorphingestützte Behandlung“ auf. Dabei handelt es sich um die Substitution mit Heroin, die seit 2010 unter engen Voraussetzungen gesetzlich etabliert wurde. Mit 164 Mio. Euro für 71.500 Diamorphinpackungen allein bei der BARMER GEK bedeutete das Kosten, die denen sämtlicher anderer Rezepturen inklusive teurer Onkologika in Höhe von 222 Mio. Euro schon recht nahe kamen. Ein Packungswert von rund 2.300 Euro (die analoge Methadonmenge kostet rund 8 Euro) stellt selbst Schwarzmarktpreise in den Schatten.

 

Arztbesuche 2010

91 Prozent der Bevölkerung haben in 2010 mindestens einmal einen Arzt (ohne Zahnärzte!) aufgesucht. Darunter befanden sich 95 Prozent der Frauen und 87 Prozent der Männer. Nur 9 Prozent gingen nie zum Arzt. Je Person wurden durchschnittlich etwa 8,0 Behandlungsfälle („Krankenscheine“) abgerechnet. Diese steigern sich in der Spitze auf 13 bis 14 bei den Älteren jenseits der siebzig Lebensjahre. Das Minimum liegt bei immerhin noch fast 4 Behandlungsfällen pro Jahr bei den jungen Männern Mitte zwanzig. Die Zahl der tatsächlichen Kontakte liegt inzwischen - nach der Umstellung der Abrechnungssystematik seit 2008 e- stabil bei etwa 3,5, also rund 14 Arztkontakten im ganzen Jahr. Ärztliche Leistungen wurden für die Älteren ab 70 Lebensjahren im Schnitt an etwa 25 bis 30 Tagen abgerechnet. Sie waren also mindestens zwei- bis dreimal pro Monat beim Arzt. Selbst bei den jungen Männern finden sich im Schnitt rund 6 Tage mit ärztlicher Leistungsabrechnung.

 

Etwa 80 Prozent der Versicherten suchten im Laufe des Jahres maximal vier verschiedene Praxen zur Behandlung auf, nur 20 Prozent konsultierten hingegen noch mehr Ärzte. Eine klare Minderheit von knapp 5 Prozent besuchte sieben und mehr verschiedene Praxen.

 

Hinweis | Mit allen Daten liegt Deutschland im internationalen Vergleich weit oben. Die Deutschen sind vergleichsweise „fleißige“ Arztgänger.

 

GKV-Verordnungen 2011

2011 haben rund 77 Prozent der BARMER GEK-Versicherten mindestens ein Arzneimittel verordnet bekommen - Frauen mit knapp 82 Prozent signifikant mehr als Männer mit rund 71 Prozent, wobei sich die Kosten allerdings zunehmend annähern. Frauen erhalten rund fünfmal mehr Migränemittel, dreimal mehr Schilddrüsenmittel, zwei- bis dreimal mehr Antidepressiva und Neuroleptika und auch mehr Schlafmittel. Männer liegen vorne bei den Lipidsenkern, Thrombozytenaggregationshemmern und Insulinen (jeweils circa 1,8 mal mehr), sonstigen Antidiabetika (Faktor 1,5) sowie bei verschiedenen Herz-Kreislaufmitteln. Ab 70 Lebensjahren steigt die Quote der Verordnungen auf über 90 Prozent. Aber auch 87 Prozent der Kinder unter 10 Jahren haben mindestens eine Verordnung erhalten. Nicht erfasst sind hier die Privatverordnungen, die stets noch oben auf kommen.

 

Rezepte 2011

Knapp 9 verordneten Packungen je Person und Jahr stehen statistisch gut 6 Rezepte entgegen (1,3 bis 1,4 Rx-Packungen je Rezept plus statistisch etwa 0,15 Non-Rx-Arzneimittel plus 0,02 bis 0,03 klassische Rezepturen ohne Spezialanfertigungen). Der Durchschnitts-Versicherte erhält also etwa alle zwei Monate ein Rezept. Tatsächlich führt nur jeder zweite bis jeder dritte Arztkontakt tatsächlich zu einem GKV-Rezept, ohne Privatrezepte und „Grüne Rezepte“. Hingegen ist fast jeder Behandlungsfall rechnerisch mit etwa einem Rezept verbunden. In dieses Bild fügt sich die für die Apotheken nicht unwichtige Tatsache ein, dass 43 Prozent der Patienten mit Rezepten in 2011 diese nur aus einer Praxis bezogen haben.

Präparate- und Packungsverteilung 2011

Nach Verordnungswert stehen mit den Präparaten Humira, Enbrel, Copaxone, Rebif und Seroquel die gleichen Präparate auf dem Siegertreppchen wie letztes Jahr. Alle diese Produkte verzeichneten wiederum deutliche, allerdings sich etwas abschwächende Zuwachsraten. Auf den deutschen Gesamtverordnungsmarkt hochgerechnet erwirtschaften diese Präparate auf Ebene der Industriepreise in der Spitze 415 Mio. Euro Umsatz mit Humira, 307 Mio. Euro mit Enbrel und um 200 bis 250 Mio. Euro mit den restlichen Top-5-Präparaten. Allein diese nach Umsatz führenden 20 „Blockbuster-Präparate“ stehen bereits für beachtliche 14,1 Prozent des gesamten deutschen Pharmamarktes zu Herstellerpreisen.

 

Ganz anders sieht die Reihenfolge nach Packungszahlen aus: MetoHEXAL ist weiterhin der BARMER GEK-Spitzenreiter (rund 1.052.000 Verordnungen, statistisch je Apotheke immerhin 50 Packungen pro Jahr). Es folgen mit 1.019.000 Verordnungen L-Thyroxin Henning, Novaminsulfon ratiopharm (822.000 Verordnungen), Euthyrox (671.000 Verordnungen) und L-Thyrox HEXAL (594.000 Verordnungen). Der Einfluss der Rabattverträge ist hier unverkennbar.

 

Die Packungsgrößenverteilung verschiebt sich immer noch in Richtung größerer Packungen: In 2011 entfallen bei der BARMER GEK 52,2 Prozent auf N3-Packungen, rund 25 Prozent auf N2-Packungen und knapp 23 Prozent auf die N1-Größe. Auch hier dürften die Rabattverträge - vorrangig Großpackungen - eine große Rolle spielen. Im Gesamt-GKV-Markt, basierend auf den Zahlen des Arzneiverordnungsreports 2011 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), lauteten die Werte in 2010 auf 51,1 Prozent N3, 25,5 Prozent N2 und 23,3 Prozent N1. Schreibt man diesen Trend fort, kommt man zu guten Übereinstimmungen mit den Daten der BARMER GEK, auch wenn es Inkonsistenzen im Hinblick auf die letztjährig publizierten Daten zu geben scheint.

Arzneimittelverbrauch 2011

Die Steilheit der Verbrauchskurven nimmt weiterhin zu. Hohe Ausgaben konzentrieren sich zunehmend auf wenige Personen - ein Tribut an die High-Tech-Medizin. Die Kernfrage dahinter lautet: Welcher Anteil der Patienten steht für welche Kosten? Antwort: Bei den Arzneimitteln verursachen 0,10 Prozent der BARMER-GEK-Versicherten bereits 10 Prozent der Kosten, 0,75 Prozent stehen für 30 Prozent Kostenanteil und 3,4 Prozent absorbieren die Hälfte.

 

Was aber bedeuten diese Zahlen nun für die Umsätze in den Apotheken? Mit wie vielen Patienten werden statistisch welche Umsätze getätigt? Das in der folgenden Tabelle dargestellte Ergebnis dürfte erstaunen.

 

  • Netto-Umsätze nach Patienten

Zahl der Patienten

... bringen etwa diesen Netto-Umsatz

Netto-Umsatz pro Patient ca.

4

130.000 Euro

32.500 Euro

11

240.000 Euro

22.000 Euro

25

345.000 Euro

14.000 Euro

56

460.000 Euro

8.200 Euro

110

575.000 Euro

5.200 Euro

2.535

1.150.000 Euro

453 Euro

 

Hinweis | Hier sind nur die GKV-Versicherten betrachtet - durch privat und anderweitig Nicht-GKV-Versicherte erhöhen sich die Umsätze und Patientenzahlen statistisch um im Schnitt etwa 15 bis 20 Prozent. Außerdem fehlen die Nicht-Arzneimittel sowie Sonderumsätze wie zum Beispiel Sprechstundenbedarf. Zudem unterscheidet sich die Steilheit dieser Profile je nach Apothekentyp deutlich: In Lauflagen verteilt sich der Umsatz gleichmäßiger, während er sich in Fachärztehäusern noch stärker akzentuieren kann.

 

MERKE | Bereits mit einem Dutzend Personen bestreitet die Durchschnittsapotheke deutlich mehr als 10 Prozent ihres Gesamtumsatzes und rund 20 Prozent ihres GKV-Umsatzes. Gut 100 Menschen stehen für die Hälfte der GKV-Einnahmen. Mit etwa 2.500 Personen macht die Durchschnittsapotheke ihren gesamten GKV-Umsatz - schließlich bekommen „nur“ etwa 3 von 4 Versicherten ein Arzneimittel verordnet.

Analyse nach Altersprofil 2011

Bekannt ist der Zusammenhang zwischen Lebensalter und Arzneimittelverbrauch - er steigt überproportional an. Hier ist die Frage interessant, mit welcher Altersklasse welche Umsätze in der Apotheke getätigt werden. Dabei ist der Nettoumsatz für die Apotheke mit bereits herausgerechneter Umsatzsteuer sowie einem pauschalen Kassenrabatt-Abschlag ausgewiesen:

 

Pro Kopf steigt der GKV-Umsatz von etwa 100 Euro bei Kindern über rund 200 Euro bei jungen Erwachsenen bis 25 Jahre und 400 Euro bis 500 Euro bei Erwachsenen von 35 bis 55 Jahren auf Spitzenwerte von rund 800 Euro bis knapp 900 Euro bei älteren Erwachsenen von 75 bis 85 Jahren. Bei den Höchstbetagten nehmen die Verordnungswerte interessanterweise wieder deutlich ab. Über 100-Jährige verbrauchen kaum mehr als ihre halb so alten Pendants. Indes ist die absolute Anzahl der Personen „100 plus“ überschaubar, wenn auch stetig zunehmend. Dies sind in der BARMER GEK 2.364 Personen - davon nur 305 Männer.

 

Inzwischen sind die hochbetagten Männer etwas teurer als die Frauen und benötigen auch etwas mehr Tagesdosen. Die Präparate verbilligen sich mit zunehmendem Alter statistisch wieder auf das Niveau der Kinder: von in der Spitze etwa 1,80 Euro je Tagesdosis DDD bei männlichen, jüngeren Erwachsenen auf rund 40 bis 55 Cent (jeweils wieder Apotheken-Nettowerte). Tendenziell werden die einzelnen Tagesdosen dabei insgesamt eher billiger - insbesondere im Alter. Das illustriert die seit Jahren zu beobachtende Spaltung des Pharmamarktes in preissensible Massenprodukte einerseits und extrem teure Spezialtherapien auf der anderen Seite (neuestes Beispiel: Heroin-Substitution). Für die Zielgruppenorientierung der Apotheke ist allerdings viel interessanter, mit welchen Altersklassen welcher Umsatz generiert wird.

 

Grafik: Jährlicher Netto-GKV-Umsatz der Apotheken in den einzelnen Altersklassen

 

Die etwa 55- bis 80-jährigen Frauen bringen die höchsten Umsätze - jährlich insgesamt rund 350.000 Euro. Die Männer, insbesondere die höher Betagten, fallen demgegenüber mit rund 235.000 Euro sichtbar ab. Das liegt unter anderem daran, dass sich ihr „Bestand“ schneller lichtet. Pro Kopf sieht es dagegen anders aus. Der einzelne Mann ist mindestens genauso umsatzstark. Bei den über 80-Jährigen verschiebt sich das Verhältnis noch mehr zugunsten der Frauen. Fast 100.000 Euro Umsatz mit den „Ü80-Frauen“ stehen knapp 50.000 Euro bei den gleichaltrigen Männern gegenüber.

 

Die Umsätze insbesondere mit den Jüngeren („U30“) kann man dagegen fast schon vernachlässigen. Die Summe aller Altersklassen unter 30 beträgt rund 105.000 Euro, die sich fast gleich zwischen Frauen und Männern aufteilen. Die Fixierung auf die Zielgruppe der Jüngeren will also wohl überlegt sein - wobei weiterhin ein ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle zu beachten ist.

 

FAZIT | Masse versus Klasse, so könnte man den Markt auf einen Nenner bringen. Immer größere Umsatzanteile werden durch Spezialtherapien absorbiert, die sich in zunehmendem Maße in speziellen Ärztehäusern konzentrieren. Andererseits sehen wir einen Pharma-Massenmarkt, wo vor allem der Preis zählt. Die Apotheken spüren die Spaltung des Marktes zunehmend, gehen doch immer größere Marktsegmente an der „typischen“ Apotheke vorbei. Es wird nicht einfacher, sich in diesen Spannungsfeldern zu positionieren.

 
Quelle: Ausgabe 08 / 2012 | Seite 3 | ID 34614130