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  • · Fachbeitrag · Interview

    „Es ist für Apotheken wichtig, technisch immer mit der Zeit zu gehen“

    Mit 74 Jahren steht die Apothekerin und Pharmazierätin a. D. Ursula Porten-Bergmann immer noch mit Begeisterung hinter dem HV-Tisch der Kreuzberg-Apotheke in Cochem an der Mosel. AH-Autorin und Apothekerin Anja Hapka hat mit ihr darüber gesprochen, wie wichtig es ist, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch technisch immer auf dem neuesten Stand zu sein, und wie schwierig es für Apotheker ist, mit Ärzten ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen.

     

    Frage: Frau Porten-Bergmann, Sie können bereits jetzt auf ein bewegtes Leben als Pharmazeutin zurückblicken. Lassen Sie uns an den wichtigsten Stationen teilhaben?

     

    Antwort: Ich habe in Mainz noch nach der alten Studienordnung mit zwei Jahren Vorexamen studiert. Für mich stand schon sehr früh fest, dass ich mich gerne selbstständig machen wollte, obwohl es andere interessante Angebote von Professoren für mich gab. Im Nachhinein betrachtet, war das vielleicht ein Fehler (lacht). Ich habe dann erst einmal ein Jahr lang als angestellte Apothekerin in einer öffentlichen Apotheke gearbeitet, bevor ich dann ein unter Denkmal stehendes Fachwerkhaus gekauft habe und darin die erste Apotheke in Ediger-Eller eröffnet habe. Es gab zwar nur einen Arzt und einen Heilpraktiker in Ediger-Eller, aber das einzige Lebensmittelgeschäft der gesamten Gegend war nebenan, von daher lief das alles recht gut.

     

    Frage: Wie sind Sie dann zur Kreuzberg-Apotheke in Cochem gekommen?

     

    Antwort: Das Lebensmittelgeschäft hat leider irgendwann geschlossen, weil der Besitzer in Rente gegangen ist. Also habe ich im Alter von 66 Jahren in der Nähe des Cochemer Krankenhauses eine neue Apotheke gebaut. Das hat ein halbes Jahr gedauert, im Oktober 2017 habe ich dort eröffnet. Schon bald kam Corona, daher habe ich damals direkt neben dem Apothekengebäude einen „CUBEfx“ platziert, um darin die Impfungen für die Ärzte vorzubereiten. Das hat sich im Nachhinein jedoch als unnötig herausgestellt, da die Ärzte das schließlich selbst gemacht haben.

     

    Frage: Der Cube blieb aber doch bestimmt nicht ungenutzt, oder?

     

    Antwort: Natürlich nicht! Einmal pro Jahr führen wir dort eine Venenanalyse durch. Noch vor Kurzem fand darin die Louis Widmer-Hautanalyse statt. Dort bieten wir auch unsere pDL an, also die pharmazeutischen Dienstleistungen zur Blutdruckmessung, zur Inhalation und zur Polymedikation. Wir beteiligen uns mit Aktionen an allen für die Apotheke wichtigen Gesundheitstagen: Deutscher Venentag, Welt-Asthma-Tag, Tag der gesunden Ernährung, Weltherztag und Weltdiabetestag. Und diese Aktionen finden im CUBEfx statt.

     

    Frage: Aufgrund von Personalmangel mussten Sie Ihre Öffnungszeiten einschränken. Um zu vermeiden, dass Ihre Kunden darunter leiden, haben Sie dies durch den Einsatz passender Technik kompensiert. Wie genau sieht diese aus?

     

    Antwort: Da sind wir wieder bei unserem Cube. Dort stehen ein 24/7-Abholautomat und neu seit letztem Jahr auch ein BetterAPO-Bestellterminal. Der Kunde erhält von uns immer eine SMS mit einer PIN, sobald wir sein Medikament in den Abholautomaten eingelagert haben. Mithilfe des Bestellterminals kann der Kunde alles einfach erledigen. Er kann dort seine Karte einlesen und auswählen, ob er seine Bestellung in der Apotheke, am Abholautomaten oder durch unseren Botendienst bekommen möchte. Alternativ kann er auch unsere Bestellapp benutzen. Was Jauch kann, können wir schon lange – natürlich auch mit Chat.

     

    Man bekommt bei einer Arzneimittelbestellung an dem BetterAPO auch immer eine kurze Anweisung, wie das Medikament eingenommen werden muss. Wenn der Patient noch weitere Fragen hat, drückt er einfach auf einen Knopf, dann erscheine ich auf dem Bildschirm und berate ihn ausführlich. Die Bezahlung ist übrigens auch per PayPal möglich, das ist einfach die Zukunft.

     

    Frage: Sie waren 20 Jahre lang als Pharmazierätin in Rheinland-Pfalz tätig. Sie haben aufgehört, da Sie die negative Einstellung der Behörde zu dieser Art unterstützender Technik nicht teilten. Können Sie uns das näher erläutern?

     

    Antwort: Im Jahr 2009 kam der erste Kommissionierer an die Mosel in Ediger, ein Visavia war bestellt. Der Kunde hätte am Visavia eine Klingel betätigen können. Als Apothekerin hätte ich via Bildschirm das Beratungsgespräch mit dem Kunden führen, Medikamente auslagern und Rezepte beliefern können. Doch es kam nicht zur Installation. Ich hatte alles vorbereitet, der Visavia musste nur noch aufgestellt werden. Bei einem Besuch in der IDA (Innovations-Akademie Deutscher Apotheken) in Köln, wo der Visavia am Eingang stand, erfuhr ich, dass zur Eröffnung der IDA alle Kammerpräsidenten Deutschlands eingeladen waren, aber keiner kam – wegen Visavia. Daraufhin beendete ich im Jahr 2010 meine Tätigkeit als Pharmazierätin.

     

    Es ist doch für Apotheken so wichtig, technisch immer mit der Zeit zu gehen. Das versteht aber leider nicht jeder. Ich verblistere z. B. in meiner Apotheke auch – nicht für ein Krankenhaus, sondern einfach für einige meiner Patienten. Dafür habe ich eigens einen Blisterraum und nutze den fill2light der Firma Omnicell. Ich kann die Patientendaten eingeben, die Verpackungen abscannen und es werden die Kammern beleuchtet, die befüllt werden müssen. Der Rest läuft quasi automatisch, inklusive Fotodokumentation. Bei der Revision wurde ich gefragt, ob sich das denn überhaupt rentiert. Nein, natürlich nicht. Aber es wird vernünftig dokumentiert und es ist ordentliches Arbeiten.

     

    Frage: Sie empfinden es im Apothekenalltag als sehr störend, dass man nur selten mit Ärzten auf Augenhöhe über die pDL Polymedikation sprechen kann. Haben Sie vielleicht entsprechende Tipps für die Apothekerschaft?

     

    Antwort: Das ist ein sehr schwieriges Thema. Als Apotheken sind wir die niedrigschwelligste Anlaufstelle für Patienten und bekommen sehr viel mit:

     

    • Viele Patienten nehmen völlig unnötig Pantoprazol 40 mg ein, obwohl dies zu einem Vitamin-B12-Mangel und anderen Problemen führen kann.
    • Bei vielen Krankenhausentlassungen werden zu viele Entwässerungsmittel gleichzeitig verordnet.
    • Bei Schmerzmedikationen sollte immer nur die tatsächlich notwendige Menge eingenommen werden.
    • 78 Prozent der Asthmatiker landen im Krankenhaus, weil sie ihr Device falsch anwenden.
    • Viele Patienten sind nicht in der Lage, ihren Blutdruck korrekt zu messen.

     

    Daher ist es ja so schade, dass die meisten Ärzte nicht auf Augenhöhe mit uns kommunizieren, obwohl wir eine entsprechende Qualifikation besitzen. Ich habe nur einen Tipp, wie man fachlich immer besser wird:

     

    Meine angestellte Apothekerin und ich haben gerade wieder die Polymedikationsanalysen vom ZL bestanden. Wir nutzen zum Üben sehr gerne die pDL-Akademie von pharma4u. Dort gibt es mehr als 100 solcher Trainingsfälle. Diese werden u. a. von Stefan Göbel (Apotheker und Inhaber der Brücken-Apotheke in Heringen) in Zusammenarbeit mit einer niedergelassenen Ärztin präsentiert.

     

    Frage: Gibt es nicht auch positive Ausnahmen bei den Ärzten?

     

    Antwort: Ich bin seit 35 Jahren mit einem Allgemeinmediziner mit diversen Mehrfachausbildungen verheiratet, natürlich sprechen wir beide auf Augenhöhe miteinander (lacht). Mein Mann ist schon in Rente, er hat seine Praxis inzwischen verkauft. Er macht aber immer noch Notdienste im Cochemer Krankenhaus, dort läuft die Zusammenarbeit reibungslos.

     

    Mit einem einzigen anderen Arzt hatte ich auch schon eine produktive Zusammenarbeit bei einem Polymedikationsfall. Leider ist dieser Arzt weiter entfernt, sodass das nicht geregelt wieder vorkommen wird. Mir ist aufgefallen, dass er noch sehr jung war. Vielleicht haben wir bei den jüngeren Medizinern bessere Chancen für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

     

    Frage: Sie sind im Juni 2025 dem „Marktplatz der Gesundheit“ (MdG) beigetreten. Worum handelt es sich dabei?

     

    Antwort: Wir sind als Safe Space Apotheke eine Anlaufstelle für die Jugend in unserer Region. Wir helfen bei Problemen mit der psychischen Gesundheit oder bei Drogenproblemen. Wir hören zu, reden mit den Betroffenen und bieten Unterstützung an. Bei Bedarf vermitteln wir an die zuständigen Behörden. Das ist ein sehr schönes und wichtiges Projekt.

     

    Weiterführender Hinweis

    • Lesen Sie zum Thema „Safe Space Apotheke“ auch das Interview „Apotheken müssen lernen, dass sie sich in der Prävention Marktanteile sichern können“ in AH 06/2026
    Quelle: Ausgabe 05 / 2026 | Seite 12 | ID 50667673