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  • · Fachbeitrag · Interview

    „Apotheken müssen lernen, dass sie sich in der Prävention Marktanteile sichern können“

    Safe Space Apotheken richten sich mit einem niedrigschwelligen Präventionsangebot gezielt an die Generation Z. Sie weisen Hilfe suchenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen den Weg zu klassischen Beratungsangeboten und zur Peer-to-Peer-Beratung. Gerrit Nattler, Apotheker und Betreiber von vier Safe Space Apotheken in Gelsenkirchen und Dorsten, hat Ursula Katthöfer ( textwiese.com ) das Konzept erläutert.

     

    Frage: Was zeichnet eine Safe Space Apotheke aus?

     

    Antwort: Sie bietet einen Ort, den insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene aufsuchen können, wenn sie mit Herausforderungen konfrontiert sind und Hilfe suchen. Typische Probleme sind Schlafstörungen, schlechte Noten, der Übergang von der Schule in den Beruf, Angst vor einem Elternteil, Klimaangst, eine beginnende Depression oder Cannabis-Konsum, wenn auf einer Party alle kiffen und jemand unter dem Druck der Gruppe mitmacht, obwohl er oder sie es eigentlich nicht möchte. Die Probleme sind vielfältig. Was alle Hilfesuchenden eint, ist die Suche nach einem sicheren Ort, an dem sie offen und anonym über Herausforderungen reden können, die sie in ihrem Umfeld nicht ansprechen wollen.

     

    Frage: Wie kann die Apotheke in solchen Fällen helfen?

     

    Antwort: Wir haben eine Lotsenfunktion, um schnell den Weg ins Hilfesystem zu weisen. Oft entwickeln sich schwere Probleme über einen längeren Zeitraum. Wenn wir sie frühzeitig ansprechen, können Jugendliche selbst einen Zugang finden, um sie zu lösen. Deshalb weisen wir einerseits auf das klassische Hilfesystem mit Beratungsstellen, Schulpsychologen und Jugendämtern hin und andererseits auf Gleichaltrige, mit denen die Jugendlichen nach dem Peer-Ansatz ins Gespräch kommen können. Denn wenn man sich in der eigenen Gruppe unter Druck fühlt, braucht es kein Gespräch mit einem Psychologen. Dann kann es schon sehr helfen, wenn jemand im gleichen Alter sagt „Ja, das ist mir auch schon passiert.“ und einen Lösungsansatz bietet.

     

    Frage: Wie finden Sie als Apotheker Jugendliche, die beraten?

     

    Antwort: Der deutschlandweite Verein OurGenerationZ e. V. (OGZ) berät Jugendliche unabhängig von ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung. Der Verein gründete zunächst einen Instagram-Account, über den sich Hilfe suchende Jugendliche melden konnten. Im Hintergrund dieser Peer-to-Peer-Beratung waren stets Profis aus Ärzteschaft und Kripo sowie die Hochschulambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie der Freien Universität Berlin. Doch manchmal reicht eine digitale Antwort nicht aus. Dann ist es Zeit für persönlichen Kontakt. Dafür hat die OGZ die Apotheken ausgesucht.

     

    Frage: Warum Apotheken?

     

    Antwort: Es gab bei einem Workshop der OGZ mit Jugendlichen mehrere potenzielle Anlaufstellen und ein Ausschlussverfahren, bei dem die Apotheken sich herauskristallisierten. In einer Arztpraxis müssen Jugendliche ihren Namen sowie die Daten ihrer Versichertenkarte hinterlassen und ihre Eltern müssen informiert werden. Das Jugendamt vermittelt ein Behördengefühl. Vertrauenslehrer könnte man im Unterricht haben, sodass Jugendliche fürchten, dass ihre Eltern beim Elternsprechtag von ihren Problemen erfahren. Apotheken aber sind niedrigschwellig, beraten anonym, haben eine Schweigepflicht und sind barrierefrei.

     

    Frage: Wo ist der Return on Investment?

     

    Antwort: Unser Ziel ist es, dass unsere Lotsenfunktion Teil der Regelversorgung wird, weil Politik und Krankenkassen verstehen, dass dieser Präventionsansatz mittel- und langfristig Geld spart. Obwohl Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten im Sozialgesetzbuch V, § 20a, festgeschrieben sind, geben wir in Deutschland nur drei Prozent der Gesundheitskosten für Prävention aus. Da müssen wir dringend nachbessern. Diese Gelder sind in der Apotheke vor Ort bestens angelegt. Apotheken müssen lernen, dass sie sich in der Prävention Marktanteile sichern können. Noch gibt es für Safe Space Apotheken keine einheitliche Finanzierung, doch werden Gesundheitsdienstleister am Markt schnell wachsen. In Gelsenkirchen haben wir die Ausschreibung für eine offizielle Beratungsstelle gewonnen, dort erhalten wir Geld von der Stadt. In Dorsten unterstützt uns eine Unternehmergruppe mit Spenden.

     

    Frage: Erschließen Sie sich mit den jungen Menschen auch eine zusätzliche Kundengruppe?

     

    Antwort: Wenn der Hilfesuchende ein Antibiotikum vom Zahnarzt braucht, ist das ein guter Synergieeffekt, doch dürfen wir nicht darauf bauen. Zusatzverkäufe machen die Lotsenfunktion unglaubwürdig. Ich möchte allein mit dem Dienstleistungsangebot Geld verdienen. Deshalb brauchen wir eine Finanzierungsform, bei der es egal ist, ob jemand Kunde wird.

     

    Frage: Was müssen Apotheken investieren, die ebenfalls zur Safe Space Apotheke werden möchten?

     

    Antwort: Sie müssen Mitglied im Netzwerk „Marktplatz der Gesundheit“ sein, da diese Apotheken mit der OGZ zusammenarbeiten. Mit dieser Mitgliedschaft sind einmalige Kosten für eine 24-monatige Einarbeitung, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit verbunden. Einen Beratungsraum hat die Apotheke per Gesetz. Das Team muss geschult werden, denn zur Qualität gehört, dass Jugendliche nach dem Besuch nicht denken: „Wie peinlich war das denn?“

     

    Unsere Apothekenteams in Gelsenkirchen und Dorsten nehmen die neue Aufgabe gut an. Es macht ihnen Spaß, konkret zu helfen und nicht bloß als „Schubladenzieher“ betrachtet zu werden. Für die Seele vieler PTAs ist das sehr wichtig. Das dürfen wir als Arbeitgeber nicht vergessen.

    Quelle: Ausgabe 06 / 2026 | Seite 11 | ID 50707659