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·Fachbeitrag ·Blick über den Tellerrand

Bedarfsplanungs-Richtlinie: So funktioniert die ordnungsgemäße vertragsärztliche Versorgung

von Dipl.-Math. Uwe Hüsgen, Essen, langjähriger Geschäftsführer des Apothekerverbands Nordrhein e. V.

| Jede KV hat mit den Krankenkassen in ihrer Region eine ordnungsgemäße vertragsärztliche Versorgung sicherzustellen. Zu diesem Zweck ist durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) auf Bundesebene die „Richtlinie über die Bedarfsplanung sowie die Maßstäbe zur Feststellung von Überversorgung und Unterversorgung in der vertragsärztlichen Versorgung (Bedarfsplanungs-Richtlinie)“ verabschiedet worden. Da diese für die scherzhaft als „Außendienstmitarbeiter der Apotheken“ bezeichneten Ärzte existenziell ist, dürfte sie auch für niedergelassene Apotheker von Interesse sein. |

Versorgungsebenen

Als Grundstruktur der Bedarfsplanung werden vier Versorgungsebenen bestimmt, die für die Zuordnung der Arztgruppen, den Zuschnitt der Planungsbereiche und dementsprechend für die Versorgungsgradfeststellung mittels Verhältniszahlen maßgeblich sind.

 

  • Zuordnung der Facharztgruppen zu den vier Versorgungsebenen
1. Hausärztliche Versorgung - Arztgruppen
  • a) Fachärzte für Allgemeinmedizin, Praktische Ärzte sowie Ärzte ohne Gebietsbezeichnung, sofern keine Genehmigung zur Teilnahme an der fachärztlichen Versorgung (gemäß § 73 Abs. 1a S. 5 SGB V) vorliegt
  • b) Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung und ohne weiteres Fachgebiet, die die Teilnahme an der hausärztlichen Versorgung (gemäß § 73 Abs. 1a S. 1 Nr. 3 SGB V) gewählt haben
  • c) Fachärzte für Innere und Allgemeinmedizin (Hausärzte), sofern sie nach dem maßgeblichen Weiterbildungsrecht eine entsprechende Bezeichnung erworben haben
2. Allgemeine fachärztliche Versorgung - Arztgruppen
  • a) Augenärzte
  • b) Chirurgen
  • c) Frauenärzte
  • d) Hautärzte
  • e) HNO-Ärzte
  • f) Nervenärzte
  • g) Orthopäden
  • h) Psychotherapeuten
  • i) Urologen
  • j) Kinderärzte
3. Spezialisierte fachärztliche Versorgung - Arztgruppen
  • a) Anästhesisten
  • b) Fachinternisten (fachärztlich tätig)
  • c) Kinder- und Jugendpsychiater
  • d) Radiologen
4. Gesonderte fachärztliche Versorgung - Arztgruppen
  • a) Humangenetiker
  • b) Laborärzte
  • c) Neurochirurgen
  • d) Nuklearmediziner
  • e) Pathologen
  • f) Physikalische- und Rehabilitations-Mediziner
  • g) Strahlentherapeuten
  • h) Transfusionsmediziner
 

Planungsbereiche

Räumliche Grundlage für die Ermittlungen zum Stand der vertragsärztlichen Versorgung sowie für die Feststellungen zur Überversorgung oder Unterversorgung ist der Mittelbereich, die kreisfreie Stadt, der Landkreis, die Kreisregion oder die Raumordnungsregion in der Zuordnung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bzw. der von einer KV umfasste Bereich (Planungsbereiche).

 

  • Typisierung der sechs Planungsbereiche

Typ 1: Kernstädte

Typ 4: Mitversorgter Bereich

Typ 2: Dualversorger

Typ 5: Selbstversorgter Bereich

Typ 3: Stark mitversorgter Bereich

Typ 6: Ruhrgebiet

 

Verhältniszahlen der Bedarfsplanung

Für die einzelnen Arztgruppen gelten in der Bedarfsplanung unterschiedlich große Planungsbereiche, die sich im Allgemeinen am Arzt-Einwohner-Verhältnis orientieren. Hausärzte werden kleinräumiger, spezialisierte Fachärzte großflächiger beplant (siehe gesundheitsdaten.kbv.de/cms/html/17013.php).

 

Zentrales Steuerungsinstrument der Bedarfsplanung sind die Allgemeinen Verhältniszahlen, die definieren,

  • ab wann ein Planungsbereich gesperrt wird (Überschreiten der Allgemeinen Verhältniszahl um 10 Prozent) und
  • ab wann Arztsitze abgebaut werden sollen (Überschreiten der Allgemeinen Verhältniszahl um 40 Prozent).

 

Für die Hausärzte (Allgemeinärzte, Praktische Ärzte und hausärztlich tätige Internisten) existieren insgesamt 883 Planungsbereiche. Auf einen Hausarzt kommen dabei im Durchschnitt 1.671 Einwohner. Eine Ausnahme bildet hier das Ruhrgebiet (Regionstyp 6), wo die durchschnittliche Zahl der Einwohner je Hausarzt - aufgrund der Siedlungsdichte - mit 2.134 Einwohnern angegeben wird. Das sind immerhin 27,7 Prozent mehr als bei den anderen fünf Planungstypen (siehe Tabelle: Verhältniszahlen der Bedarfsplanung).

 

Für die allgemeine fachärztliche Versorgung werden 382 Kreisregionen aufgeführt, wobei keine bundeseinheitlichen Verhältniszahlen zugrunde gelegt werden. Bei der spezialisierten fachärztlichen Versorgung wird auf 97 Raumordnungsregionen zurückgegriffen. Ähnlich wie bei der hausärztlichen Versorgung werden bis auf das Ruhrgebiet bundesweit einheitliche Verhältniszahlen angesetzt. Die gesonderte fachärztliche Versorgung wird ausschließlich auf KV-Region beplant (d. h. auf Länderebene bzw. in NRW für Nordrhein und Westfalen-Lippe getrennt). Dabei kommen ausnahmslos bundesweite Verhältniszahlen zur Anwendung. Der G-BA hat die Planungsbereiche und deren vertragsärztlichen Versorgungsbedarf für die gesamte Bundesrepublik festgelegt. Dabei entscheiden KVen und Kassen auf regionaler Ebene dann gemeinsam, welche Ärzte sich wo niederlassen dürfen.

 

  • Tabelle: Verhältniszahlen der Bedarfsplanung
Versorgungsebene
Arztgruppe
Planungsbereiche
Verhältniszahlen Einwohner je Arzt
bundesweit
Regionstyp
1
2
3
4
5
6

Hausärztliche Versorgung

Hausärzte

883 Mittelbereiche

1.671

 

2.134

Allgemeine fachärztliche Versorgung

Augenärzte

372 Kreisregionen

 

13.399

20.229

24.729

22.151

20.664

20.400

Chirurgen

372 Kreisregionen

 

26.230

39.160

47.479

42.318

39.711

34.591

Frauenärzte

372 Kreisregionen

 

3.733

5.619

6.606

6.371

6.042

5.555

HNO-Ärzte

372 Kreisregionen

 

17.675

26.943

34.470

33.071

31.768

25.334

Hautärzte

372 Kreisregionen

 

21.703

35.704

42.820

41.924

40.042

35.736

Kinderärzte

372 Kreisregionen

 

2.405

3.587

4.372

3.990

3.859

3.527

Nervenärzte

372 Kreisregionen

 

13.745

28.921

33.102

31.938

31.183

31.373

Orthopäden

372 Kreisregionen

 

14.101

22.298

26.712

26.281

23.813

22.578

Psychotherapeuten

372 Kreisregionen

 

3.079

7.496

9.103

8.587

5.953

8.743

Urologen

372 Kreisregionen

 

28.476

45.200

52.845

49.573

47.189

37.215

Spezialisierte fachärztliche Versorgung

Anästhesisten

97 Raumordnungsregionen

46.917

 

 

58.218

Fachinternisten

97 Raumord.reg.

21.508

24.396

Kinder- und Jugendpsychiater

97 Raumord.reg.

16.909

Radiologen

97 Raumord.reg.

49.095

51.392

Gesonderte fachärztliche Versorgung

PRM-Mediziner

17 KV-Regionen

170.542

 

Nuklearmed.

17 KV-Regionen

118.468

Strahlentherapeuten

17 KV-Regionen

173.576

Neurochirurgen

17 KV-Regionen

161.207

Humangenetiker

17 KV-Regionen

606.384

Laborärzte

17 KV-Regionen

102.001

Pathologen

17 KV-Regionen

120.910

Transfusionsmediziner

17 KV-Regionen

1.322.452

MKG-Chirurgen

17 KV-Regionen

82.901

 

(Letzte) Aktualisierung: 31.08.2015

Quelle: Bedarfsplanungs-Richtlinie des G-BA

 

Wichtig | Bei den Kinderärzten bezieht sich die Verhältniszahl nicht auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands, sondern nur auf die unter 18-Jährigen. Bei den Frauenärzten bezieht sie sich nur auf die weibliche Bevölkerung.

Überversorgung

Als überversorgt gilt ein Planungsbereich, wenn die Sollzahl an Ärzten einer Fachgruppe um 10 Prozent überschritten wird, d. h. ab einem Versorgungsgrad von 110 Prozent. Für diese Fachgruppe wird der Planungsbereich dann vorübergehend gesperrt. Es werden also im Prinzip keine neuen Bewerber zugelassen (vgl. §§ 23 ff. der Richtlinie). Ärzte können sich dort grundsätzlich nur dann neu niederlassen oder anstellen lassen, wenn ein anderer Arzt seine Zulassung zurückgibt und damit ein Arztsitz in der Fachgruppe frei wird.

 

  • Beispiel

Bei den Hausärzten wäre ein Mittelbereich (außerhalb des Ruhrgebiets) überversorgt, wenn die Verhältniszahl „Einwohner je Hausarzt“ in diesem Planungsbereich den Wert von 1.519 (= 1.671 dividiert durch 1,1) unterschreitet.

 

 

Die Regelungen zum Abbau von Überversorgung wurden mit dem GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) weiterentwickelt: Hat der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen für den Planungsbereich, in dem die Nachbesetzung erfolgen soll, festgestellt, dass der allgemeine bedarfsgerechte Versorgungsgrad um 40 Prozent überschritten ist, soll der Zulassungsausschuss den Antrag auf Durchführung des Nachbesetzungsverfahrens grundsätzlich ablehnen, wenn eine Nachbesetzung des Vertragsarztsitzes aus Versorgungsgründen nicht erforderlich ist.

 

Mit dieser „Soll“-Regelung besteht aber keine uneingeschränkte Verpflichtung zum Aufkauf von Arztsitzen. So ist dem Antrag auf Nachbesetzung eines Vertragsarztsitzes stattzugeben, wenn die Nachbesetzung aus Versorgungsgründen erforderlich ist. Auch gelten weiterhin sogenannte Privilegierungstatbestände. Ein solcher ist z. B. gegeben, wenn die Praxis vom Ehegatten, Lebenspartner oder einem Kind des bisherigen Vertragsarztes fortgeführt werden soll.

Unterversorgung

Eine Region (Planungsbereich) gilt erst dann als unterversorgt, wenn die Verhältniszahl der Hausärzte um 25 Prozent oder bei den allgemeinen und den spezialisierten Fachärzten um 50 Prozent unterschritten ist.

 

  • Beispiel

Bei den Hausärzten wäre ein Mittelbereich (außerhalb des Ruhrgebiets) unterversorgt, wenn die Verhältniszahl „Einwohner je Hausarzt“ in diesem Planungsbereich den Wert von 2.089 (= 1.671 multipliziert mit 1,25) überschreitet.

 

Ärzte, die sich in einem „offenen“, d. h. in einem weder unter- noch überversorgten Planungsgebiet niederlassen möchten, müssen nicht auf eine freiwerdende Praxis warten, um eine Zulassung zur vertragsärztlichen Versorgung zu erhalten. Sie können sowohl eine neue Praxis gründen als auch eine alte übernehmen oder problemlos in eine Gemeinschaftspraxis einsteigen.

Quelle: Ausgabe 11 / 2016 | Seite 11 | ID 44291815