Praxiswissen auf den Punkt gebracht.
logo
  • Meine Produkte
    Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen.
Menu Menu
MyIww MyIww
  • · Fachbeitrag · Apothekenentwicklung

    Schwerpunktapotheke Geriatrische Pharmazie: Chance für Patienten, Chance für die Apotheke

    von Dr. Doortje Cramer-Scharnagl, Edewecht

    Der demografische Wandel in Deutschland führt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Bevölkerungsanteils älterer Menschen. Damit geht eine steigende Zahl chronisch erkrankter und multimorbider Patienten einher. Doch damit nicht genug: Im Alter nimmt auch die allgemeine Funktionsfähigkeit der Organe, insbesondere der Leber und der Nieren, ab. In der Folge steigt kontinuierlich die Zahl älterer Apothekenkunden mit Polymedikation. Um für diese wachsende Kundengruppe eine adäquate Arzneimittelversorgung zu gewährleisten, wird der Fokus auf Geriatrische Pharmazie zunehmend wichtiger und lohnenswerter.

    Geriatrische Pharmazie: Definition und Ziele

    Die Geriatrische Pharmazie wurde 2008 als Fachgebiet etabliert und bietet Apothekern seitdem die Möglichkeit zur Spezialisierung. Das Ziel besteht darin, durch eine gute Beratung und Arzneimittelversorgung älterer Menschen – insbesondere solcher, die regelmäßig mehrere Medikamente einnehmen – die Wirksamkeit und Sicherheit der Medikation zu optimieren und Polypharmazie möglichst zu vermeiden. Auch für PTA gibt es Weiterbildungen zum Thema Geriatrische Pharmazie, die jedoch kürzer und nicht bundesweit einheitlich geregelt sind. Die Apothekerkammer Nordrhein beispielsweise bietet eine entsprechende Fach-PTA-Qualifizierung an.

     

    Aufgrund ihrer Häufigkeit bilden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechsel- und Ernährungskrankheiten sowie muskuloskelettale Erkrankungen einen Schwerpunkt der Geriatrischen Pharmazie. Einige der Erkrankungen gehen mit einem Risiko für weitere schwerwiegende Gesundheitsprobleme einher. Häufig verordnete Wirkstoffgruppen sind Sedativa, Neuroleptika und Antidepressiva, die an sich schon viele Neben- und Wechselwirkungen haben und zudem im höheren Alter schlechter vertragen werden. Schließlich kann Polypragmasie selbst zu Nebenwirkungen führen und ist somit ein eigenständiger Risikofaktor.

     

    Probleme der Pharmakologie im Alter

    • Im Alter gelten andere Dosis-Wirkungs-Beziehungen.
    • Der Abstand zwischen minimaler effektiver Dosis und toxischer Dosis wird geringer.
    • Bestimmte Medikamente erhöhen das Sturzrisiko.
    • Patienten können altersbedingte Verständnis- oder Handhabungsprobleme haben.
    • Die Adhärenz der Patienten leidet.
    • Je mehr Schnittstellen es zwischen den Behandelnden und den Patienten gibt, desto größer ist das Risiko für Informationsverluste.
     

    Beachten Sie — Die Priscus-Liste (priscus2-0.de) ist eine wichtige Grundlage für Empfehlungen und Entscheidungen in der Geriatrischen Pharmazie.

    Mit diesen Angeboten helfen Sie geriatrischen Patienten

    Bieten Sie an, alle Medikamente (verordnete, nicht verordnete, pflanzliche, äußerlich anzuwendende Präparate, Nahrungsergänzungsmittel und Arzneitees) zu überprüfen. Als Gesprächseinstieg ist es zielführender, Patienten nach den von ihnen angewendeten Präparaten und deren Zweck zu fragen, statt direkt Krankheiten zu erfragen. Diese Überprüfung kann grundsätzlich jährlich als pharmazeutische Dienstleistung (pDL) „Erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation“ abgerechnet werden. Weisen Sie Patienten darauf hin, dass bestimmte Nebenwirkungen im Alter häufiger auftreten und scheinbar altersbedingte Probleme oft mit Arzneien in Verbindung stehen und damit lösbar sind.

     

    Bieten Sie an, Blutwerte einzusehen, um die Organleistung zu beurteilen. So können Dosen und Einnahmeintervalle nach Rücksprache mit dem Arzt angepasst werden. Erklären Sie bei neuen Medikamenten Zweck, Anwendung und Dauer der Einnahme. Weisen Sie die Patienten darauf hin, dass sie unerwartete Ereignisse (z. B. Stürze, Ausschlag, Verwirrtheit) jederzeit in der Apotheke ansprechen können. Erstellen Sie einen Medikationsplan, der auch relevante Einnahmedetails enthält (z. B. „Nicht zusammen mit Milchprodukten einnehmen“). Erläutern Sie Umstellungen aufgrund von Rabattverträgen verständlich und vermerken Sie den Wechsel auf der Packung oder im Medikationsplan.

     

    Vom Sachverhalt zur Empfehlung: Beispiele

    • Schlagen Sie nebenwirkungsärmere Problemlösungen vor. Blutdruckmittel können Verstopfung begünstigen. Dann ist nicht immer ein Abführmittel notwendig: Bisweilen hilft schon Magnesium.

     

    • Erläutern Sie steigende Risiken im Alter. Die Einnahme des generell als harmlos geltenden Paracetamols erhöht bei älteren Patienten signifikant das Auftreten schwerwiegender unerwünschter Ereignisse, darunter chronische Nierenerkrankungen, Magen-Darm-Komplikationen oder Herz-Kreislauf-Ereignisse.

     

    • Bewerten Sie Nutzen und Risiko individuell. Nicht immer ist eine Reduktion von Arzneimitteln der beste Weg bei Polypharmazie. Das wird am Beispiel von Antikoagulanzien klar, denn das Absetzen birgt für Senioren mit Vorhofflimmern oftmals höhere Risiken als die Einnahme.
     

    Gemeinsam sind Sie effektiver

    Die cluster-randomisierte Cofrail-Studie der Universitäten Witten/Herdecke und der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf aus den Jahren 2018 bis 2021 zeigte, dass die Reduzierung von Medikamenten (Deprescribing) besser und angstfreier gelingt, wenn an der Besprechung Hausarzt, Patient und Angehörige gemeinsam teilnehmen. Zu Ihrer Zielgruppe gehören neben den Patienten daher auch Angehörige, Pflegepersonal sowie geriatrisch tätige Ärzte.

     

    Weiterführender Hinweis

    • Anforderungskatalog zur Weiterbildung „Geriatrische Pharmazie“: iww.de/s15582
    Quelle: Ausgabe 09 / 2026 | Seite 9 | ID 50828563