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·Fachbeitrag ·Praxismanagement

Akute Notfälle in der Zahnarztpraxis managen: Können Sie es (noch)?

von Dipl.-Volkswirt Wolfgang Schmid, Berlin

| Akut vital bedrohliche Notfälle können sich überall und völlig unvorhergesehen ereignen - auch in der Zahnarztpraxis. Dann heißt es: Ruhig bleiben und strukturiert handeln! Doch um souverän zu agieren, müssen solche Situationen vorher organisiert und geübt werden - zu schnell werden ansonsten lebenswichtige Details vergessen. Dieser Beitrag zeigt, mit welchen Maßnahmen Sie sich und Ihre Praxis auf den Notfall vorbereiten. |

Vasovagale Synkopen als häufigster Notfall bei Zahnärzten

In einer Umfrage der Universität Ulm stellte sich heraus: Von 134 Befragten wurden 91,8 Prozent in ihrer Berufstätigkeit schon mindestens einmal mit einem Notfall konfrontiert. In der zahnärztlichen Praxis sind die häufigsten Zwischenfälle vasovagale Synkopen - mit 60,5 Prozent waren mehr als die Hälfte der Zahnärzte hiermit bereits befasst.

 

Weitere häufige Zwischenfälle sind starke Blutungen (56,7 Prozent), Hyperventilationssyndrome (44 Prozent) und orthostatische Synkopen (32,8 Prozent). Schwerwiegende Zwischenfälle wie Anaphylaxien, Myokardinfarkte und Schlaganfälle sind deutlich seltener, hypertensive Krisen haben sich dagegen in knapp einem Viertel der Praxen (24,6 Prozent) ereignet.1

Zahnmedizin-Studenten mit mangelhafter Notfallausbildung

An den Universitäten wird die Notfallausbildung nur ungenügend gelehrt, monierten die befragten Zahnärzte. Eine Versuchsreihe am Universitätsklinikum Erlangen bestätigte dieses Defizit: Von den Studenten im letzten Studienjahr, die mit einer Notfallsituation konfrontiert wurden, überprüfte nur ein Drittel die Vitalfunktionen - also Atmung, Bewusstsein und Kreislauf. 40 Prozent überprüften keine oder nur eine dieser Funktionen.

 

Bei zwei von drei Fällen erfolgte keine Mundraumkontrolle, bei 40 Prozent keine Atemkontrolle. 60 Prozent der Teams führten eine falsche Pulskontrolle durch, 53 Prozent eine insuffiziente Atemkontrolle. Thoraxkompressionen nahmen nur 40 Prozent aller Studenten mit der empfohlenen Frequenz von mindestens 100 Kompressionen pro Minute vor. Und nur 54 Prozent aller getätigten Kompressionen wurden suffizient ausgeführt.2

 

PRAXISHINWEIS |  Damit Sie und Ihr Praxisteam besser vorbereitet sind, bleibt nur die Fortbildung des Teams - am besten in der eigenen Praxis! Hierfür sollte zunächst ein Fragenkatalog erarbeitet werden (siehe nächste Seite), anhand dessen Sie überprüfen, welche Notfallregeln bereits bekannt sind - und wo es noch Lücken gibt, die geschlossen werden müssen.

 

Fragenkatalog zum Notfallmanagement

  • Risiken klären: Welche Notfälle können in unserer Zahnarztpraxis mit gewisser Wahrscheinlichkeit auftreten?
  • Definition der Abläufe und Zuständigkeiten: Wer macht was - und wer informiert wen?
  • Notfallkoffer: Der Notfallkoffer muss für alle zugänglich sein, jeder muss seinen Standort kennen. Der Kofferinhalt wird regelmäßig kontrolliert.
  • Schulungen und Training: Regelmäßige theoretische Auffrischung der Notfallabläufe und Training von praktischen Notfällen mit dem gesamten Team - unter realistischen Bedingungen in der eigenen Praxis.
  • Dokumentation: Bei einem Notfall in der Arztpraxis müssen alle Ereignisse und Maßnahmen lückenlos dokumentiert werden.

Maßnahmen ergreifen - Punkt für Punkt

Anhand des aufgeführten Fragenkatalogs sollten Sie als Praxischef nun versuchen, die nachfolgenden Maßnahmen einzuleiten.

 

1. Risiken klären

Enttarnen Sie Risikopatienten durch gezielte Anamnese, um aus der Art und Schwere der Erkrankung Konsequenzen für die Zahnbehandlung ziehen zu können. Lassen Sie Ihre Patienten in Gedanken Revue passieren - welche Altersgruppen und welche Bevölkerungsschichten sind vorherrschend?

 

2. Definition der Abläufe und Zuständigkeiten

Notfallmanagement erfordert fundierte Fachkenntnisse, die erworben, stetig wiederholt und geübt werden müssen. Insbesondere in größeren Praxen braucht man ein „Drehbuch“, damit sich nicht alle gleichzeitig auf dasselbe Problem stürzen. Der Lerneffekt ist besonders groß, wenn das Team seinen Notfallplan und alle erforderlichen Abläufe selbst erarbeitet.

 

PRAXISHINWEIS |  Eine sinnvolle Rollenverteilung besteht aus Team-Leader, Assistenz am Patienten und Assistenz im Umfeld. Der Team-Leader ist in der Regel der Zahnarzt. Er stellt die Diagnose, entscheidet über die Therapiemaßnahmen und hat Weisungsrecht. Die Assistenz am Patienten führt delegierte Maßnahmen durch, während die Assistenz im Umfeld für das Bereitstellen der Notfallausrüstung und das Absetzen des Notrufs verantwortlich ist. Hierfür sollte ein Notfallplan samt Notfallrufnummern und Notruf-Checkliste erstellt und an einer gut sichtbaren Stelle aufgehängt werden.

 

 

3. Notfallkoffer

Der Zahnarzt kann den Notfallkoffer im Rahmen seiner ärztlichen Therapiefreiheit nach eigenem Ermessen bestücken. Hilfestellung geben die Zahnärztekammern. Wer eine Intubation beherrscht, sollte den Notfallkoffer mit einem Laryngoskop ausstatten. Andere sollten im Notfall lieber einen Larynxtubus oder eine Larynxmaske einsetzen. Nicht jede Praxis muss einen Defibrillator vorhalten. Für Ungeübte empfiehlt sich ein Automatisierter Externer Defibrillator (AED), der dem Anwender genaue Anweisungen erteilt.

 

4. Schulungen und Training

Die Simulation von Notfällen und die anschließende Auswertung des Trainings nehmen dem Notfall seinen Schrecken. Besonders effektiv sind Kurse, bei denen der Trainer in die Praxis kommt und vor Ort mit dem Team ein Notfalltraining durchführt. Eine Studie von Berden et al. zeigt, dass ein Wiederholungs-Intervall von zwölf Monaten oft schon zu lange ist und ein Training in Abständen von sechs Monaten angebracht wäre, um eine suffiziente Wiederbelebung leisten zu können.3

 

5. Dokumentation

Bei einem Notfall muss lückenlos dokumentiert werden - dies gilt für die Verdachtsdiagnose und die eingeleiteten Behandlungsmaßnahmen ebenso wie für verabreichte Medikamente. Eine Verdachtsdiagnose kann sich später durchaus als falsch erweisen. Eine akute Luftnot - einer der häufigsten Notfälle überhaupt - kann vom Herzinfarkt bis zum Asthmaanfall verschiedene Ursachen haben. Dem Erstbehandler bleibt also nur übrig, seiner begründeten Verdachtsdiagnose zu folgen. Solange das eigene Handeln plausibel und nachvollziehbar ist, sind selbst bei einer Fehldiagnose und kontraproduktiver Behandlung keine juristischen Konsequenzen zu befürchten. Sämtliche Informationen sind an den Notarzt weiterzugeben und die Dokumentation ist ohne Lücken und in Form eines Notfallprotokolls zu führen.

 

  • Das Wichtigste im Überblick: Was tun im Notfall?
  • 1.Ruhe bewahren!
  • 2.Ein Teammitglied sorgt für den Notruf an 112
  • 3.Ein Teammitglied verständigt den Arzt
  • 4.Ein Teammitglied bleibt beim Patienten und lagert ihn in stabiler Seitenlage
  • 5.Der Patient bleibt bis zum Eintreffen des Rettungswagens unter Aufsicht
  • 6.Geeignete ärztliche Maßnahmen zur Überbrückung einleiten - zum Beispiel das Legen eines venösen Zugangs, Notfallmedikation oder Reanimation
  • 7.Information über getroffene Maßnahmen und Medikation an die Rettungsassistenten weitergeben
  • 8.Nach Möglichkeit wichtige Informationen aus der Patientenakte für den Rettungsdienst kopieren
  • 9.Alle Maßnahmen genau dokumentieren und später im Team auswerten
  • 10.Juristisch angreifbar sind nur das Nichtstun und die Fehlbehandlung jenseits der eigenen Fachgebietsgrenzen!

 

(Quelle: Siehe Fußnote 4)

 

Quellen

  • [1] Heinzel A: Der akut vital bedrohliche Notfall in der Zahnarztpraxis - eine Umfrage bei Zahnärztinnen und Zahnärzten im Bereich der Bezirkszahnärztekammer Tübingen. Dissertation, Ulm, 2012
  • [2] Stelzle F et al. Qualität der Reanimationskompetenz im Rahmen der Notfallversorgung - eine Bedarfsanalyse bei zahnmedizinischen Examenskandidaten. 63. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft für Kieferchirurgie. Bad Homburg, 9.-10. Mai 2013
  • [3] Berden H J et al: How frequently should basic cardiopulmonary resuscitation training be repeated to maintain? Br Med J 1993. 306: 1576-1577
  • [4] o.A. Notfallmanagement in der Praxis. KVH Journal 2011. (12): 4-8
Quelle: Ausgabe 09 / 2013 | Seite 19 | ID 42274970