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  • ·Fachbeitrag ·Umsatz

    Mögliche Einkommen für selbstständige Therapeuten und ihre Angestellten pro Jahr

    von Klaus Thissen, Steuerberater, Kleve, www.physiotax.de 

    | Im ersten Teil dieser Beitragsserie haben wir vorgerechnet, wie viel Umsatz eine physiotherapeutische Praxis pro Stunde maximal erreichen kann (PP 04/2014, Seite 8). Im Folgenden soll nun der sich daraus ergebende Jahresumsatz - und damit auch das maßgebliche Einkommen für den Selbstständigen und seine Angestellten - ermittelt werden. |

    Wie viele Arbeitsstunden hat ein Jahr?

    Um das Einkommen für den Selbstständigen und seine Angestellten ermitteln zu können, berechnen wir zunächst die pro Jahr abrechenbaren Stunden eines in Vollzeit tätigen Therapeuten (8 Stunden pro Arbeitstag).

     

    • Tabelle 1: Abrechenbare Stunden pro Jahr pro Vollzeitarbeitskraft (40 Stunden pro Woche)
    Bezeichnung
    Kalendertage

    Kalendertage pro Jahr Gesamt

    365

    Wochenenden

    - 104

    Feiertage

    - 11

    Urlaubstage (vertragsabhängig)

    - 25

    Krankheitstage (geschätzt)

    - 5

    Fortbildungen (geschätzt)

    - 2

    Zwischenergebnis nach Abzug von nicht abrechenbaren Kalendertagen

    218

    Ausfälle wegen Terminabsagen etc., circa. 5 % von 218 Tagen

    - 11

    Abrechenbare Arbeitstage pro Jahr

    207

    Arbeitsleistung von 8 Stunden pro Tag hochgerechnet auf ein Jahr

    1.656 Stunden

     

     

    Nach Abzug aller nicht abrechenbaren Tage ergibt sich eine Leistung von 207 Arbeitstagen. Bei einer täglichen Arbeitszeit von je 8 Stunden ergibt sich eine abrechenbare Leistung von 1.656 Stunden pro Jahr pro Vollzeitmitarbeiter. Auf diese abrechenbaren Stunden wenden wir die Referenzwerte der Tabelle 3 aus PP 04/2014, Seite 10 an. Demnach ergeben sich folgende Jahresumsätze.

     

    • Tabelle 2: Jahresumsätze einer Vollzeitkraft unter Berücksichtigung unterschiedlich langer Behandlungszeiten pro Patient
    Behandlungszeit
    Mindestumsatz in
    60 Minuten
    Jahresstunden
    Jahresumsatz

    30 Minuten

    33,62 Euro

    1.656

    55.674,72 Euro

    25 Minuten

    40,35 Euro

    1.656

    66.819,60 Euro

    20 Minuten

    50,43 Euro

    1.656

    83.512,08 Euro

    15 Minuten

    67,24 Euro

    1.656

    111.349,44 Euro

     

    Wie viel darf ein Angestellter verdienen?

    Ausgehend von der Spalte „Jahresumsatz“ in Tabelle 2 lässt sich ein realistisches Gehalt für einen Angestellten berechnen. Die folgende Tabelle 3 zeigt Erfahrungswerte der Kostenverteilung aus der Beratungspraxis.

     

    • Tabelle 3: Kostenverteilung erfahrungsgemäß
    Kostenfaktor
    Anteil vom Umsatz

    Gehalt für eine Vollzeitkraft

    50,0 %

    Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung (25 % vom Gehalt)

    12,5 %

    zzgl. sonstiger Sozialleistungen und Umlagen (5 % vom Gehalt)

    2,5 %

    Anteil Sekretariatskosten, sonstiger Aushilfen (Reinigung)

    4,0 %

    Raumkosten

    9,7 %

    Sonstige Kosten (inkl. Zinsen)

    13,3 %

    Verbleibender Gewinn

    8,0 %

     

    Die in Tabelle 3 eingesetzten Prozentsätze sind praktische Erfahrungswerte, die natürlich in einem konkreten Vergleichsfall durch die tatsächlichen Werte ersetzt werden müssen. Allerdings hat sich in der Praxis erwiesen, dass zum Beispiel der direkte Lohnanteil (Gehalt, Sozialversicherung und Sozialleistungen) nicht höher sein sollte als 65 Prozent wie im obigen Beispielsfall.

     

    Empfehlenswert ist, anstatt mit 65 Prozent, mit 52 Prozent des Umsatzanteils als Gehaltsvorstellung zu beginnen (Tabelle 4). So können Arbeitgeber einerseits noch einen angemessenen Gewinn realisieren und versetzen sich andererseits in die Lage, Geld für Eventualitäten und unvorhersehbare Risiken zurückzulegen. Weiterhin haben Sie einen gewissen Spielraum, um bei entsprechender beruflicher Qualifikation und Weiterbildung sowie Engagement des Mitarbeiters für das Unternehmen das Gehalt angemessen zu erhöhen.

     

    • Tabelle 4: Kostenverteilung im Idealfall
    Kostenfaktor
    Anteil vom Umsatz

    Gehalt für eine Vollzeitkraft

    40,0 %

    Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung (25 % vom Gehalt)

    10,0 %

    zzgl. sonstiger Sozialleistungen und Umlagen (5 % vom Gehalt)

    2,0 %

    Anteil Sekretariatskosten, sonstiger Aushilfen (Reinigung)

    4,0 %

    Raumkosten

    9,7 %

    sonstige Kosten inklusiver Zinsen

    13,3 %

    Verbleibender Gewinn

    21,0 %

     

    Jahresgehälter für Physiotherapeuten in Vollzeitbeschäftigung

    Die folgende Tabelle 5 verbindet nun die Informationen aus den Tabellen 1 bis 4 und bildet ab, welche Gehälter bezahlt werden können, wenn die Behandlungszeiten in der Physiotherapiepraxis bei 30, 25 , 20 oder 15 Minuten pro Patient liegen. Diese Zahlen vergleichen wir dann mit den Werten zur Armutsgrenze (Details hierzu in PP 04/2014, Seite 8).

     

    • Tabelle 5: Mögliche Jahresgehälter für eine Vollzeitkraft (verheiratet, 2 Kinder) unter Berücksichtigung von üblichen Behandlungszeiten pro Patient
    Jahresumsatz aus Tabelle 2
    Gehalt bei 40 % des Jahresumsatzes (brutto)
    Gehalt bei 50 % des Umsatzes (brutto)
    Behandlungszeit
    Jährlich
    Jährlich
    Monatlich
    Jährlich
    Monatlich

    30 Minuten

    55.674,72 Euro

    22.269,60 Euro

    1.855,80 Euro

    27.837,00 Euro

    2.319,75 Euro

    25 Minuten

    66.819,60 Euro

    26.727,60 Euro

    2.227,30 Euro

    33.409,50 Euro

    2.784,13 Euro

    20 Minuten

    83.512,08 Euro

    33.404,80 Euro

    2.783,73 Euro

    41.756,00 Euro

    3.479,67 Euro

    15 Minuten

    111.349,44 Euro

    44.539,60 Euro

    3.711,63 Euro

    55.674,50 Euro

    4.639,54 Euro

     

    Beachten Sie | Zahlungen für Urlaubs- und Weihnachtsgeld sind bereits in der obigen Berechnung enthalten. Aus den Berechnungen ergibt sich eine Bandbreite der monatlichen Gehälter zwischen 1.855,80 Euro und 4.639,54 Euro, die sich allerdings in der Praxis wegen der seltenen Behandlungszeit von 15 Minuten auf 3.479,67 Euro beschränkt.

    Liegt der Verdienst für Angestellte über der Armutsgrenze?

    Nun können wir das in Tabelle 5 beispielhaft genannte Gehalt eines verheirateten Arbeitnehmers mit 2 Kindern mit der statistisch erhobenen Armutsgrenze vergleichen, die bei einem monatlichen Arbeitnehmer-Brutto in Höhe von 2.198 Euro liegt (Tabelle 6).

     

    • Tabelle 6: Vergleich von realen Gehältern (40 % vom Umsatzanteil) zur offiziellen Armutsgrenze (Vollzeitkraft, verheiratet, 2 Kinder)
    Behandlungszeit
    Gehalt bei 40 % Umsatzanteil
    Monatliches AN-Brutto
    Armutsgrenze
    Monatliches AN-Brutto

    30 Minuten

    1.855,80 Euro

    2.198,00 Euro

    25 Minuten

    2.227,30 Euro

    2.198,00 Euro

    20 Minuten

    2.783,73 Euro

    2.198,00 Euro

    15 Minuten

    3.711,63 Euro

    2.198,00 Euro

     

    Ergebnis:Der Verdienst eines Physiotherapeuten in einem typischen Anstellungsverhältnis liegt regelmäßig in der Nähe der Armutsgrenze. Erst bei einer Behandlungszeit von 20 Minuten kann der Angestellte so viel Umsatz erwirtschaften, dass sein Gehalt zumindest einen monatlichen Wert von 2.783,73 Euro erreicht.

    Die Situation für selbstständige Physiotherapeuten

    Arbeitet ein selbstständiger Physiotherapeut ohne Angestellte (Tabelle 7), verschiebt sich die Kostenstruktur der Tabellen 3 und 4 nur geringfügig. Der Raumkostenanteil nimmt einen größeren Stellenwert ein, weil zu Beginn der Selbstständigkeit eher zu große Räumlichkeiten angemietet werden (müssen).

     

    Dass das Einkommen des Selbstständigen im Gegensatz zum Angestellten ausschließlich durch geleistete Arbeitsstunden am Patienten erwirtschaftet werden muss, ist selbstredend. Fakt ist, dass Selbstständige keinen bezahlten Urlaub und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall genießen. Auch müssen Selbstständige ihre Fortbildungen selber bezahlen - und gleichzeitig in Kauf nehmen, dass sie in der Fortbildungszeit keinen Umsatz machen können. Hinzu kommen weitere unbezahlte Zeiten für die Organisation der Praxis sowie für Dokumentationsaufgaben.

     

    • Tabelle 7: Kostenverteilung bei Selbstständigen ohne Angestellte
    Kostenfaktor
    Anteil vom Umsatz
    Behandlungszeit 30 Minuten
    Behandlungszeit 25 Minuten
    Behandlungszeit 20 Minuten
    Behandlungszeit 15 Minuten

    Jahresumsatz (siehe Tab. 2)

    100 %

    55.674,00 Euro

    66.819,00 Euro

    83.512,00 Euro

    111.349,00 Euro

    Anteil Sekretariatskosten, sonst. Aushilfen (Reinigung)

    4 %

    -2.226,96 Euro

    -2.672,76 Euro

    -3.340,48 Euro

    -4.453,96 Euro

    Raumkosten

    15 %

    -8.351,10 Euro

    -10.022,85 Euro

    -12.526,80 Euro

    -16.702,35 Euro

    sonst. Kosten (inkl. Zinsen)

    13,3 %

    -7.404,64 Euro

    -8.886,93 Euro

    -11.107,10 Euro

    -14.809,42 Euro

    Verbleiben im Jahr

    67,7 %

    37.691,30 Euro

    45.236,46 Euro

    56.53,62 Euro

    75.383,27 Euro

    Monatliches Brutto-Gehalt

    1/12

    3.140,94 Euro

    3.769,71 Euro

    4.711,47 Euro

    6.281,94 Euro

     

    Aus dem monatlichen Brutto-Gehalt muss der Selbstständige nun noch Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge bestreiten. Ziehen wir die statistische Armutsgrenze in Höhe von 2.198,00 Euro monatlich für einen Angestellten mit 2 Kindern (Tabelle 1) zum Vergleich heran, bleiben ihm bei einem 30-minütigem Behandlungsrhythmus monatlich nur rund 942,00 Euro für seine Renten- und Krankenvorsorge. Realistisch betrachtet lässt sich daraus kaum eine angemessene Altersvorsorge aufbauen, sodass eine zusätzliche private Absicherung erforderlich wird. Allerdings verzichten die meisten Physiotherapeuten insbesondere zu Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit darauf. Auch Beiträge in eine freiwillige Arbeitslosenversicherung leisten nur die allerwenigsten.

     

    FAZIT | Verdienen selbstständige Physiotherapeuten so viel, dass sie gut davon leben können? Antwort: Nein! Die Verdienstmöglichkeiten sind gering und eventuelle Gewinne fließen in der Regel als Rücklage zurück in den Betrieb und werden nicht für eine dringend notwendige Altersvorsorge verwendet. Dem unternehmerischen Risiko des selbstständigen Physiotherapeuten wird insofern in keiner Weise Rechnung getragen. Nur bei höchst effizienter Organisation sowie eng gesteckten Gehaltsgrenzen kann ein Betrieb unter den jetzigen Bedingungen knappe Gewinne erwirtschaften. Ein Physiotherapeut kann nur dann mehr Umsatz machen, wenn er mehr Behandlungen pro Stunde durchführt, die Zeit der einzelnen Behandlung also verkürzt. Aber ist es im Sinne der Gesundheitsversorgung, dass Patienten nur noch abgefertigt werden? Manche Praxen haben sich aufgrund der Umstände auf das Cross-Selling verlegt, bieten Kurse an, verkaufen Matratzen, Sitzkissen oder andere Hilfsmittel, um die Praxis überhaupt weiterführen zu können.

     

    Im letzten Beitrag der Serie wagen wir den Blick ins benachbarte Ausland sowie die dortigen Verdienstmöglichkeiten und beleuchten die Hintergründe der Situation in Deutschland.

     
    Quelle: Ausgabe 05 / 2014 | Seite 7 | ID 42566611