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·Fachbeitrag ·Praxisorganisation

Was kann ich angestellten Therapeuten zahlen?

von Dipl.-Volkswirt/Sportwissenschaftler (M. A.) Uwe Schiessel, Uwe Schiessel Consulting, www.USConline.de 

| Um gute Therapeuten beschäftigen zu können, müssen Sie als Praxisinhaber für Fachkräfte attraktiv sein. Dazu gehört auch, dass Sie ein angemessenes Gehalt zahlen. Doch was ist eigentlich angemessen? Gehälter, die Angestellte attraktiv finden, können Sie als Praxisinhaber unter Umständen in Bedrängnis bringen. Was Sie bei der Gehaltsberechnung berücksichtigen sollten, lesen Sie in diesem Beitrag. |

Über welches Gehalt sprechen wir überhaupt?

Im Arbeitsvertrag wird ein Bruttogehalt vereinbart, aus dem sich nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben das Nettogehalt ergibt. Circa 20 Prozent über dem Bruttogehalt liegt das Arbeitgeber-Bruttogehalt, das auch die Lohnnebenkosten des Arbeitgebers beinhaltet. Da der Arbeitgeber keinen Einfluss auf die Lohnsteuerklasse hat, kann er nur das Bruttogehalt berücksichtigen.

 

  • Beispiel

Arbeitgeber-Bruttogehalt inklusive Gehaltsnebenkosten: 2.385 Euro

Bruttogehalt laut Arbeitsvertrag: 2.000 Euro

Nettogehalt des Mitarbeiters (je nach Steuerklasse): 1.360 Euro

 

Das erweiterte Gehalt

Zusätzlich zum Gehalt werden im Arbeitsvertrag weitere Modalitäten geregelt, die Auswirkungen auf die Kosten und die Umsatzmöglichkeiten des Therapeuten haben und somit in den Gehaltsverhandlungen mitberücksichtigt werden müssen. Das sind zum Beispiel:

 

  • die wöchentliche Arbeitszeit (zum Beispiel 40 Stunden pro Woche)
  • die Urlaubstage (zum Beispiel 25 Urlaubstage pro Jahr)
  • das Weihnachtsgeld
  • das Urlaubsgeld
  • der Fortbildungszuschuss (zum Beispiel 500 Euro pro Jahr)
  • die Fortbildungsfreistellung (zum Beispiel 5 Tage pro Jahr)

 

PRAXISHINWEIS | Unterschätzen Sie nicht, welche Auswirkungen ein zusätzlicher Urlaubstag bzw. ein extra Tag fortbildungsfrei auf die Gesamtkalkulation des Therapeutengehalts hat. Oftmals kann es günstiger sein, den Fortbildungszuschuss zu erhöhen und keine Freistellung für Fortbildungen zu geben. Die benötigten Urlaubstage für die Fortbildung könnte der Therapeut sich dann durch Überstunden erarbeiten.

 

 

  • Beispiel

Bei einem 8-Stunden-Tag könnte ein Therapeut bei 85 Prozent umsatzrelevanter Arbeitszeit einen Umsatz von circa 300 Euro/Tag erwirtschaften, die pro Fehltag anzurechnen wären. Somit ergibt sich bei 5 Tagen Freistellung für Fortbildung oder zusätzlichem Urlaub eine Umsatzeinbuße von circa 1.500 Euro.

 

Gibt es Tarifverträge für in Praxen angestellte Therapeuten?

Für Praxen, die von einem öffentlichen Arbeitgeber betrieben werden, wie zum Beispiel Therapieabteilungen in Kliniken, gilt in der Regel der „Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst“ (TVöD). Die Tarifgehälter des TVöD sind allerdings so hoch, dass sie von einer privat betriebenen Praxis in den meisten Fällen nicht angeboten werden können. Die Tariftabellen finden Sie unter www.oeffentlichen-dienst.de/entgelttabelle.

 

In privatwirtschaftlich betriebenen Praxen gibt es keine Vorgaben über die Gehaltshöhe. Hier werden die Gehälter zwischen dem Praxisinhaber und dem Therapeuten ausgehandelt. Wie oben schon erwähnt, setzt sich das Gehalt aus verschiedenen Faktoren zusammen, die alle mit verhandelt werden müssen. Zusätzlich erschwert wird die Gehaltsfindung dadurch, dass innerhalb Deutschlands deutliche Unterschiede bei den Gehaltshöhen bestehen. Einmal haben wir in allen Branchen Unterschiede zwischen den neuen und den alten Bundesländern. Zudem gibt es aber auch innerhalb der neuen und alten Bundesländer größere Unterschiede, ebenso wie zwischen Großstädten und dem ländlichen Raum.

 

  • Beispiele Berufsanfänger nach Bundesländern

Durchschnittliche Jahresbruttogehälter alte Bundesländer

  • Hessen: circa 26.000 Euro
  • Berlin: circa 22.500 Euro

 

Durchschnittliche Jahresbruttogehälter neue Bundesländer

  • Brandenburg: circa 19.300 Euro
  • Mecklenburg Vorpommern: circa 18.000 Euro
 
  • Faustregel

Eine Faustregel geht davon aus, dass für Physiotherapeuten im Mittel folgende Bruttomonatsgehälter (40 Stunden/Woche, 25 Tage Urlaub, kein Urlaubs- und Weihnachtsgeld, keine Freistellung für Fortbildung, Fortbildungszuschuss 500 Euro) gezahlt werden:

 

  • Berufsanfänger: circa 1.800-2.000 Euro
  • 2-3 Jahre Berufserfahrung: circa 2.000-2.200 Euro
  • Mit abrechenbaren Fortbildungen, z. B. MT, KGG, KG neuro: circa 2.200e-2.400 Euro
  • Leitungsfunktion: circa 2.400-2.600 Euro

 

In den neuen Bundesländern liegen wir circa 300-400 Euro unter diesen Werten.

 

Berufsanfänger oder fachlich sehr guter Therapeut?

Die Höhe des Gehalts hängt natürlich auch von der Berufserfahrung eines Therapeuten ab. Fachliche Qualifikation und menschliche Stärken im Umgang mit den Patienten sind für die Erzielung guter Therapieergebnisse ausschlaggebend. Berufserfahrene Therapeuten können außerdem häufig mehr Behandlungen in der vorgegebenen Zeit erreichen, da sie durch ihre Routine weniger Organisations- sowie Vor- und Nachbereitungszeit benötigen.

 

In Physiotherapiepraxen können bei Angestellten mit bestimmten Fortbildungen weitere, höher honorierbare Leistungen abgerechnet werden, wie z. B. manuelle Therapie. Somit ist hier auch der Faktor „höher abrechenbare Fortbildungen“ bei der Gehaltshöhe zu berücksichtigen. Bei diesen Fortbildungen ist zu beachten, dass der Umsatz pro Minute herangezogen werden muss.

 

PRAXISHINWEIS | Fortbildungen bringen bei Ergotherapeuten und Logopäden keine Vorteile für die Abrechnung mit Kassen. Physiotherapeuten können mit Fortbildungen jedoch in bestimmten Selbstzahlerangeboten Pluspunkte sammeln.

 

Weitere Einflüsse auf die Gehaltshöhe

In den heutigen Praxen wird es immer wichtiger, wirtschaftlich zu denken. So haben Therapeuten, die zum Beispiel erfolgreich an Verkaufsschulungen teilgenommen haben, sehr gute Argumente, um höhere Gehälter durchzusetzen. Dazu gehören:

 

  • Teilnahme an Verkaufsschulungen
  • Erfahrung, in effektiven Zeittakten zu arbeiten
  • Die Möglichkeit, Selbstzahlerleistungen anzubieten
  • Interesse daran, Gruppenstunden zu übernehmen
  • Bereitschaft, abends und an Samstagen zu arbeiten
  • Interesse daran, organisatorische Aufgaben zu übernehmen

Welche Gehälter kann ich mir als Praxisinhaber leisten?

Um eine Praxis wirtschaftlich betreiben zu können, ist das Ziel, mit der Gehaltsquote unter 50 Prozent zu bleiben. Das bedeutet, dass der angestellte Therapeut mindestens doppelt so viel Umsatz erzielen muss, wie er die Praxis kostet, bezogen auf das Arbeitgeber-Bruttogehalt. Eine Therapiepraxis muss demnach so optimiert organisiert sein, dass dieser Umsatz von den Therapeuten auch erzielt werden kann.

 

  • Beispiel

Bei einem Bruttogehalt von 2.000 Euro/Monat (ergibt circa 2.385 Euro Arbeitgeber-Bruttogehalt) müsste der Therapeut mindestens 57.240 Euro Umsatz/Jahr erwirtschaften. Bei einem Bruttogehalt von 2.500 Euro/Monat (ergibt circa 2.981 Euro Arbeitgeber-Bruttogehalt) müsste der Therapeut mindestens 71.500 Euro Umsatz/Jahr erwirtschaften.

 

Der Markt beeinflusst Gehälter

Eine sehr große Einflussvariable auf die Höhe der Therapeutengehälter ist die Art, wie der Arbeitsmarkt zum Zeitpunkt der Mitarbeitersuche strukturiert ist. Wenn viele Therapeuten Arbeit suchen, ist es für Praxisinhaber möglich, unter den geeigneten Bewerbern denjenigen zu wählen, der im Gehaltsgefüge der Praxis liegt. Je mehr Therapeuten eine Stelle suchen, desto geringer werden die Gehaltsvorstellungen.

 

Allerdings sind derzeit in vielen Regionen gute Therapeuten Mangelware. Somit ergibt sich ein regelgerechter Kampf der Praxen um Bewerber, was dazu führt, dass Praxen deutlich höhere Gehälter anbieten, als kalkulatorisch möglich wäre, um überhaupt eine offene Stelle besetzen zu können. Lieber bieten Praxisinhaber ein höheres Gehalt, als eine unendlich lange Patientenwarteliste vor sich her zu schieben. Somit kann sich das Gehalt auch anhand der Arbeitsmarktlage nochmals nach oben oder unten korrigieren.

Das Gehaltsgefüge einer Praxis

Das Gehaltsgefüge einer Praxis stellt eine interne Leitlinie dar, nach der sich richtet, mit welcher Qualifikation und mit welcher Berufserfahrung welches Gehalt bezahlt wird. In Praxen mit angestellten Therapeuten kann somit eine weitere Problematik dazukommen. Wenn ein neuer Mitarbeiter vielleicht aufgrund der derzeitigen Marktlage ein höheres Gehalt verhandelt hat, dann könnte durch so ein erhöhtes Gehalt eine Unzufriedenheit unter den bisherigen Mitarbeitern entstehen. Somit sollte das derzeitige Gehaltsgefüge immer auch eine Rahmenbedingung für die Gehaltshöhe von neuen Mitarbeitern darstellen. Eine Klausel im Arbeitsvertrag, über die Gehaltshöhe nicht sprechen zu dürfen, wird zwar immer wieder verwendet, dies ist aber rechtlich schwierig durchzusetzen.

 

FAZIT | Von der Vorstellung, dass es „das objektiv richtige Gehalt“ für einen Mitarbeiter gibt, sollten Sie sich verabschieden. So unterschiedlich wie die einzelnen Mitarbeiter sind, mit ihren Erfahrungen und persönlichen Eigenschaften und so verschiedenen die Arbeitsmarktbedingungen sein können, so unterschiedlich werden auch die jeweiligen Gehälter sein.

 

Wenn Sie einen neuen Therapeuten suchen, sollten Sie vom Umsatzpotenzial der Praxis ausgehend die maximale Gehaltshöhe des Therapeuten festlegen. Den Einstieg in die Gehaltsverhandlungen können Sie dann über die Faustformel mit den entsprechenden Korrekturen vornehmen. Bedenken Sie aber, dass Sie nicht gleich an das Gehaltsmaximum gehen dürfen, da der Angestellte nach einer gewissen Zeit ja auch Lohnsteigerungen erwartet.

 

Nicht zu unterschätzen sind beim Werben um einen Mitarbeiter auch die Rahmenbedingungen einer Praxis, die natürlich auch Einfluss auf die Höhe des Gehalts haben können. Ein gutes Betriebsklima, flexible Arbeitszeiten, ein nettes Team, gute Einarbeitungskonzepte, Weiterentwicklungsmöglichkeiten, Fortbildungsunterstützung usw. haben schon viele Bewerber überzeugt, sich trotz eines eher geringeren Gehalts für eine Praxis zu entscheiden.

Quelle: Ausgabe 04 / 2014 | Seite 11 | ID 42585775