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·Fachbeitrag ·Vergütung

Aktuelles PhysioPraX-Gutachten: Angestellte Physios verdienen mehr als Selbstständige

von Alexandra Buba M. A., Wirtschaftsjournalistin, Fuchsmühl

| Das vierte PhysioPraX-Gutachten des Deutschen Verbands für Physiotherapie und des Verbands Physikalische Therapie (VPT) liefert erstmals bundesweite Daten. Die Ergebnisse sind alles andere als erfreulich: Viele der befragten Praxisinhaber würden mehr verdienen, wenn sie als angestellte Therapeuten tätig wären. Ein Hauptproblem ist nach wie vor der unentgeltlich zu leistende Bürokratieaufwand. |

Rund 174.000 Euro Betriebsausgaben pro Praxisinhaber

Seit Herbst des Jahres 2010 untersuchen der Landesverband Bayern von PHYSIO-DEUTSCHLAND und das Institut für Gesundheitsökonomik (IfG) regelmäßig die wirtschaftliche Situation der Physiotherapiepraxen und veröffentlichen die Ergebnisse im PhysioPraS-Gutachten (siehe Kasten am Ende des Beitrags). Die aktuelle Untersuchung, bezieht sich auf den Erhebungszeitraum 2015. Der Hauptfokus der wirtschaftlichen Analyse lag auf Praxen in der Größenordnung von 70.000 bis 170.000 Euro Umsatz ‒ schlichtweg, weil sich in dieser Klasse die meisten Praxen an der Befragung beteiligten.

 

Der durchschnittliche Betriebsaufwand über alle Größenklassen hinweg lag im Jahr 2015 bei 197.292 Euro je Praxis. Differenziert man nach der Anzahl der Praxisinhaber, ergibt sich ein durchschnittlicher Betriebsaufwand von 179.750 Euro für Praxen mit einem Inhaber und 295.965 Euro für Praxen mit mehreren Inhabern. Daraus lässt sich die theoretische Größe eines durchschnittlichen Betriebsaufwands von 173.789 Euro je Praxisinhaber errechnen.

 

  • Betriebswirtschaftliche Kennzahlen in Physiopraxen 2015
Kennzahl
je Praxis
Praxen, ein Inhaber
Praxen, mehrere Inhaber
Aufwand je Praxisinhaber

Praxisaufwand (Euro)

197.292

179.750

295.965

173.789

Praxiserlös (Euro)

281.634

225.234

430.132

247.524

Reinertrag (Euro)

84.341

75.484

134.167

73.735

Anzahl Befragte (n)

477

405

72

477

 

Quelle: Institut für Gesundheitsökonomik (2017)

67 Prozent der Kosten für Personal

Der Löwenanteil der Ausgaben entfällt in der Dienstleistungsbranche auf das Personal ‒ so auch bei Physiotherapeuten. So beliefen sich die Personalausgaben auf durchschnittlich 67 Prozent. Insgesamt waren zum 01.01.2015 durchschnittlich 7,7 Mitarbeiter in den Praxen angestellt, zum 31.12.2015 waren es 7,8. Allerdings variiert die Zahl der Mitarbeiter stark. Die Spanne reicht von 0 bis 50. Am häufigsten waren vier Mitarbeiter im Einsatz. Diese Zahl entspricht aber nicht der Beschäftigung von sogenannten Vollzeitäquivalenten. Diese Größe rechnet die Anzahl der tatsächlich beschäftigten Mitarbeiter in fiktive Vollzeitstellen um. Im Durchschnitt gab es pro Praxis nur 5,4 Vollzeitstellen (inklusive Verwaltungskräfte) bzw. 3,7 (nur Therapeuten). Die Differenz zwischen Mitarbeiterzahl und Vollzeitäquivalenten offenbart die vergleichsweise hohe Teilzeitquote in den Praxen.

 

Die Raumkosten machten im Durchschnitt 13 Prozent der Gesamtkosten aus. Durchschnittlich verfügt eine Praxis über eine Fläche von 188 Quadratmetern. Die Kosten dafür belaufen sich im Schnitt auf 11,20 Euro pro Quadratmeter bzw. etwa 2.100 Euro pro Praxis.

Rund 250.000 Euro Umsatz pro Praxis

Dem gegenüber steht ein durchschnittlicher Betriebserlös von 247.524 Euro. Stellt man dem nun die theoretische Größe der durchschnittlichen Kosten pro Praxisinhaber gegenüber ‒ wie es das Gutachten tut ‒ , ergibt sich ein Reinerlös von 73.735 Euro je Praxisinhaber. Da dieser nicht das persönliche Einkommen des Inhabers darstellt ‒ neben Steuern müssen auch die Aufwendungen für die Alters-, Invaliditäts-, Hinterbliebenen- und Krankenversicherung finanziert werden ‒ ergibt sich ein frappierendes Bild der finanziellen Situation.

 

Das Gutachten vergleicht dazu den Reinertrag mit dem Bruttojahresgehalt eines angestellten Physiotherapeuten (45 Jahre alt, Steuerklasse III). Der Reinertrag wird zunächst um die Steuern und die Sozialabgaben des Arbeitnehmers gekürzt. Danach werden die Sozialabgaben des Arbeitgebers abgezogen und außerdem ein zehnprozentiger Abschlag für das unternehmerische Risiko und den Kapitaleinsatz. Anschließend verbleibt je Praxisinhaber ein monatlich verfügbares Einkommen von 2.237 Euro. Das ist deutlich weniger als das Nettoeinkommen eines angestellten Physiotherapeuten: Internetvergleichsportale geben dieses im Durchschnitt mit 2.754 Euro an.

 

50-Stunden-Woche für Alleininhaber

Diese Befunde korrespondieren mit ungleich höheren Arbeitszeiten der Inhaber im Vergleich zu den angestellten Therapeuten, insbesondere dann, wenn ihnen die Praxis allein gehört. Jene Inhaber gaben nämlich ihre durchschnittliche Arbeitszeit mit 49,6 Stunden an. Deutlich darunter rangiert die zeitliche Belastung derjenigen Therapeuten, die eine Praxis gemeinsam betreiben: Sie verbringen im Schnitt 30,5 Stunden dort. Differenziert man die Arbeitsstunden nach Tätigkeit, lässt sich erkennen, dass vor allem die Wochenarbeitsstunden am Patienten bei mehreren Praxisinhabern geringer ausfallen.

 

Die Arbeitsstunden am Patienten verteilen sich in Abhängigkeit von den Therapiezulassungen der Praxen. Insgesamt hatten 85 Prozent der Praxen eine Zulassung für Krankengymnastik ZNS Erwachsene und 22 Prozent für Krankengymnastik ZNS Kinder. Eine Zulassung für gerätegestützte Krankengymnastik hatten insgesamt 38 Prozent der Praxen. Die beiden häufigsten Therapiezulassungen sind mit 97 Prozent Lymphdrainage und mit 87 Prozent Manuelle Therapie. Insgesamt gaben 21 Prozent der Praxen an, eine Zulassung für KG Atemtherapie zu haben und sechs Prozent für KG-Psychomotorik.

Arbeiten im 24,3-Minuten-Takt

Behandelt werden die Patienten dabei gemäß enger ‒ gesetzgeberisch so gewollter ‒ Zeitschienen. Vorgesehen sind grundsätzlich 20 Minuten Behandlungszeit. Allerdings gaben die befragten Praxen an, bei Einzelbehandlung (Krankengymnastik) in einem Arbeitstakt durchschnittlich 24,3 Minuten zu arbeiten. Die geplante Wegezeit für Hausbesuche betrug 20 Minuten.

 

Die durchschnittliche, wöchentliche durch Kassenpatienten verursachte Ausfallzeit, z. B. durch unentschuldigtes Fernbleiben vom Behandlungstermin, variierte zwischen 0 und 27 Stunden, der Durchschnitt lag bei drei Stunden und 42 Minuten. Die wöchentliche Ausfallzeit durch Unterauslastung wurde im Schnitt mit einer Stunde und 42 Minuten angegeben.

30 Stunden Verwaltungsaufwand

Stärker als diese Ausfallzeiten belasteten die Praxen aber die Stunden, die für Verwaltungstätigkeiten gearbeitet werden mussten. Im Erhebungsjahr 2015 waren dies im Durchschnitt 30 Stunden und 42 Minuten je Praxis gewesen. Damit hat sich der Zeitaufwand für diese unbezahlten Tätigkeiten weiter erhöht ‒ lediglich vier Prozent aller Praxen gaben an, keinen erhöhten Verwaltungsaufwand im Jahr 2015 gehabt zu haben.

 

Wie sie dieser Entwicklung begegneten, konnten die befragten Therapeuten in der Auswertung ebenfalls angeben. Danach stellte jede dritte Praxis neues Personal (33 Prozent) ein, zehn Prozent der Praxen reduzierten dagegen die Anzahl der Patienten, und 84 Prozent der Praxisinhaber gaben an, den zusätzlichen Verwaltungsaufwand durch eigene Mehrarbeit zu kompensieren. Mit der Auslagerung der Verwaltungstätigkeiten an ein externes Unternehmen haben sich neun Prozent beholfen.

 

  • Kennzahlen zur Organisation und Kompensation des Mehraufwands
Kennzahl
2015

Praxisorganisationzeit je Mitarbeiter (h)

02:42

Patientenbedingte Ausfallzeit pro Woche (h)

03:42

Unterauslastung pro Woche (h)

01:42

Verwaltungsaufwand für GKV-Patienten pro Woche (h)

30:42

Kompensation des Mehraufwands durch

Neueinstellungen (Prozent)

33

Reduzierte Patientenzahl (Prozent)

10

Mehr eigene Verwaltungsarbeit (Prozent)

84

Auslagerung an externes Unternehmen (Prozent)

9

Kein erhöhter Verwaltungsaufwand (Prozent)

4

Jährliche Zeiten für Fortbildungen für Team und Praxisinhaber (Tage)

21:04

 

Quelle: Institut für Gesundheitsökonomik (2017)

Stagnierende Indizes durch neue Datenbasis

Inwieweit der Anstieg des Verwaltungsaufwands das betriebswirtschaftliche Ergebnis und damit die Einkommenssituation der selbstständigen Therapeuten ganz maßgeblich beeinflusst, will das Gutachten regelmäßig mit dem Bürokratiezeit- und dem Bürokratiekostenindex verdeutlichen: Der Bürokratiezeitindex misst die Stundenzahl, die der Inhaber für Verwaltung aufbringen muss. Der Bürokratiekostenindex verrechnet diese Zeit mit dem entgangenen Honorar, das in dieser Zeit durch die Behandlung von Patienten erwirtschaftet worden wäre.

 

Beide Werte stagnieren in diesem Jahr bzw. haben sich nach Jahren rasanten Wachstums leicht verringert. Dies liegt aber möglicherweise an der veränderten Datenbasis der Erhebung (siehe Kasten). Denn umgekehrt haben nur vier Prozent der Inhaber angegeben, dass sich ihr Verwaltungsaufwand zuletzt nicht erhöht habe.

 

MERKE | Das vorliegende PhysioPraX-Gutachten ist das vierte seiner Art. Die erste Analyse betraf die Jahre 2008 und 2009, die zweite das Jahr 2011 (siehe PP 07/2016, Seite 3), die dritte das Jahr 2013 (PP 04/2017, Seite 4) und die vorliegende, erstmals bundesweite Untersuchung betrifft das Jahr 2015. Im aktuellen Erhebungsjahr 2015 nahmen bundesweit insgesamt 477 Mitglieder aus 21 Landesverbänden an der Erhebung teil. Damit wurde eine breitere Datenbasis erreicht. Der Vergleich mit den Ergebnissen aus den Vorjahren ist dafür allerdings mit Vorsicht zu betrachten, da diese nur die Situation der Mitglieder des Landesverbandes Bayern ‒ Physio-Deutschland widerspiegelten.

 

Weiterführender Hinweis

  • Neubauer, G und Niedermeyer C: Analyse der betriebswirtschaftlichen Situation von Physiotherapie-Praxen im Jahr 2015. PhysioPraX. Institut für Gesundheitsökonomik, München 2018, für Teilnehmer kostenfrei unter https://www.bwa-physioprax.de/
Quelle: Ausgabe 06 / 2018 | Seite 3 | ID 45281192