· Fachbeitrag · Therapie
CMD mit Kopfschmerzerkrankungen – wirkt hier auch Physiotherapie?
Weltweit leiden ca. eine Milliarde Menschen unter Kopfschmerzen, die per Klassifikation dann chronisch sind, wenn sie über einen Zeitraum von drei Monaten mit mehr als 15 Episoden pro Monat auftreten [1]. Unter diese Erkrankung fallen u. a. zervikogene Kopfschmerzen, Migräne, Spannungskopfschmerzen und auch der seltenere chronische Clusterkopfschmerz.
Ansätze der Physiotherapie bei CMD und Kopfschmerz
Da es eine starke Korrelation zwischen craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) und chronischen Kopfschmerzen zu geben scheint, befasste sich eine systematische Übersichtsarbeit mit der Effizienz der Physiotherapie des Kiefergelenks bei Patienten mit chronischen Kopfschmerzen und Beschwerden des Kiefergelenks. Generell gibt es verschiedene physiotherapeutische Interventionen zur Therapie von Kopfschmerzen, deren Wirksamkeit in Abhängigkeit vom Kopfschmerztyp differiert [1]. In der physiotherapeutischen Praxis werden bei chronischen Kopfschmerzen und Kiefergelenksbeschwerden weitgehend – gegen Muskelverspannungen und für bessere Beweglichkeit – Massagen (Kopf und Nacken), manuelle Therapie, insbesondere mit Triggerpunkttherapie sowie passiv-aktive und aktive Dehnübungen eingesetzt.
Physiotherapie reduziert Intensität und Häufigkeit von Kopfschmerz
Die Analyse der Übersichtsarbeit [1] ergab, dass sich bei CMD-Patienten nach Physiotherapie des Kiefergelenks oder der Mund- und Gesichtsmuskulatur die Kopfschmerzintensität und -häufigkeit signifikant verbesserte und sich dementsprechend für solche Patienten ein Behandlungsansatz verteilt über verschiedene Fachbereiche lohnt. Damit geht die Arbeit von Quilghini et al. [1] weiter als ein älteres niederländisches systematisches Review [2], das zwar feststellte, dass orofaziale Physiotherapie und eine manuelle Therapie der Halswirbelsäule die Schmerzintensität bei Kopfschmerzen offenbar effektiv reduzieren kann, gleichzeitig aber darauf hinweist, dass die Autoren die Aussagekraft der Feststellung wegen der in der Behandlung verwendeten unterschiedlichen Therapieformen als sehr gering einstufen. Aber auch die Übersichtarbeit [1] weist auf notwendige weitere Forschungsbemühungen hin, insbesondere hinsichtlich der unterschiedlichen Behandlungstechniken in der Physiotherapie.
Fachleute empfehlen bei CMD-Patienten mit Migräne, zusätzlich zu Zahnarzt und Physiotherapeut einen Neurologen und Psychotherapeuten in das multidisziplinäre Team aufzunehmen [3], und das nicht nur, weil es Hinweise darauf gibt, dass das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) ebenfalls an CMD beteiligt ist und daher in CGRP-gerichteten Therapien zukünftig Potenzial für eine pharmakologische Monotherapie beider Krankheiten gesehen wird.
Eine klinische Studie [4] beschrieb schon vor und wie Quighini et al., dass nicht nur einzelne, sondern mehrere Interventionen zur Behandlung von Kopfschmerzen bei Patienten mit CMD sich positiv auswirken. Hier zeigte sich bei der Behandlung von CMD-Patienten mit chronischer Migräne unter Fortführung ihrer medikamentösen Migränetherapie, dass eine kombinierte physiotherapeutische Behandlung von Halswirbelsäule und des orofazialen Bereichs effizienter war als die alleinige Behandlung der Halswirbelsäule (bei jeweils manueller Therapie und Übungen): Mit der zusätzlichen orofazialen Behandlung erhöhten sich die Druckschwellenwerte im Trigeminusbereich und es konnte besser eine schmerzfreie maximale Mundöffnung erreicht werden.
Unterstützung der Schienen- durch Physiotherapie
Forscher untersuchten auch, wie sich eine Therapie der CMD mit Aufbissschiene und Physiotherapie auf die Kopfschmerzerkrankungen dieser Patienten auswirkt [5]. Dabei stellten sie fest, dass eine Schienentherapie zwar nicht nach einer Tragedauer von einem bis drei Monaten, aber nach vier bis neun Monaten die Häufigkeit der Kopfschmerzen (von im Mittel 1,57 auf 1,21 Episoden/Woche) reduzierte. Die Intensität der Kopfschmerzen wurde dagegen nicht gesenkt. Unterzogen sich die Patienten zeitgleich zusätzlich einer Physiotherapie, verringerte diese die Kopfschmerzintensität bereits in den ersten drei Monaten ab Therapiebeginn, im Beobachtungsraum vier bis neun Monate verringerte sie sich etwas stärker. Die Autoren auch dieses Reviews ziehen trotz geringer Evidenz und offener Fragen den Schluss, dass man in solchen Fällen eine Kombinationstherapie von Schiene und physiotherapeutischen Maßnahmen bei CMD-Patienten mit Kopfschmerzen „in Betracht ziehen sollte“.
Das Wichtigste in Kürze |
Studien zufolge gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Kopfschmerzen und craniomandibulärer Dysfunktion (CMD). Es konnte auch gezeigt werden, dass physiotherapeutische Maßnahmen Kopfschmerzerkrankungen von CMD-Patienten lindern und das allgemeine Befinden der Patienten bessern. Dabei ist die Anwendung verschiedener Behandlungsansätze wirksam. Es besteht weiterer Forschungsbedarf, da insbesondere hinsichtlich der verschiedenen in der Physiotherapie angewandten Behandlungstechniken die Beweislage teilweise gering ist. Es empfiehlt sich ein multidisziplinäres Behandlungsteam. |
Quellen
- [1] Quilghini C, Lefflot J, Buchholtz K. The effectiveness of physiotherapy for chronic headaches in patients with temporomandibular disorders: a systematic review. Front Rehabil Sci. 2025 Sep 23;6:1647927. doi.org/10.3389/fresc.2025.1647927.
- [2] van der Meer HA et al. Effects of physical therapy for temporomandibular disorders on headache pain intensity: A systematic review. Musculoskelet Sci Pract. 2020 Dec;50:102277. doi.org/10.1016/j.msksp.2020.102277.
- [3] Romero-Reyes M, Akerman S, Rapoport A.M. Optimising combined treatment for migraine and temporomandibular disorders (TMDs). Cephalalgia 2025; 45 (9): e03331024251368882. doi.org/10.1177/03331024251368882.
- [4] Garrigós-Pedrón M et al. Effects of a Physical Therapy Protocol in Patients with Chronic Migraine and Temporomandibular Disorders: A Randomized, Single-Blinded, Clinical Trial. J Oral Facial Pain Headache. 2018 Spring;32(2):137–150. doi.org/10.11607/ofph.1912.
- [5] Demont A, Benaissa L, Pitance L. Efficacy of Conservative Interventions Targeting Temporomandibular Disorders for Adults With Headache Disorders: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Oral Rehabil. 2025 Jun;52(6):937–948. doi.org/10.1111/joor.13994.