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  • · Fachbeitrag · Statistik

    HELPER-Befragung: Mehr Umsatz, aber gleich viele Patienten

    von Alexandra Buba M. A., Wirtschaftsjournalistin, Fuchsmühl

    Trotz des von den Krankenkassen vermeldeten Umsatzwachstums in der Physiotherapie – für die letzten drei Quartale 2025 etwas über sieben Prozent – spricht wenig dafür, dass sich die wirtschaftliche Situation im Beruf tatsächlich gerade grundlegend ändert. Das zeigt die jüngst veröffentlichte HELPER-Befragung im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention (online unter iww.de/s15530 ).

    Selbstständige stehen schlechter da

    Wenn die Gesundheitsausgaben steigen, stehen schnell die Heilmittelerbringer als vermeintliche Kostentreiber im Fokus. Doch das hat mit der Realität nicht immer viel zu tun. So verdienen angestellte Physiotherapeuten mit zehn Jahren Berufserfahrung laut dem Lohnspiegel der Hans-Böckler-Stiftung durchschnittlich 3.290 Euro im Monat (Frauen 3.240 Euro brutto und Männer 3.410 Euro). Das mittlere Einstiegsgehalt liegt bei 2.970 Euro, nach 20 Jahren im Beruf steigt der Monatslohn auf etwa 3.430 Euro in Vollzeit. Betrachtet man das durchschnittliche Nettoeinkommen pro Arbeitsstunde, so erhalten laut HELPER-Befragung des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg angestellte Physiotherapeuten 24,20 Euro pro Stunde und ausschließlich freiberuflich tätige oder selbstständige 24,10 Euro pro Stunde.

    Hohe Arbeitszufriedenheit trifft auf mehr Belastung

    Damit verdienen, salopp gesagt, die Praxisinhaber rein rechnerisch immer noch schlechter als ihre Angestellten. Dabei tragen sie das volle unternehmerische Risiko und die Verantwortung für ihre Beschäftigten – ein Umstand, der in den meisten anderen Branchen mit einem deutlich höheren Einkommen einhergeht. Dieser Sachverhalt drückt aber nicht unbedingt auf die Moral: Denn die Physiotherapeuten in der HELPER-Befragung schätzten ihren sozioökonomischen Status mehrheitlich (62,1 Prozent) als im Mittelfeld liegend ein. Nur 26,5 Prozent der Befragten ordnen sich im unteren Bereich ein, mit einem im Vergleich zur Gesamtgesellschaft schlechteren Status. 11,4 Prozent dagegen schätzen ihren sozioökonomischen Status im Vergleich zur Gesellschaft als besser ein.

    Fachkräftemangel sorgt für Stress

    Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft fehlten in Deutschland bereits im Jahr 2024 über 12.000 Physiotherapeuten. Wie dramatisch die Mangelsituation ist, zeigt der Vergleich mit anderen Berufen in der Gesundheitswirtschaft. So fehlten in der Krankenpflege zwar 18.000 Kräfte, allerdings arbeiteten in diesem Bereich auch 1,9 Mio. Menschen. In der Physiotherapie hingegen sind es nur etwas über 200.000 Personen. Ebenfalls ein Bereich, der chronischen Personalmangel beklagt, ist die Kinderbetreuung. Hier fehlen auf rund 800.000 Beschäftigte etwa 20.000.

     

    Prozentual fehlen in den Berufen der Pflege und Kinderbetreuung Fachkräfte in einer Größenordnung zwischen einem und 2,5 Prozent. In der Physiotherapie sind es dagegen sechs Prozent und damit mehr als doppelt so viele wie in der Kinderbetreuung. Die Konsequenzen spiegelt die Alltagserfahrung wider: In der HELPER-Befragung gibt die Hälfte der Befragten an, keine geregelte Urlaubsvertretung zu haben (50,8 Prozent), während 36,9 Prozent durch das Team oder durch Kollegen (11,7 Prozent) vertreten werden. Durchschnittlich werden 25 Tage pro Jahr Urlaub genommen. Der Vergleich der tatsächlichen mit der gewünschten Arbeitszeit zeigt, dass über die Hälfte der Befragten mehr arbeitet, als sie möchte (24,2 Prozent „viel mehr als ich möchte“, 40,2 Prozent „mehr als ich möchte“). Ein Drittel der Befragten (32,2 Prozent) ist mit der Arbeitszeit zufrieden und arbeitet genauso viel, wie sie möchte. Lediglich 3,5 Prozent der Befragten arbeiten weniger als gewünscht.

    Umsätze steigen zwar, aber Verordnungen nehmen ab

    Erst für das Jahr 2024 stellte die AOK fest, dass die Verordnungsrate aus der Zeit vor der Covid-19-Pandemie wieder erreicht sei, um für das Folgejahr schließlich Rekordausgaben zu vermelden. Verwiesen wird dabei auf eine Volumensteigerung von rund sieben Prozent für das Jahr 2025, dessen letztes Quartal noch der Auswertung nicht eingegliedert ist. Blickt man daneben auf die Anzahl der Patientinnen und Patienten, so fällt auf, dass diese seit 2015 zumindest bei der AOK stark rückläufig ist. So betrug die Quote der Versicherten, die Physiotherapie in Anspruch nahmen, im Jahr 2015 noch 17,2 Prozent, während sie 2024 nur noch bei 15,7 Prozent gelegen hat.

     

    In der HELPER-Befragung gab ein Drittel der befragten Therapeuten an, dass bei ihnen mit einer Wartezeit von drei Monaten bei Therapie und Hausbesuchen zu rechnen ist. Gleichzeitig dauert es sogar sieben und mehr Monate laut einem Fünftel der Befragten, einen Termin für einen Hausbesuch anbieten zu können. Selten können dagegen Therapien sofort angeboten werden (Selbstzahlerleistungen: 22,1 Prozent, Therapie: 14,5 Prozent).

    Ein Prozent mehr Praxen

    Die Gründe für die langen Wartezeiten liegen vor allem in einer schwachen Personalausstattung. Die Physiotherapie verzeichnete laut WIdO-Bericht 2025 (vgl. PP 04/2026, Seite 3 f.) einen deutlich schwächeren Anstieg an Leistungserbringern für die gesetzlichen Krankenkassen als die Bereiche Ergotherapie, Logopädie und Podologie. Er lag bei etwa einem Prozent, während die anderen Heilmittelbereiche mehr als doppelt so stark wuchsen. Das gilt laut GKV-Heilmittel-Schnellinformation für Deutschland Januar bis September 2025 auch für Umsätze und Verordnungen: plus 21,4 Prozent Bruttoumsatz in der Ergotherapie in den ersten drei Quartalen 2025 versus 7,3 Prozent in der Physiotherapie, wo zudem die Verordnungsblätter ein Minus von zwei Prozent aufweisen. Insofern ist also durchaus Skepsis geboten, wenn man aus den jüngsten Wachstumszahlen bereits auf eine Trendwende schließen möchte.

    Quelle: Ausgabe 05 / 2026 | Seite 4 | ID 50816873