· Fachbeitrag · Marktforschung
Branchenreport Physiotherapie 2026: Selbstzahler treiben das Wachstum
Der 4. Branchenreport Physiotherapie 2026 von ETL ADVISION und dem Verlag für Prävention & Gesundheit (TT-DIGI) liegt vor (kostenfreier Download online unter iww.de/s15922 ). Grundlage ist eine bundesweite telefonische Befragung von 500 Physiotherapiepraxen durch das Marktforschungs-Institut Würtenberger (FIW) im Februar und März 2026. Die PP-Redaktion hat die Ergebnisse für Sie ausgewertet. Eine der wesentlichen Erkenntnisse: Selbstzahler sind der dynamischste Wachstumstreiber.
Erkenntnisinteresse ist die wirtschaftliche Situation der Physiopraxen
Im Unterschied zum WIdO-Bericht (PP 04/2023, Seite 3 ff.) oder zum BARMER-Heilmittelreport (PP 09/2024, Seite 3 ff.), die die Verordnung von Heilmitteln in Deutschland aus Sicht der Krankenkassen beleuchten, untersucht der Branchenreport – ebenso wie sein Vorläufer, die Eckdatenstudie Physiotherapie (PP 06/2023, Seite 3 ff.), – die wirtschaftliche Situation von Physiotherapiepraxen. Die Daten werden nicht durch Abgleich mit den Heilmittelverordnungen der gesetzlichen Krankenversicherung, sondern durch Telefoninterviews mit Physiotherapiepraxen erhoben.
MERKE — Die repräsentative Umfrage umfasst eine Stichprobe von 500 Physiopraxen, die per Zufallsprinzip aus einer Grundgesamtheit von 31.500 Unternehmen erhoben wurden. Da die Stichprobe jährlich neu gezogen wird, handelt es sich bei Zeitreihenvergleichen nicht um eine exakte Verlaufanalyse. Die befragten Einrichtungen werden im Folgenden der Einfachheit halber mit dem Begriff „Praxis“ bzw. „Praxen“ bezeichnet. |
Der Markt wächst – die Arbeitskapazität nicht
Zum Stichtag (31.12.2025) waren bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) 51.631 Praxen gemeldet, ein Plus von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr (50.888). Die Zahl der Einrichtungen steigt also weiter – die real verfügbare Therapiezeit hält damit aber nicht Schritt.
Im Schnitt beschäftigt eine Praxis 5,57 therapeutische Mitarbeitende (Vorjahr: 5,44). Wegen der hohen Teilzeitquote von 53 Prozent stehen daraus jedoch nur 4,24 Vollzeitäquivalente (VZÄ) zur Verfügung – nach 4,40 im Vorjahr. Die Autoren des Branchenreports schließen daraus, dass die Zahl der Praxen schneller wächst als die Zahl der Vollzeitäquivalente. Für Praxisinhaber bedeutet das: mehr Wettbewerb um Patienten und Personal, aber pro Einrichtung weniger abrechenbare Behandlungszeit. Der Frauenanteil bleibt mit 74 Prozent stabil hoch.
Umsatz und Gewinn: deutliches Plus, aber breite Spreizung
Der durchschnittliche Bruttojahresumsatz liegt 2026 bei 471.000 Euro. Das ist ein Anstieg von 13,5 Prozent gegenüber 415.000 Euro im Vorjahr. Getragen wird dieses Plus vor allem durch mehr Gemeinschaftspraxen und zusätzliche therapeutische Mitarbeitende. Der Umsatz je Vollzeitkraft steigt auf 115.200 Euro (Vorjahr: 110.000 Euro) – und das, obwohl die verfügbare Arbeitskapazität sinkt. Das deutet auf höhere Preise, mehr Selbstzahlerleistungen und effizientere Prozesse hin. Entscheidend für den Umsatz einer Praxis ist die Rechtsform:
Jahresumsatz in Euro nach Rechtsform | ||
Rechstform | Jahresumsatz, gesamt | Jahresumsatz pro VZÄ |
Einzelunternehmen | 395.200 | 109.650 |
Personengesellschaft | 633.900 | 119.430 |
Kapitalgesellschaft | 1.025.000 | 151.840 |
Beim Gewinn zeigt sich, dass Umsatz nicht gleich Ertrag ist: Rund 80 Prozent der Praxen, die sich äußerten, erzielen einen Jahresgewinn von bis zu 100.000 Euro. Etwa 19 Prozent liegen zwischen 100.000 und 250.000 Euro, nur 1,3 Prozent darüber. Die Stimmung hellt sich auf – 58,8 Prozent bewerten ihre wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut (Vorjahr: 52,8 Prozent).
Kostenseite: Miete und Gehälter ziehen an
Nur 36,2 Prozent der Praxisinhaber sind Eigentümer der Praxisimmobilie, rund 63,8 Prozent der Praxen befinden sich in gemieteten Räumen. Die durchschnittliche Kaltmiete steigt auf 9,54 Euro pro Quadratmeter, im Vorjahr waren es 9,06 Euro. Das ist ein Plus von 5,2 Prozent – und damit deutlich stärker als die allgemeine Inflation. Bei einer Durchschnittsfläche von 162,7 Quadratmetern ergibt das eine monatliche Kaltmiete von rund 1.552 Euro. Die regionalen Unterschiede sind erheblich: In Hamburg werden 13,18 Euro pro Quadratmeter fällig, in Sachsen 7,68 Euro.
Auch die Personalkosten steigen spürbar. Das Einstiegsgehalt für Berufsanfänger liegt im Schnitt bei 2.991 Euro brutto (+4,7 Prozent), für Mitarbeitende mit Berufserfahrung bei 3.773 Euro brutto (+6,8 Prozent). Der Wettbewerb um erfahrene Kräfte ist besonders intensiv – die Gehaltsentwicklung übersteigt hier die allgemeine Inflation (Mittelwer 2021-2025: 3,9 Prozent, 2025: 2,2 Prozent).
Selbstzahler und Trainingstherapie: der Ertragshebel
Der Selbstzahlerbereich bleibt der dynamischste Wachstumstreiber. 86,8 Prozent der Praxen bieten entsprechende Leistungen an – nach 78,6 Prozent im Vorjahr. Im Schnitt umfasst das Angebot 6,5 Leistungen je Praxis (Vorjahr: 5,5). Am häufigsten genannt werden
- private Physiotherapie (87,2 Prozent),
- klassische Massage (80,7 Prozent) und
- die klassische Rückenmassage (71,9 Prozent).
Besonders lohnend ist die Trainingstherapie. 32,7 Prozent der Praxen verfügen über eine entsprechende Fläche. Der durchschnittliche Monatsbeitrag steigt auf 54,82 Euro (Vorjahr: 51,57 Euro). Zum Vergleich: Die DSSV-Eckdatenstudie zum deutschen Fitnessmarkt weist für 2025 einen Durchschnittsumsatz von 48,55 Euro je Mitglied und Monat aus. Ehemalige Patienten zahlen für betreutes Training in der Physiopraxis also rund 13 Prozent mehr als im Fitnessstudio – ein starkes Argument für den Aufbau eines eigenen Trainingsangebots.
Abrechnung: Privatpreise, Ausfallhonorare und Taktung
Bei der Berechnung der Preise für Privatpatienten orientieren sich 43,3 Prozent der Praxen an den Sätzen der Beihilfe und 39,5 Prozent an denen der GKV; 17,2 Prozent nennen sonstige Grundlagen. Auffällig: Auf Beihilfebasis rechnen inzwischen 47,1 Prozent mit dem Faktor 1,2 ab (Vorjahr: 28,4 Prozent) – die Praxen nutzen ihren Preisspielraum konsequenter.
Beim Umgang mit Terminausfällen bleibt Luft nach oben. 58,2 Prozent der Praxen erheben ein Ausfallhonorar (Vorjahr: 58,8 Prozent), im Schnitt 28,26 Euro. Eine 24-Stunden-Regelung setzen nur 22,6 Prozent konsequent um, 35,6 Prozent teilweise, 41,8 Prozent gar nicht. Als Gründe für den Verzicht nennt der Report Kundenbindung, regionale Konkurrenz und Unsicherheit bei der rechtlichen Durchsetzung.
Die Taktung der Einzelbehandlung (KG-Einzel) bleibt eine zentrale wirtschaftliche Stellschraube:
- 46,2 Prozent takten 20 Minuten,
- 23,6 Prozent 25 Minuten und
- 27,8 Prozent 30 Minuten.
Längere Takte finden sich häufiger in Praxen mit höherem Privatanteil oder Premiumpositionierung – laut Inhabern auch mit positivem Effekt auf die Mitarbeiterbindung.
Recht und Steuern: worauf Sie achten sollten
Zwei Befunde sind rechtlich und steuerlich besonders relevant.
- 1. Weniger Einzelunternehmen: Der Anteil der Einzelunternehmen sinkt auf 68,4 Prozent (2024: 74,2 Prozent), während Personengesellschaften auf 25,8 Prozent zulegen. Kapitalgesellschaften bleiben mit 5,8 Prozent stabil. Als Gründe für Partnerstrukturen nennt der Report Risikoteilung, Arbeitszeitaufteilung, Professionalisierung, Wachstumsstrategien und Nachfolge – allesamt Anlässe, bei denen sich eine steuerliche und gesellschaftsrechtliche Beratung auszahlt.
- 2. Mehr freie Mitarbeitende: 21,0 Prozent der Praxen arbeiten mit ihnen (Vorjahr: 19,4 Prozent), bei einer durchschnittlichen Honorarbeteiligung von 78,5 Prozent. Der Report weist ausdrücklich darauf hin, dass hier eine sozialversicherungsrechtliche Prüfung dringend einzuholen ist – Stichwort Statusfeststellung und Scheinselbstständigkeit. Die hohe Honorarquote begrenzt zudem die Wirtschaftlichkeit dieses Modells.
Ergänzend: 45,0 Prozent der Praxen beschäftigen mindestens einen (sektoralen) Heilpraktiker – ein strategischer Vorteil bei der Privatabrechnung und im Selbstzahlerbereich. Und: 98,0 Prozent der Praxen werden von einem Steuerberater betreut, aber nur 19 Prozent davon von einem auf Physiotherapie spezialisierten Berater. Gerade bei Umsatzsprüngen, Rechtsformwechsel und Investitionen macht spezialisierte Beratung einen Unterschied.
Investitionen: hohe Bereitschaft, konservative Finanzierung
2025 investierte die Branche hochgerechnet rund 390 Mio. Euro; für 2026 sind bereits über 370 Mio. Euro eingeplant. 81,0 Prozent der Praxen waren investitionsaktiv, im Schnitt mit 9.317 Euro je Praxis. Bemerkenswert für die Finanzplanung: 80,7 Prozent finanzieren ausschließlich aus Eigenkapital, 19,1 Prozent kombinieren Eigen- und Fremdmittel. Im Vorjahr waren es noch 15,9 Prozent. Der leicht steigende Fremdkapitalanteil dürfte damit zusammenhängen, dass größere Investitionen – etwa in Trainingsgeräte – nicht mehr allein aus dem Cashflow zu stemmen sind.
Digitalisierung, Telematik und KI
Der Digitalisierungsstand verbessert sich deutlich: Der Mittelwert der Selbsteinschätzung liegt bei 2,52 (Vorjahr: 2,97). 68,4 Prozent der Praxen planen einen weiteren Ausbau – vor allem in Abrechnung und Praxisorganisationssoftware. Die verpflichtende Anbindung an die Telematikinfrastruktur wurde von Anfang 2026 auf Oktober 2027 verschoben; 38,1 Prozent begrüßen diesen Aufschub, doch erst 18,2 Prozent der noch nicht angeschlossenen Praxen haben sich sicher für den Anschluss entschieden.
Auffällig offen zeigt sich die Branche gegenüber künstlicher Intelligenz KI). Auf die Frage, ob KI bei Verwaltung und administrativen Aufgaben helfen könnte, antworten 40,4 Prozent mit „Ja“ und 41,3 Prozent mit „Vielleicht“ – nur 18,4 Prozent lehnen ab. Angesichts von Fachkräftemangel und hoher Dokumentationslast wird KI überwiegend als Entlastung wahrgenommen. Die Videotherapie bleibt dagegen Nische: Nur 13,2 Prozent nutzen sie gelegentlich oder planen dies – meist scheitert es an Zeit und Personal.
FAZIT — Die Zahlen zeichnen einen wachsenden, aber anspruchsvolleren Markt. Umsatzwachstum allein sichert keine Rendite, wenn Miete und Gehälter stärker steigen als die Vergütung. Drei Ansatzpunkte stechen hervor:
Wer zusätzlich in Digitalisierung investiert, verschafft sich Spielraum gegenüber dem Fachkräftemangel. |
WEiterführende Hinweise
- Quelle: 4. Branchenreport Physiotherapie 2026, herausgegeben von ETL ADVISION und dem Verlag für Prävention & Gesundheit (TT-DIGI). PDF, 56 Seiten, online unter iww.de/s15922. Datenbasis: telefonische Befragung von 500 Physiotherapiepraxen durch das Marktforschungs-Institut Würtenberger (FIW), Februar/März 2026. Rechtsstand: 01.04.2026.
- Eckdatenstudie Physiotherapie: Bei der Digitalisierung ist noch Luft nach oben (PP 06/2023, Seite 6 ff.)