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·Fachbeitrag ·Interview

Direktzugang zum Physiotherapeuten - Chancen und Risiken eines neuen Versorgungsmodells

von Silke Jäger, ergoscriptum Texte für Reha und Therapie, Marburg

| Wir befragten Ute Repschläger anlässlich der jüngsten Meldungen aus Großbritannien, wonach dortige Physiotherapeuten nun auch Rezepte für bestimmte Arzneimittel ausstellen dürfen, welche Modelle des direkten Patientenzugangs für deutsche Physiotherapeuten vor der Tür stehen. Ute Repschläger ist Vorsitzende des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten - IFK e. V. |

 

Redaktion: Wie sieht eine sinnvolle Regelung des Direktzugangs zum Physiotherapeuten nach Meinung des IFK aus?

 

Ute Repschläger: Mit dem „Direct Access“ bzw. dem Direktzugang ist die Möglichkeit gemeint, dass Patienten ohne eine vorherige Verordnung des Arztes direkt zum Physiotherapeuten - also dem Bewegungsspezialisten - gehen können. Der Physiotherapeut hat dann die Kompetenz, in seinem Rahmen eine physiotherapeutische Diagnose zu stellen oder zur weiteren diagnostischen Abklärung an den Arzt zu verweisen. Zudem kann er entscheiden, ob er die Beschwerden selbst behandeln kann und/oder weitere Gesundheitsberufe hinzugezogen werden müssen. Nach Meinung des IFK sollte der Direktzugang möglichst zeitnah und flächendeckend in Deutschland eingeführt werden. Er bietet ein niederschwelliges dezentrales Angebot. Prinzipiell sollte er jedem Physiotherapeuten nach Überprüfung des Kenntnisstands und einer gegebenenfalls notwendigen Zusatzausbildung erlaubt sein.

 

Redaktion: Können Sie das Modellvorhaben für mehr Autonomie in diesem Zusammenhang kurz vorstellen? Welche Hoffnungen verknüpft der IFK damit? Wie kann das Modell helfen, den Direktzugang zum Physiotherapeuten zu erreichen?

 

Ute Repschläger: Gemeinsam mit der gesetzlichen Krankenkasse BIG direkt gesund und dem wissenschaftlichen Institut ZAHW in der Schweiz hat der IFK in 2011 das erste und bislang einzige Modellvorhaben nach § 63 Abs. 3b SGB V in Deutschland gestartet. Die bisherige Versorgung der Patienten in Deutschland sieht eine Ausstellung eines Rezepts durch den Arzt unter anderem mit der Diagnose des Patienten sowie der Art des Heilmittels (zum Beispiel Krankengymnastik, Massage usw.), der Frequenz sowie der Dauer der physiotherapeutischen Behandlungsserie vor. Diesem Vorgehen wird ein Modell gegenübergestellt, das dem Physiotherapeuten den Freiraum lässt, Frequenz und Dauer der Behandlung selbst festzulegen sowie die Art des Heilmittels - entsprechend der vom Arzt gestellten Indikation - selbst auszuwählen. Daher ermöglicht dieses Modell auch noch keinen Direktzugang, sondern ist als eine Art Vorstufe zu werten. Das Modellvorhaben wird zeigen, ob neue Versorgungsformen zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität und zu Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen führen können.

Das Verzeichnen positiver Ergebnisse wird höchstwahrscheinlich erheblichen Einfluss auf die tatsächliche Veränderung der Versorgungsstrukturen haben. Daher: Daumen drücken. Erste Ergebnisse sind für den Spätherbst zu erwarten.

Redaktion: Welche Bedeutung hat das Konzept des beschränkten Heilpraktikers für Physiotherapeuten für den Direktzugang?

 

Ute Repschläger: Leider gar keine! Der Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Physiotherapie, ist sicherlich ein Konzept, das Physiotherapeuten erlaubt, rechtssicher physiotherapeutische Leistungen im Selbstzahlerbereich abzugeben. Für den Direktzugang von Physiotherapeuten ist das Konzept jedoch qua definitione von geringer Bedeutung, denn der Physiotherapeut agiert hier als Heilpraktiker. Aus berufspolitischer Sicht ist diese Entwicklung fragwürdig, da Physiotherapeuten mit ihrer qualifizierten Ausbildung und staatlichen Anerkennung schon nach eigenem Selbstverständnis keine Heilpraktiker sind. Davon abgesehen hat im Rahmen des GKV-Systems die beschränkte Heilpraktikererlaubnis kaum Relevanz. Allerdings entstehen bei der Ausübung der physiotherapeutischen Tätigkeit als beschränkter Heilpraktiker steuerrechtliche Vorteile bei Anschlussbehandlungen, die dem Physiotherapeuten, der im Selbstzahlerbereich arbeitet, derzeit verwehrt bleiben. Letztlich ist dieses Konzept dennoch eines, das aus berufspolitischer Sicht eher schadet als nützt. So hat der Gesetzgeber seine ursprüngliche Zusage, unser Berufsgesetz (MPhG) noch in dieser Legislaturperiode zu überarbeiten, zurückgezogen. Der IFK fordert daher auch weiterhin den Direktzugang für Physiotherapeuten ohne den „Umweg“ über eine beschränkte Heilpraktikererlaubnis.

 

Redaktion: Welche internationalen Modelle können für das deutsche Gesundheitssystem eine Vorbildfunktion haben?

Ute Repschläger: Es gibt verschiedene internationale Modelle, die sich insbesondere darin unterscheiden, wie viel Freiraum die Physiotherapeuten tatsächlich in ihrem alltäglichen Handeln im Rahmen des Direktzugangs erhalten haben. Sicherlich kann man sich an dem einen oder anderen Modell orientieren, eine Vorbildfunktion erfüllen sie aber nicht, weil die Gesundheitssysteme in den verschiedenen Ländern nicht vergleichbar sind. Orientierungsmodelle können daher am ehesten Großbritannien oder Australien liefern.

 

Redaktion: Welche Schwierigkeiten sind mit mehr Autonomie von Physiotherapeuten verbunden?

 

Ute Repschläger: Es bestehen keine Schwierigkeiten - wenn man den Direktzugang durch sinnvolle Maßnahmen begleitet, die die Patienten- und Therapeutensicherheit im Blick haben. Zur Therapeutensicherheit gehört eine entsprechende Anpassung der Versicherungen an das Haftungsrisiko. Die Patientensicherheit kann mithilfe von Kompetenzüberprüfungen der Therapeuten gewahrt werden. Zudem sollte man eines nicht vergessen: Die Physiotherapie ist im Vergleich zur Medizin eine „low-risk-profession“.

In Australien wird ein „Registration Board“ geführt, das alle Beschwerden, die von Patienten nach einer physiotherapeutischen Behandlung angegeben werden, registriert. Dabei hat sich gezeigt, dass im Durchschnitt nur drei Fälle im Jahr überhaupt zu Verwarnungen der Therapeuten durch das „Registration Board“ führen und bisher kein Physiotherapeut aufgrund von Behandlungsfehlern ausgeschlossen werden musste. Der Direktzugang hat in Australien also zu keinen Problemen im Hinblick auf die Patientensicherheit geführt, sodass dies auch für Deutschland nicht zu erwarten ist.

 

Redaktion: Kann der Direktzugang helfen, flächendeckende Versorgung zu gewährleisten? Inwiefern?

 

Ute Repschläger: Ja, auf jeden Fall! Die Versorgungssituation in den ländlichen Bereichen Deutschlands - insbesondere in den Ost-Ländern - ist häufig bedrohlich. Niedergelassene Ärzte ziehen sich zunehmend aus diesen Gebieten zurück. Fehlen die Ärzte, werden auch notwendige Verordnungen von Heilmitteln nicht mehr ausgestellt. Den Praxen wird dadurch ihre wirtschaftliche Basis entzogen. Aufgrund ihrer Abhängigkeit von der Verordnung durch den Arzt folgen sie dem Rückzug der Ärzte. Wenige Praxen bleiben zurück. Hier entstehen lange Wartezeiten und Fahrtwege für Patienten. Eine Versorgung mit Heilmitteln im häuslichen Umfeld ist nicht mehr gewährleistet. Gegebenenfalls bleibt eine Versorgung mit medizinisch notwendigen Heilmitteln sogar komplett aus. Will man die Versorgung mit Heilmitteln im ländlichen Raum sicherstellen, müssen bestehende Standortnachteile für Leistungserbringer ausgeglichen und zusätzliche Motivationsanreize gesetzt werden. Die wesentliche Forderung für Heilmittelerbringer ist aus Sicht des IFK: Eine dezentrale ist sinnvoller als eine zentrale Versorgung. Bei zentralen Strukturen müssen die Praxen in der Fläche eingebunden sein. Besser sind jedoch die Stärkung mobiler Leistungen, eine angemessene Vergütung und die Einführung des Direct Access.

 

Redaktion: Wie reagieren andere Akteure des Gesundheitssystems auf die Bestrebungen der Physiotherapeuten? Andere Heilmittelerbringer? Ärzteschaft? Politik?

 

Ute Repschläger: Von einer Begeisterung der Ärzteschaft, gerade auf der Ebene der Funktionäre, auszugehen, wäre natürlich zu viel verlangt. Dennoch kommen auch von ihr positive Bekundungen, gerade von den Nachwuchskräften, die bereits Erfahrungen im interdisziplinären Arbeiten mitbringen und den Ärzten, die vor Ort in der Praxis tätig sind. Die Krankenkassen werden häufig als Gegner des Direktzugangs dargestellt, was der IFK nicht bestätigen kann. Gerade neue Versorgungsmodelle, die eine höhere Effektivität und Effizienz versprechen, werden von den Krankenkassen sowohl ideell als auch finanziell unterstützt. In politischen Diskussionen geht es vor allem um eine Vision, wie das zukünftige Gesundheitswesen in Deutschland gestaltet sein muss, damit Wandlungsprozesse, zum Beispiel der demografische, bewältigt werden können. In diesem Zusammenhang spielt natürlich auch der Direktzugang als Möglichkeit eine Rolle, die Patientenversorgung in Deutschland zukunftsgerichtet zu gestalten.

Quelle: Ausgabe 10 / 2012 | Seite 2 | ID 35480500