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  • ·Fachbeitrag ·Forschung und Lehre

    „Bei der Lehre zu Geschlechteraspekten ist noch Luft nach oben!“

    | Trotz aller gesundheitsbezogenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sieht es auch in der Physiotherapie mit dem Geschlechterwissen bescheiden aus. Das zeigt ein BMG-Gutachten zur geschlechtersensiblen Lehre, das von der Charité Berlin und dem Deutschen Ärztinnenbund e. V. (DÄB) erarbeitet wurde (vgl. weiterführenden Hinweis). Dr. Sabine Ludwig, Vertretungsprofessorin an der Hochschule für Gesundheit (hsg) Bochum, gehört zu den Autorinnen. Mit Ursula Katthöfer (textwiese.com) sprach sie über Wege, um geschlechtersensible Aspekte besser in der Lehre zu verankern. |

     

    Frage: Frau Dr. Ludwig, wie gut wird in der Physiotherapieausbildung in Deutschland über krankheitsbezogene Geschlechterunterschiede informiert?

     

    Antwort: In der Krankheitslehre sind Geschlechteraspekte schon recht gut integriert. Für das Fach Geriatrie sagten uns 73 Prozent der Schulleitungen, dass diese Aspekte vorkommen. In Kardiologie und Innerer Medizin ist es jeweils etwa die Hälfte. Bei der physiotherapeutischen Befundaufnahme gaben sogar 87 Prozent an, Geschlechteraspekte zu integrieren. Das sagt jedoch noch nicht aus, wie oft das Thema in der Ausbildung vorkommt. Nur 15 Prozent der Studierenden haben mehrere Veranstaltungen, in denen Geschlechterunterschiede angesprochen werden. Und nur 6,4 Prozent der Schulen haben geschlechtersensible Aspekte in das Curriculum und in die Prüfungen integriert.

     

    Frage: Wo wird eher auf Geschlechteraspekte geachtet, wo weniger?

     

    Antwort: Im praktischen Unterricht werden bei Fallbesprechungen geschlechtersensible Aspekte deutlich häufiger besprochen als in theoretischen Veranstaltungen. Nur in einem Drittel der Seminare und 40 Prozent der Vorlesungen werden sie aufgegriffen.

     

    Frage: Woran liegt das?

     

    Antwort: Wir gehen davon aus, dass das Thema noch nicht überall angekommen ist. Trainings und Unterrichtsmaterial für die Dozierenden fehlen. Mehr als zwei Drittel der Lehrenden integrieren Forschungsergebnisse nicht in ihren Unterricht. Einerseits fehlt die Zeit, denn man müsste z. B. in verschiedenen Datenbanken recherchieren. Andererseits fehlt bei einigen die Sensibilität.

     

    Frage: Wie ließen Lehrkräfte sich sensibilisieren?

     

    Antwort: Ich habe an der Charité als Gender Change Agent gearbeitet. Die Stelle wurde damals aus dem Berliner Chancengleichheitsprogramm finanziert. Dabei habe ich Lehrende bei der Formulierung von geschlechtersensiblen Lernzielen unterstützt. Prävention und Vorsorge werden von beiden Geschlechtern unterschiedlich bewertet. Wenn Lehrende dazu Material erhalten, nehmen sie die Themen gerne auf.

     

    Frage: Daraus lässt sich schließen, dass in den Lernmaterialien bisher wenig zwischen Männern und Frauen unterschieden wird.

     

    Antwort: Die meisten Lehrbücher zeigen den sportlich durchtrainierten Mann. In Skripten sind die Unterschiede zu etwa einem Drittel integriert, in Videos und digitalen Formaten noch seltener. In einer Bachelorarbeit könnte untersucht werden, wie Lehrbücher der Physiotherapie sich verbessern ließen.

     

    Frage: Möchten angehende Physiotherapeutinnen und -therapeuten denn überhaupt geschlechtersensible Inhalte?

     

    Antwort: Die Schulleitungen haben den Fragebogen bekommen. Sie sind in der Regel Physiotherapeuten bzw. Physiotherapeutinnen. 92 Prozent von ihnen betrachten Geschlechterkompetenzen als relevant. Der Wille und das Interesse sind also da. Es fehlen Zeit und Wissen.

     

    Frage: Dann lassen Sie uns in die Zukunft schauen. Welche konkreten Schritte sind nötig, um Geschlechterwissen und -kompetenzen besser zu vermitteln?

     

    Antwort: Kleine Physiotherapieschulen haben nicht die Ressourcen, eigene Lehrmaterialien zu entwickeln. Deshalb empfehlen wir, eine nationale Begutachtungsstelle einzurichten, die Trainings und Lernziele entwickelt und zur Verfügung stellt ‒ auch für andere Gesundheitsfachberufe. Außerdem gibt es bereits einige Lehrbücher zur Gendermedizin. Auch der Frauengesundheitsbericht gibt einen Überblick über Krankheitsbilder der Frau und weist auf Geschlechterunterschiede hin. Eine Datenbank, in der Literatur, Artikel und Forschungsergebnisse zu Geschlechteraspekten in der Medizin gesammelt werden, sollte weiterfinanziert und auf die Physiotherapie erweitert werden. Für die digitale Weiterbildung der Lehrenden wären Online-Module sinnvoll.

     

    Frage: Welche Rolle spielt die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung?

     

    Antwort: Sie ist sehr wichtig, da die Bundesländer auf ihrer Grundlage die Rahmenrichtlinien erlassen. Die sind wiederum das Maß für die Lehrpläne der Schulen. Daher sollten Geschlechteraspekte dort verankert werden sowie in die Prüfungsfragen im Sinne von „Assessment drives Learning“. Absolvierende der Physiotherapieschulen können außerdem befragt werden, welche Kompetenzen sie erlangt haben und was ihnen fehlt. Das würde zur Qualitätssicherung beitragen. Aufklärungskampagnen mit Flyern, Plakaten und Infoveranstaltungen an den Schulen sind denkbar. Es geht darum, die Qualität der physiotherapeutischen Versorgung zu verbessern. Wir sind bereits auf dem Weg, aber es liegt noch ein ganzes Stück vor uns.

     

    Frau Dr. Ludwig, vielen Dank für das Gespräch! L

     

    Weiterführender Hinweis

    • „Aktueller Stand der Integration von Aspekten der Geschlechtersensibilität und des Geschlechterwissens in Rahmenlehr- und Ausbildungsrahmenpläne, Ausbildungskonzepte, -curricula und Lernzielkataloge für Beschäftigte im Gesundheitswesen“. Berlin, Mai 2020; Volltext online unter iww.de/s4546
    Quelle: Ausgabe 04 / 2021 | Seite 16 | ID 47138434