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·Fachbeitrag ·Einkommen

Beruf: Physiotherapeut - Gelübde zur Armut?

von Klaus Thissen, Steuerberater, Kleve, www.physiotax.de 

| Die Überschrift mag provozierend klingen, doch langjährige Erfahrungen in der Praxis zeigen, dass Physiotherapeuten als Angestellte - aber auch als Selbstständige - oft mit einem Einkommen am Rande der Armutsgrenze auskommen müssen. „Müssen“, weil die Verdienstmöglichkeiten durch den Gesetzgeber beschränkt sind - zumindest im Bereich der gesetzlich krankenversicherten Patienten, die immerhin wenigstens 80 Prozent des Patientenaufkommens ausmachen. |

Definition der offiziellen Armutsgrenze

Den Erhebungen des Statistischen Bundesamts zur Definition der Armutsgrenze lässt sich entnehmen, dass diese bei einem Alleinstehenden bei einem Nettoeinkommen in Höhe von 980 Euro liegt. Ebenso markiert ein Nettoeinkommen in Höhe von 2.058 Euro die offizielle Armutsgrenze für Verheiratete. Aus diesen beiden Werten lassen sich Aussagen zum monatlichen Arbeitnehmer-Brutto (AN-Brutto), zum monatlichen Arbeitgeber-Brutto (AG-Brutto) und zum jährlichen Arbeitgeber-Brutto (AG-Brutto) herleiten, wie in Tabelle 1 dargestellt.

 

  • Tabelle 1: Armutsgrenze laut Statistischem Bundesamt
Armutsgrenze
Nettoeinkommen
monatlich
MonatlichesAN-Brutto
Monatliches AG-Brutto**
Jährliches
AG-Brutto**

Alleinstehende

980 Euro

1.310 Euro

1.594 Euro

19.128 Euro

Verheiratete*

2.058 Euro

2.198 Euro

2.676 Euro

32.112 Euro

 

* 2 Kinder, ohne Hinzurechnung des Kindergeldes. **AG-Brutto inklusive Arbeitgeberanteile zur Sozialversicherung.

Welche Umsatzmöglichkeiten haben Physiotherapeuten?

Um die Frage zu beantworten, ob das Einkommen von Physiotherapeuten deutlich über der offiziellen Armutsgrenze liegt, gilt unser erster Blick zunächst den Rahmenbedingungen, die den nachfolgenden Berechnungen in diesem Beitrag zugrunde liegen:

 

  • Grundlage der Berechnungen ist die Vergütungsvereinbarung gemäß § 125 SGB V mit dem Verband der Ersatzkassen e.V. (VdEK), Stand 1. April 2013. Sie regelt in engen Grenzen die Umsatzmöglichkeiten für Physiotherapeuten.
  • Der Umsatz wird in den folgenden Rechenbeispielen jeweils auf eine volle Stunde (60 Minuten) hochgerechnet. Ergänzende Maßnahmen der Wärme- und Kältetherapie wurden dabei außer Betracht gelassen.
  • Mindestumsatz: Der Preis pro Behandlung wird ebenfalls auf 60 Minuten hochgerechnet, wobei die längste Behandlungsdauer angesetzt wird. Bei Gruppenbehandlungen wurde lediglich die Untergrenze, also die Mindestanzahl von Patienten angesetzt.
  • Maximalumsatz: Der Preis pro Behandlung wird auch hier auf 60 Minuten hochgerechnet, wobei die kürzeste Behandlungsdauer angesetzt wird. Bei Gruppenbehandlungen wurde die zulässige Höchstgrenze, also die maximal mögliche Anzahl von Patienten angesetzt.

 

Beispiele | Ausgehend von oben genannten Rahmenbedingungen ergibt sich ein Umsatzpotenzial pro Stunde von mindestens 30,72 Euro für die Bindegewebsmassage (Position 0107) bis maximal 126,00 Euro für die Gruppenbehandlung (Position 0401).

 

Die abrechenbaren Leistungen gemäß Vergütungsvereinbarung lassen sich weitestgehend in drei Umsatzgruppen aufteilen, die ich mit den Begriffen „Massagetherapien“, „Krankengymnastik“ und „Krankengymnastik mit mehreren Patienten“ bezeichne. Tabelle 2 gibt einen Überblick über die Spannweite der Mindest- und der Maximalumsätze innerhalb dieser drei Umsatzgruppen.

 

  • Tabelle 2: Minimal- und Maximalumsatz pro Stunde
Umsatzgruppe
Minimalumsatz/Stunde
Maximalumsatz/Stunde

Massagetherapien

30 Euro

40 Euro

Krankengymnastik ***

36 Euro

60 Euro

Krankengymnastik mit mehreren Patienten

50 Euro

110 Euro

 

***einschließlich Behandlungen, für die Zusatzausbildungen erforderlich sind

 

MERKE | Auf Folgendes soll an dieser Stelle ausdrücklich verwiesen werden: Die Regelbehandlungszeiten sind Richtwerte, die im laufenden Behandlungsalltag oft überschritten werden. So wird vorzugsweise gerade bei kleineren Praxen die Krankengymnastik (Position 20501, abrechenbar mit 14,98 Euro pro Einheit) nicht etwa innerhalb von maximal 25 Minuten durchgeführt, sondern sie dauert erfahrungsgemäß insgesamt 30 Minuten. Die Hintergründe sind vielfältig. Ein Grund findet sich darin, dass der Patient vor und nach einer Behandlung Zeit benötigt, um sich aus- und anzuziehen. Steht kein zweiter Raum zur Verfügung, in dem der nächste Patient anschließend sofort weiter behandelt werden kann, lässt sich diese Zeit nicht auffangen. Ein anderer Grund ist, dass Therapeuten während der Behandlung unter Umständen Telefonate entgegennehmen, um Termine zu vereinbaren. Diese Zeit hängen sie „hinten dran“ und weiten den Termin dadurch ebenfalls aus. In diesen Fällen können also insgesamt nur zwei Patienten pro Stunde behandelt werden. Die Vergütung pro Behandlung beträgt 14,98 Euro, sodass sich ein ungefährer Stundensatz von 30,00 Euro ergibt. Die 30-minütige Behandlungszeit für diese spezielle Behandlung ist in der Praxis ganz besonders fatal, da gerade die normale Krankengymnastik mit einem Anteil von 45 Prozent am häufigsten von allen physiotherapeutischen Leistungen verordnet wird.

 

Berechnung des durchschnittlichen Mindestumsatzes

Gemäß Tabelle 2 ergeben sich je nach Behandlungszeit und Gruppenstärke unterschiedliche Einnahmen pro Stunde. Diese lassen sich nach den Behandlungszeiten aufteilen. Das bedeutet:

 

Eine Praxis, die im 30 Minuten-Takt arbeitet, würde zu 45 Prozent Massagetherapien mit einem Umsatz von 30,00 Euro erbringen. Berücksichtigt man dabei noch, dass davon ein Anteil von 10 Prozent auf Privatpatienten mit einem Umsatz von durchschnittlich 37,80 Euro entfällt, ergibt sich ein vorläufiger durchschnittlicher Umsatz von 30,71 Euro/Stunde. Die restlichen 55 Prozent werden erfahrungsgemäß im geringen Maße Gruppentherapien, jedoch im Wesentlichen mit Krankengymnastik (einschließlich Behandlungen, für die Zusatzausbildungen erforderlich sind) mit einem Umsatz von 36,00 Euro erwirtschaftet. Demnach würde sich ein durchschnittlicher Mindestumsatz von 33,62 Euro pro Stunde ergeben. Multipliziert man diesen Referenzwert mit den geleisteten Stunden, ergibt sich der Gesamtumsatz pro Jahr pro Mitarbeiter. Beachten Sie | Hierzu erfahren Sie Details in der kommenden Ausgabe von PP.

 

  • Ertragsmindernde Gründe

Leider wir der theoretisch mögliche Mindestumsatz von 33,62 Euro/Stunde häufig noch unterschritten. Das kann folgende beispielhafte Gründe haben:

 

  • Termine werden abgesagt und können nicht wieder belegt werden.
  • Aufgrund mangelnder Kontrolle und Organisation werden
    • nicht alle Termine unterschrieben und abgerechnet oder
    • nicht alle Zuzahlungen beigetrieben.
  • Hausbesuche drücken den möglichen Mindestumsatz pro Stunde. Aufgrund der Fahrzeiten können in der Regel nicht zwei Patienten pro Stunde behandelt werden. Die zusätzliche Einsatzpauschale von 10,60 Euro bietet keinen vollwertigen Ersatz für den Ausfall und die zusätzlich entstehenden Kosten (zum Beispiel laufende Kosten für den Pkw).
  • Zeiten für Seminare, Fortbildungen etc. sind nicht abrechenbar.
 

Ausgehend vom durchschnittlichen Mindestumsatz in Höhe von 33,62 Euro pro Stunde bei einer Behandlungszeit von 30 Minuten, würden sich für kürzere Behandlungszeiten folgende Umsätze als Referenzwerte ergeben.

 

  • Tabelle 3: Referenzwerte
Behandlungszeit
Mindestumsatz in 60 Minuten

30 Minuten

33,62 Euro

25 Minuten

40,35 Euro

20 Minuten

50,43 Euro

 

Unterschreitet man die 20 Minuten, dürfte eine verantwortungsvolle Behandlung kaum mehr machbar sein, insbesondere nicht bei WS 2 Patienten.

 

FAZIT | Mehr als gut 50 Euro Umsatz pro Stunde sind offensichtlich nicht drin - und das auch nur, wenn mehrere Behandlungsräume zur Verfügung stehen und stets ausreichend Therapeuten anwesend sind. Welchen Jahresumsatz dies ergibt - und damit auch das maßgebliche Einkommen für den Selbstständigen wie auch für den Angestellten - lesen Sie in der nächsten Ausgabe von PP oder schon eine Woche vorher unter www.pp.iww.de.

Quelle: Ausgabe 04 / 2014 | Seite 8 | ID 42566614