logo logo
Meine Produkte: Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen. Anmelden
Menu Menu
MyIww MyIww
Jetzt testen

01.06.2003 | Zeugniserteilung

Das Arbeitszeugnis - Fallen, Hinweise und Formulierungshilfen

von Rechtsanwalt Ralf Großbölting, Berlin

Viele Physiotherapeuten haben in ihrer Praxis mehrere Mitarbeiter beschäftigt. Ist eine Entlassung notwendig oder kündigt der Mitarbeiter, so ist der Arbeitgeber in der Pflicht, ein Zeugnis zu schreiben. Da das Zeugnis für den Angestellten wichtig ist, müssen Sie sehr gewissenhaft vorgehen. Nachfolgend werden die entsprechenden Grundlagen erörtert und Formulierungsbeispiele vorgestellt.

Jeder Angestellte hat Anspruch auf ein Zeugnis

Der Gesetzgeber hat in § 630 Bürgerliches Gesetzbuch normiert, dass Sie als Arbeitgeber zur Ausstellung eines Zeugnisses verpflichtet sind. Der Anspruch jedes Angestellten auf ein Arbeitszeugnis besteht bereits eine angemessene Zeit vor seinem Ausscheiden. Schließlich soll sich der Angestellte bereits bei einem neuen Arbeitgeber bewerben können. Wenn Sie den Arbeitsvertrag direkt an einen Tarif (BAT) binden, können Sie sogar verpflichtet sein, dem Mitarbeiter auf Wunsch ein vorläufiges Zeugnis auszustellen. Prüfen Sie gegebenenfalls Ihre Arbeitsverträge!

Bei Verweigerung der Zeugniserstellung droht Klage

Wenn sich der Praxisinhaber weigert, einem Angestellten ein Zeugnis zu erteilen, kann der Angestellte klagen. Die Vollstreckung erfolgt durch Androhung von Zwangsgeld oder -strafen. Darüber hinaus kann der Angestellte bei verschuldeter Nichterfüllung, Schlechterfüllung oder verspäteter Erfüllung der Zeugnispflicht des Physio- therapeuts Schadenersatz dafür verlangen, dass er infolge des fehlenden oder schlechten Zeugnisses oder der verspäteten Erteilung keine oder eine schlechtere Arbeitsstelle erhält.

Zwei Arten von Arbeitszeugniss
Das einfache Zeugnis

Dieses Arbeitszeugnis erstreckt sich nur auf die Art und die Dauer der Beschäftigung. Folgende Punkte müssen erfüllt sein: Der Mitarbeiter muss mit Namen, Vornamen, Adresse und Beruf genannt werden. Die Art und Dauer der Beschäftigung ist genau und vollständig zu beschreiben. Die Beschreibung umfasst die Art und Weise der Arbeit, besondere Leistungsbefugnisse, alle Fortbildungen etc.

Das qualifizierte Zeugnis

Diese Zeugnisform ist der Regelfall. Dies sieht auch der Bundesrahmentarifvertrag - auf Verlangen der Mitarbeiter - vor. Darin muss neben den Angaben des einfachen Zeugnisses auch eine Beurteilung zur Führung und Leistung enthalten sein. Das Zeugnis sollte Aussagen zu folgenden Punkten enthalten: Arbeitsumfang, Güte, Tempo, Fachkenntnisse, Arbeitsbereitschaft, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Umgang mit Patienten, Einfügung in den Betriebsablauf, Beratungsgeschick etc.

Die Art und die Gründe für das Ausscheiden des Mitarbeiters müssen Sie im Zeugnis in der Regel nicht angeben. Der Hinweis, dass der Angestellte "auf eigenen Wunsch" ausgeschieden ist, ist jedoch eine elegante und oft praktizierte Lösung.

Achten Sie auf die allgemeinen Formvorschriften!

Jedes Zeugnis ist schriftlich zu erteilen und muss von Ihnen unterschrieben werden. Verwenden Sie dazu das Geschäftspapier Ihrer Praxis. Ein nur mit Bleistift oder unsauber geschriebenes Zeugnis kann der Mitarbeiter zurückweisen. Der Umfang beträgt regelmäßig mindestens eine DIN A4-Seite.

Die Sprache der Zeugnisse sollten Sie beherrschen

Da der Arbeitgeber verpflichtet ist, dem Arbeitnehmer ein wohlwollendes und dennoch wahres Zeugnis auszustellen, haben sich bei der Zeugniserteilung eigenständige Formulierungen etabliert.

Gesamtbeurteilung

In der Gesamtbeurteilung finden sich regelmäßig folgende Formulierungen:

  • "Der Mitarbeiter hat sich bemüht" oder "Sie arbeitete im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit" - diese bedeutet im Klartext, dass sie nur unzureichende Leistungen erbracht hat. Gleiches gilt für den Hinweis "Sie hat den Erwartungen entsprochen" oder "Sie hat die ihr übertragenen Aufgaben mit großem Eifer erfüllt".
  • Bei der Bewertung "zu unserer Zufriedenheit" kommt zum Ausdruck, dass der Mitarbeiter unterdurchschnittliche, aber noch ausreichende Leistungen attestiert werden.
  • Der Ausdruck der "vollen Zufriedenheit" bedeutet gute, die Wendung "zu unserer vollsten Zufriedenheit" sehr gute Leistungen.
    Arbeitserfolg und Arbeitsweise

    Der Arbeitserfolg und die Arbeitsweise werden oftmals wie folgt beschrieben: Die Formulierung "Er erledigte die ihm übertragenen Aufgaben stets mit äußerster Sorgfalt und großer Genauigkeit" deutet auf sehr gute Leistungen hin, während "die Erledigung mit großer Sorgfalt und Genauigkeit" nur gute Leistungen bescheinigen.

    Führung und Sozialverhalten

    Bei der Bewertung des Verhaltens werden Formulierungen verwandt wie "stets einwandfrei/vorbildlich" (sehr gut); "einwandfrei/vorbildlich" (gut); "das Verhalten war gut" (befriedigend); "war stets befriedigend" (ausreichend).

    Mit Bewertung der Führung ist die Verantwortungsbereitschaft und das Sozialverhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Dritten gemeint. Bei Führungsaufgaben finden sich Formulierungen wie "Frau ... verstand es, die Mitarbeiter zu überzeugen und zu motivieren, so dass sie alle ihr übertragenen Aufgaben mit großem Erfolg verwirklichen konnte" (sehr gut); "Sie überzeugte ihre Mitarbeiter und förderte die Zusammenarbeit" (gut); "Sie führte ihre Mitarbeiter zielbewusst zu überdurchschnittlichen Leistungen" (befriedigend); "Sie motivierte ihre Mitarbeiter" (ausreichend) etc.

    Die Feststellung in einem Zeugnis, dass es der Mitarbeiter "stets verstanden habe, seine Interessen im Betrieb durchzusetzen", besagt, dass er seine Interessen rücksichtslos durchgesetzt hat. Eine solche Formulierung ist nur zulässig, wenn sie für das Arbeitsverhältnis kennzeichnend war. Die Formulierung "Der Kontakt mit den Kolleginnen war hervorragend" wird oft dahingehend verstanden, dass der Mitarbeiter mehr redete und Kaffee trank als arbeitete.

    Objektivität in Form und Stil

    Bei der Formulierung von Arbeitszeugnissen sind dem Physiotherapeuten keine Grenzen gesetzt. Man sollte aber Vorsicht vor zu viel Phantasie walten lassen, da viele Streitigkeiten vor dem Arbeitsgericht wegen Zeugnissen geführt werden.

    Zeugnis nach Form und Stil objektiv abfassen

    Bei der Formulierung gehören zum Beispiel einmalige Vorfälle oder Umstände, die für den Mitarbeiter nicht charakteristisch sind (seien sie für sie vorteilhaft oder nachteilig), nicht in das Zeugnis. Der Wortlaut des Zeugnisses steht zwar grundsätzlich im Ermessen des Arbeitgebers. Auf eine bestimmte Formulierung hat der Mitarbeiter somit keinen Anspruch. Jedoch ist das Zeugnis nach Form und Stil objektiv abzufassen. Das Zeugnis muss selbstverständlich der Wahrheit entsprechen. Die Würdigung muss die eines wohlwollenden, verständigen Arbeitgebers sein.

    Verschlüsselungen vermeiden

    Verschlüsselungen sollten unterbleiben. So wurde der Ausdruck "Sie war sehr tüchtig und in der Lage, ihre Meinung zu vertreten" vom Landesarbeitsgericht in Hamm für unzulässig befunden, da bei einem unbefangenen Leser der Eindruck entstehen müsse, die Arbeitnehmerin sei eine Querulantin. Die Formulierung sei doppelbödig.

    Geknicktes Arbeitszeugnis - ein negatives Geheimzeichen?

    Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass ein zweimaliges Falten des Zeugnisbogens möglich ist. Dies gelte allerdings nur unter der Voraussetzung, dass das Originalzeugnis kopierfähig ist und die Knicke sich nicht auf den Kopien abzeichnen, zum Beispiel durch Schwärzungen. Andere Instanzen hatten hingegen befunden, dass ein geknicktes Zeugnis als Geheimzeichen zu bewerten sei, das den Zeugnisempfänger bei allen zukünftigen Bewerbungen disqualifiziere. Ein geknicktes Arbeitszeugnis lasse einen eklatanten Mangel an Sorgfalt beim Umgang mit wichtigen Unterlagen erkennen. Dies falle auf den Bewerber zurück.

    Formulierungsbeispiel für ein "gutes" Zeugnis

    Nachfolgend wird beschrieben, wie sich die Einzelpunkte zu einem harmonischen Gesamtzeugnis zusammenfügen lassen. Es wird von einer Physiotherapeutin mit guten Leistungen ausgegangen.

    Zeugnis

    Frau ......, geboren am .........., war vom ............. bis zum ............ in meiner Praxis ............... als Physiotherapeutin in Vollzeit tätig. Sie besitzt eine Zusatzqualifikation "Manuelle Therapie". Ihr Aufgabenbereich umfasste im Wesentlichen:

  • Patientenbetreuung (Krankengymnastik; Manuelle Therapie) in den Fachgruppen
  • Orthopädie, Neurologie, Chirurgie und Rehabilitation;
  • die innerbetriebliche Koordination der Patienten;
  • die Betreuung von Praktikanten;
  • die Kontaktpflege zu den behandelnden Ärzten;
  • die Wartung und Instandhaltung der Therapiegeräte,

    Frau ........ ist eine außergewöhnlich belastbare Mitarbeiterin, die durch ihre freundliche und kompetente Art die Patienten auch bei hoher Arbeitsfrequenz optimal behandelt und betreut. Sie organisierte selbstständig und regelmäßig Kooperationen mit Alten- und Pflegeheimen und kümmerte sie sich eigenverantwortlich um Kontaktpflege zu Ärzten, die die enge Kooperation stets lobten. Sie sorgte außerdem stets für eine optimale Terminplanung.

    Frau ........ besitzt ein umfassendes Fachwissen und arbeitete gewissenhaft, sicher und genau. Sie beherrscht .......... und sie versteht es gut, ihr Fachwissen auch an unsere Praktikanten zu vermitteln. Ihren Aufgabenbereich bewältigte Frau ........ stets zu meiner vollen Zufriedenheit.

    Ihr persönliches Verhalten war jederzeit einwandfrei. Frau ........... ist hilfsbereit, zuvorkommend und aufgeschlossen und allseits anerkannt und geschätzt. Frau .......... verlässt meine Praxis auf eigenen Wunsch. Ich bedauere ihr Ausscheiden, danke für ihre Tätigkeit und wünsche ihr weiterhin viel Erfolg und persönlich alles Gute.

    ................, den ........................... Unterschrift .............................

    Quelle: Ausgabe 06 / 2003 | Seite 15 | ID 99294