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01.12.2006 | Praxiskauf und -verkauf

Leserforum: Fragen und Antworten

In den Ausgaben 9 bis 11/2006 wurden in „Praxisführung professionell“ Bewertungsmethoden, Vertrags- und steuerliche Gestaltungen in Bezug auf den Praxiskauf bzw. -verkauf vorgestellt. In diesem Beitrag werden Leseranfragen zu diesem Themenkomplex erörtert: 

Ich möchte eine zweite Praxis zukaufen – Ist das sinnvoll?

Frage: „In unserer Stadt will ein Kollege, der schon 30 Jahre eine Praxis in einem alten Fachwerkhaus betreibt, nun altersbedingt ausscheiden. Um mir einen höheren Marktanteil zu verschaffen, überlege ich derzeit, die Praxis zu kaufen. Ist das sinnvoll?“ 

 

Antwort: Grundsätzlich ist es sinnvoll, eine weitere gutgehende Praxis zu erwerben und auf diese Weise ein zweites Standbein aufzubauen. Sie müssen aber einerseits die Zulassungsbedingungen und insbesondere das Steuerrecht im Blick behalten. 

 

Nur die aktuellen Zulassungsbedingungen zählen

Beim Erwerb einer Praxis erfolgt eine Neuzulassung. Das heißt: Die Praxis muss den jetzt geltenden Zulassungsbedingungen entsprechen. Bei einer schon lange bestehenden Praxis müssen Sie zum Beispiel prüfen, dass nicht nur Vorhänge in der Praxis sind, sondern Kabinen – beachten Sie dazu Abschnitt III Punkt 2.2.2 der seit 17. Januar 2005 geltenden Zulassungsbedingungen. Die Zulassungsbedingungen finden Sie im Internet: www.iww.de, Online-Service, Rubrik: „Gesetze, Richtlinien ...“ 

 

Erforderlich ist demnach, dass die Behandlungsräume aus festen Wänden oder im Boden verankerten Stellwänden bestehen. Dabei ist sicherzustellen, dass kein Einblick in die Kabinen möglich ist. Im Zutrittsbereich sind dagegen Vorhänge nach wie vor zulässig. 

 

Zweigniederlassung: separate Zulassung und fachlicher Leiter

Wenn Sie eine Zweigniederlassung eröffnen, benötigen Sie für diese eine separate Zulassung und ein eigenes Institutskennzeichen. Zudem ist ein fachlicher Leiter erforderlich (Abschnitt I Punkt 9). Dieser muss anstelle des Praxisinhabers ganztägig in der Zweigniederlassung zur Verfügung stehen (Abschnitt I Punkt 2). 

 

Vorsicht Gewerbesteuer-Falle!

Gemäß § 18 Abs. 1 des Einkommensteuergesetzes (EStG) ist ein Angehöriger eines freien Berufs – also auch ein Physiotherapeut – auch dann freiberuflich tätig, „wenn er sich der Mithilfe fachlich gebildeter Arbeitskräfte bedient“. Er ist jedoch nicht mehr selbstständig und eigenverantwortlich tätig, wenn er durch einen fachlichen Leiter in der Zweitpraxis ständig vertreten wird. 

 

Vorübergehende Vertretung ist zulässig

Zwar kann ein anderer Physiotherapeut den Praxisinhaber vertreten – zum Beispiel bei vorübergehender Dienstverhinderung. Diese temporäre Vertretung steht der grundsätzlich leitenden und eigenverantwortlichen Tätigkeit des Inhabers nicht entgegen.  

 

Fachlicher Leiter ist ständiger Vertreter

Erwerben Sie nun aber eine Zweitpraxis, müssen Sie einen ständigen fachlichen Leiter berufen. Daraus ergeben sich steuerliche Konsequenzen: Der Bundesfinanzhof (BFH) hat bereits am 19. Oktober 1995 (Az: IV R 11/95) entschieden, das in diesem Fall für die Zweitpraxis Gewerbesteuer abzuführen ist. 

 

Argumente des BFH: Da Vertretung im Fall „vorübergehender Verhinderung“ der leitenden und eigenverantwortlichen Tätigkeit des Freiberuflers nicht widerspricht, heißt das im Umkehrschluss: Bei einer dauernden Vertretung liegen keine freiberuflichen, sondern gewerbliche Einkünfte vor. Das heißt: Auf Einkünfte, die in der Zweitpraxis erzielt werden, ist Gewerbesteuer zu zahlen. 

 

Anmerkung: Streng genommen besteht noch eine weitere Gefahr: Die Zulassungsbedingungen schreiben auch vor, dass die Praxis „von gewerblichen Bereichen räumlich getrennt“ ist (Abschnitt III Nr. 2.1.2). Fallen nun für die Zweitpraxis gewerbliche Einkünfte an, könnte die Krankenkasse bei strenger Auslegung die Zulassung für die Zweitpraxis sogar entziehen (Beachten Sie zu Vertragsverstößen bei der Zulassung auch den Bericht auf Seite 1 f. in dieser Ausgabe). 

 

Lösungsmöglichkeit: „Überörtliche Gemeinschaftspraxis“

Um nun dieser Steuerfalle zu entgehen, können Sie zum Beispiel eine „überörtliche Gemeinschaftspraxis“ gründen. Das bedeutet, dass eine Praxis mit zwei Praxissitzen (Standorten) gegründet wird. Dabei wird dann ein Gesellschafter für die eine Praxis fachlicher Leiter und der andere Gesellschafter für die andere Praxis. Nutzen Sie zur Vertragsgestaltung unsere Beitragsserie zu Gemeinschaftspraxen („Praxisführung professionell“, Ausgaben 2 bis 4/2005). 

Kann ich nach dem Praxisverkauf noch berufstätig sein?

Frage: „Ich möchte meine Praxis verkaufen, will aber gerne nach dem Verkauf noch einige Stunden in der Woche therapeutisch tätig sein. Kann ich das gefahrlos tun?“ 

 

Antwort: Grundsätzlich stehen Ihnen beim Praxisverkauf einige steuerliche Vergünstigungen zur Verfügung, die in Kürze am Beitragsende und detailliert in der Ausgabe 10/2006 S. 8 ff. beschrieben wurden. Diese Vergünstigungen könnten gefährdet sein, wenn Sie nach dem Praxisverkauf planlos weiterarbeiten würden. Deshalb müssen Sie einige Spielregeln beachten, um die Vergünstigungen beim Praxisverkauf nicht nachträglich zu gefährden. 

 

Voraussetzung für die Vergünstigung

Die Vergünstigungen können Sie sicherstellen, wenn Sie den Patientenstamm als Praxiswert veräußern und die therapeutische Tätigkeit in dem bisherigen örtlichen Wirkungskreis wenigstens für eine gewisse Zeit aufgeben. Das bedeutet aber nicht, dass Sie nun die Hände für immer in den Schoß legen müssen: 

 

Zulässige Tätigkeiten nach begünstigtem Praxisverkauf

Es gibt Gestaltungsmöglichkeiten, die Sie gezielt nutzen können – ohne die Steuervorteile zu gefährden: 

 

  • Weiterbehandlung bestimmter Patienten
Der Bundesfinanzhof hat mit Urteil vom 7. November 1991 (Az: IV R 14/90) entschieden, dass die Fortführung einer freiberuflichen Nebentätigkeit der steuerlichen Begünstigung nicht entgegensteht. Das ist dann der Fall, wenn die auf die Nebentätigkeit entfallenden Umsätze – gemessen an den Umsätzen der vergangenen drei Jahre – unterhalb von zehn Prozent der gesamten Einnahmen in diesem Zeitraum bleiben. Beachten Sie: Immer dann, wenn neue Patienten hinzukommen, geht die Begünstigung verloren.

 

  • Freie Mitarbeit beim Praxiserwerber
Zudem können Sie nach der Praxisveräußerung als freier Mitarbeiter tätig werden. Dies kann sich anbieten, wenn Sie die Praxis innerhalb der Familie beispielsweise an Ihren Sohn / Ihre Tochter verkauft haben. Die freie Mitarbeit beim Praxiserwerber steht den Steuervergünstigungen nicht entgegen, wenn die bisherige Praxis einschließlich Patientenstamm endgültig an den Erwerber veräußert worden ist.

 

  • Angestelltentätigkeit beim Erwerber
Zudem können Sie beim Praxiserwerber als Angestellter gegen ein festes Gehalt oder auch in einem anderen Modell tätig sein. Die vom Erwerber einzubehaltende Lohnsteuer wird dann bei Ihrer Einkommensteuer-Veranlagung wieder angerechnet.

 

Kurz und knapp: Steuerliche Vergünstigungen beim Praxisverkauf

Vom Veräußerungsgewinn wird ein Freibetrag von 45.000 Euro abgezogen. Der Freibetrag kann nur einmal im Leben in Anspruch genommen werden. Voraussetzung: Sie haben das 55. Lebensjahr vollendet oder sind dauernd berufsunfähig.  

 

Zusätzlich besteht ein Wahlrecht: Der verbleibende steuerpflichtige Veräußerungsgewinn kann entweder mit 56 Prozent des durchschnittlichen Steuersatzes versteuert werden, mindestens jedoch mit dem jeweiligen Eingangssteuersatz (seit 2005 mit 15 Prozent) – oder nach der so genannten Fünftelregelung. 

 

Quelle: Ausgabe 12 / 2006 | Seite 16 | ID 89988