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03.03.2011 |Einkommensteuer

Ärgerliche Steuernachzahlungen aufgrund des Progressionsvorbehalts

von Steuerberater Dipl.-Bw. Thorsten Normann, Olsberg

Jedes Jahr stellen zahlreiche Steuerpflichtige bei der Durchsicht ihres Einkommensteuerbescheids erstaunt fest, dass anstatt einer erwarteten Erstattung eine erhebliche Nachzahlung vom Finanzamt festgesetzt wurde. Grund für die Nachzahlungen ist häufig der sogenannte „Progressionsvorbehalt“. „Praxisführung professionell“ erläutert, was sich genau dahinter verbirgt. 

Hintergrund

Der Steuersatz in Deutschland steigt vom Einstiegsteuersatz von 14 Prozent bis zu einem Steuersatz von 42 Prozent progressiv an, das heißt, der Steuersatz ist umso höher, je höher die jeweiligen Gesamteinkünfte sind. Sinn und Zweck des progressiven Steuersatzes ist, eine Besteuerung nach der individuellen Leistungsfähigkeit zu gewährleisten. Wer viel verdient, soll höhere Steuern entrichten, wer wenig verdient geringere. 

 

Das Einkommensteuergesetz sieht darüber hinaus für bestimmte Einnahmen eine Steuerbefreiung vor. Der Haken dabei ist: Diese Einkünfte werden nach offiziellem Sprachgebrauch zwar als „steuerfrei“ bezeichnet, erhöhen aber tatsächlich den Steuersatz für die übrigen steuerpflichtigen Einkünfte - sie unterliegen nämlich dem Progressionsvorbehalt. § 32b EStG enthält eine Auflistung solcher steuerfreien Einkünfte. Dies sind insbesondere: 

 

  • Arbeitslosengeld,
  • Kurzarbeitergeld,
  • Krankengeld,
  • Mutterschaftsgeld und
  • Elterngeld.

Die Wirkungsweise des Progressionsvorbehalts

Bei der Berechnung der Einkommensteuer - unter Berücksichtigung des Progressionsvorbehalts - wird in zwei Schritten vorgegangen. Zunächst wird der durchschnittliche Steuersatz ermittelt, der sich ergeben hätte, wenn die steuerfreien Einkünfte steuerpflichtig behandelt worden wären (A). Dieser Steuersatz wird anschließend auf die steuerpflichtigen Einkünfte angewandt (B). Das folgende Beispiel stellt die grundsätzliche Vorgehensweise vor und verdeutlicht die Auswirkungen für die Steuerpflichtigen. Im Beispiel wird der Bereich der Sonderausgaben aus Vereinfachungsgründen nicht thematisiert. 

 

Beispiel

Ein lediger Therapeut hat im Kalenderjahr 2010 Einkünfte aus Arbeitnehmertätigkeit in Höhe von 40.000 Euro und Arbeitslosengeld in Höhe von 10.000 Euro erhalten. 

 

(A) Ermittlung des durchschnittlichen Steuersatzes 

Einkünfte aus Arbeitnehmertätigkeit (steuerpflichtig): 

40.000 Euro 

Arbeitslosengeld (steuerfrei): 

+ 10.000 Euro 

Summe 

50.000 Euro 

Darauf entfallene Steuer nach der Grundtabelle 

12.847 Euro 

Durchschnittlicher Steuersatz (12.847 x 100 / 50.000) 

25,694 % 

 

(B) Einkommensteuer unter Beachtung des Progressionsvorbehalts 

Zu versteuerndes Einkommen 

40.000 Euro 

darauf anzuwendender Steuersatz 

25,694 % 

Einkommensteuer 

10.278 Euro 

 

(C) Einkommensteuer ohne Beachtung des Progressionsvorbehalts 

Einkünfte aus Arbeitnehmertätigkeit 

40.000 Euro 

Darauf entfallene Steuer nach der Grundtabelle 

9.007 Euro 

 

(D) Steuereffekt aus der Anwendung des Progressionsvorbehalts 

Einkommensteuer mit Progressionsvorbehalt 

10.278 Euro 

Einkommensteuer ohne Progressionsvorbehalt 

9.007 Euro 

Steuereffekt aus dem Progressionsvorbehalt 

1.271 Euro 

Der Einkommensteuereffekt im Beispielsfall beträgt 1.271 Euro (D). Da dieser Effekt bei den Einkommensteuervorauszahlungen bzw. bei der Einbehaltung der Lohnsteuer nicht berücksichtigt wird (C), kommt es zu einer Nachzahlung im Rahmen der jährlichen Steuer-
erklärung. Diese Mehrbelastung erhöht sich noch durch den Solidaritätszuschlag und eventuell durch die Kirchensteuer. 

 

Praxishinweis

Wenn ein Ehegatte nur Leistungen bezieht, die dem Progressionsvorbehalt unterliegen, kann es von Vorteil sein, die „Getrennte Veranlagung“ anstatt der „Zusammenveranlagung“ zu beantragen. 

Fazit

Die Regelungen zum Progressionsvorbehalt haben aus steuersystematischen Gründen durchaus ihre Daseinsberechtigung. Nichtsdestotrotz sind die hieraus resultierenden hohen Steuernachzahlungen ein Ärgernis. Wichtig für den Steuerpflichtigen ist, dass er sich dieser Effekte bewusst ist und die notwendigen Geldmittel für die Nachzahlung bereithält. 

 

Quelle: Ausgabe 03 / 2011 | Seite 14 | ID 142730