Praxiswissen auf den Punkt gebracht.
logo
  • Meine Produkte
    Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen.
Menu Menu
MyIww MyIww
  • · Revolution oder Evolution?

    einfachELSTERplus – eine Herausforderung für Lohnsteuerhilfevereine und Steuerberatung?

    Bild: KI-generiert/Midjourney

    von Prof. Dr. jur. Christoph Schmidt, Ludwigsburg

    Mit einfachELSTERplus steht die deutsche Steuerverwaltung an der Schwelle zu einem digitalen Paradigmenwechsel. Erstmals wagt ein staatliches System den Schritt weg vom Formular – hin zu intelligenter, dialogbasierter Steuerdeklaration. Hinter der scheinbar simplen Nutzerführung verbirgt sich eine komplexe technologische Neuausrichtung, die nicht nur Softwarearchitektur und Beratungsgewohnheiten infrage stellt, sondern auch den gesamten Markt der Steuerberatung nachhaltig verändern könnte.

    Was ist an einfachELSTERplus anders?

    Die technische Konzeption von einfachELSTERplus markiert einen fundamentalen Wandel in der Benutzerführung staatlicher Steuersoftware. Die detaillierte Analyse der Funktionalitäten und systematischen Begrenzungen zeigt sowohl die Potenziale als auch die bewussten Einschränkungen des neuen Systems auf.

     

    Der Interview-Modus als zentrales Designelement

    Das Herzstück von einfachELSTERplus bildet ein strukturiertes Interview-System, das bewusst von der traditionellen formularbasierten Eingabe abweicht. Durch ein interaktives Interview wird der Nutzer Schritt für Schritt durch die Erstellung geleitet. Fragen und Antwortmöglichkeiten machen die Erstellung besonders benutzerfreundlich. Diese Herangehensweise orientiert sich deutlich an bewährten Konzepten kommerzieller Steuersoftware, die bereits seit Jahren mit Interview-Modi arbeitet.

     

    Die technische Umsetzung erfolgte in Kooperation mit mgm technology partners, die als langjähriger Digitalisierungspartner der deutschen Steuerverwaltungen fungieren. Das Entwicklungsteam setzte dabei auf moderne Webtechnologien und verband diese mit bewährten ELSTER-Komponenten. Besonders hervorzuheben ist der modellbasierte Entwicklungsansatz, der auf der Enterprise-Plattform A12 basiert und bereits in anderen ELSTER-Projekten erfolgreich eingesetzt wurde (www.iww.de/s14625). Der intelligente Führungsmechanismus stellt sicher, dass nur für den individuellen Fall relevante Fragen gestellt werden. Diese adaptive Benutzerführung reduziert die Komplexität erheblich und vermeidet die Überforderung durch irrelevante Eingabefelder. Technische Highlights wie vorausgefüllte Datenfelder durch die Vorausgefüllte Steuererklärung (VaSt), intelligente Plausibilitätsprüfungen und die sofortige elektronische Übermittlung an das FA runden das technische Profil ab.

     

    Die Benutzeroberfläche wurde bewusst modern und reduziert gestaltet, um sich von der traditionellen Behördenanmutung des klassischen ELSTER-Systems abzugrenzen. Diese Designphilosophie zielt darauf ab, insbesondere junge Nutzer anzusprechen, die „vielleicht noch nicht so viel Erfahrung in Sachen Steuererklärungen haben“ (www.iww.de/s14626, Abruf 15.10.25), wie der Hamburger Finanzsenator Andreas Dressel betont.

     

    Automatische Datenintegration und elektronische Bescheinigungen

    Ein wesentlicher Vorteil von einfachELSTERplus liegt in der automatischen Berücksichtigung elektronischer Bescheinigungen. Die Jahreslohnsteuerbescheinigung des Arbeitgebers sowie Bescheinigungen von Kranken- und Pflegeversicherungen werden automatisch aus den bereits beim Finanzamt vorliegenden Daten übernommen. Diese Funktionalität spart nicht nur Zeit, sondern reduziert auch das Risiko von Eingabefehlern erheblich. Die Voraussetzung für diese automatische Datenübernahme ist die vorherige Zustimmung zur Verarbeitung elektronisch übermittelter Daten. Nutzer, die dieser Datenverarbeitung zugestimmt haben, profitieren von einem erheblich reduzierten Eingabeaufwand, da wesentliche Grunddaten bereits systemseitig verfügbar sind.

     

    Strenge Zielgruppenabgrenzung als bewusste Designentscheidung

    Die Einschränkung von einfachELSTERplus auf eine spezifische Zielgruppe erfolgte bewusst und systematisch. Das System richtet sich ausschließlich an Personen, die kumulativ folgende Voraussetzungen erfüllen:

     

    • Wohnsitz in Deutschland
    • Steuererklärung wird allein abgegeben
    • Gültiges ELSTER-Zertifikat
    • Nur Einkünfte aus einem Arbeitsverhältnis
    • Keine Kinder

     

    Funktionsumfang und systematische Limitationen

    Der aktuelle Leistungsumfang von einfachELSTERplus befindet sich noch im Aufbau und wird kontinuierlich erweitert. Dennoch ermöglicht das System bereits die Geltendmachung der wichtigsten Steuerminderungstatbestände für die Zielgruppe: Werbungskosten, Sonderausgaben, außergewöhnliche Belastungen und haushaltsnahe Dienstleistungen können grundsätzlich berücksichtigt werden. Die Grenzen werden jedoch bei komplexeren Sachverhalten deutlich. So können sich beispielsweise Einschränkungen bei der Behandlung von Vorsorgeaufwendungen ergeben, wo die unterschiedlichen Höchstbeträge für verschiedene Versicherungsarten eine differenzierte Betrachtung erfordern.

     

    Übergangsflexibilität zum klassischen ELSTER-System

    Eine bemerkenswerte technische Lösung bietet einfachELSTERplus für Fälle, in denen die Systemgrenzen während der Bearbeitung erreicht werden. Nutzer können direkt und ohne Datenverlust zu Mein ELSTER wechseln (www.iww.de/s14617), wobei alle bereits eingegebenen Informationen automatisch übernommen werden. Diese nahtlose Übergangsfunktion stellt sicher, dass Anwender nicht durch die anfängliche Systemwahl benachteiligt werden und bei Bedarf auf den vollen Funktionsumfang des klassischen ELSTER-Systems zugreifen können.

     

    Die Verfügbarkeit für Steuererklärungen ab dem Veranlagungsjahr 2023 zeigt zudem, dass das System von Beginn an auf aktuelle Steuerrechtsstände ausgelegt wurde. Die geplante kontinuierliche Erweiterung um weitere Lebenssituationen deutet darauf hin, dass die Finanzverwaltung das System als langfristige Alternative zu kommerziellen Lösungen etablieren möchte.

    Was bedeutet einfachELSTERplus für die Beratung durch Lohnsteuerhilfevereine und Steuerberater?

    Die Einführung von einfachELSTERplus und die fortschreitende Digitalisierung der Steuererklärung schaffen neue Marktdynamiken, die etablierte Geschäftsmodelle im Steuerberatungssektor fundamental herausfordern. Besonders betroffen sind die Lohnsteuerhilfevereine, deren traditionelle Kernzielgruppe durch staatliche Digitalisierungsinitiativen unter Konkurrenzdruck gerät.

     

    Bedrohungsszenarien für Lohnsteuerhilfevereine

    Die deutschen Lohnsteuerhilfevereine befinden sich trotz anhaltender Erfolge in einer zunehmend prekären Marktposition. Die eingangs erwähnten beeindruckenden Zahlen können jedoch nicht über die strukturellen Herausforderungen hinwegtäuschen, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Das Kernproblem liegt in der strategischen Positionierung der Lohnsteuerhilfevereine. Mit durchschnittlichen Mitgliedsbeiträgen von 150 EUR pro Jahr konkurrierten sie bislang erfolgreich mit regelmäßig teureren Steuerberatern. Die Einführung kostenloser staatlicher Alternativen wie einfachELSTERplus bedroht jedoch genau diese Preisvorteile bei der Kernzielgruppe einfacher Steuerfälle.

     

    Besonders prekär wird die Situation durch die demografische Entwicklung der Mitgliedschaft. Viele neue Mitglieder sind Rentner, eine Zielgruppe, die zwar stabile Beiträge zahlt, aber naturgemäß einem stetigen Mitgliederverlust unterliegt. Gleichzeitig werden junge, technologieaffine Arbeitnehmer, die traditionell die Wachstumsschicht darstellten, zunehmend von digitalen Lösungen angezogen. Die Branche zeigt bereits erste Adaptionsreaktionen. Der VLH-Vorstand unter Jörg Strötzel, Georg Hennings und Uwe Rauhöft betont, dass das Steuerrecht stetig im Wandel ist und auch die zunehmende Digitalisierung unsere Branche vor Herausforderungen stellt, wobei man bereits die Weichen für die Zukunft gestellt habe (www.iww.de/s14628). Diese Rhetorik deutet auf die erkannte Bedrohungslage hin, ohne jedoch – abgesehen von der App – konkrete Lösungsstrategien zu offenbaren.

     

    Digitaler Wandel im Steuerberatungssektor

    Der digitale Wandel transformiert das gesamte Geschäftsmodell der Steuerberatung grundlegend. Die eingangs skizzierte Entwicklung stellt traditionelle Beratungsmodelle vor fundamentale Herausforderungen. Besonders relevant ist die Automatisierung von Routineaufgaben. Moderne Steuersoftware nutzt OCR-Technologie zur automatischen Belegerkennung, wobei beispielsweise Rechnungsnummer, Datum, Betrag und Lieferant automatisch ausgelesen werden. Durch künstliche Intelligenz werden Buchungen optimiert, sodass der Buchhalter nur noch bei Unstimmigkeiten eingreift. Diese technologischen Entwicklungen reduzieren den Bedarf an manueller Beratung erheblich. Die Cloud-Technologie verstärkt diesen Trend zusätzlich. Steuerberater können von überall auf Daten zugreifen und diese verwalten, was nicht nur die Flexibilität erhöht, sondern auch eine bessere Zusammenarbeit zwischen Steuerberatern und Mandanten ermöglicht. Dokumente und Informationen werden in Echtzeit geteilt, was traditionelle persönliche Beratungstermine zunehmend überflüssig macht.

     

    Der Wandel zeigt sich auch in neuen Geschäftsmodellen. Steuerkanzleien entwickeln sich zu digitalen Dienstleistern, die weit mehr als nur Steuerberatung anbieten. Datenbasierte Geschäftsmodelle und digitale Plattformen schaffen Ökosysteme, die als komplexes Netzwerk verschiedener Dienstleistungen und Produkte fungieren. Diese innovativen Ansätze locken eine neue Klientel an und schärfen das Profil im Wettbewerb.

     

    Für die Lohnsteuerhilfevereine ergibt sich daraus ein doppeltes Dilemma. Einerseits müssen sie in teure digitale Infrastrukturen investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Bundesverband hat bereits reagiert und stellt das traditionelle „BVL-Handbuch für Lohnsteuerhilfevereine“ nach 25 Jahren ein, um auf die neue Online-Datenbank „BVL – Wissen für Lohnsteuerhilfevereine“ umzustellen (www.iww.de/s14629). Andererseits erodiert ihr Kerngeschäft durch kostenlose staatliche und kommerzielle Alternativen.

     

    Die Zukunftsperspektiven sind ambivalent. Während die Rolle des Steuerberaters sich vom reinen Zahlenverwalter hin zum strategischen Berater wandelt und Routineaufgaben zunehmend automatisiert werden, bleibt fraglich, ob Lohnsteuerhilfevereine diese Transformation erfolgreich vollziehen können. Ihre traditionelle Stärke in der persönlichen Beratung einfacher Fälle wird durch die Digitalisierung zunehmend weniger relevant, während komplexe Beratungsfelder höhere Qualifikationen erfordern, die nicht alle Vereine vorhalten können.

    Ausblick und Entwicklungsperspektiven

    Die zukünftige Entwicklung des deutschen Steuerberatungsmarkts wird maßgeblich davon abhängen, wie erfolgreich die verschiedenen Akteure die digitale Transformation bewältigen. Für die Lohnsteuerhilfevereine zeichnen sich dabei drei mögliche Szenarien ab:

     

    Drei Szenarien für Lohnsteuerhilfevereine

    • 1. Erfolgreiche Transformation würde eine konsequente Digitalisierung der eigenen Prozesse, die Erschließung komplexerer Beratungsfelder und die Entwicklung neuer Serviceangebote erfordern. Die bereits erkennbaren Bemühungen um Geschäftsfelderweiterung, wie die Beratung bei Photovoltaik-Anlagen, müssten systematisch ausgebaut werden. Gleichzeitig könnten sich die Vereine als persönliche Berater für komplexe Lebenssituationen positionieren, die auch zukünftig nicht vollständig automatisierbar sind.
    • 2. Partielle Marktbereinigung ist wahrscheinlicher und würde eine Konsolidierung der Branche mit sich bringen. Kleinere Vereine ohne ausreichende Investitionsmöglichkeiten in digitale Infrastrukturen könnten vom Markt verschwinden, während größere Akteure wie die VLH durch Skaleneffekte und Diversifizierung überleben könnten. Dies würde zu einer Konzentration des Marktes auf wenige große Anbieter führen.
    •  
    • 3. Fundamentale Disruption träte ein, falls Deutschland dem österreichischen Modell folgt und die Steuererklärung für einfache Fälle vollständig automatisiert. In diesem Fall würde das traditionelle Geschäftsmodell der Lohnsteuerhilfevereine weitgehend obsolet, was eine radikale Neuausrichtung oder den Marktaustritt zur Folge hätte.
     

    Für die deutsche Steuerverwaltung eröffnen sich durch einfachELSTERplus neue strategische Optionen. Die kontinuierliche Erweiterung des Funktionsumfangs und die Integration weiterer Datenquellen könnten mittelfristig zu einer österreichischen Lösung führen. In Österreich wird die Arbeitnehmerveranlagung in zahlreichen Fällen vollkommen ohne Antrag durchgeführt. Die Finanzbehörde sammelt dazu automatisch alle relevanten Informationen aus elektronisch verfügbaren Datenquellen, darunter Lohndaten, Versicherungsbeiträge sowie berücksichtigungsfähige Ausgaben, und erstellt daraus einen Steuerbescheid, der den Steuerpflichtigen übersendet wird (www.iww.de/s14627, Abruf 15.10.25). Anders als bei einfachELSTERplus müssen Österreichs Arbeitnehmer nicht aktiv werden, sondern profitieren von einem „Zero-Touch-Ansatz“, der die persönliche Mühe auf nahezu null reduziert.

     

    Reformpotenziale für das deutsche Steuerrecht ergeben sich insbesondere aus der Möglichkeit, Verwaltungsverfahren grundsätzlich zu überdenken. Die Erfahrungen mit einfachELSTERplus könnten als Blaupause für die Digitalisierung weiterer steuerlicher Verfahren dienen und damit die Effizienz der gesamten Steuerverwaltung steigern.

     

    FAZIT — Abschließend lässt sich konstatieren, dass einfachELSTERplus einen irreversiblen Transformationsprozess eingeleitet hat, dessen Auswirkungen weit über den Steuerberatungssektor hinausreichen. Die erfolgreiche Bewältigung dieser Herausforderungen wird für alle Beteiligten eine grundlegende Neuausrichtung ihrer strategischen Positionierung erfordern und dabei die Weichen für die Zukunft der deutschen Steuerverwaltung stellen.

     

     

    Zum Autor — Prof. Dr. iur. Christoph Schmidt ist Professor an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg. Weiterhin gründete er das Institut für digitale Transformation im Steuerrecht (IdTStR) an der gleichen Hochschule und leitet dieses seit März des Jahres 2023. Christoph Schmidt lehrt gegenwärtig auf dem Gebiet des allgemeinen Abgabenrechts und ist zudem Vorstandsmitglied sowie Vorsitzender des Fachausschusses I (Digitalisierbarkeit von Steuernormen) des Instituts für Digitalisierung im Steuerrecht e. V. (IDSt). In seiner Forschung befasst sich Christoph Schmidt insbesondere mit interdisziplinären Fragestellungen, die an der Schnittstelle zwischen Rechtswissenschaft, Verwaltungswissenschaft und Informatik einzuordnen sind.

    Quelle: Ausgabe 02 / 2026 | Seite 31 | ID 50619136