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·Fachbeitrag ·Praxisbewertung

Bewertung der Steuerberaterpraxis - Absage an die Umsatzwertverfahren

von Prof. Dr. Peter Knief, Köln

| Der BGH hat aktuell eine ganze Reihe wichtiger und zum Teil bisher strittiger Fragen im Zusammenhang mit der modifizierten Praxisbewertung im Zugewinnausgleich geklärt. Diese Entscheidungen sind auch außerhalb des Familienrechts von grundlegender Bedeutung, da allen Verfahren, die auf einem Umsatzvervielfältiger basieren, damit eine Absage erteilt wird. |

Aktuelle Rechtsprechung des BGH

Der BGH hat sich in zwei Urteilen vom 2.2.11 (XII ZR 185/08, Abruf-Nr. 112643) und 9.2.11 (XII ZR 40/09, Abruf-Nr. 110946) sehr ausführlich mit der modifizierten Praxisbewertung im Rahmen des Zugewinnausgleichs beschäftigt. Obwohl die Urteile grundsätzlich das Familienrecht betreffen, sind beide durch sehr bemerkenswerte grundsätzliche Anmerkungen zur Praxisbewertung auch außerhalb des Familienrechts relevant. Die Entscheidungen werden sich auch auf Praxisbewertungen im Rahmen des Verkaufs oder Ankaufs von Praxen oder auf gesellschaftsrechtliche Veränderungen auswirken. Erste Urteilsbesprechungen deuten den Paradigmenwechsel an. Besonders spannend wird es sein, die Reaktionen der entsprechenden Berufskammern zu lesen, haben sie doch alle - was die Umsatzvervielfältiger betrifft - die rote Karte erhalten.

 

Eine freiberufliche Praxis ist stets mit dem vollen Wert (Verkehrswert gleich Ertragswert) in den Zugewinnausgleich einzubeziehen. Das ist nicht neu. Aber, so das Urteil des BGH: „Eine Bemessung dieses Wertes allein nach dem Umsatz verbietet sich schon deswegen, weil der Umsatz keine sicheren Rückschlüsse auf die Gewinnerwartung und somit auch nicht auf den am Stichtag realisierbaren Wert zulässt.“ Diese Ansage ist neu und sagt allen Verfahren mit Umsatzvervielfältigern das „Aus“ an mit dem Hinweis: „ein reines Umsatzverfahren eignet sich deswegen auch nicht als Vergleichsmaßstab für eine andere Bewertungsmethode“.

Modifizierte Ertragswertmethode

Die Bewertung einer freiberuflichen Praxis im Familienrecht soll grundsätzlich nicht nach dem reinen Ertragswertverfahren vorgenommen werden, weil sich beim Ertragswertverfahren eine Ertragsprognose nicht von der Person des derzeitigen Praxisinhabers trennen lässt und der Ertrag durch den Praxisinhaber und seine unternehmerischen Entscheidungen beeinflusst werden kann. Die Erwartung des künftigen Einkommens, welches der individuellen Arbeitskraft des Inhabers zuzurechnen ist, kann dafür nicht maßgebend sein, weil es beim Zugewinn nur auf das am Stichtag vorhandene Vermögen ankommt. Aus diesem Grunde favorisiert der BGH in seiner Rechtsprechung die modifizierte Ertragswertmethode.

 

Für das modifizierte Ertragswertverfahren ist grundsätzlich davon auszugehen, dass die Bewertung aus zwei Komponenten besteht. Dabei handelt es sich einmal um den Substanzwert und zum anderen um den Goodwill. Der Substanzwert ist dabei mit dem Wert zu bemessen, der im Fall des Praxisverkaufs auf den Rechtsnachfolger übergeht.

 

Der wesentliche Wert freiberuflicher Praxen ist allerdings nicht der Substanzwert der Gegenstände, sondern der Goodwill. Mit dem Goodwill werden die immateriellen Faktoren der freiberuflichen Praxis erfasst. Der BGH geht davon aus, dass sich der Goodwill einer freiberuflichen Praxis am bereinigten Ertrag der letzten drei Jahre orientieren soll. Von diesen Erträgen sind neben den Kosten auch der individuelle Unternehmerlohn in Abzug zu bringen. Der so ermittelte Nettowert ist mit dem Rentenbarwertfaktor zu multiplizieren, der sich aus den Umständen des Einzelfalls ergibt und letztlich durch den Sachverständigen bestimmt werden muss. In diesem Punkt übernimmt das aktuelle Urteil voll die Ausführungen der BGH-Entscheidung vom 6.2.08 (XII ZR 45/06, Abruf-Nr. 080782) und betont wiederum die Bemessung eines individuellen Unternehmerlohnes.

Praxishinweis |

In der Entscheidung vom 6.2.08 hatte sich der BGH sehr ausführlich mit der Ermittlung des individuellen kalkulatorischen Arztlohns auseinandergesetzt und damit gleichzeitig für alle freien Berufe umfangreiche, anspruchsvolle und beachtenswerte Kriterien der Ermittlung kalkulatorischer Löhne aufgestellt (Knief, P., „Der kalkulatorische Unternehmerlohn für Steuerberater“, DStR 08, 1875 f.).

Von dem so ermittelten Bruttowert sind die latenten Veräußerungssteuern des Inhabers abzuziehen. Der BGH lässt es in diesem Fall zu, dass die Steuervergünstigungen, insbesondere die sogenannte „Fünftel-Regelung“ gemäß § 34 EStG bei der Ermittlung der latenten Steuern angewandt werden darf.

Ermittlung des Goodwill einer freiberuflichen Praxis

Das Abweichen des BGH bei der Praxisbewertung von den üblichen Methoden der Unternehmensbewertung lässt sich dadurch erklären, dass das Familienrecht ein lex specialis ist. Sehr subtil führt der BGH aus, dass sich ein Goodwill der freiberuflichen Praxis auf immateriellen Faktoren wie Standort, Art und Zusammensetzung der Mandanten, der Konkurrenzsituation und ähnliche Faktoren begründet und ein Käufer bei einer Übertragung einer Praxis die Chance bezahlt, die Mandanten des bisherigen Praxisinhabers zu übernehmen, um auf diesem Bestand bei gegebener Konkurrenzsituation eine neue Praxis aufbauen zu können: Daneben bemisst sich der Erfolg einer Praxis aber auch auf anderen immateriellen Faktoren, wie Ruf und Ansehen, überragende Bedeutung eines Steuerberaters. Diese Faktoren können nach Ansicht des BGH den Goodwill einer Praxis jedenfalls im Zugewinnausgleich nicht bestimmen“.

 

Ein Goodwill - im Fall der Zugewinnermittlung - darf nicht die Kapitalisierung künftig zu erzielender Gewinne sein. Zu erfassen ist lediglich der am Stichtag nachhaltig vorhandene Wert der Praxis oder des Praxisanteils, der sich bis dahin in den aufgebauten und zum maßgeblichen Zeitpunkt vorhandenen Nutzungsmöglichkeiten niedergeschlagen hat.

 

Insofern wird es nun einfach: Modifizierte Ertragswertmethode heißt von den durchschnittlichen Erträgen der letzten drei Jahre einen individuellen Unternehmerlohn abzusetzen, um dann das Ergebnis mit einem Rentenbarwertfaktor zu berechnen und danach dann die latenten Ertragsteuern abzuziehen.

 

Der BGH betont noch einmal sehr differenziert, dass nur der aufgrund des persönlichen Einsatzes ermittelte Unternehmerlohn, der sich an den persönlichen Verhältnissen des Inhabers orientiert, angesetzt werden darf. Interessant ist das Beispiel des BGH, dass gegen einen pauschal angesetzten kalkulatorischen Unternehmerlohn spricht: „Einer freiberuflichen Praxis, deren Ertrag mit einem geringeren zeitlichen Aufwand des Inhabers aufrechterhalten werden kann, kommt stets ein höherer Goodwill zu als einer Praxis mit gleichem Ertrag, die einen erheblich höheren Einsatz des Inhabers erfordert“ (Rz. 28).

 

Die Hinweise der Bundesärztekammer (BÄK) sehen eine Staffelung des zu berücksichtigenden Arztgehalts nach Umsatzgröße vor. Das folgende Rechenbeispiel zeigt deutlich, dass diese pauschale Ermittlungsmethode der BÄK nicht sinnvoll wäre. Das wird deutlich am Beispiel einer kleinen StB-Praxis mit einem Umsatz von 120.000 EUR und einer Vergleichspraxis mit 380.000 EUR Umsatz (bundesdurchschnittlicher Umsatz 2009 für Steuerberater). Es dürfte mehr als verständlich sein, dass die hier zitierte kleine Praxis mit einem geringeren Unternehmerlohn geführt werden kann als die größere Durchschnittspraxis; würde man den Unternehmerlohn bei einem Umsatz von 380.000 EUR mit 120.000 EUR ermitteln können, dann wäre linear betrachtet der Unternehmerlohn für die kleine Praxis 12/38, das sind 38.000 EUR. Nur diese Betrachtung gewährleistet richtig, dass auch die kleine Praxis einen Goodwill besitzt:

 

Umsatzschnitt der letzten drei Jahre

120.000 EUR

380.000 EUR

Kostenschnitt

60.000 EUR

228.000 EUR

Gewinn

60.000 EUR

152.000 EUR

kalkulatorischer StB-Lohn

38.000 EUR

120.000 EUR

Übergewinn

22.000 EUR

32.000 EUR

Die Auffassung von Wehmeier, der die kleine Praxis mit dem selben Unternehmerlohn belastet wie die größere Praxis, ist m.E. nicht haltbar (s. Wehmeier, W., Praxisbewertung - Anmerkungen zu den Hinweisen der BStBK vom 30.6.10 in Stbg 10, 465 ff.). In seinem Beispiel führt das bei kleineren Praxen zu einem negativen Übergewinn und einem negativen Goodwill. Aber weniger als Null geht nicht, dann gilt der Mindestwert. Hiergegen muss man argumentieren, dass auch die kleine Praxis im Familienrecht einen Goodwill hat! Konsequent fortgeführt heißt das nun:

 

Übergewinn

22.000 EUR

32.000 EUR

Basiszins z.B.

4,0 %

4,0 %

Risikozuschläge beispielhaft

5,0 %

4,0 %

= Zinsen vor Steuerbelastung

9,0 %

8,0 %

Ertragsteuern „Fünftel-Regelung“ gem. § 34 Abs. 1 EStG

2,25 %

2,0 %

Kapitalisierungszins

6,75 %

6,0 %

Nachhaltig bis an das Ende der Ehe

2 Jahre

3 Jahre

Rentenbarwertfaktor

1,936

2,8334

familienrechtlicher Ertragswert

45.592

90.669

im Verhältnis zum Umsatz

38,0 %

23,9 %

Dieses Ergebnis mag überraschen, aber es ist die konsequente Darstellung des BGH. Mit den Umsatzvervielfältigern hat das zumindest im Familienrecht nichts mehr zu tun. Neu ist auch die Betrachtung ausschließlich bis zum Bewertungsstichtag mit der Ermittlung der nachhaltigen Ertragskraft, der Annahme eines Nachhaltigkeitszeitraumes bis zum Ende der Ehezeit und der Anwendung der „Fünftelregelung“ gem. § 34 Abs. 1 EStG.

Bewertung bei Erwerb einer Praxis

Im Gegensatz zur Bewertung im Fall des Zugewinnausgleichs muss der Investor beim Erwerb einer Praxis von einer klassischen Investitionsrechnung - Unternehmensbewertung - ausgehen. Das Gleiche gilt bei dem Erwerb und der Veräußerung von Praxisanteilen. Hier müssen Zukunftserträge unter Berücksichtigung aller Chancen und Risiken kapitalisiert werden, möglicherweise hinsichtlich der Praxis-Fortführungsdauer auch modifiziert - also keine unendliche Laufzeit. Es gilt der IdW S1, so der BGH.

 

Ausgehend von einer berufsbezogenen Due Diligence muss eine mindestens dreijährige Planungsrechnung vorliegen. Dann müssen die Schwierigkeitskomplexe der Unternehmensbewertung abgearbeitet werden. Das sind vorrangig der Steuerberaterlohn, der Zinssatz, der Steuersatz und das „n“. Dabei erscheint es einleuchtend, dass je größer die Praxis ist und je mehr Partner vorhanden sind, umso länger ist die Praxis-Fortführungsdauer.

 

Nicht gelöst sind nach wie vor die individuell zu lösenden Fragen wie die angemessene Festsetzung der Steuerberaterlöhne in Sozietäten untereinander, die Ermittlung eines gewichteten oder durchschnittlichen Steuersatzes in Sozietäten, der richtige Zinssatz und natürlich die Fortführungsdauer, über die jeder der Partner einer Sozietät altersentsprechend eine andere Auffassung hat.

 

Zum Autor | Der Autor Herr Prof. Dr. Peter Knief ist Unternehmensberater in Köln. Er ist erreichbar unter www.peter-knief.de, dort unter dr@peter-knief.de

Quelle: Ausgabe 11 / 2011 | Seite 205 | ID 29199850