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  • ·Fachbeitrag ·Entwicklung des Berufstands

    Wohin tendiert die Steuerberatung?

    von StB Jürgen Derlath, Münster

    | Jedes Jahr veröffentlicht die Bundessteuerberaterkammer die Berufsstatistik des Vorjahres. Das Zahlenwerk vermittelt auf den ersten Blick einen eher statischen Eindruck. Erst bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass auch unser Berufsstand von bestimmten Trends geprägt wird, die ihm langsam aber beständig ein anderes Gesicht geben. Der Beitrag geht auf die wichtigsten demographischen und strukturellen Entwicklungen ein. |

    Der erste Eindruck laut Berufsstatistik

    Die Abbildung gibt das Mitgliederwachstum seit 1962 wieder. Mitglieder sind zum Steuerberater bestellte natürliche Personen und Steuerberatungsgesellschaften. Insgesamt hat sich die Zahl der Mitglieder in den fast 60 Jahren nicht ganz vervierfacht (1962: 24.081; 2019: 98.95). Die Darstellung suggeriert kontinuierliches Wachstum. Strukturell gibt es aber ‒ wie zu zeigen sein wird ‒ deutliche Verschiebungen.

     

     

    Ein Wort zu den Zahlen: Da mir nur die Statistiken seit 2010 vorliegen, kann ich keine Angaben zu den Zeiträumen davor machen. Um die Tabellen nicht zu überfrachten, habe ich nur bestimmte Jahre dargestellt. Die Entwicklung von Jahr zu Jahr ist aber kontinuierlich ‒ wo nicht, habe ich es kenntlich gemacht.

    Sieben Trendfaktoren

    Der erste Trend, der kontinuierliche Rückgang bei den Einzelpraxen, wird erkennbar, wenn man auf die Inhaber von Einzelpraxen abstellt, die ‒ ausschließlich t‒ selbstständig tätig sind. Zieht man davon auch die Bezieher von Alterseinkünften (Gruppe der über 70-Jährigen) ab, von denen ich annehme, dass sie ganz überwiegend in Einzelkanzleien tätig sind, ergibt sich folgendes Bild:

     

    • Trend 1: Der langsame Abschied vom Leitbild Einzelkanzlei
    2010
    2012
    2015
    2019

    Einzelkanzleien

    32.141

    32.123

    30.731

    29.511

    Veränderung (%)

    ‒ 0,1 %

    ‒ 4,3 %

    ‒ 4,0 %

    Einzelkanzleien(ohne Ü70)

    26.406

    25.293

    22.346

    19.601

    Veränderung (%)

    ‒ 4,2 %

    ‒ 11,7 %

    ‒ 12,3 %

    Quelle: Jahresberichte der BStBK, eigene Berechnungen

     

    Parallel dazu verläuft der zweite Trend, der Anstieg des Anstellungsverhältnisses. Er lässt sich an mehreren Kennzahlen ablesen: am Anteil der in der Branche selbst angestellten Steuerberater, an der Anzahl der Syndikus-Steuerberater und bei den Inhabern von Einzelpraxen, die als selbstständig und angestellt gekennzeichnet sind.

     

    • Trend 2: Der Aufstieg des Anstellungsverhältnisses
    2010
    2012
    2015
    2019

    Angestellte StB

    22.875

    24.121

    25.817

    27.772

    Veränderung (%)

    5,4 %

    7,0 %

    7,6 %

    Syndikus-StB

    2.878

    3.959

    5.241

    6.783

    Veränderung (%)

    37,6 %

    32,4 %

    29,4 %

    Inhaber (sowohl als auch)

    1.477

    1.531

    1.699

    2.253

    Veränderung (%)

    3,7%

    11,0%

    32,6%

    Quelle: Jahresberichte der BStBK, eigene Berechnungen

     

    Der dritte Trend betrifft das Wachstum der Steuerberatungsgesellschaften (Kapitalgesellschaften) und damit einhergehend den Rückgang der Personengesellschaften (BGB und PartG).

     

    • Trend 3: Kapitalisierung
    2010
    2012
    2015
    2019

    StB-Gesellschaften

    8.416

    8.858

    9.437

    10.446

    Veränderung (%)

    5,3 %

    6,5 %

    10,7 %

    Personengesellschaften

    7.181

    7.176

    6.969

    6.775

    Veränderung (%)

    ‒ 0,1 %

    ‒ 2,9 %

    ‒ 2,8 %

    Quelle: Jahresberichte der BStBK, eigene Berechnungen

     

    Die Summe aus (rein selbstständigen) Einzelkanzleien, Personengesellschaften und Steuerberatungsgesellschaften geht zurück. Da aber der Markt für diese Dienstleistungen gewachsen ist (siehe weiter unten), bedeutet das, dass eine Konzentration der Marktteilnehmer stattgefunden hat (Trend 4).

     

    • Trend 4: Konzentration
    2010
    2012
    2015
    2019

    Einzelkanzleien

    32.141

    32.123

    30.731

    29.511

    Personengesellschaften

    7.181

    7.176

    6.969

    6.775

    StB-Gesellschaften

    8.416

    8.858

    9.437

    10.446

    Summe

    47.738

    48.157

    47.137

    46.732

    Anteil StB-Gesellschaften

    17,6 %

    18,4 %

    20,0 %

    22,4 %

    Quelle: Jahresberichte der BStBK, eigene Berechnungen

     

    Insgesamt wird der Berufsstand weiblicher. So ist der Anteil der Frauen im Zeitraum von 2010 bis 2019 von 33,0 % auf 36.8 % gestiegen (Trend 5).

     

    • Trend 5: Feminisierung
    2010
    2012
    2015
    2019

    Steuerberaterinnen

    26.346

    27.881

    30.126

    32.566

    Veränderung (%)

    5,8 %

    8,1 %

    8,1 %

    Anteil (%)

    33,0 %

    33,8 %

    35,2 %

    36,8 %

    Quelle: Jahresberichte der BStBK, eigene Berechnungen

     

    Der nächste Trend betrifft die Alterung der Berufsträger. Mehr als die Hälfte ist über 50 Jahre alt ‒ Tendenz steigend. Der Anteil der über 61-Jährigen lag 2019 bei 30 %. Im Vergleich zu anderen Branchen ist auch das Durchschnittsalter recht hoch. Allerdings treten Steuerberater auch erst spät (i. d. R. ab 30) in den Beruf ein und sie arbeiten länger.

     

    • Trend 6: Seniorisierung
    2010
    2012
    2015
    2019

    Anteil der Ü50-Jährigen (%)

    46,1*

    46,8

    49,6

    54,0

    Veränderung (%-Punkte)

    0,7

    2,8

    4,4

    Durchschnittsalter Männer

    52,4

    52,9*

    53,8

    54,9

    Durchschnittsalter-Frauen

    46,8

    47,5*

    48,2

    49,5

    Durchschnittsalter gesamt

    50,5

    51,0

    51,8

    52,9

    Quelle: Jahresberichte der BStBK, eigene Berechnungen, * Zahl geschätzt

     

    Die beiden Alterspyramiden im Abstand von zehn Jahren zeigen den Effekt der Seniorisierung.

     

     

    Interessant ist auch ein Blick auf die Zahl der Zulassungen zur Steuerberaterprüfung. Trotz aller Vorsicht (denn 2017 und 2018 waren die Anträge wieder auf rund 5.400 gestiegen) kann man wohl folgern, dass das Interesse am Beruf eher nachgelassen hat (was mit Blick auf die Besteher-Quoten auch nicht weiter wundert).

     

    • Trend 7: Nachlassendes Interesse am Beruf Steuerberater
    09/10
    11/12
    14/15
    18/19

    Zulassung zur Prüfung

    5.914*

    5.571*

    5.043*

    5.292*

    Veränderung (%)

    ‒ 5,8%

    ‒ 9,5%

    4,9%

    Prüfung bestanden

    2.779*

    2.184*

    2.049*

    2.392*

    Besteher-Quote

    47,0 %

    39,2 %

    40,6 %

    45,2 %

    *Quelle: knoll-steuer.com

     

    Schließlich noch ein Blick auf den Markt für Steuerberatungsdienstleistungen. Quelle hierfür sind die Bestandserhebungen des Statistischen Bundesamts, hier insbesondere die „Strukturerhebung im Dienstleistungsbereich Rechts- und Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung“. Der Markt hat im Zeitraum von 2010 bis 2017 (für jüngere Jahre gibt es noch keine Erhebung) um gut 9 Mrd. EUR zugenommen und scheint recht ungleich verteilt zu sein. Bemerkenswert ist die hohe Anzahl von Unternehmen mit weniger als 250 TEUR Umsatz.

     

    • Strukturerhebung: Unternehmen Steuerberatung/Wirtschaftsprüfung/Buchführung
    2010
    2012
    2015
    2017

    Gesamtumsatz (TEUR)

    23.450.337

    25.452.364

    29.448.111

    32.578.350

    Veränderung (%)

    8,5 %

    15,7 %

    10,6 %

    Unternehmen mit weniger als 250 TEUR Umsatz

    29.852

    31.570

    37.495

    38.296

    Veränderung (%)

    5,8 %

    18,8 %

    2,1 %

    Unternehmen mit 250 TEUR Umsatz und mehr

    17.899

    18.895

    21.187

    23.315

    Veränderung (%)

    5,6 %

    12,1 %

    10,0 %

    Quelle: Destatis ‒ Strukturerhebung im Dienstleistungsbereich

     

    Der Markt ist aber auch in der Spitze ungleich verteilt. 2017 betrug der Umsatz 32,6 Mrd. EUR. Ein Viertel davon (8,4 Mrd. EUR) verteilt sich wie folgt:

     

    • Umsatz der Top 25 ‒ Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen bis 2017
    Unternehmen
    Umsatz der Gruppe
    Anteil am Umsatz der Branche (32,6 Mrd. EUR)

    Top 25 aus 2017 nach Umsatz

    8,4 Mrd. EUR

    25,8 %

    Gruppe 1(ab 1 Mrd. EUR)

    PwC, Ernst & Young, KPMG, Deloitte

    6.8 Mrd. EUR

    20,9 %

    Gruppe 2(ab 100 Mio. bis unter 1 Mrd. EUR)

    BDO, Rödl & Partner, Ebner Stolz, Baker Tilly, Mazars

    929 Mio. EUR

    2,9 %

    Gruppe 3(ab 40 bis unter 100 Mio. EUR)

    Warth & Klein Grant Thornton, PKF Fasselt Schlage Partnerschaft SM Dornbach, ETL, DHPG Dr. Harzem & Partner

    354 Mio. EUR

    1,1 %

    Gruppe 4(27 bis unter 40 Mio. EUR)

    LKC Kemper Czarske v. Gronau Berz, Möhrle Happ Luther Partnerschaft, Falk & Co. Unternehmensgruppe, Bansbach, Curacon, Solidaris/BPG Unternehmensgruppe, Fides Gruppe, RWT Gruppe, Dr. Kleeberg & Partner, Esche Schümann Commichau

    323 Mio. EUR

    1,0 %

    Quelle: de.statista.com

     

    Wie geht es weiter? ‒ Der Blick in die Glaskugel

    Die betrachteten Zeitreihen sind zumindest ab 2010 (für davor liegen mir keine Zahlen vor) sehr stabil in ihrer Entwicklung. Ceteris paribus könnte man also die Werte für die Zukunft fortschreiben, weil nichts darauf hindeutet, dass sich die beschriebenen Trends umkehren. Das ist aber unter Umständen nicht ganz richtig, denn der Markt wird derzeit von Entwicklungen getroffen, die vor 2010 in unserer Branche noch keine Rolle spielten, sodass die Ceteris-paribus-Annahme nicht richtig ist:

     

    • Digitalisierung/Automatisierung: Sie wirkt in zwei Richtungen. Sie verschafft digitalen Kanzleien einen Effizienzvorteil und macht sie flexibler bei der knappen Ressource Mitarbeiter. Der Effizienzvorteil kann in den Preisen weitergegeben oder in den Ausbau des Leistungsangebots investiert werden. Kanzleien mit niedriger Digitalisierung sind nicht in der Lage, diesen Effizienzgewinn zu realisieren und haben zusätzlich mit dem Mitarbeiterproblem zu kämpfen. Große Kanzleien und Zusammenschlüsse tun sich dabei insgesamt leichter. Dieser Effekt wird sich vor allem auf Ebene der Einzelkanzlei bemerkbar machen und dürfte folgende Trends künftig verstärken:
      • Die Abnahme der Einzelkanzleien
      • Die Zunahme der rein abhängig beschäftigten Steuerberater, der Syndikus-Steuerberater und der Sowohl-als-auch-Inhaber von Einzelkanzleien
      • Die Konzentration auf Anbieterseite

     

    • Wandel der Geschäftsmodelle: Die Digitalisierung/Automatisierung hat in vielen Branchen eine Veränderung der Geschäftsmodelle zur Folge (Stichwort „Schallplattenindustrie“). Das Brot- und Buttergeschäft liegt in der Lohn- und Finanzbuchhaltung, der Abschlusserstellung und in der Deklaration. Dieses Geschäftsmodell wird von mehreren Seiten „angegriffen“. Bei der Lohn- und bei der Finanzbuchhaltung stehen Anbieter von Payroll-Services und Banken parat. Für die privaten Einkommensteuererklärungen, in vielen Kanzleien immer noch Teil des ökonomischen Rückgrats, werden die Do-it-yourself-Lösungen immer besser. Inwieweit das Konstrukt Vorbehaltsaufgabe trotz Druck aus der EU aufrechterhalten werden kann, ist die nächste Frage. Doch mit welchen Dienstleistungen sollen die weggefallenen Umsätze ausgeglichen werden? Insgesamt dürfte sich das stärkend auf folgende Trends auswirken:
      • Die Abnahme der Einzelkanzleien
      • Die Zunahme der reinen abhängig beschäftigten Steuerberater, der Syndikus-Steuerberater und der Sowohl-als-auch-Inhaber von Einzelkanzleien
      • Die Konzentration auf Anbieterseite

     

    • Spezialisierung: Sie betrifft einmal die externe Ausrichtung auf bestimmte Zielgruppen (z. B. Heilberufler, Online-Händler) und intern die Arbeitsaufteilung (kanzleiinterne Experten). Kanzleien, die sich auf florierende Zielgruppen spezialisieren, generieren stabile Einkünfte und können ihren Zielgruppen ein umfassenderes Dienstleistungsspektrum anbieten. All-rounder-Kanzleien müssten theoretisch Spezialisten für alle Zielgruppen sein, was allerdings schon rein personell nicht möglich ist. Hinzu kommt, dass die Beratung immer komplexer und „haftungsgeneigter“ wird, was ebenfalls besonders die Allrounder trifft. Größere Kanzleien und Zusammenschlüsse können dagegen durch interne Spezialisierung sogar mehr Beratungsgebiete selbst abdecken. Das dürfte sich auf folgende Trends auswirken:
      • Die Abnahme der (Allrounder-)Einzelkanzleien
      • Die Konzentration auf Anbieterseite, um mehr Leistungen aus einer Hand anzubieten
      • Die Zunahme der Kapitalisierung

     

    • Corona-Krise 2020: Ihre Auswirkungen vorherzusagen ist natürlich hochspekulativ. Wenn es aber stimmt, dass „die Wirtschaft“ nach Corona nicht mehr die von davor sein wird, dann heißt das, dass eine ganze Reihe von Mandaten die Krise nicht überleben bzw. eine ohnehin altersbedingt beabsichtigte Betriebsaufgabe vorverlegen werden. Damit würde der Markt für Steuerberatungsdienstleistungen nachfragerseitig schrumpfen (was nicht automatisch heißt, dass das Marktvolumen in EUR ebenso stark zurückgeht [Stichwort Krisenberatung]). Unter der Annahme, dass diese Mandate am ehesten in kleineren Allrounder-Kanzleien bzw. von Steuerberatern jenseits der 68 betreut wurden, könnte die Krise folgende Trends beeinflussen:
      • Die Abnahme der (Allrounder-)Einzelkanzleien
      • Eine vorübergehende Abmilderung der Seniorisierung, weil mehr Steuerberater in den Altersklassen ab 61 und über 70 aufgeben
      • Eine Zunahme der Konzentration
    Quelle: Ausgabe 07 / 2020 | Seite 122 | ID 46203999