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27.10.2008 |Apothekenentwicklung

EuGH-Entscheidung: Deutsche Apotheken als Kaninchen vor der Schlange?

von Apotheker Dr. Reinhard Herzog, Tübingen

Die im ersten Halbjahr 2009 anstehende Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) in Luxemburg zur Rechtmäßigkeit des Fremdbesitzes von deutschen Apotheken elektrisiert die Branche seit vielen Monaten. Viele ApothekerInnen fragen sich, was jetzt zu tun ist. 

Rechtlich: Viel Lärm um wenig?

Der EuGH wird zunächst nur über das deutsche Fremdbesitzverbot und (noch) nicht über den unbegrenzten Mehrbesitz urteilen. Unmöglich ist es, bereits heute die konkrete Entscheidung des EuGH vorherzusehen. Fest steht nur: Ein Kippen des Fremdbesitzverbotes würde mittelfristig und zumindest indirekt die Apothekenlandschaft der großen Mehrheit der 27 EU-Mitgliedstaaten erheblich tangieren. Angesichts des nach wie vor in nationaler Zuständigkeit liegenden Gesundheitswesens und der derzeitigen „Großwetterlage“ in der EU sind aber Zweifel erlaubt, ob der EuGH eine solche „Großbaustelle“ überhaupt aufreißen wird. Und selbst wenn dies der Fall sein wird, stellt sich noch die Frage nach der Zeitachse und den Übergangsfristen. 

 

Außerdem wird momentan Folgendes übersehen: Falls der EuGH das derzeitige Fremdbesitzverbot für rechtswidrig erklären sollte, wird erst einmal der Ball an den nationalen Gesetzgeber zurückgespielt. Die Bundesregierung kann ihrerseits und trotz eines EuGH-Urteils das Apothekensystem durchgreifend reformieren. Zwar zeichnen sich dafür zurzeit noch keine Mehrheiten ab. Aber das „Apotheken-Projekt“ ist bisher einfach noch nicht konkret angegangen worden. Dies kann sich jederzeit ändern.  

Faktisch: Aktuelle versteckte Umverteilungen des Marktes

Gleichzeitig vollziehen sich aber heute schon viel tiefergreifende Umwälzungen, die wenig im öffentlichen Fokus stehen:  

 

  • So werden nennenswerte Apothekenumsätze immer stärker aus der Fläche in Medizinische Versorgungszentren (MVZ) und „Gesundheitszentren“ umverteilt. Neben Klinikketten, die bereits hinter etwa einem Drittel der MVZ stehen, mischen hier inzwischen auch die Krankenkassen mit.

 

  • Neue, attraktive Standorte in Ärztehäusern oder Einkaufscentern kommen meistens gar nicht mehr auf den freien Markt, sondern werden zunehmend von Planungsgesellschaften oder Ausgründungen einzelner Großhandlungen abgefangen. Die Mietverträge für die dortigen Apotheken sind in der Regel ohne Verlängerungsoptionen knapp befristet und zudem mit sonstigen „Finessen“ gespickt.

 

Die Zielrichtung ist klar: Langfristig sollen damit die attraktiven Apotheken in andere Hände fallen. Dies geschieht schleichend und im Verborgenen. An einer großen, schlagartigen Umwälzung, die plötzlich alle möglichen Einzelhändler, Drogeriemärkte, Tankstellen usw. auf den Markt spülen würde, ist den Profis in diesem Geschäft nicht gelegen. Die Märkte werden behutsam – bevorzugt in lukrative Teilmärkte – umverteilt und zunehmend der eigenen Kontrolle unterworfen. An dem infolge dieser Veränderungen langsam erodierenden 0815-Umsatz in der Fläche und in ländlichen Gebieten haben die Experten und „Prädatoren des Pharmamarktes“ wenig Interesse. Interessant sind die Plätze, an denen die künftigen, teuren und lukrativen Spezialtherapien stattfinden, und gute Frequenz-lagen, wo sich Umsätze und Menschen sammeln. 

 

Die Einzelvertragsproblematik spielt diesem Prozess in die Hände. Mittlerweile schließen selbst Ärztevertretungen an den offiziellen Kassenärztlichen Vereinigungen vorbei Einzelverträge mit den Krankenkassen, die zu immer mächtigeren Playern auf der Nachfrageseite werden. Damit werden die Umsätze weiter gebündelt – und zwar genau so wie das heute schon bei den Hilfsmittelausschreibungen oder „Exklusivverträgen“ mit Heimketten beginnt.  

Individuell: Bestandsaufnahme

Damit ist für jede Apotheke der Zeitpunkt gekommen, eine Bestandsaufnahme der eigenen Situation vorzunehmen. Ziel sollte es sein, auf jede mögliche Konstellation in den nächsten Jahren vorbereitet zu sein und Fehlentscheidungen zu vermeiden.  

 

Versuchen Sie dabei, Persönliches und die nüchterne Zahlenwelt voneinander zu trennen. Für manchen ist das Lebenswerk, die eigene Apotheke, eben nicht nur Mittel zum Unterhalt. Andere sehen dies nüchterner. Manch einer mag sogar regelrecht auf den „großen Knall“ spekulieren, um richtig Kasse machen zu können. Im Vorgriff darauf häuft er schon einmal Standorte, Filialen und Marktmacht an. Andere hingegen setzen auf die „Wagenburg-Mentalität“.  

 

Insofern kommt also auch darauf an, die Mentalität der unmittelbaren Konkurrenten zu erfassen. Es macht einen Unterschied, ob hier alle in etwa gleich „ticken“ oder ob der eine sofort an den Erstbesten verkaufen würde. Falls sich die potenziell stärksten Kettenspieler schon in Ihrer Nachbarschaft eingekauft haben, tun Sie sich schwerer, noch zum Zuge zu kommen. Das bestimmt die künftige Konkurrenzlage und damit Ihre eigene Stellung im Wesentlichen mit.  

Unerlässlich: 360-Grad-Beurteilung der Lebensumstände

Um bestens vorbereitet zu sein, sollten Sie Ihre Apotheke und Ihre persönliche Situation komplett beurteilen. Die folgende Checkliste nennt die dafür erforderlichen Punkte. Seien Sie ehrlich und versuchen Sie, mit so wenig Annahmen wie möglich auszukommen – halten Sie sich möglichst an belegbare Fakten!  

 

Checkliste: Beurteilung der beruflichen und persönlichen Umstände

1. Persönliche Situation
  • Eigene Fitness, gesundheitliche Verfassung, Stabilität der privaten Lebensumstände, Bereitschaft, ggf. noch einmal außerhalb der eigenen Apotheke tätig zu werden?
  • Realistischer, eigener „Marktwert“? Wie aktuell sind Ihre beruflichen Fähigkeiten? Welche besonderen Stärken könnten Sie ins Feld führen?
  • Gebundenheit an den Ort durch Lebensumstände, Immobilien usw.?

 

2. Finanzstatus
  • Vermögensstatus: Vorhandenes Vermögen (sicher vorhanden, nur schätzbar bzw. nicht unbedingt und jederzeit realisierbar wie Immobilienwerte, riskante Wertpapiere)?
  • Schuldenstand: betrieblich – privat – insgesamt; realistische Schuldtilgungsdauer? Überschuldung?
  • Einkommen: erwünscht bzw. mindestens erforderlich (unter Berücksichtigung des Schuldendienstes)? Könnten Sie demzufolge überhaupt aussteigen?
  • Mögliche Einkommensquellen: Künftige Angestellten- oder sonstige Tätigkeit überhaupt realistisch? Rentenansprüche? Ansprüche aus sonstigen Versicherungen, Sparplänen usw., ab wann? Kapitaleinkünfte? Einkommen des Lebenspartners?
  • Möglicher Verkaufspreis der Apotheke: brutto und netto nach Abzug von Steuern und Verbindlichkeiten. Erforderlicher Mindesterlös, um möglicherweise „saniert“ zu sein.

 

3. Betriebliche Lage
  • Strategische Lage der Apotheke im Konkurrenzumfeld (Ärzte, Passantenfrequenz, Anfahrbarkeit usw.)?
  • Zukunftsfähigkeit des Standortes? Gefährdung durch Abwanderungsbewegungen, Umverteilungen insbesondere von Facharztumsätzen?
  • Risikoallokation: „Klumpenrisiken“ durch Abhängigkeit von wenigen Praxen oder Frequenzbringern?
  • Mögliche Konkurrenzgründung: vorhandene Räumlichkeiten in der Nähe?
  • Filialproblematik: Filialen sind zusätzliche Wertschaffer oder Wertvernichter bzw. werden nur aus strategischen oder Konkurrenzschutzgründen betrieben? Warum sollte ein potenzieller Kettenbetreiber gerade für Ihre Apotheke Höchstpreise bieten? Könnte ein potenzieller Käufer überhaupt eine angemessene Gesamtkapitalverzinsung auf den Ihrerseits erhofften Kaufpreis erzielen? Professionelle Käufer werden das durchrechnen!

 

4. Vertragliche Aspekte
  • Betriebsräume: Dauer der Mietverträge? Vorzeitige Kündbarkeit? Flexibilität, Untervermietbarkeit? Im Falle eigener Immobilien: anderweitige Vermietbarkeit des Objekts?
  • Banken: Modalitäten eventueller Kreditverträge? Kündbarkeit, vorzeitige Tilgbarkeit?
  • Personal: Langjährig beschäftigte Mitarbeiter, Kündigungsschutz- und Abfindungsproblematik? Persönliche Verbundenheit?
  • Sonstige, vertragliche Bindungen: Teure Leasingverträge etc.? Eigene (vorteilhafte oder eher apothekenwertmindernde) Lieferverträge mit Heimen, Krankenhäusern usw.?
 

Die Beantwortung der Checkliste sollte Ihnen mindestens über Folgendes Klarheit bringen:  

 

  • Ob Sie weiterhin berufstätig sein wollen oder umständebedingt müssen – dann womöglich sogar egal für wen.
  • Welche Alternative für Sie infrage kommt und wie Ihre persönliche Lebensgestaltung aussehen könnte.
  • Ob Sie überhaupt aus Ihrer Apotheke herauskommen und wenn ja, zu welchem Preis.
  • Ob ein Verkauf Sie „sanieren“ würde.

Fazit: Womit Sie (nicht) rechnen sollten ...

Falls es trotz allem rasch zu einer Liberalisierung des Apothekenmarktes kommen sollte, wird es – neben Verlierern – tatsächlich Gewinner geben. Dennoch sollten Sie sich keinen Utopien hingeben:  

 

  • Nur für strategisch gut positionierte Standorte können Sie sich den Käufer aussuchen – sofern sich nicht in unmittelbarer Nähe relativ leicht eine Konkurrenzapotheke gründen lässt ist, was den Wert Ihrer Apotheke deutlich limitiert.

 

  • Für zweit- und drittklassige Apotheken werden die Interessenten nicht Schlange stehen – mögliche Käufer werden sich die „Filetstücke“ herausschneiden und nicht in jedem Fall eine Filialkons-truktion im Ganzen abnehmen.

 

  • Schulden werden Privatsache bleiben. Wer sich betrieblich und/oder privat weit aus dem Fenster gelehnt hat, wird trotz ambitionierter Verkaufspreise nicht unbedingt den „goldenen Schnitt“ machen können. Überlegenswert und günstiger wäre es in vielen Fällen, irgendwie ein gutes, laufendes Einkommen zu halten.

 

  • Auch Ihre „Apotheken-Expertise“ aus zwei oder drei Jahrzehnten Berufstätigkeit wird wahrscheinlich nicht zu einem hoch dotierten Berater- oder Filialleitervertrag führen. Denn Konzerne ticken anders: Es gelten klare Vorgaben, denen sich alle zu unterwerfen haben. Individuelle Lösungen – und seien diese noch so originell oder kreativ – sind in der Regel nicht gefragt. Die Profis kaufen zudem keine Vergangenheit und lieber junge Uni-Absolventen ein, die man noch formen kann.

 

  • Der vielfach kolportierte Personalmangel wird, wenn überhaupt, in erster Linie auf die verbleibenden Individualapotheken durchschlagen, die mit Konditionen und Perspektiven nicht mithalten können. Kommt es tatsächlich zu nennenswerten Apotheken-Schließungen, ist der Personalmangel wiederum rasch behoben. Arbeitsmärkte schwingen bekanntlich schnell in beide Richtungen über: Aus einem Fachkräftemangel wird schnell ein Überangebot, wie etliche Rezessionen gelehrt haben.

 

Quelle: Ausgabe 11 / 2008 | Seite 3 | ID 122458