logo logo
Meine Produkte: Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen. Anmelden
Menu Menu
MyIww MyIww
Jetzt testen

26.08.2009 |Apothekenentwicklung

Die GEK-Strukturdaten des Arzneimittelmarktes 2009

von Apotheker Dr. Reinhard Herzog, Tübingen

Jahr für Jahr wird der Arzneimittelmarkt analysiert. Außer den Recherchen im Auftrag der Industrie werden etliche Auswertungen auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Solche Analysen und Bewertungen sind für die öffentliche Apotheke von erheblichem Interesse, weil hier wichtige wirtschaftliche und fachlich-pharmakologische Trends aufgezeigt werden. Da die Werke sehr umfangreich sind, greifen wir hier nur die wichtigsten Ergebnisse auf - im folgenden Beitrag insbesondere den Arzneimittelreport 2009 der Gmünder Ersatzkasse (GEK).  

Überblick über die einzelnen Auswertungen

Jeweils im Herbst erscheint der Arzneiverordnungsreport, der vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) herausgegeben wird (www.wido.de). Darin werden einerseits die Ausgaben in den einzelnen therapeutischen Segmenten untersucht. Andererseits bietet der Report eine gute Übersicht über pharmakologisch aktuelle sowie veraltete bzw. weniger sinnvolle Arzneistoffe. Zudem werden hier stets aufs Neue die Verordnungszahlen der einzelnen Ärztegruppen dargestellt. Der Report wird in jedem Herbst in Buchform kommerziell angeboten. 

 

Das IGES-Institut in Berlin (www.iges.de) gibt - als Pendant zum Arzneiverordnungsreport - jährlich den Arzneimittelatlas heraus, der etwas näher an der Industrieperspektive liegt, aber ebenfalls die Struktur des deutschen Arzneimittelmarktes ausführlich aufarbeitet. Er wird ebenfalls in Buchform vertrieben. 

 

Marktforschungsinstitute wie IMS (www.imshealth.de), InsightHealth (www.insighthealth.de) oder The Nielsen Company (www.acnielsen.de) analysieren vorrangig die Absatzzahlen und Absatzkanäle, überwiegend im Auftrag der Industrie. Veröffentlicht werden dagegen nur relativ grobe Globaldaten zum Gesamtmarkt. Auch internationale Daten werden erhoben, da diese Marktforschungsunternehmen weltweit agieren. Einen Einblick in die weltweite Pharmalandschaft gibt der Dienst PharmExec (www.pharmexec.com). 

 

Die Gmünder Ersatzkasse (www.gek.de) hat sich einen Namen mit Arzneimittelreporten gemacht, die neben Strukturdaten jeweils spezielle Themenschwerpunkte der Arzneimittelversorgung herausgreifen. In der Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse erscheinen darüber hinaus regelmäßig Auswertungen zum Krankenhausmarkt, zu Heil- und Hilfsmitteln sowie zur ärztlichen Versorgung. Alle Publikationen der GEK sind im Internet zum Download zu finden. 

Allgemeine Daten des GEK-Arzneimittelreports

Der neue GEK-Arzneimittelreport 2009 basiert auf den Daten von etwa 1,8 Mio. Versicherten aus 2008. Die GEK-Versicherten sind rund vier Jahre jünger als die Durchschnittsbevölkerung und überproportional männlichen Geschlechts, was aber durch eine Alters- und Geschlechtsstandardisierung der Daten statistisch kompensiert wird.  

 

Nach Verordnungswert stehen mit den Präparaten Humira, Enbrel, Rebif, Betaferon und Omeprazol ratiopharm bei der GEK vor allem innovative Präparate und „Biologicals“ auf dem Siegertreppchen.  

 

Ganz anders fällt das Ranking der Präparate nach Packungszahlen aus: Hier dominiert nach wie vor L-Thyroxin Henning. Es folgen die Wirkstoffe Diclofenac, Ibuprofen, Omeprazol und Bisoprolol, alle aufgrund der Vertragssituation von ratiopharm. Im Gesamt-GKV-Markt haben diese Wirkstoffe - gegebenenfalls von anderen Herstellern - ebenfalls Spitzenplätze inne. 

 

Die größten Kostenzuwächse gab es bei Immuntherapeutika, Krebsmitteln, HIV-Therapeutika und - politisch bedingt - Impfstoffen mit einem Plus von 136 Prozent. Die „Oldies“ dagegen verloren - nicht nach Packungszahlen, wohl aber im Preis und damit im Umsatz. 

 

Die Packungsgrößen verschieben sich immer noch ein wenig in Richtung größerer Packungen: In 2008 sind 39 Prozent N3-Packungen und ca. 25 Prozent N2-Packungen; 36 Prozent entfallen auf die kleinen N1. Bei vielen Dauermedikamenten (beispielsweise Herz-Kreislauf-Mitteln) liegt der N3-Anteil sogar oft über 80 Prozent und bisweilen sogar bei 95 Prozent, so bei Enalapril oder Levothyroxin-Natrium. 

 

Patentabläufe stehen in den Jahren 2009 und 2010 im Umfang von etwa 1,5 Mrd. Euro Bruttoumsatz (bezogen auf den gesamten GKV-Markt) an. Prominente Beispiele sind: Orlistat und Tacrolismus im Juni 2009, Pantoprazol im August 2009, Losartan im September 2009, Insulin Lispro und Nebivolol Ende 2010. Insgesamt fallen in diesen zwei Jahren rund 40 Wirkstoffe aus dem Patentschutz heraus.  

 

Apotheken-Fazit: Wenige Präparate füllen bereits die Kasse in erstaunlichem Maße. Die Tendenz zu größeren Packungen drückt auf die Marge und reduziert die Kundenfrequenz - die Packungen halten länger. Gleichwohl geht die Präparateflut unverdrossen weiter - dafür sorgen allein die zahlreichen Patentabläufe in 2009 und 2010. 

„Lorenz-Kurven“ zum Arzneimittelbedarf

Überraschend ist immer wieder die Steilheit der Verbrauchskurven, die darüber hinaus noch etwas zunimmt. Dahinter steckt die Aussage, welcher Prozentsatz der Versicherten welchen Anteil an den Kosten für sich beansprucht:  

 

  • 0,1 Prozent der Versicherten benötigen bereits 10 Prozent der Arzneimittelausgaben der GEK; das sind über 30.000 Euro pro Kopf und Jahr!
  • Rund 0,6 Prozent der Versicherten stehen für 30 Prozent der Ausgaben; dies bedeutet noch über 8.500 Euro Arzneikosten pro Kopf und Jahr!
  • Der Markt der GEK-Versicherten wird also bei etwa drei Prozent geteilt: Diese „teuren“ 3 Prozent benötigen die eine Hälfte der Ausgaben, 97 Prozent teilen sich die andere Hälfte ... Es verwundert daher nicht, dass Disease-Management-Programme gerade bei teuren Chronikern ansetzen, um die Kosten in den Griff zu bekommen.

 

Apotheken-Fazit: Bereits mit erstaunlich wenigen Patienten tätigen Sie sehr hohe Umsätze. Das geht nicht unbedingt mit hohen Spannen einher, verspricht wohl aber in der Regel hohe Stückerträge. Die Aufwands-Nutzen-Relation ist also immer noch sehr gut. Dass bisweilen schon die „Top 10“, in jedem Fall aber die „Top 20“ oder „Top 30“ Ihrer Kunden über 10 Prozent des Umsatzes bringen, ist eine gängige Tatsache. Es versteht sich daher von selbst, dass Sie diese als „A-Kunden“ namentlich erfassen und entsprechend an Ihre Apotheke binden sollten.  

Analyse nach Altersprofil

Der Verbrauch der Arzneimittel hängt hochgradig vom Alter ab. GEK-Versicherte erhalten zudem im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt der gesetzlich Versicherten über fast alle Altersklassen hinweg deutlich mehr Tagesdosen verordnet. 

 

Mit knapp 1.200 bis gut 1.400 Tagesdosen im Jahr benötigen die 70- bis 90-Jährigen die meisten Medikamente. Bei den Höchstbetagten (über 90 Jahre) fallen die Zahlen wieder etwas ab - wer so alt wird, war und ist meist überdurchschnittlich fit. Im Vergleich zu den „günstigsten“ Altersklassen (20 bis 35 Jahre) mit jeweils um oder unter 100 Tagesdosen im Jahr vervielfacht sich der Bedarf im Alter. Der steile Anstieg erfolgt ab etwa 45 bis 50 Jahren.  

 

Die Kosten für die einzelnen Tagesdosen werden im Alter allerdings deutlich günstiger: Sie kosten um 60 bis 70 Cent gegenüber 1,50 bis 2,00 Euro in jüngeren Jahren. Begründung: Im Alter werden viele chronische Erkrankungen recht günstig mit Generika behandelt, in jüngeren Jahren schlagen schwerere (wenngleich seltenere) Akuterkrankungen mit einem oft höheren Fallaufwand verstärkt zu Buche.  

 

Apotheken-Fazit: Weiblich, ab etwa 60 Jahre alt, noch mobil - das sind die besten Apothekenkunden. Viele günstige Tagesdosen bedeuten viele Packungen (Generika!) mit guter Spanne. Männer benötigen zwar ähnlich viel, doch verlassen sich gerade in dieser älteren Generation viele noch verstärkt auf ihre zudem meist jüngeren Frauen als Einkäufer. Jede Gemeinde besitzt Altersprofile der Bevölkerung, die für die Abschätzung des Apotheken-Marktpotenzials also eine wichtige Lektüre sind. 

Inanspruchnahme von Arzneimitteln

Der Report weist auch aus, wie hoch der Anteil an Versicherten ist, die im Laufe des Jahres 2008 Arzneimittel verordnet bekommen haben: 

 

  • Danach haben rund 75 Prozent der Versicherten in 2008 mindestens ein Arzneimittel verordnet bekommen, Männer mit rund 70 Prozent etwas weniger als Frauen mit knapp 80 Prozent.
  • Dass 80- bis 90-Jährige zu 95 Prozent Arzneimittel verordnet bekommen haben, verwundert nicht;
  • wohl aber, dass 87 Prozent der Kinder unter zehn Jahren mindestens eine Verordnung erhalten haben. Eine Erklärung hierfür sind die zahlreichen, typischen Kinderkrankheiten.
  • Doch auch die Heranwachsenden (10 bis 20 Jahre), die aus dem „Gröbsten heraus“ sind, werden zu 71 Prozent (Männer: 64 Prozent, Frauen: 79 Prozent) mit mindestens einem Rezept bedacht.
  • 20- bis 30-jährige Männer sind mit 52 Prozent Verordnungsquote am „gesündesten“. Bei jungen Frauen spielt natürlich die „Pille“ eine herausragende Rolle im Verordnungsgeschehen, wenn auch dies hier nur unzureichend erfasst ist. Privatkäufe und Privatverordnungen blieben nämlich bei dieser Analyse außen vor!

 

Apotheken-Fazit: Nimmt man die Privatanteile und den OTC-Verkauf hinzu, wird fast jeder - noch lauffähige - Bundesbürger mindestens einmal im Jahr eine Apotheke aufsuchen. Allerdings sind insofern die Männer trotz ähnlicher Inanspruchnahme traditionell unterrepräsentiert, da immer noch in der Regel die Frauen die Einkaufsfunktion übernehmen. Nichtsdestotrotz: Statistisch betrachtet sollten Sie die meisten Einwohner Ihres Einzugsgebietes mindestens einmal im Jahr sehen. Da die Besuchsfrequenz sehr unterschiedlich ist, sollten Sie auch für den Gelegenheitskunden positive Überraschungen bereithalten, an die er sich gern erinnert.  

Regionale Unterschiede

Die Arzneiverordnungen unterscheiden sich je nach kassenärztlichem Bezirk deutlich. Neben unterschiedlicher „Arzneimittel-Politik“ zeichnen hierfür demografische Faktoren wie Alter und Verdichtungsgrad verantwortlich: 

 

  • Stadtstaaten weisen - mit Ausnahme von Bremen - aufgrund ihrer überproportional hohen Versorgungsdichte sehr hohe Pro-Kopf-Ausgaben auf: Berlin hat rund 15 Prozent höhere Pro-Kopf-Ausgaben als der Durchschnitt (= 314 Euro brutto vor allen Abzügen) und Hamburg etwa 12 Prozent.
  • Traditionell überdurchschnittlich schneiden die neuen Bundesländer ab, vor allem Sachsen-Anhalt.
  • „Billig“ sind Hessen und Rheinland-Pfalz.
  • Die restlichen Bundesländer weichen deutlich weniger als 10 Prozent vom Durchschnitt ab.

 

Apotheken-Fazit: Es spielt sicher für das Umsatzpotenzial einer Apotheke eine Rolle, ob die Apotheke in Bayern oder Sachsen-Anhalt liegt. Dennoch sind die „Mikrofaktoren“ direkt vor Ort entscheidend, insbesondere sind jeweils die Ärzteversorgung und die Kaufkraft herauszuheben.  

Spezielle Arzneimittel für Kinder und Jugendliche

Nach Packungszahlen dominieren bei Kindern die „Klassiker“ wie Nasensprays, Schmerz- und Fiebermittel, Hustenmittel sowie Antibiotika. 

 

Nach dem Verordnungswert sind Impfstoffe (HPV-Impfung als „Senkrechtstarter“!), Hypophysen- und Hypothalamushormone (bei Wachstumsstörungen) sowie Psychostimulantien bei hyperkinetischen Störungen hervorzuheben. Gleiches gilt für Allergene zur Hyposensibilisierungsbehandlung. Mit rund 250 Tagesdosen erhalten GEK-versicherte Kinder deutlich mehr Verordnungen als der GKV-Durchschnitt (150 DDD). 

 

Alarmierende Zahlen gibt es bei psychiatrischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen: Rund 24 Prozent der unter 18-Jährigen haben eine psychiatrische Diagnose (einschließlich Entwicklungsstörungen, die rund die Hälfte ausmachen). 4,7 Prozent wurden als hyperkinetisch eingestuft. Jungen liegen mit 26,6 Prozent psychiatrischen Diagnosen deutlich über den Mädchen (20,4 Prozent).  

 

Zwischen 6 und 18 Jahren erhalten rund 6 Prozent der Heranwachsenden Psychopharmaka verordnet (ohne OTC-Käufe und Privatverordnungen - gerade letztere stellen eine gewisse Dunkelziffer). Mit weitem Abstand entfallen dabei die meisten Verordnungen auf Psychostimulantien bei hyperkinetischem Syndrom.  

 

Apotheken-Fazit: Unser Nachwuchs lässt in vielerlei Hinsicht Wünsche offen - obgleich die Lebensbedingungen an und für sich so gut wie selten sind! „Mutter-Kind-Apotheken“ und die Spezialisierung auf Kinder kann deshalb erwägenswert sein, obwohl das Ergebnis absolut in Umsätzen betrachtet natürlich weit weniger bedeutend ist als bei alten Kunden. Schließlich ist die Chance gut, dass über die Kinder die gesamte Familie - womöglich bis hin zu den Großeltern - an die Apotheke gebunden werden kann.  

Spezielle Auswertung: Psychopharmaka und Antidepressiva

Rund sechs Prozent der Versicherten gingen 2008 mit mindestens einer Antidepressivum-Verordnung nach Hause. In allen Altersklassen hat die Verordnung von Antidepressiva in den letzten Jahren deutlich zugenommen:  

 

  • Männer kommen durchweg nur auf etwa die Hälfte des Verordnungsniveaus der Frauen.
  • Bereits im mittleren Lebensalter erhalten zehn Prozent der Frauen Antidepressiva (ohne OTC-Käufe und Privatverordnungen).
  • Bis zum 90. Lebensjahr steigt dieser Anteil kontinuierlich an - nämlich auf Werte von 10 Prozent (Männer) und 20 Prozent (Frauen).

 

Die Verordnung von Psychopharmaka hängt in höherem Lebensalter zudem oft mit der Diagnose Demenz zusammen: 

 

  • In der Altersklasse 80 bis 84 Jahre sind heute knapp zehn Prozent der Versicherten dement,
  • mit 85 bis 89 bereits 17 Prozent, und
  • fast ein Drittel in der Klasse 90+.

 

Über die Hälfte erhält vorzugsweise Neuroleptika und/oder Antidepressiva. Aufgrund der starken Zunahme der Hochbetagten - die Zahl der über 80-Jährigen wächst Jahr für Jahr um etwa zwei Prozent - ist hier stetes Wachstum programmiert, solange die Demenz nicht kausal therapiert werden kann.  

 

Apotheken-Fazit: Psyche ist ein Mega-Thema - in den unterschiedlichsten Facetten. Das sieht im Pflegeheim natürlich anders aus als bei aktiv im Leben Stehenden. Gleichwohl zeigen beispielsweise die Zahlen der Antidepressiva, dass hoher Bedarf besteht. Für die Apotheke ergeben sich daraus eine ganze Reihe von Ansatzpunkten. Da viele psychische Erkrankungen eher unserem Lebensstil geschuldet sind und nicht auf das Konto der „echten Geisteskrankheiten“ (deren Zahl relativ konstant bleibt) gehen, lohnt es sich, dem gestressten Seelenleben unserer Mitmenschen Balsam verschiedenster Couleur anzubieten. Der Leidensdruck ist hier hoch - die Zahlungsbereitschaft oft auch. Die Apotheke hat beste Karten, sich von diesem Wachstumsmarkt eine Scheibe abzuschneiden. Denkbar sind insofern zum Beispiel:  

 

  • Phytopharmaka, verschiedene Aminosäuren-Mischungen, Aromaöle;
  • Zusatzartikel wie Lichtduschen, Entspannungs-CDs bis hin zu Heilsteinen,
  • Wellness- und Entspannungsangebote, Magnetfeldtherapien sowie musikalisch-künstlerische Angebote - in Kooperation mit Ärzten, Masseuren, Natur- und Kunsttherapeuten usw.

 

Quelle: Ausgabe 09 / 2009 | Seite 3 | ID 129497