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  • · Fachbeitrag · Klimaschutz in der Apotheke, Teil 7

    Sortiment: Klimaschutz beim Kerngeschäft

    von Ursula Katthöfer, Wissenschaftsjournalistin, Bonn

    | Die Produktion der noch so kleinsten Pille wirkt sich auf den Klimawandel aus. Insgesamt verursachen Medikamente einen großen Teil der Treibhausgasemissionen von Apotheken. Hinzu kommen CO 2 -Äquivalente, die durch Kosmetika und Medizinprodukte entstehen. Ein bewusster Umgang mit dem eigenen Sortiment hilft, klimaschädliche Emissionen zu senken und zu verhindern. |

    Nachhaltig erforschte und produzierte Arzneimittel

    Noch ist das Angebot nachhaltig erforschter und produzierter Arzneimittel gering, da die Nachfrage fehlt. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG, klimawandel-gesundheit.de) motiviert dennoch, bereits beim Einkauf von Arzneimitteln und Medizinprodukten auf die Hersteller und Lieferanten einzuwirken, damit sie nachhaltiger arbeiten. Der Gedanke dahinter ist: Je häufiger Apotheken und Einkaufsgemeinschaften den Klima- und Umweltschutz gegenüber den Außendienstmitarbeitern der Firmen thematisieren, desto stärker ist der Bewusstseinswandel. Bei der Auswahl von Generika ist es laut KLUG nicht nur sinnvoll, auf den Preis, sondern auch auf Liefersicherheit und Nachhaltigkeit zu achten:

     

    • Geben die Pharmafirmen den CO2-Fußabdruck eines Arzneimittels an?
    • Produzieren sie die Medikamente in Europa und halten sie die europäischen Umwelt- und Arbeitssicherheitsstandards ein?
    • Werden Mehrwegpaletten und umweltfreundliche Verpackungen eingesetzt?

     

    Ein Problem bleibt weitgehend ungelöst: die Packungsgröße. Packungen erhalten i. d. R. mehr Tabletten als verordnet. Überflüssige Tabletten landen im Müll. Eine Lösungsmöglichkeit wäre mehr Bulkware zur Konfektionierung in der Apotheke. Auch müssten Arzneimittel umweltfreundlicher werden ‒ bei den langen Entwicklungs- und Zulassungsprozessen ist das ein langer Weg. Doch es tut sich was. An der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz haben Forscher z. B. eine elektrochemische Methode entwickelt, um Sulfonamide, die in vielen Arzneimitteln vorkommen, kostengünstig und umweltfreundlich herzustellen (doi.org/10.1002/ange.202016164).

    Je weniger Überversorgung, desto weniger Treibhausgase

    Doppelverordnungen zu überprüfen, Kunden zur richtigen Anwendung zu beraten und Interaktionen der Medikamente zu bedenken, hat nicht nur weniger unerwünschte Wechselwirkungen zur Folge. Apotheken, die die Medikation ihrer Patienten managen und über Polymedikation informieren (s. Interview mit Dr. Inga Leo-Gröning „Es ist sehr motivierend, mit ATHINA pharmazeutisch zu arbeiten“ in AH 12/2019, Seite 6), sparen auch unnötige Treibhausgasemissionen.

    Asthma-Sprays verursachen hohe Treibhausgasemissionen

    Viele Inhalatoren für Erkrankungen wie Asthma setzen eine große Menge an Treibhausgasen frei. Aufgabe des Treibgases Hydrofluoralkan (HFA) ist es, das eigentliche Medikament zu zerstäuben. Einer Studie von Wissenschaftlern der University of Cambridge (dx.doi.org/10.1136/bmjopen-2018-028763) zufolge gingen im Jahr 2017 etwa vier Prozent des gesamten Treibhausgasausstoßes des englischen Gesundheitswesens auf diese Sprays zurück. Die Forscher weisen darauf hin, dass einzelne Patienten, aber auch das gesamte Gesundheitswesen, dem Klima nutzen könnten, wenn umweltfreundlichere Asthma-Sprays verordnet würden. Trockenpulverinhalatoren seien eine Alternative. Diese Sprays setzten bis zu 37-mal weniger Treibhausgase frei als Dosieraerosole. Ein einziger Patient würde das Äquivalent von 150 bis 400 kg CO2 pro Jahr einsparen. Apotheker können ihre Kunden über diese Zusammenhänge aufklären, sodass diese ihren behandelnden Arzt auf einen umweltfreundlichen Inhalator, der für die Behandlung geeignet ist, ansprechen können. Wiederverwendbare Inhalatoren sparen Abfall.

    Das Ergänzungssortiment klimafreundlich gestalten

    Beim Ergänzungssortiment haben Apotheken einen deutlich höheren Handlungsspielraum als bei Arzneimitteln, wenn sie Folgendes beachten:

     

    • Kosmetikprodukte enthalten oft Erdöl und Mikroplastik. Vor allem Start-ups bieten Produktlinien an, die klimaneutral und umweltfreundlich produziert wurden. Das gute alte Stück Seife in einer Pappschachtel hat eine deutlich bessere Klimabilanz als die schwerere Flüssigseife in der Kunststoffflasche, die durch ihr höheres Gewicht mehr Transportemissionen verursacht. Auch enthält die Flasche unterschiedliche Kunststoffarten, die sich häufig schwer trennen und recyceln lassen.

     

    • Begriffe wie Natur- und Biokosmetik sind zwar rechtlich nicht geschützt, doch gehört es zum Selbstverständnis der Hersteller, auf Erdölprodukte, Mikroplastik, Silikone, synthetische Duft- und Farbstoffe sowie Gentechnik zu verzichten.

     

    • Vegane Kosmetika verzichten ganz auf tierische Zutaten. Da Öle jedoch essenziell sind, enthalten sie in einigen Fällen klimaschädliche Erdölprodukte.

     

    • Der Klimawandel beeinflusst die Sonneneinstrahlung. Sonnenschutzmittel gegen die UV-Strahlung gelangen ins Meer und werden u. a. für die Korallenbleiche verantwortlich gemacht. Stoffe wie Octinoxat und Oxybenzon sind daher bereits in einigen Pazifikstaaten verboten. Apotheken können biologisch abbaubare Sonnenschutzprodukte in ihr Sortiment aufnehmen.

     

    PRAXISTIPP | Verbandmittel, Einmalspritzen und Blutzuckerteststreifen wandern gleich nach dem Gebrauch in den Müll. Darauf hat die Apotheke keinen Einfluss. Dennoch kann es sinnvoll sein, auf die Ökobilanz des Herstellers zu achten und zu prüfen, ob er einen Nachhaltigkeitsbericht auf seiner Homepage hat.

     
    Quelle: Ausgabe 10 / 2022 | Seite 7 | ID 48445974