· Fachbeitrag · Interview
DARE-Studie: „Wir wollen das Demenz-Screening als pharmazeutische Dienstleistung etablieren“
„DARE – Demenzfreundliche Apotheken als Ressource für die psychische Gesundheit im Alter“ lautet der Titel einer Studie des Alzheimer Therapie- und Forschungszentrums der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Darin erproben 14 bayerische „Demenzfreundliche Apotheken“ mithilfe eines digitalen Tests, ob Apotheken ein geeigneter Ort sind, um kognitive Einschränkungen früh zu erkennen. Kooperationspartner ist das Wissenschaftliche Institut für Prävention im Gesundheitswesen der Bayerischen Landesapothekerkammer (WIPIG). Dessen Geschäftsführer ist der Apotheker Dr. Helmut Schlager. Ursula Katthöfer ( textwiese.com ) hat ihn zu Ablauf und Ziel der Studie befragt.
Frage: An welche Kundengruppe richtet sich das Demenz-Screening?
Antwort: Das Angebot richtet sich an Personen ab 60 Jahren, die entweder selbst oder deren Angehörige über kognitive Beeinträchtigungen berichten. Manchmal stellt auch das Apothekenpersonal eine beginnende Unsicherheit fest. Ein typisches Anzeichen ist beispielsweise, wenn eine ältere Stammkundin ihr Portemonnaie über den HV-Tisch reicht und darum bittet, das Geld herauszunehmen. Auch Fragen wie beispielsweise nach Gingko-Präparaten lassen Rückschlüsse zu. Allerdings lässt sich eine beginnende Demenz häufig nur schwer erkennen, weil die Betroffenen sie meisterhaft kaschieren können. Deshalb sind Tests so wichtig.
Frage: Wie läuft ein Demenz-Test in der Apotheke ab?
Antwort: Da es sich um eine Studie handelt, müssen die Probanden zunächst aufgeklärt werden und schriftlich einwilligen. Anschließend wird der Umgang mit dem Tablet erläutert. Dann beginnt der eigentliche Test, wobei es sich um mehrere Tests zu Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung handelt. Es werden beispielsweise Bilder oder Zahlenfolgen gezeigt, an die sich später erinnert werden muss. Um die Ergebnisse noch genauer einordnen zu können, beantworten die Teilnehmer zudem Fragen zu ihrer Stimmung und zu gesundheitlichen Risikofaktoren. So beeinflusst beispielsweise eine Depression die Kognition wesentlich. Der Test dauert 20 bis 30 Minuten – in Einzelfällen auch länger, denn nicht alle teilnehmenden Personen kommen mit dem Tablet gut zurecht. Die Testfragen müssen selbstständig beantwortet werden, technische Hilfe ist jedoch erlaubt.
Frage: Der Uhrentest ist ein Klassiker unter den Demenz-Tests. Wie wird er digitalisiert und ausgewertet?
Antwort: Die Teilnehmer sollen eine Uhr mit korrekten Ziffern und Zeigern auf das Display des Tablets zeichnen. Manche kennen die typische Bahnhofsuhr nicht mehr. Andere haben haptische Probleme. Um den Uhrentest richtig zu bewerten, spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Deshalb schaut bei der LMU zusätzlich eine geschulte Fachkraft darauf. Alle Testergebnisse gehen automatisiert an die LMU, sobald man am Tablet auf „Senden“ klickt. Die Apotheke erhält umgehend das zusammengefasste Ergebnis.
Frage: Wie geht es dann für Personen, bei denen kognitive Einschränkungen festgestellt wurden, weiter?
Antwort: Der Apotheker bespricht das Ergebnis in Ruhe mit dem Patienten. Wichtig ist, dass der Test keine Diagnose, sondern eine erste Einschätzung der kognitiven Leistungsfähigkeit ist. Als Lotsen im Gesundheitssystem können die Studienapotheker dann an den Hausarzt verweisen oder eine spezialisierte Gedächtnissprechstunde empfehlen.
Frage: Was will das WIPIG mit dieser Studie erreichen?
Antwort: Wir verfolgen mit unseren Partnern, zu denen vor allem das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention gehört, mehrere gemeinsame Ziele. Es finanziert und begleitet die Studie. Primär wollen wir untersuchen, wie sich ein professionelles Demenz-Screening in der Apotheke auf die Betroffenen auswirkt. In der 2025 aktualisierten S3-Leitlinie Demenzen heißt es ausdrücklich, dass es ein gemeinschaftliches Ziel sein muss, demenzerkrankte Menschen früher zu identifizieren, um sie und ihre Angehörigen früher zu unterstützen.
Als Berufsvertretung wollen wir das Demenz-Screening als erstattungsfähige pharmazeutische Dienstleistung (pDL) implementieren. Es freut uns sehr, dass kürzlich durch das Gesetz zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung (ApoVWG) eine ganze Palette an präventiven pDL dazugekommen ist. Das WIPIG hat bereits vor Jahren Studien zur KHK- und Diabetes-Prävention durchgeführt. Nun sehen wir mit Freude, dass die hierfür erforderlichen Bluttests in der Apotheke endlich entsprechend gewürdigt werden. Auch die Studie zum Demenz-Screening kann sich in einigen Jahren auszahlen. Denn sollte diskutiert werden, ob Demenz-Tests in den Katalog der pDL aufgenommen werden, können wir aufgrund der Studie zeigen, dass es sinnvoll ist.
Frage: Wie sollte ein Demenz-Test vergütet werden?
Antwort: Die 14 teilnehmenden Apotheken erhalten eine Aufwandsentschädigung von 50 Euro netto pro Test. Wir haben uns dabei am Aufwand für die Medikationsanalyse orientiert, die als pDL mit 90 Euro netto vergütet wird. Analysten zufolge sind pDL noch nicht kostendeckend. In Zukunft werden die Vertragsparteien Deutscher Apothekerverband und Gesetzliche Krankenversicherung über das Honorar verhandeln.
Weiterführende Hinweise
- DARE-Studie: iww.de/s15976
- Alzheimer Therapie- und Forschungszentrum: iww.de/s15977