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·Fachbeitrag ·Apothekennachfolge, Teil 3

So errechnet sich der Apothekenwert gemäß Ertragswert-/Discounted-Cashflow-Verfahren

von Dipl.-Kfm. Dr. Norbert Medelnik, München, beratung@medelnik.com

| Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen Apothekennachfolge ist die betriebswirtschaftlich stichhaltige Bestimmung des Apothekenwertes. Gemäß der Richtlinie des Instituts der Wirtschaftsprüfer e. V. (IDW) wird dafür das Ertragswertverfahren bzw. das Discounted-Cashflow-Verfahren (DCF-Verfahren als Variante des Ertragswertverfahrens) empfohlen. AH verdeutlicht die dem Ertragswert- bzw. DCF-Verfahren zugrunde liegende Systematik anhand eines Fallbeispiels. |

Entwicklung der Rentabilität einer Beispielapotheke

Die Rentabilitätsstruktur einer Apotheke sieht in den vergangenen Jahren wie folgt aus:

 

  • Rentabilitätsstruktur einer exemplarischen Apotheke (in Euro)
31.12.2013
31.12.2014
31.12.2015

Umsatz ohne Umsatzsteuer

2.050.000

100,0 %

2.000.000

100,0 %

2.050.000

100,0 %

-

Materialaufwand

1.500.000

73,2 %

1.450.000

72,5 %

1.500.000

73,2 %

=

Rohergebnis

550.000

26,8 %

550.000

27,5 %

550.000

26,8 %

-

Gesamtkosten

426.500

20,8 %

437.000

21,9 %

430.000

21,0 %

Personalkosten

270.000

13,2 %

280.000

14,0 %

280.000

13,7 %

Raumkosten

60.000

2,9 %

60.000

3,0 %

60.000

2,9 %

Versicherung/Beiträge

6.000

0,3 %

6.000

0,3 %

6.000

0,3 %

Reparatur/Instandhaltung

4.500

0,2 %

5.000

0,3 %

4.000

0,2 %

Kfz-Kosten

6.000

0,3 %

7.000

0,4 %

5.000

0,2 %

Werbe-/Reisekosten

20.000

1,0 %

20.000

1,0 %

18.000

0,9 %

Zinskosten

7.000

0,3 %

7.000

0,4 %

7.000

0,3 %

Abschreibungen

17.000

0,8 %

17.000

0,9 %

17.000

0,8 %

Sonstiger Aufwand/Verwaltungskosten

36.000

1,8 %

35.000

1,8 %

33.000

1,6 %

=

Betriebsergebnis

123.500

6,0 %

113.000

5,7 %

120.000

5,9 %

+

Außerordentlicher Ertrag

200

100

100

-

Außerordentlicher Aufwand

200

600

600

=

Ergebnis vor Ertragsteuern

123.500

6,0 %

112.500

5,6 %

119.500

5,8 %

-

Steuern vom Einkommen und Ertrag

8.000

0,4 %

7.000

0,4 %

9.000

0,4 %

-

Sonstige Steuern

500

0,0 %

500

0,0 %

500

0,0 %

=

Steuerliches Ergebnis

115.000

5,6 %

105.000

5,3 %

110.000

5,4 %

-

Unternehmerlohn

70.000

3,4 %

70.000

3,5 %

70.000

3,4 %

=

Betriebswirtschaftliches Ergebnis

45.000

2,2 %

35.000

1,8 %

40.000

2,0 %

 

Die Umsatzerlöse und der Wareneinsatz entwickelten sich im Zeitablauf leicht schwankend. Personal-, Raum- und übrige Betriebskosten wurden im Jahresvergleich relativ stabil gehalten, sodass im Betrachtungszeitraum nach Abzug eines Unternehmerlohnes von jährlich 70.000 Euro betriebswirtschaftliche Ergebnisse von 45.000 Euro, 35.000 Euro und 40.000 Euro erzielt wurden.

Barwert der zukünftig erzielbaren Gewinne

Soll nun in einer ersten Annäherung gemäß Ertragswertverfahren von den im Betrachtungszeitraum erzielten betriebswirtschaftlichen Ergebnissen auf den Wert der Apotheke geschlossen werden, erfolgt dies durch die Errechnung des Barwertes der zukünftig erzielbaren Gewinne bzw. betriebswirtschaftlichen Ergebnisse. Hier kommt die Formel der „ewigen Rente“ zur Anwendung. Damit bezeichnet man Renten (gleichbleibende Zahlungen), die das ursprünglich eingesetzte Kapital nicht verbrauchen und deshalb keine zeitliche Begrenzung haben. Der resultierende Barwert beantwortet die Frage, wie viel die Gesamtheit der in Zukunft durch die Apotheke erzielbaren Überschüsse zum Bewertungszeitpunkt der Apotheke wert sind. Die Formel der ewigen Rente lautet:

E = Barwert der ewigen Rente = Wert der Apotheke

FÜ = Finanzielle Überschüsse/Betriebswirtschaftliches Ergebnis

i = Kapitalisierungszinssatz

 

Würde man den innerhalb des Betrachtungszeitraums gemittelten Gewinn in Höhe von 40.000 Euro aus obigem Fallbeispiel heranziehen und einen Kalkulationszinssatz in Höhe von 10 Prozent ansetzen, so errechnet sich für das Fallbeispiel ein Apothekenwert in Höhe von 400.000 Euro.

 

Die Wertermittlung nach der ewigen Rente unterstellt eine unbegrenzte Lebensdauer des zu bewertenden Unternehmens. Der errechnete Barwert umfasst das betriebsnotwendige Vermögen, während nicht notwendiges Betriebsvermögen gesondert zu bewerten ist.

Einfluss des Kapitalisierungszinssatzes

Aus den bisherigen Ausführungen wird deutlich, dass für eine Anwendung der Formel der ewigen Rente zur Annäherung des einfachen Ertragswertes die beiden Größen „Finanzielle Überschüsse“ und „Kapitalisierungszinssatz“ quantifiziert werden müssen. Die Abzinsung der zukünftigen Überschüsse durch einen angemessenen Kapitalisierungszinssatz ist nötig, weil die betriebswirtschaftlichen Ergebnisse erst in den kommenden Jahren anfallen werden und nur so als Basis zur Errechnung des Apothekenwertes dienen können. Denn ein Gewinn, der erst in zehn Jahren anfällt, hat zum heutigen Zeitpunkt aufgrund des Zinsfaktors einen niedrigeren Wert als ein Gewinn, der bereits im nächsten Jahr erwirtschaftet wird.

 

Laut Branchenfachliteratur liegen die in der Apothekenbewertung anzuwendenden Diskontierungszinssätze innerhalb einer Bandbreite zwischen 10 und 13 Prozent. Diese setzen sich im Sinne einer langfristigen Betrachtung aus einem Basiszinssatz in Höhe von etwa 5 Prozent zuzüglich einem Risikozuschlag zwischen ca. 4 und 7 Prozent zusammen.

 

Grundsätzlich ist die Bestimmung des Kapitalisierungszinssatzes als neuralgischer Punkt der Apothekenbewertung anzusehen, da sich bereits geringe Änderungen des Kapitalisierungszinssatzes stark auf die Höhe des resultierenden Apothekenwertes auswirken: je niedriger der Kapitalisierungszinssatz, desto höher der Apothekenwert. Würde man im obigen Rechenbeispiel einen Kapitalisierungszinssatz von 12 Prozent einsetzen, so würde sich der Apothekenwert von 400.000 Euro auf rund 333.000 Euro reduzieren.

Detailfragen der Bewertungspraxis

Das obige Berechnungsbeispiel soll die Grundsystematik des Ertragswertverfahrens anhand einer vereinfachten Betrachtung verdeutlichen. In der Bewertungspraxis stellen sich diverse Detailfragen, z. B. nach der Anzahl der zu betrachtenden Jahre, der Behandlung stark schwankender Gewinne bzw. betriebswirtschaftlicher Ergebnisse und vieles mehr. Für ein professionelles Wertgutachten werden die Ergebnisse der Vergangenheit lediglich als Ausgangspunkt einer detaillierten Rentabilitätsprognose herangezogen. Eine sorgfältige Rentabilitätsprognose im Rahmen einer Apothekenbewertung bezieht unter anderem folgende erfolgsrelevante Aspekte in die Betrachtung mit ein, um die zukünftigen Überschüsse möglichst treffend zu quantifizieren:

 

  • Entwicklung der Ärztestruktur
  • Intensität des umliegenden Wettbewerbs
  • Entwicklung des Einwohnerpotenzials im lokalen Markt
  • Auswirkungen gesundheitspolitischer Eingriffe
  • Entwicklung der einzelnen Kostenpositionen

 

Ärztestruktur

Die Verschreibungsvolumina der im Einzugsbereich einer Apotheke ansässigen Arztpraxen haben starken Einfluss auf den Umsatz bzw. wirtschaftlichen Erfolg einer Apotheke. Darüber hinaus können strukturelle Veränderungen wie die Ansiedlung von Gemeinschaftspraxen, medizinischen Versorgungszentren oder Ärztehäusern im näheren Umfeld deutliche Auswirkungen mit sich bringen. Liegt die Apotheke in einer Lauflage (z. B. Fußgängerzonen- oder Center-Apotheke), kann die Abhängigkeit von der umliegenden Ärztestruktur geringer ausfallen. Dennoch besteht für den sorgfältigen Gutachter eine interessante Fragestellung darin, ob einzelne Ärzte in absehbarer Zeit aus Alters- oder anderen Gründen die Übergabe oder Verlegung ihrer Praxis beabsichtigen.

 

Intensität des umliegenden Wettbewerbs

Auch die Intensität des Wettbewerbs im Umfeld übt einen starken Einfluss auf die zukünftigen wirtschaftlichen Erfolge einer Apotheke aus. Bei einem Vergleich der lokalen Apothekendichte mit Durchschnittswerten der jeweiligen Bundesländer lassen sich Rückschlüsse auf die Wahrscheinlichkeit für die Ansiedlung weiterer Apotheken bzw. für den Marktaustritt bestehender Apotheken ziehen. Hier ist die Kennzahl „Einwohner je Apotheke“ von Relevanz.

 

Entwicklung des Einwohnerpotenzials im lokalen Markt

Darüber hinaus können sich z. B. folgende Entwicklungen positiv oder negativ auf das zukünftige Einwohnerpotenzial im Umfeld einer Apotheke auswirken:

 

  • Ansiedlung eines Einkaufszentrums
  • Verkehrstechnische Veränderungen wie z. B. Bau einer Umgehungsstraße oder einer Unterführung mit Umleitung der bisherigen Straßenführung
  • Bau eines neuen Wohngebiets im Einzugsgebiet der Apotheke
  • Schaffung oder Wegfall einer Haltestelle mit direktem Zugang zur Apotheke
  • Entstehung von neuen Parkmöglichkeiten im Umfeld der Apotheke
  • Errichtung eines neuen öffentlichen Gebäudes oder einer Einkaufsstätte mit starkem Publikumsverkehr bzw. starker Passantenfrequenz
  • Einwohnerstrukturelle Veränderungen: Beispielsweise kann es durch die Sanierung traditionsreicher Stadtteile in Großstädten zu deutlichen Mieterhöhungen kommen. Dadurch kann die Abwanderung älterer einkommensschwächerer und der Zuzug jüngerer einkommensstärkerer Bevölkerungsgruppen mit entsprechenden Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Erfolg einer Apotheke begünstigt werden.

 

Auswirkungen gesundheitspolitischer Eingriffe

In den vergangenen Jahrzehnten wurde gerade im Gesundheitssektor von politischer Seite durch mannigfache Eingriffe und gesetzliche Regelungen versucht, die Ausgaben zu drosseln. Viele dieser Maßnahmen haben auch die Apothekenbranche tangiert und zu einer Verringerung des Rohertrags der öffentlichen Apotheke geführt. Erfahrene Branchenfachleute gehen davon aus, dass sich diese Tendenz auch in Zukunft fortsetzen wird.

 

Entwicklung der einzelnen Kostenpositionen

Es liegt auf der Hand, dass die zukünftigen wirtschaftlichen Ergebnisse der Apotheke in hohem Maße durch die Entwicklung der einzelnen Kostenpositionen beeinflusst werden. Eine Reihe von Einflüssen ist zum Bewertungszeitpunkt der Apotheke bereits absehbar und kann in die Prognose der einzelnen Kostenpositionen einfließen. Dazu gehören z. B. die Senkung der Personalkosten durch einen höheren Anteil jüngerer Mitarbeiter nach dem Eintritt älterer Mitarbeiter in den Ruhestand und ein Anstieg der Abschreibungen nach Modernisierungsinvestitionen.

Den einzig richtigen Apothekenwert gibt es nicht

Aus einer die beschriebenen Aspekte berücksichtigenden Rentabilitätsprognose kann der Apothekenwert nach der Ertragswertmethode relativ treffend errechnet werden. Allerdings leuchtet ein, dass jede Prognose auf gewissen Annahmen beruhen muss. Diese können sich je nach Gutachter zum Teil deutlich unterscheiden. Deshalb kann es „den einzig richtigen Apothekenwert“ nicht geben. Mehrere Gutachter können unter Anwendung desselben Bewertungsverfahrens zu unterschiedlichen Apothekenwerten gelangen. Ein professionell erstelltes Wertgutachten wird aber der Diskussion einzelner Argumente und Aspekte im Rahmen der Verkaufsverhandlungen zwischen Käufer- und Verkäuferpartei relativ gut standhalten.

Quelle: Ausgabe 11 / 2016 | Seite 3 | ID 44302130