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·Fachbeitrag ·Apothekenentwicklung

Ausblick 2016: Zahlen und Fakten zum Apothekenmarkt

von Dipl.-Math. Uwe Hüsgen, Essen, langjähriger Geschäftsführer des Apothekerverbands Nordrhein e. V.

| Das abgelaufene Jahr ist für die meisten Apotheken eher mager ausgefallen. Ansehnlichen Umsatzsteigerungen - zwischen 4 und 5 Prozent - folgten keine entsprechenden Rohgewinnzuwächse, von steuerlichen bzw. betriebswirtschaftlichen Gewinnen ganz zu schweigen. Für den Berufsstand insgesamt ist auch nicht erkennbar, dass das vergangene Jahr von Erfolg gekrönt war. Und das Jahr 2016 verspricht keine große Hoffnung auf Besserung, selbst wenn die ersten Zahlen und Fakten anderes vermuten lassen. |

Zahl der Verordnungen steigt

Die Zahl der in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) versicherten Personen nimmt - seit Einführung der allgemeinen Krankenversicherungspflicht - seit Jahren zu. So rechnet der GKV-Schätzerkreis beim Bundesversicherungsamt (BVA) für 2016 mit einem Plus von 0,8 Prozent bzw. einer durchschnittlichen Zunahme von 531.000 gesetzlich Versicherten. Die Zahl der Privatversicherten nimmt dagegen eher ab.

 

Unkalkulierbarer Faktor: Flüchtlingsstrom

Nicht enthalten in diesen Zahlen ist die Zuwanderung durch Flüchtlinge, deren Leistungen im Allgemeinen über die (regionalen) Arzneimittellieferverträge nach dem Asylbewerberleistungsrecht abgerechnet werden. Einerseits ist bei diesen Menschen mit einem großen Nachholbedarf an ärztlichen Leistungen - und damit auch an Arzneimitteln - zu rechnen; andererseits ist nicht zu erwarten, dass die Flüchtlinge die Wartezimmer der Ärzte „verstopfen“. Bedingt durch diese große Zahl an Flüchtlingen, die demografische Entwicklung und dem nach wie vor befolgten Grundsatz „so viel stationär wie nötig, so viel ambulant wie möglich“ werden die in den Apotheken eingelösten ärztlichen Verordnungen steigen. In Unkenntnis der weiteren Entwicklung des Flüchtlingsstroms erscheint ein Absatzzuwachs, also ein Anstieg der in Apotheken abgegebenen Packungen, von etwa 2 Prozent realistisch.

 

Mehrverordnungen im Nicht-Selbstzahler-Bereich

Die Mehrverordnungen im Nicht-Selbstzahler-Bereich werden gerade bei den Flüchtlingen häufig von lang andauernden erläuternden Gesprächen begleitet werden (müssen). Bei der Abgabe z. B. von verschreibungspflichtigen Fertigarzneimitteln (Rx-FAM) wird dies auf der Basis des Vergütungsanspruchs aus dem Jahr 2004 zzgl. 3 Prozent honoriert. Auf der Basis der Ausgangsparameter des Jahres 2015 dürften die Mehrverordnungen an Rx-FAM im GKV- und PKV-Bereich (von knapp 14 Mio. Packungen) für die Durchschnitts-Apotheke rund 4.500 bis 5.000 Euro an Rohertragszuwachs aus Festzuschlag bringen.

Rohertragszuwächse werden aufgezehrt

2 Prozent mehr Absatz lösen für die Branche betrachtet - nicht zuletzt aufgrund der jetzt schon ausgereizten Personaldecke - auch einen zusätzlichen Personalbedarf in Höhe von etwa 2 Prozent aus. Bei einem Durchschnitts-Nettoumsatz von 2,1 Mio. Euro und einer Personalkostenbelastung von 11 Prozent (jeweils für 2015 gerechnet) ergeben sich daraus zusätzliche Personalkosten in Höhe von rund 4.600 Euro - Gehaltssteigerungen noch außen vor. Man ist geneigt zu sagen: Wie gewonnen, so zerronnen.

Kassenabschlag jetzt - unverändert - gesetzlich festgesetzt

Unverändert und jetzt auch gesetzlich festgeschrieben bleibt der Kassenabschlag von 1,77 Euro je zulasten der GKV abgegebener Rx-FAM-Packung, nicht zuletzt aufgrund des ausdrücklichen Wunsches der Apothekerschaft. (Auch am fünfprozentigen Kassenabschlag auf zulasten der GKV verordnete apothekenpflichtige Arzneimittel hat sich nichts geändert.)

Keine Änderung der AMPreisV zu erwarten

Mit einer Erhöhung des Festzuschlags von derzeit 8,35 Euro je Rx-FAM ist weder in 2016 noch in 2017 zu rechnen. Denn das für die Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) zuständige Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) hat im Herbst letzten Jahres ein Forschungsvorhaben zur „Ermittlung der Erforderlichkeit und des Ausmaßes von Änderungen der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV) geregelten Preise“ öffentlich ausgeschrieben. Bis Mitte März soll der Zuschlag erteilt werden. Das Forschungsprojekt ist (ab dann) auf 18 Monate angelegt. Mit einer politischen Entscheidung, wie eine neue Regelung ausgestaltet sein soll bzw. ob sie überhaupt kommt, ist damit nicht vor der voraussichtlich im Herbst 2017 stattfindenden Bundestagswahl zu rechnen. Da der BMWi-Auftrag auch die Überprüfung der übrigen in der jetzigen AMPreisV definierten Zu- und Aufschläge umfasst, ist davon auszugehen, dass vor 2018 weder die BtM-Gebühr angepasst noch die Rezepturzuschläge angehoben werden.

 

Die seitens der Apotheker geforderte Anhebung der Not- und Nachtdienstgebühr (von zurzeit 0,16 Euro je Rx-FAM-Packung) dürfte in den kommenden Jahren wohl auch ein Wunschtraum bleiben. Einerseits ist sie in § 78 Arzneimittelgesetz (AMG) festgeschrieben und dürfte damit auch unter den Forschungsauftrag fallen. Andererseits wäre eine solche Anpassung zustimmungspflichtig durch den Bundesrat - und wer will das vor der Bundestagswahl noch auf den Weg bringen?

Arzneimittel-Rahmenvorgaben 2016

Auf der Grundlage von § 84 Sozialgesetzbuch (SGB) V vereinbaren Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband jährlich Rahmenvorgaben u. a. für Arzneimittel, die zwischen den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und den Krankenkassen bei den regionalen Verhandlungen zu den Ausgabenvolumina zu berücksichtigen sind. Grundlage für diese Verhandlungen bilden verschiedene Anpassungsfaktoren, die Einfluss auf die Ausgabenentwicklung von Arzneimitteln haben. Dabei wird über einen Teil der Faktoren auf Bundesebene und über einen Teil auf Landesebene verhandelt. Mitte Oktober letzten Jahres teilte die KBV nun mit, dass man sich mit dem GKV-Spitzenverband bezüglich der Rahmenvorgaben für Arzneimittel für das Jahr 2016 auf Bundesebene wie folgt geeinigt habe:

 

  • Regionale und bundesweite Anpassungsfaktoren für Arzneimittel 2016
Bei der Anpassung des Ausgabenvolumens sind zu berücksichtigen:
Anpassungsfaktoren
Festlegung

1. Zahl und Altersstruktur der Versicherten

regional festzulegen

2. Preisentwicklung

- 0,3 Prozent

3. Gesetzliche Leistungspflicht

0 Prozent

4. Richtlinien des Bundesausschusses

0 Prozent

5. Einsatz innovativer Arzneimittel

+ 3,5 Prozent

6. Zielvereinbarungen, indikationsbezogen

regional festzulegen

7. Verlagerung zwischen den Leistungsbereichen

+ 0,5 Prozent

8. Wirtschaftlichkeitsreserven, Zielvereinbarungen

regional festzulegen

Anpassung von 2015 nach 2016

+ 3,7 Prozent

 

Das Ergebnis hat die KBV wie folgt kommentiert: „Die bundesweiten Anpassungsfaktoren für Arzneimittel steigen im kommenden Jahr um 3,7 Prozent. Im Arzneimittelbereich bedeutet dies also ein zusätzliches Finanzvolumen von etwa 1,2 Mrd. Euro. Vereinbart wurde außerdem, dass für die seit 2014 zugelassenen Arzneimittel zur Behandlung von Hepatitis C ein gesonderter Eurobetrag ausgewiesen wird. Aufgrund der Ausgabenentwicklung im ersten Halbjahr 2015 wurden für […] 2016 […] 1,4 Mrd. Euro festgelegt.“ Das wäre dann derselbe Betrag wie im Vorjahr.

 

Damit ist also zwischen GKV-Spitzenverband und KBV für 2016 ein zusätzliches Arzneimittel-Ausgabenvolumen von rund 1,2 Mrd. Euro vereinbart worden. Das dürfte der Durchschnitts-Apotheke ein Umsatzplus von rund 60.000 Euro bescheren. Da dieser Mehrumsatz wohl überwiegend durch die Abgabe von Rx-FAM generiert werden dürfte, ist - unter Berücksichtigung von Umsatzsteuer und AMPreisV - mit einem Rohertragszuwachs aus kaufmännischer Komponente (d. h. 3 Prozent auf den Apothekeneinkaufspreis) von etwa 1.200 bis 1.300 Euro je Apothekenbetriebsstätte zu rechnen.

Ergebnisse der Tarifverhandlungen beachten

Vorsicht: Die zwischen dem Arbeitgeberverband Deutscher Apotheken (ADA) und der Apothekengewerkschaft ADEXA zum 1. Januar 2016 vereinbarten Gehaltssteigerungen (zwischen 1,8 und 2,5 Prozent) übertreffen den genannten Rohertragszuwachs etwa um das Dreieinhalbfache.

 

Bleibt an dieser Stelle nur zu hoffen, dass sich die Vertreter der Krankenkassen und der Politik bei der Kommentierung der Arzneimittelausgaben 2016 noch an die einvernehmlich getroffenen Rahmenvorgaben erinnern.

Leitsubstanzen statt Richtgrößenprüfung bei den Ärzten

Es gibt eine weitere, ambivalent zu betrachtende Entwicklung im Rahmen der ärztlichen Versorgung, die Auswirkungen auf die Apotheken haben wird:

 

Laut GKV-Versorgungsstärkungsgesetz (GKV-VSG) werden Richtgrößen (spätestens ab 2017) durch Leitsubstanzen abgelöst. Selbstverständlich müssen auch weiterhin Wirtschaftlichkeitsreserven berücksichtigt werden. Dazu sehen die Rahmenvorgaben für einige Arzneimittelgruppen dann - überwiegend KV-bezogene - Leitsubstanzen und Verordnungsquoten vor, die die Ärzte vornehmlich verordnen bzw. einhalten oder übertreffen sollen.

 

Im Vorgriff auf diese Ablösung konnte die KBV auf Bundesebene erreichen, dass die Ausgaben für Hepatitis C-Medikamente (wie bereits für die Jahre 2014 und 2015) auch 2016 nicht bei der Bildung von Richtgrößen berücksichtigt werden. Die entsprechenden Verordnungskosten sind damit nicht Gegenstand von (regionalen) Richtgrößenprüfungen.

 

Umsetzung hat begonnen

In einzelnen KVen ist bereits mit der zeitnahen Umsetzung begonnen worden. So kündigte z. B. die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) an, dass ab sofort keinem Patienten mehr eine Verordnung verweigert werden soll, weil das Budget des Arztes erschöpft ist. „Ziel einer neuen Systematik der Wirtschaftlichkeitsprüfung sei, dass die Ärzte ihre Verordnungen ausschließlich am therapeutischen Bedarf orientieren. Zwar hätten die KVWL und die Krankenkassen in der Arzneimittelvereinbarung für 2016 formal noch Richtgrößen vereinbart. Sie würden aber bei der Betrachtung der Wirtschaftlichkeit in die zweite Reihe rücken und für die Ärzte in Westfalen-Lippe keine Rolle mehr spielen“, war der Fachpresse bereits Mitte Dezember 2015 zu entnehmen.

 

Vertragsärzte sehen Ablösung positiv

Die Ablösung der Richtgrößenprüfungen ist aus Sicht der Vertragsärzte eines der positiven Elemente des GKV-VSG. „Die Richtgrößenprüfung ist nicht das richtige Instrument zur Steuerung der Arzneimittelversorgung, aber ein abschreckendes Instrument für den Nachwuchs“, heißt es dazu in der Ärzteschaft. Denn durch stärkere, vor allem finanzielle Anreize, zu denen auch der Wegfall von Richtgrößenprüfungen gehört, sollen Ärzte für eine Niederlassung in unterversorgten, strukturschwachen Gebieten gewonnen werden.

 

Cave: Verzichten die Krankenkassen also bei den Ärzten auf das „abschreckende Instrument der Richtgrößenprüfung“, so steht zu befürchten, dass die Arzneimittelabrechnungen der Apotheken in Zukunft noch intensiver geprüft (und retaxiert?) werden. Wieder einmal gilt: „Den Letzten beißen die Hunde!“

 

PRAXISHINWEIS | Nehmen Sie Kontakt zur KV auf und besorgen Sie sich die regionale Arzneimittel-Rahmenvereinbarung 2016, über die Sie dann mit Ihren verordnenden Ärzten sprechen können.

 

Rabattbegünstigte Arzneimittel

Auch über die rabattbegünstigten Arzneimittel (vgl. § 130a Abs. 8 SGB V) gibt es aus Apothekersicht Neues zu berichten und zu beachten:

 

Zum Jahresende ist das „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ (E-Health-Gesetz) in Kraft getreten. Es sieht „für Vertragsärzte vor, für die Verordnung von Arzneimitteln künftig nur solche elektronischen Systeme zu nutzen, die die Rabattverträge mit pharmazeutischen Unternehmen nach dem jeweils aktuellen Stand berücksichtigen, sodass künftig ein Austausch eines Fertigarzneimittels aufgrund von Rabattverträgen in der Apotheke nicht mehr erforderlich sein sollte“, heißt es in einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Fraktion Die Linke.

 

Grundlage für die gesetzliche Verpflichtung zur Abgabe eines rabattbegünstigten Arzneimittels ist für Apotheken § 129 Abs. 1 SGB V (sowie die entsprechende Rahmenvereinbarung zwischen DAV und GKV-Spitzenverband). Eine Verpflichtung zur ärztlichen Verordnung rabattbegünstigter Arzneimittel lässt sich - nach Meinung der Ärzteschaft - aus dem Verordnungs- und Gesetzestext (speziell den Arzneimittelrichtlinien) nicht ablesen! Man ist geneigt, an dieser Stelle auf das Wirtschaftlichkeitsgebot zu verweisen (vgl. §§ 12 und 70 SGB V).

 

PRAXISHINWEIS | Der Bundesrat hat Mitte Dezember 2015 einer Änderung der Arzneimittelverschreibungsverordnung (AMVV) zugestimmt. Die Anregung der ABDA, das Verfahren für eine Klarstellung zu nutzen, dass Apotheken auf dem Rezept fehlende Telefonnummern oder Vornamen von Ärzten selbst ergänzen dürfen, blieb unberücksichtigt. Nach wie vor ist bei rabattbegünstigten Arzneimitteln also Vorsicht walten zu lassen. Sonst heißt es für Apotheken wieder einmal: Verantwortung: NEIN! - Haftung: JA!

 

 

Mit Blick auf die rabattbegünstigten Arzneimittel, die in 2015 bei den zulasten der GKV verordneten Rx-FAM mehr als 60 Prozent der abgegebenen Packungen ausgemacht haben, ist man nicht geneigt, dem Berufsstand eine glückliche Hand zu attestieren. Und jetzt wird den Ärzten durch die Vorgaben des E-Health-Gesetzes - konsequent in der Umsetzung - noch mehr Verantwortung übertragen. Das beschneidet die Kompetenz der Apotheker sowie ihrer Mitarbeiter und geht insbesondere zulasten der Patienten.

Hochpreisige Arzneimittel

Die Hochpreiser, d. h. Arzneimittel mit einem Abgabepreis des pharmazeutischen Unternehmens (ApU) von 1.200 Euro und mehr, werden zahlenmäßig weiter zunehmen und auch der Durchschnittswert je Packung wird eher noch steigen. Diese Arzneimittel sind von der absoluten Marge her zwar lukrativ, aber mit einigen Nachteilen behaftet. Müssen solche Arzneimittel in der Apotheke vorfinanziert werden, fressen die Zinsen einen großen Teil des Rohertrags (aus kaufmännischer Komponente) wieder auf. Muss ein solches Arzneimittel (sei es durch Beschädigung, Diebstahl o. Ä.) „abgeschrieben“ werden, so müssten mehr als 30 solcher Arzneimittel wieder „verkauft“ werden, bevor der Verlust ausgeglichen wäre.

 

MERKE | Die (Prüfstellen der) Krankenkassen werden weiterhin ein besonderes Augenmerk auf solche Hochpreiser werfen. Dabei ist jede Null-Retaxation mit einer Total-Abschreibung (= Wareneinsatz ohne Umsatz und Ertrag) gleichzusetzen.

 

 

Aufgrund der vermehrten Verordnung von Hochpreisern legt der Wareneinsatz prozentual stärker zu als der Umsatz. Folgerung: Der Rohertragsanteil (die Handelsspanne) befindet sich auch 2016 weiter im Sinkflug.

Zytostatika

Am 25. November 2015 hat das Bundessozialgericht (BSG) de facto - zumindest für Sterilrezepturen - das Recht des Patienten aufgehoben, beim Bezug von Arzneimitteln auf die Apotheke seiner Wahl zurückgreifen zu dürfen (Az. B 3 KR 16/15 R). Damit werden die Patienten an dieser Stelle quasi entmündigt. Sollte sich das Verbot des freien Apothekenwahlrechts auch in anderen Bereichen etablieren, in denen Krankenkassen zur Ausschreibung von Arzneimitteln berechtigt sind, käme das einem ökonomischen Diktat der Krankenkassen auf Kosten der Versorgungssicherheit und -qualität der Versicherten gleich. Dabei behaupten Fachleute schon heute, dass der knallharte Preiswettbewerb der Krankenkassen über die Zusatzbeitragssätze längst den Wettbewerb auf der Ebene der Leistungen und der Qualität dominiert. Demnach stellt sich die Frage, ob es gesellschafts- und gesundheitspolitisch gewollt ist, dass das deutsche Gesundheitssystem zuvorderst als bedeutender Wirtschaftsfaktor und weniger als gemeinwohlorientiertes Solidarsystem zu bewerten ist.

Lieferengpässe

In der Vergangenheit so gut wie unbekannt, jetzt immer häufiger anzutreffen sind Lieferengpässe bei zum Teil lebensnotwendigen Arzneimitteln. Gründe für solche Engpässe gibt es mehrere - zwei seien hier explizit genannt:

 

  • Aufgrund von Ausschreibungen zu rabattbegünstigten Arzneimitteln (vgl. § 130a Abs. 8 SGB V) fahren jene Hersteller, die nicht zum Zuge gekommen sind, ihre Produktion zurück. Kann dann eine Charge des Unternehmens, das den Zuschlag erhalten hat, nicht für den Markt freigegeben werden (z. B. Impfstoffe), kommt es notgedrungen zu Lieferengpässen.

 

  • Die Produktion und/oder der Absatz bestimmter Arzneimittel sind aus Sicht des Herstellers nicht mehr lukrativ.

 

Das hat einen Offenbacher Apotheker veranlasst, solche Lieferengpässe bundesweit zu dokumentieren. Das Thema ist inzwischen auch bei der Politik angekommen. Da die Hoffnung schwindet, die Arzneimittelhersteller könnten eine Selbstverpflichtung in eigener Regie auf die Beine stellen, fordern namhafte Gesundheitspolitiker jetzt eine gesetzliche Regelung.

 

PRAXISHINWEIS | Melden Sie Defekte an die Geschäftsstelle Ihres Verbands oder direkt an den Offenbacher Apotheker, damit es nicht zu noch dramatischeren, lebensbedrohlichen Engpässen in den Apotheken kommt.

 

Retaxationen durch Krankenkassen

Zur Vermeidung von ärztlicher Unterversorgung - vornehmlich in ländlichen Gebieten - üben die Krankenkassen immer weniger wirtschaftlichen Druck auf die Ärzte aus. Im Gegenzug wird dieser - vor dem Hintergrund steigender GKV-Ausgaben - bei den Apotheken zunehmend wachsen.

 

Regelung im GKV-VSG

Aufgrund von Null-Retaxationen, vornehmlich infolge der begründeten oder unbegründeten Abgabe von rabattbegünstigten Arzneimitteln, hat der Gesetzgeber im GKV-VSG festgelegt: „Im Rahmenvertrag nach § 129 SGB V ist zu regeln, welche Maßnahmen die Vertragspartner auf Landesebene ergreifen können, wenn Apotheken gegen ihre Verpflichtungen (zur wirtschaftlichen Arzneimittelabgabe) verstoßen. In dem Rahmenvertrag ist erstmals bis zum 1. Januar 2016 zu regeln, in welchen Fällen einer Beanstandung der Abrechnung durch Krankenkassen, insbesondere bei Formfehlern, eine Retaxation vollständig oder teilweise unterbleibt; kommt eine Regelung nicht innerhalb der Frist zustande, entscheidet die Schiedsstelle. Bei gröblichen und wiederholten Verstößen ist vorzusehen, dass Apotheken von der Versorgung der Versicherten bis zur Dauer von zwei Jahren ausgeschlossen werden können.“

 

Die Verhandlungen zwischen DAV und GKV-Spitzenverband zu einer solchen Vereinbarung sind Anfang September 2015 gescheitert. Daraufhin hat der DAV die Schiedsstelle angerufen, die nun entscheiden muss.

 

Aktuelle Hintergrundinformationen

Einerseits haben die Apotheken durch - mit hohem personellen und damit finanziellen Aufwand verbundenen - Vollzug der Rabattverträge für die Krankenkassen in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres fast 2,54 Mrd. Euro an Sonderrabatten eingezogen, ohne dafür auch nur mit einem Cent zusätzlich honoriert worden zu sein. Andererseits sollen sie bei aus Krankenkassensicht nicht ausreichender Dokumentation der Nichtverfügbarkeit bzw. pharmazeutischen Bedenken auf Null retaxiert werden. Verkehrte Welt!

 

Bewertung

Es steht zu befürchten, dass die Schiedsstellen-Lösung nicht der große Wurf wird. Nach dem Urteil des BSG sind auch die Verfassungsbeschwerden gegen die Null-Retax-Urteile dieses Gerichts gescheitert. Aus Hamburg gibt es einen Lösungsansatz. Ob aber der GKV-Spitzenverband diesen Weg mitgeht, darf infrage gestellt werden. Vermutlich wird der Gesetzestext in den Rahmenvertrag „formal übernommen“, um damit der Landesebene die Möglichkeit zu geben, das konkrete Prozedere festzulegen. Das Damoklesschwert der Null-Retaxation bleibt den Apotheken also wohl noch über längere Zeit erhalten.

OTC-Markt und Freiwahl

Nach Angaben des GKV-Schätzerkreises beim BVA wird mit einem Anstieg der beitragspflichtigen Einnahmen der GKV-Versicherten von 4,3 Prozent gerechnet, weil die Zahl der (zahlenden) Mitglieder um 3,8 Prozent zunehmen wird (Interessierte seien auf § 5 Abs. 1 Nr. 2a SGB V verwiesen). Die beitragspflichtigen Einnahmen je Mitglied werden hingegen nur um 0,45 Prozent steigen und das, obwohl die Beitragsbemessungsgrenze in 2016 um gut 2,7 Prozent angehoben worden ist. Einen Kaufkraftanstieg gibt es also nur bei bestimmten Personengruppen zu konstatieren. Dabei ist fraglich, ob dieser Personenkreis zu den Hauptumsatz- und -absatzträgern der Apotheken gehört.

 

Laut Rentenversicherung Bund können Rentenbezieher, die Apotheken bekanntermaßen häufig frequentieren, ab Juli 2016 mit einem Anstieg ihrer Rente von 4 bis 5 Prozent rechnen. Das könnte sich positiv auf die Apotheken auswirken. Das gilt insbesondere dann, wenn der Versandhandel nicht so stark wie in der Vergangenheit zulegen kann.

Einkaufskonditionen

Die Rabattschlachten des Großhandels sind zunächst einmal vorbei. Nach mageren Jahren mit zum Teil tiefroten Zahlen konnte der Großhandel im abgelaufenen Jahr wieder schwarze (man möchte sagen: hellgraue) Zahlen schreiben. Dabei wurden notwendige Erträge häufig genug außerhalb des eigenen Kerngeschäfts realisiert. Angesichts des Antikorruptionsgesetzes, das dem Berufsstand in Zukunft sicher noch viele gerichtliche Auseinandersetzungen bescheren wird, dürfte selbst im OTC-Markt nicht mit einer Verbesserung der Einkaufskonditionen zu rechnen sein. Der Status quo wäre für viele Apotheken schon ein Erfolg.

Apothekenschließungen und Demografie

Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage werden in 2016 wieder viele Apotheken für immer schließen. Damit gerät die Sicherstellung einer flächendeckenden Arzneimittelversorgung der Bevölkerung immer mehr in Gefahr, insbesondere in den dünn besiedelten Regionen Deutschlands. Aktuell dürfte Ideenreichtum der Apothekenleiter und ihrer Repräsentanten gefordert sein, warum nicht im Zusammenspiel mit örtlichen bzw. regionalen Playern? Gesucht sind intelligente Lösungen, die die Vorzüge der „Apotheke in Pantoffelnähe“ garantieren. Außerdem gibt es bei jungen Pharmazeuten einen Attraktivitätsverlust mit Blick auf die Selbstständigkeit als Apotheker. Die geregelte Übergabe einer Apotheke an einen Nachfolger wird damit immer schwerer. An dieser Stelle sind die etablierten Kollegen gefordert, dem Nachwuchs die Tätigkeit in der Offizin wieder schmackhaft zu machen, d. h. mit Begeisterung vorzuleben.

 

Selbstverständlich wird es auch Apotheken geben, die von der Schließung des Mitbewerbers profitieren. Solange dadurch nicht die flächendeckende Arzneimittelversorgung gefährdet wird, muss man dies als natürliche und gewollte Entwicklung innerhalb unserer Sozialen Marktwirtschaft akzeptieren.

Quelle: Ausgabe 02 / 2016 | Seite 3 | ID 43796883