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·Nachricht ·Zahnmedizin

Inflammaging oder Fremdkörperreaktion? Ein neuer Blick auf die Periimplantitis

von Wolfgang Schmid, Schriftleiter „Zahnmedzin Report“, Berlin

| Zwei Meinungen rund um die Behandlung der Periimplantitis werden zur Zeit in der Fachwelt diskutiert: Während das Konzept des „Inflammaging“ das Entzündungsaltern beleuchtet und zur Therapie und Prävention antibakterielle und probiotische Interventionen propagiert, sind für den SchwedenProf. Dr. Tomas Albrektsson Bakterien nebensächlich: Eine Periimplantitis sei keine bakterielle, sondern eine Fremdkörperreaktion. |

Inflammaging: Antibakterielle und probiotische Interventionen werden propagiert

Bei den periimplantären Entzündungen handelt es sich demnach um Biofilminfekte, die mit fehlgesteuerten Reaktionen der körpereigenen Immmunabwehr assoziiert sind. Sie teilen viele Merkmale mit anderen chronischen Erkrankungen, insbesondere einen aus dem Gleichgewicht geratener Zytokinhaushalt, betont Dr. René B. A. Sanderink, Lehrbeauftragter für Parodontale Medizin an der Universität Zürich. [1] Das Altern des Körpers geht mit der erhöhten Ausschüttung proinflammatorischer Botenstoffe ‒ des sogenannten SASP-Sekretoms ‒ einher. Ein solche leichte, systemisch chronische (subklinische) Entzündung unterscheidet sich ganz wesentlich von einer akuten Entzündung. Claudio Franceschi et al prägten dafür den Begriff vom „Inflammaging“, dem Entzündungsaltern. [ 2]

 

Über viele Jahre hinweg beschleunigen parodontale und periimplantäre Entzündungen den Inflammaging-Prozess und beeinträchtigen somit die Lebenserwartung. Die Kontrolle des Inflammaging sei essenzielles Ziel jeder Parodontitis- und Periimplantitis-Therapie, fordert Sanderink. Die primäre Strategie bestehe immer darin, manifeste chronische Entzündungen zu eliminieren, um zu verhindern, dass lokale Entzündungen durch die permanente Freisetzung von Entzündungsmediatoren in den Körper disseminieren.

 

Bei Patienten, bei denen die gestörte Reaktionslage der Immunabwehr zu einer Parodontitis geführt hat, reicht die Bekämpfung der subgingivalen Biofilme nicht aus, um eine nachhaltige Entzündungsfreiheit zu gewährleisten. Wirksam sind: 1. eine Wiederherstellung eubiotischer Biofilme („Guided Pocket Recolonization“ und Probiotika). 2. antioxidative und Übergewicht vermeidende sowie vitaminreiche und kalorienarme Nahrung, Verzicht auf Nikotin, (maßvolle) sportliche Betätigung. 3. eine Reduktion von psychosozialem Stress. 4. Impfungen zur Verminderung der immunologischen Last. [3]

 

Eine Raucherentwöhnung oder die Beseitigung eines hyperglykämischen Status sind für die Wiedererlangung und Stabilisierung der parodontalen Gesundheit ähnlich wichtig wie eine erfolgreiche Biofilmbekämpfung mittels Küretten und adjunktiver Antibiotika. Die Gültigkeit von auf die Biofilmkontrolle fokussierten Vorstellungen zur Pathogenese und Therapie parodontaler Erkrankungen muss daher infrage gestellt werden, folgert Sanderink.

Die Rolle des Biofilms stellt Albrektsson radikal infrage

Die Rolle des Biofilms stellt Prof. Dr. Tomas Albrektsson von der Universität Göteborg noch radikaler infrage: Eine Periimplantitis sei keine bakterielle Erkrankung, sondern vielmehr eine Fremdkörperreaktion. Werde ein Fremdkörper in Knochen oder Weichgewebe implantiert, entwickle sich zwangsläufig eine entzündliche Reaktion. [4] Der marginale Knochenabbau rund um ein Implantat sei das Ergebnis verschiedener Gewebereaktionen, die in erster Linie nicht mit einem über einen Biofilm vermittelten infektiösen Prozess ‒ vergleichbar mit der Pathogenese der Parodontitis um Zähne ‒ in Zusammenhang steht, schreiben die Wissenschaftler der Universität Göteborg.

 

Nur bei einem „Fremdkörper-Gleichgewicht“ bleibt das Implantat in situ. Bei Auftreten des „Triade of poor“ (siehe unten) kommt es zum Ungleichgewicht ‒ dieses muss so früh wie möglich entfernt werden, anderenfalls kommt es zu Implantat-Mikrobewegungen und Infektionen. Grund für das Ungleichgewicht bei einem späten Misserfolg können eine plötzliche Überbelastung, Zementreste oder eine andere systemische Störung sein.

 

Eine Periimplantitis entsteht nach Auffassung Albrektssons durch die „Triade of poor“: 1. ein schlechtes Implantatdesign, 2. eine schlechte klinische Durchführung und 3. den „schlechten Patienten“, also ein schwerer Raucher oder jemand mit relevanter Allgemeinerkrankung oder minderer Knochenqualität.

 

Es gebe klare Hinweise, dass sich durch diese Triade die anfängliche Fremdkörperreaktion auf das Implantat verselbstständigen könne ‒ mit der Folge eines marginalen Knochenverlusts bis hin zum Implantatverlust. Die Rolle der Bakterien sei dabei nebensächlich, und es sei unklar, ob diese für die aktive Knochenresorption tatsächlich verantwortlich sind.

 

Doch auch Albrektsson und Kollegen müssen eingestehen, dass eine sekundäre, durch Biofilm induzierte Infektion als Komplikation des etablierten Knochenverlusts folgen kann, wenn sich erst einmal ein schwerer marginaler Knochenverlust etabliert hat. [5]

 

Quellen

  • [1] Sanderink R A. Inflammaging - Beschleunigen parodontale und periimplantäre Entzündungen den Alterungsprozess des menschlichen Körpers? 6. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Umwelt-ZahnMedizin (DEGUZ), Frankenthal, 16.-17. Mai 2014.
  • [2] Franceschi C et al.: Inflammaging and anti-inflammaging: a systemic perspective on aging and longevity emerged from studies in humans. Mech Ageing Dev 2007; 128: 92-105
  • [3] Sanderink R A. Do periodontal inflammations accelerate the aging process of the human body? ‒ The inflammaging concept. Dtsch Zahnärztl Z 2013; 68: 416-425.
  • [4] Albrektsson T. Possible causes of the onset of crestal bone loss around implants.
  • ITI World Symposium 2014, Genf, 24.-26. April 2014.
  • [5] Albrektsson T et al. Is marginal bone loss around oral implants the result of a provoked foreign body reaction? Clin Implant Dent Relat Res. 2014; 16 (2):155-165.
Quelle: ID 42929193