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22.04.2010 |Neue Dienstleistungen anbieten und in Anspruch nehmen

Die Steuerberater-Kooperationsbörse

von RA Hans-Günther Gilgan, Münster

Das berufliche Umfeld der Steuerberater befindet sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess. Hieraus ergeben sich einerseits zwar Risiken, andererseits aber auch enorme Chancen, die die moderne und zeitgemäße Kanzlei unbedingt nutzen sollte. Auf dieser Grundlage wurde durch den Steuerberaterverband Westfalen-Lippe in Zusammenarbeit mit der Quomedia GmbH ein neues Projekt auf die Beine gestellt, um den Steuerberatern dieses Chancenpotenzial optimal zu eröffnen. Auf einer Internetplattform soll es den Berufsangehörigen erleichtert werden, die für eine komplexe Aufgabenstellung notwendigen Spezialisten zu finden und mit ihnen auf einer rechtlich sicheren Basis kooperieren zu können. Im Gegenzug sollen spezialisierte Berater ihr Spezialwissen als Dienstleistung anbieten können. 

1. Projektwirtschaft als zukünftiger Wachstumsgenerator

Prognosen zufolge liefert im Jahre 2020 die sogenannte „Projektwirtschaft“ voraussichtlich ca. 15 % der gesamten Wertschöpfung in Deutschland (in 2007 waren es etwa 2 %). „Projektwirtschaft“ steht für zumeist temporäre, außerordentlich kooperative, oft auch globale Wertschöpfungsprozesse. Diese Art der Kooperation ist für viele Unternehmen zukünftig häufig die effizienteste Art des Wirtschaftens. Denn Produktlebenszyklen werden sich weiter verkürzen; die Breite und Tiefe des Wissens, die für die Entwicklung und Vermarktung erfolgreicher Produkte nötig sind, nehmen rapide zu. Für den Steuerberatermarkt heißt das, dass Qualität, Wissensmanagement und Experten-Netzwerke zukünftig auf dem Steuerberatermarkt immer mehr an Bedeutung gewinnen werden. 

2. Die Kooperationsbörse

Vor diesem Hintergrund ist es geboten, insbesondere den inhabergeführten und kleineren Kanzleien eine den spezifischen Anforderungen entsprechende, internetgestützte Kooperationsbörse zur Verfügung zu stellen. Auf dieser Internetplattform soll es den Berufsangehörigen erleichtert werden, die für eine komplexe Aufgabenstellung notwendigen Spezialisten zu finden und mit ihnen auf einer rechtlich sicheren Basis kooperieren zu können. Zu diesem strategisch wichtigen Projekt kooperiert der Betreiber, der Steuerberaterverband Westfalen-Lippe (StBV Westf.-Lippe), mit der Quomedia GmbH, die eine internetbasierte Kooperationsbörse für Steuerberater, nach den Vorgaben und in enger Abstimmung mit dem Verband, entwickelt hat. 

 

Quomedia hat sich mit Ihrem Dienstleistungsspektrum unter anderem darauf spezialisiert, Berufsträger gleicher sowie themenverwandter Fachrichtungen durch die Bereitstellung interdisziplinärer regionaler wie auch bundesweiter Kooperationsbörsen miteinander zu vernetzen. Hierbei steht die Förderung der Kooperationsbereitschaft zwischen Berufsträgern der gleichen, wie auch artverwandter Fachrichtungen zur Steigerung des gegenseitigen Dienstleistungsspektrums, sowie zur Erhöhung des Wahrnehmungsradius als ausgewiesener Experte im Vordergrund. 

 

2.1 Ziel der Kooperationsbörse

Idee und Ziel dieser Kooperationsbörse ist das Nutzen von Vorteilen für alle beteiligten Parteien. Dabei soll auf einem virtuellen Marktplatz die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren ermöglicht, gefördert und unterstützt werden. Bei diesen freiwilligen Kooperationen hat die rechtliche Eigenständigkeit aller Parteien stets oberste Priorität. Des Weiteren setzen die Experten ihr Know-how in bester Qualität und Güte ein, zum Wohle der gemeinsamen Mandate. Die Kooperationsbörse richtet sich an alle marktorientierten Kanzleien, die ihren Mandanten neue Dienstleistungen mit Spezialwissen von geprüften Experten anbieten möchten. Durch die Verzahnung mit anderen Berufsgruppen (Rechtsberatung, Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung usw.) soll die Grundlage für eine mandatsübergreifende Beratung gelegt werden. Gerade diese Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Somit können über die eigene Expertise hinaus neue strategische Beratungsfelder besetzt werden. 

 

2.2 Rechtsgrundlagen innerhalb der Kooperationsbörse

Im Rahmen der Kooperationsbörse ergibt sich die Notwendigkeit, die Vertragsbeziehungen unter den Kooperationspartnern, den gemeinsamen Mandanten und gegenüber dem StBV, als Initiator der Kooperationsbörse, zu regeln. Dies erfolgt über drei eigenständige Vertragswerke: 

 

  • Zwischen dem Steuerberater und dem Kooperationspartner (Kooperationsvertrag),
  • zwischen dem Steuerberater und seinem Mandanten (Auftrag und Vergütungsvereinbarung) und
  • zwischen dem Kooperationspartner und dem Mandanten des Steuerberaters (eigenständiger Auftrag und Vergütungsvereinbarung).

 

Als Voraussetzung zur Teilnahme an der Kooperationsbörse bedarf es schließlich einer Nutzungsvereinbarung zwischen dem Betreiber StBV Westf.-Lippe und dem Nutzer (dem Experten) der Kooperationsbörse (Nutzungsvereinbarung und Ehrencodex). 

 

Vor dem Hintergrund der unterschiedlichsten Leistungsgegenstände im Rahmen einer Kooperation muss besonders auf haftungsrechtliche Konsequenzen für den Steuerberater geachtet werden, wenn und soweit Gegenstand der Kooperation vereinbare oder gar gewerbliche Tätigkeiten sein sollten. Insofern ist die Inanspruchnahme eines Kooperationspartners im Rahmen der den Steuerberatern erlaubten Tätigkeiten und solchen, die über diesen Rahmen hinausgehen, zu unterscheiden. So sind bei den vereinbaren Tätigkeiten nach § 57 StBerG die Grenzen zwischen der erlaubten und unerlaubten, versicherten und nicht versicherten Tätigkeit fließend und nicht immer eindeutig. Zu prüfen sind: 

 

  • Die berufsrechtliche Zulässigkeit der Tätigkeit.
  • Das Verbot der erlaubnispflichtigen Besorgung fremder Rechtsangelegenheiten.
  • Die Geschäftsmäßigkeit der Besorgung fremder Rechtsangelegenheiten.
  • Die Gefahr der Gewerblichkeit im Sinne des Berufsrechts.
  • Die Haftungsrisiken und der Versicherungsschutz im Rahmen der Vermögensschaden-Haftpflicht.

 

2.3 Kooperationen im Bereich der Vorbehaltsaufgaben

Diese Kooperationen sind unter dem Aspekt von Haftung und berufsrechtlicher Verschwiegenheit unproblematisch. Der Kooperationspartner wird im Sinne eines Erfüllungsgehilfen hinzugezogen, für dessen Verhalten der Steuerberater haftet. 

 

2.4 Kooperationen im Bereich der vereinbaren Tätigkeiten

Solche Kooperationen sind risikobehaftet, weil die Aufnahme von Tätigkeiten in den Katalog von zulässigen vereinbaren Tätigkeiten noch nichts über die Befugnis zur Erbringung dieser Tätigkeiten besagt. Daher bestimmt § 39 Abs. 1 BOStB, dass Erlaubnisvorschriften in anderen Gesetzen zu beachten sind. Hierzu zählt vor allem das Rechtsdienstleistungs-Gesetz (RDG). Ein Verstoß gegen solche Erlaubnisvorschriften würde mindestens dazu führen, dass der Schutz der Berufs-Haftpflichtversicherung versagt. 

 

2.5 Kooperationen im Bereich der gewerblichen Tätigkeiten

Sofern Gegenstand der Kooperation die Erbringung einer gewerblichen Tätigkeit ist, würde dies gegen § 57 Abs. 4 Nr. 1 StBerG verstoßen und ebenfalls zum Verlust des Versicherungsschutzes führen, von der Infizierung der freiberuflichen Einkünfte einmal ganz abgesehen.  

3. Vertragstypen

Angesichts der vorstehend dargestellten Rahmenbedingungen wurden folgende, die Risiken berücksichtigende und diese weitgehend ausschließende Verträge entwickelt: 

 

3.1 Nutzungsvereinbarung zwischen dem StBV und dem Experten

Diese Vereinbarung legt die verbindlichen „Spielregeln“ fest, die für eine Aufnahme des Experten als Spezialisten in die Kooperationsbörse gelten sollen. Zweck ist die Festlegung der Zuständigkeit und Überwachung durch den StBV Westf.-Lippe. 

 

3.2 Ehrenkodex = Selbstverpflichtung des Experten

Hierbei handelt es sich um eine Selbstverpflichtung des Experten gegenüber dem StBV Westf.-Lippe, alle vertraglichen Regelungen der Kooperationsbörse und somit die festgelegten Spielregeln auch zwingend einzuhalten.  

 

3.3 Kooperationsvereinbarung zwischen der Kanzlei und dem Experten 

Es geht um eine Festlegung der Pflichten der Beteiligten im Verhältnis untereinander, wobei aus Gründen der Haftungsdelegation zur Entlastung der Kanzlei darauf abgestellt wird, dass der ausführende Experte direkt vom Mandanten selbst mandatiert wird. Die Festlegungen: 

 

  • Regelung der gemeinschaftlichen Tätigkeiten gegenüber dem Mandanten
  • Verantwortlichkeit der Projektsteuerung
  • Mitwirkungspflichten der Vertragsparteien
  • Haftungsmodalitäten
  • Regelungen zur Vertragsbeendigung
  • Regelung der Vertraulichkeit bzw. Verschwiegenheit
  • Mandantenschutzvereinbarung
  • Schiedsvereinbarung bei Auseinandersetzungen

 

3.4 Direkte Vergütungsvereinbarung mit dem Mandanten

Eine weitere grundlegende Voraussetzung ist, dass der Steuerberater und auch der Experte die zu erbringenden vertraglichen Leistungen durch klare vertragliche Vergütungsregelungen gegenüber dem Mandanten festlegen. Besonders der Steuerberater hat seine Auftragserweiterung mit dem Mandanten zu vereinbaren. Dies gilt bei Tätigkeiten nach § 33 StBerG im Rahmen der gesetzlichen Vergütung, aber natürlich besonders bei Tätigkeiten nach § 57 StBerG im Rahmen einer gesonderten Beauftragung. 

4. Kooperations-ID für jede mandatsbezogene Kooperation

Die Kooperations-ID dient dem Nachweis, dass der Experte sich bedingungslos den Nutzungsbedingungen und Standards der Kooperationsbörse unterworfen hat. Diese ID muss vom Experten für jede Kooperation beim StBV Westf.-Lippe angefordert werden und ist zwingend im Kooperationsvertrag anzugeben und der Kanzlei mitzuteilen. Es wird öffentlich über die Internetpräsenz des StBV Westf.-Lippe allen Teilnehmern der Kooperationsbörse kommuniziert, dass die Regeln und Schutzmechanismen der Kooperationsbörse nur greifen, wenn zuvor die ID erworben und bestimmungsgemäß in den Dokumenten unter Beachtung der Mitteilungspflichten verwendet wurde. Die Steuerberater und ihre Mandanten haben so die Gewissheit, dass diese Kooperationen unter dem Schutz der Rechtsregeln der Kooperationsbörse stehen. Die Steuerberater erhalten somit eine schnelle und unmittelbare Selbstkontrolle darüber, dass es sich um eine offizielle Kooperation über die Kooperationsbörse handelt. 

 

Fazit

Wenn die Steuerberater sich dieser Kooperationsbörse bedienen und die sich daraus für sie ergebenden Möglichkeiten nutzen, so werden Sie gut gerüstet sein, die eigene Kanzlei mit einer zukunftsgerichteten Strategie auf dem Beratungsmarkt zu positionieren und den Anforderungen als allumfassender Berater des Mandanten gewachsen zu sein. Dies geschieht alles unter Einschaltung von geeigneten Experten, sodass sich - mit einer sehr hohen Qualität - neue Dienstleistungsfelder in der Kanzlei etablieren können; auch bei einem knappen Zeitbudget des steuerlichen Beraters. Ein weiterer großer Vorteil für die Steuerberater ist auch, dass den Mandanten neue Beratungsfelder ohne große Investitionskosten angeboten werden können. Die involvierten Experten sorgen für eine hohe Qualität in den Beratungen, und der StBV Westf.-Lippe sorgt für eine sichere und kontrollierte Kooperationsplattform und eine entsprechende Abwicklung.  

 

Derzeit laufen die Vorbereitungen des Gesamtprojekts darauf hinaus, dass voraussichtlich zur Jahresmitte 2010 die Kooperationsbörse über die Internetseite www.diekooperationsboerse.de genutzt werden kann. 

 

Quelle: Ausgabe 05 / 2010 | Seite 87 | ID 135084