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22.03.2010 |Interview mit StB Dietmar Traut, Bad Kreuznach

„Auf ein Wort, Herr Kollege!“ - Der Erfolgsweg eines „ganz normalen“ Berufsständlers

Das Gespräch führte Gerd J. Merz, Stein-Bockenheim

Der Erfolg einer Steuerberatungskanzlei lässt sich an mehr Kriterien festmachen, als man gemeinhin vermuten mag. So vielgestaltig die Menschen sind, die das tägliche Leben in dieser Branche steuern und betreiben, so mannigfaltig sind messbare und „gefühlte“ Faktoren. Es ist interessant die Individualität dieser Merkmale in Teilnehmerbeiträgen oder während der Pausengespräche bei Führungskräfteseminaren und auch bei Beratungen zu erleben. Was dem einen der Umsatz, ist dem anderen der Ertrag.  

 

Mehr und mehr aber ist ein Trend zu erkennen, der auch Faktoren wie Lebensqualität, die so genannte Work-Life-Balance, Reputation und andere „weiche Faktoren“ mit einbezieht. Steckt darin das Geheimnis scheinbar unfehlbarer und absolut wirkungsvoller Erfolgsrezepte? Wohl kaum, denn sie sind nur hinsichtlich grundsätzlicher Erkenntnisse objektiv übertragbar. Sie müssen subjektiv auf Personen und Bedingungen zugeschnitten sein. Das wiederum setzt Selbsterkenntnis, Kritikfähigkeit, den Mut Neues zu probieren und die Leidensfähigkeit zum Loslassen bei der zielgerichteten Delegation voraus.  

 

Aus dem folgenden Gespräch ist vieles herauszulesen, was dieses Eingangsstatement belegt. Es zeigt aber auch, dass der Berufsstand weiterhin Perspektiven bietet und das nicht nur für die „Großen“. 

 

G.M.: „Herr Traut, nach dem Abitur absolvierten Sie Ihr Studium zum Diplom-Kaufmann. Ihre Schwerpunkte lagen in den Fächern Logistik und logistischer Informatik, Personalwirtschaft, Organisation und Finanzwirtschaft. Steuerwesen kam für Sie nicht infrage, da Sie sich nicht sicher waren, ob Sie das - so Ihre eigene Aussage - kapieren würden. Nach dem Studium sammelten Sie berufliche Erfahrungen; einige Jahre in einer Unternehmensberatung und danach als kaufmännischer Geschäftsführer. Was geschah, dass Sie dann doch Ihre heutige Berufung erkannten?“ 

 

D.T.: „Ich entdeckte die Faszination, die in der Verknüpfung Betriebswirtschaft und Steuerwesen liegt und nahm dann als Konsequenz 1997 eine Tätigkeit in einer größeren Steuerberatungskanzlei auf. Die Idee der gestaltenden Unternehmensberatung, und darunter verstehe ich die unabdingbare Kombination aus Buchführung, Steuer- und betriebswirtschaftlicher Beratung, war es, die mich antrieb. Um diese qualitativ umzusetzen, habe ich mich dann in meiner Freizeit mit 15 Dreitage-Seminaren, der „Blauen Reihe“, Gesetzestexten, Richtlinien und Durchführungsverordnungen auf die Steuerberaterprüfung vorbereitet. Drei Jahre später hatte ich meine Bestellung in der Tasche.“  

 

G.M.: „Das war im Jahr 2000. Sie hatten eine gute und sichere Position, da Sie in einer renommierten Kanzlei der einzige aktive Steuerberater waren. Wie ging es weiter?“  

D.T.: „Nach drei Jahren reifte in mir der Entschluss das Abenteuer Selbstständigkeit zu wagen, was ich dann auch 2004 umsetzte.“ 

 

G.M.: „Abenteuer?“ 

D.T.: „Nun ja, inzwischen hatte ich eine Familie. Mein Sohn kam 2003 zur Welt und wir hatten gerade gebaut. Nicht gerade das, was man einen Start aus der Poleposition nennt.“ 

 

G.M.: „Diese Bedingungen hätten viele davon abgehalten. Weshalb nicht auch Sie?“ 

D.T.: „Ich wollte mein eigener Herr sein, in meinem eigenen Unternehmen meine Ideen vorantreiben und ein eigenes Profil entwickeln. Selbstverständlich wollte ich auch alleine verantwortlich sein. Ich trat jedoch auf der Stelle und war schlichtweg unzufrieden mit meiner Situation. Um mich in eine Sozietät einzukaufen, fehlte das Kapital. Da blieb nur diese eine Alternative.“ 

 

G.M.: „Wie sind Sie strategisch vorgegangen?“ 

D.T.: „Es mag Sie als Kanzleiberater nun erschrecken, aber meine Strategie war ganz einfach: Augen zu und durch!“  

 

G.M.: „Heißt das, auch ohne Risikoabwägung, bzw. -minimierung?“ 

D.T.: „Nein, so blauäugig war ich natürlich nicht. Ich habe einen Finanzplan erstellt, der auch die privaten Ausgaben berücksichtigte, und Alternativen überlegt, was zu tun sei, wenn mein Vorhaben in der Phase eines Fehlstarts stecken bleiben würde. So habe ich mich unter anderem als Referent bei verschiedenen Institutionen angeboten. Und dann auch bewusst ganz klein begonnen.“ 

 

G.M.: „Ganz klein lässt sich unterschiedlich definieren.“ 

D.T.: „Ganz klein hieß bei mir: Ich startete am 1.1.04 mit einer One-Man-Show, einem angemieteten Raum und etwa zehn Mandaten. Ich stellte mich auf langsames Wachstum ein, das hieß auch zuerst einmal mit Fremdkräften zu arbeiten.“ 

 

G.M.: „Woher kamen die Startmandate?“ 

D.T.: „Ich weiß, worauf sie hinaus wollen. Zu meinen Grundprinzipien gehört, dass Mandanten ohne mehr oder weniger dezente Abwerbung aus eigenem Bestreben zu mir kommen müssen. Die Auswüchse, die ich teilweise bei Kolleginnen und Kollegen erleben muss, widersprechen - nicht nur aus ethischen Gründen - zutiefst meinem Berufsverständnis. Die Mandanten meiner ersten Stunde kamen ohne mein Dazutun zu mir. Ich bin auch stolz darauf, dass man mir da nichts nachsagen kann. In dieser Beziehung ist Bad Kreuznach übrigens ein Dorf.“ 

 

G.M.: „Wie stellt sich Ihr Erfolg inzwischen betriebswirtschaftlich dar?“ 

D.T.: „Der Umsatz des ersten Jahres hat sich kontinuierlich und zu meiner Zufriedenheit vervielfacht. Heute habe ich gerade meine dritte Vollzeitkraft eingestellt und beschäftige außerdem vier Teilzeit-/Aushilfskräfte. Zudem arbeite ich auf freiberuflicher Basis mit einer hochqualifizierten Kollegin und einer ebenso kompetenten Steuerfachangestellten zusammen. Wobei mit der Standeskollegin zudem noch ein reger und wertvoller fachspezifischer Austausch stattfindet.“ 

 

G.M.: „Was würden Sie mit den Erkenntnissen von heute anders machen?“ 

D.T.: „Grundsätzlich würde ich wieder nach dem Augen-zu-und-durch-Prinzip handeln. Ich nehme an, das ist auch ein Ausdruck dessen, wie ich unternehmerische Herausforderungen angehe, wenn eine Entscheidung einmal nach allen Seiten beleuchtet und dann gefallen ist. Auf jeden Fall würde ich meinen Anfängerängsten nicht mehr nachgeben und bei Mandanten, die nicht bezahlen, frühzeitig die Reißleine ziehen und die Arbeit nicht weiter führen. Zudem würde ich Mitarbeiter schon in einer früheren Phase einstellen, aber nur, wenn deren Qualität meinen Ansprüchen genügt. Da würde ich mich auf keine Kompromisse einlassen.“ 

 

G.M.: „Gab es denn keine Phasen der Zweifel oder Ängste?“ 

D.T.: „Aber ja! Da war einmal die existentielle Furcht morgens ins Büro zu kommen und festzustellen, dass es nichts zu tun gäbe. Ich hatte ja auch keinen Lehrmeister und mich quasi selbst ins Wasser geworfen. Da stand dauernd die Frage im Raum, ob ich nicht nur fachlich, sondern auch organisatorisch alles richtig mache. Aber beide Ängste hatten auch ihr Positives.“ 

 

G.M.: „Und das war?“ 

D.T.: „Ich vergleiche es mit dem Lampenfieber eines guten Schauspielers. Das ist notwendig, um einerseits zu Spitzenleistungen in der Lage zu sein, andererseits aber nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Man wird wachsam, konzentriert sich auf die eigenen Stärken und setzt Prioritäten. Erfolge lösen dann auch keine Überheblichkeit aus.“ 

 

G.M.: „Wie hoch war anfangs Ihre zeitliche Belastung und wie hoch ist sie heute?“ 

D.T.: „Meine eigene Zeiterfassung zeigt unerbittlich auf: 2004 waren es durchschnittlich 45 Stunden in der Woche. Heute bewege ich mich bei 60 Stunden. Das liegt aber mit daran, dass ich seit Mitte 2008 aus Gründen eines breiteren Angebotes an einer WP-Gesellschaft beteiligt bin, mit der ich auch dieses Geschäftshaus teile. Da kommen viele Gespräche auch noch nach dem normalen Feierabend dazu, die nicht immer besonders effektiv geführt werden. Daran müssen wir noch arbeiten. Ich sehe das aber als Entwicklungsprozess.“ 

 

G.M.: „Wie gehen Sie und Ihre die Familie mit dieser zeitlichen Belastung um?“ 

D.T.: „Ja, das sind zwei Seiten einer Medaille. Die eine ist, dass mir mein Beruf Spaß macht. Zudem regt mich die zeitliche Komponente dazu an, der Effektivität von Arbeitsabläufen und der Erarbeitung von Standards einen hohen Stellenwert beizumessen. Gerade von einheitlichen Standards im Sinne eines dokumentierten und systematischen Qualitätsmanagements verspreche ich mir nicht nur eine gegen Null tendierende Fehlerquote, sondern vor allem eine bessere Delegationsmöglichkeit. Dies unterstütze ich auch seit einiger Zeit durch die strikte Einhaltung stiller Stunden. Dabei zeigt es sich immer wieder, dass die Mitarbeiter mehr können, als sie sich selbst zutrauen, wenn der Chef mal nicht zur Hand ist.“ 

 

G.M.: „Sie wollen die Effektivität steigern. Nennen Sie mir bitte stichwortartig noch einige weitere Beispiele, wie sie das angehen.“ 

D.T.: „Planung der Arbeitsabläufe, wozu ich weitgehend die Möglichkeiten der DATEV-Software nutze. Verstärkung der Endkontrollen, um Hinweise auf noch ungenutzte Potenziale zu bekommen. Dabei setze ich auch auf die qualifizierte Rückkopplung der freiberuflichen Kräfte, die mir - ohne Betriebsblindheit getreu der Killerphrase, das haben wir doch schon immer so gemacht - wertvolle Hinweise geben. Wöchentliche Kanzleibesprechungen. Gezielter Aufbau von Spezialkenntnissen bei den Mitarbeitern, was in der Konsequenz die Fortbildung und den systematischen internen Wissenstransfer positiv beeinflusst.“ 

 

G.M.: „Sie sprachen von zwei Seiten eine Medaille. Was ist die zweite?“ 

D.T.: „Das ist natürlich die Familie und da sind die Freunde. Das heißt Feierabend ist Feierabend und samstags und sonntags ist die Kanzlei tabu. Auch über Handy bin ich dann nicht zu erreichen, es sei denn, in absoluten Ausnahmesituationen. Ich jogge bei Wind und Wetter zwei bis drei Mal in der Woche circa sieben Kilometer. Und dann natürlich für mich die absolute Entspannung: meine Musik.“ 

 

G.M.: „Was würden Sie einem/r jungen StB/in mit auf den Weg geben, der/die sich selbstständig machen möchte?“ 

D.T.: „Bleib dir treu, sei du selbst, verbiege dich nicht und lass dich nicht verbiegen! Und vor allem beachte das magische Viereck, wie ich es nenne: Selbstdisziplin, Konsequenz, Zielorientierung und Prozessorientierung!“ 

 

G.M.: „Und nun noch eine abschließende Frage: Was sind Ihre Ziele, was ist Ihre Vision?“ 

D.T.: „Gerade das ist etwas, was jeder für sich ganz persönlich entscheiden und wonach er leben muss. Bei mir lässt sich das an einem Leitbild festmachen, an dem ich mich stets meine Aktivitäten ausrichte. Ich will nie vergessen, wo ich herkomme und möchte meine Prinzipien niemals verraten. Das ist der Ausdruck meiner Authentizität.“ 

 

G.M.: „Dazu wünsche ich Ihnen alle Kraft, Glück, viele Menschen, die Ihnen dabei helfen und weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank, Herr Traut.“ 

 

Quelle: Ausgabe 04 / 2010 | Seite 76 | ID 134424