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  • · Mentale Gesundheit

    „Ohne Pausen bleibt man kein Weltmeister!“ – Sven Hannawald im Gespräch mit dem CB

    Bild: Gunnar Menzel

    Leistungsdruck, Perfektionismus und die ständige Verantwortung für Menschenleben: Der Alltag in deutschen Kliniken gleicht oft dem Hochleistungssport. Doch was passiert, wenn der Motor überhitzt? Skisprunglegende Sven Hannawald erreichte 2002 das Unmögliche, bevor er durch sein Burnout jäh gebremst wurde. Im Podcast „Level Up Klinikführung“ berichtet er über seinen Weg und zieht essenzielle Lehren für Führungskräfte in der Medizin. Das Gespräch führte Dr. Benedict Carstensen.

     

    Redaktioneller Hinweis: Dieses Interview ist eine Zusammenfassung des Transkripts aus Episode 18 unseres Podcasts „Level Up Klinikführung“. Das gesamte Gespräch sehen Sie in unserem Podcast (Abruf-Nr. 50930998).

     

    Frage: Herr Hannawald, im Krankenhaus heißt es oft: „Unter Druck entstehen Diamanten.“ Sie waren als Weltmeister und Olympiasieger extremem Druck ausgesetzt. Wie haben Sie diesen während Ihrer aktiven Karriere empfunden?

     

    Antwort: Von außen betrachtet wirkte der Druck natürlich immens – Fernsehen, Fans, Sponsoren. Aber die Wahrheit ist: Ich selbst war mein härtester Treiber. Ich habe die Latte von klein auf immer höher gelegt als mein Umfeld. Nach jedem Erfolg wollte ich sofort weiter. Dieser innere Drang hat mich wachgehalten, aber er hat mich auch blind gemacht. In der Medizin ist das ähnlich: Der Anspruch, die beste Lösung für den Patienten zu finden, ist absolut notwendig, aber er führt dazu, dass man sich und sein Team ständig unter eine gigantische Spannung setzt. Dieser Druck wird irgendwann zum „normalen“ Teil des Pakets. Man gewöhnt sich schleichend daran, bis die Luft knapp wird.

     

    Frage: Dass die Luft dünner wird, geschieht ja selten über Nacht. Wie äußert sich das? Und warum überhören gerade Top-Performer die Warnsignale so konsequent?

     

    Antwort: Jeder von uns hat seine innere Stimme. Sie sagt uns täglich, ob wir überfordert sind oder ob „grünes Licht“ brennt. Aber wenn man einen Weg der Perfektion geht, stellt man die Kommunikation mit dieser Stimme irgendwann ein. Es ist wie in einer Ehekrise: Der Kopf will weiter geradeaus, aber das Gefühl im Zentrum passt nicht mehr dazu. Man funktioniert nur noch. Ich habe damals immer mehr trainiert als alle anderen – das war mein Erfolgsrezept. Man merkt anfangs nicht, dass das den Körper auszehrt, weil man jung ist. Aber irgendwann reichen eine Stunde mehr Schlaf oder zwei Wochen Urlaub nicht mehr. Ich saß im Rückflug aus einem perfekten Urlaub und fühlte mich, als ob ich gerade erst hinfliege. Das ist der Moment, wo der Kollaps kurz bevorsteht.

     

    Frage: In der Klinik wächst die Verantwortung graduell mit der Position. Viele Chefärzte merken gar nicht, wann der Druck von „motivierend“ zu „toxisch“ umschlägt. Was war bei Ihnen der Wendepunkt?

     

    Antwort: Es war ein schleichender Prozess, der im körperlichen Zusammenbruch endete. Das Problem ist: Wenn man tief in diesem Arbeitsprozess steckt, kommt man allein schwer raus. Der Kopf signalisiert: „Ich habe in keiner Zeitung gelesen, dass man vom Ausruhen Weltmeister wird.“ Man hat ein schlechtes Gewissen gegenüber sich selbst und dem Erfolg. Weniger zu machen, fühlt sich wie Versagen an. Mein Umfeld hat schon lange gesehen, dass etwas nicht stimmt, aber ich habe alles abgeblockt. Erst der totale Knall hat mich gezwungen, loszulassen. Heute weiß ich: Ohne Pausen wird man vielleicht Weltmeister, aber ohne Pausen bleibt man nicht Weltmeister. Man muss lernen, zu sagen: „Heute bleibt die Tasche zu!“ – ohne schlechtes Gewissen.

     

    Frage: Chefärzte tragen nicht nur Verantwortung für sich, sondern für ganze Teams. Laut Studien zeigen rund ein Drittel der Ärzte Symptome von Depressionen. Wie kann eine Führungskraft hier präventiv wirken?

     

    Antwort: Das ist die schwierigste Aufgabe, denn mentale Überlastung sieht man von außen nicht. Ein Trainer oder ein Chefarzt kann nicht riechen, wie es im Inneren eines Mitarbeiters aussieht. Wichtig ist es, eine Kultur der Offenheit zu schaffen. Die Betroffenen müssen sich trauen können, zum Chef zu gehen, ohne Angst vor beruflichen Konsequenzen. Als Führungskraft muss man signalisieren: „Stress ist in unserem System normal, aber das heißt nicht, dass jeder allein damit klarkommen muss.“ Wir müssen Lösungen finden, bevor der Knall kommt. Das bedeutet auch, den eigenen Ablauf als Führungskraft zu scannen: Wo finde ich Zeit für mich? Und lebe ich diese Grenzen auch vor?

     

    Frage: Soziale Unterstützung durch Vorgesetzte ist eine der wichtigsten Ressourcen. Wie kann das im stressigen Klinikalltag konkret aussehen?

     

    Antwort: Es geht um das Gefühl, ernst genommen zu werden. Wenn ein Mitarbeiter merkt, dass die Energie schwindet, braucht er Vertrauen. Wir müssen verstehen, dass verschiedene Generationen unterschiedlich mit Energie umgehen. Die junge Generation Z lebt uns heute oft vor, wie wichtig Grenzen sind. Das sorgt in alten Strukturen für Reibung, ist aber vielleicht das notwendige Korrektiv. Als Chefarzt sollte man proaktiv auf die mentale Gesundheit schauen – nicht als „Wellness“, sondern als Voraussetzung für operative Exzellenz. Wenn ich meinen Beruf als Skispringer damals klarer vom Privatleben getrennt hätte – im Training all-in, zu Hause Ruhe –, hätte ich meine Leidenschaft vielleicht viel länger ausüben können.

     

    Frage: Was ist Ihr abschließender Rat an Führungskräfte, die heute unter enormem wirtschaftlichem und personellem Druck stehen?

     

    Antwort: Achten Sie auf die kleinen Anzeichen: Schlafstörungen, ständiges Gedankenkreisen, das Gefühl, nur noch zu „rödeln“. Bewegung an der frischen Luft ist oft effektiver als jeder digitale Ausgleich. Und: Seien Sie sich Ihrer Vorbildfunktion bewusst. Wer nachts um drei E-Mails schreibt, baut einen Druck auf, der das Team langfristig zermürbt. Mentale Gesundheit ist kein Ziel, das man einmal erreicht, sondern ein täglicher Prozess des Eincheckens bei sich selbst. Hören Sie wieder auf Ihren „besten Freund“ – Ihre innere Stimme.

     

    Herr Hannawald, vielen Dank für das Gespräch.

    Quelle: Ausgabe 09 / 2026 | Seite 8 | ID 50897078