· Fachbeitrag · Führung & Kommunikation
„Bevor Sie als Chefarzt einen Witz machen, lassen Sie ihn durch den Filter laufen!“
Humor gilt im Klinikalltag oft als nettes Beiwerk – oder als unvereinbar mit einer Leitungsfunktion. Zu Unrecht, sagt Dr. Mark Weinert. Der Anästhesist, Autor und Kommunikationstrainer erklärt im Podcast „Level Up Klinikführung“, warum Humor Vertrauen schafft, warum er die Autorität von Chefärztinnen und Chefärzten als Führungskräften sogar stärken kann – und wo die Grenze zum persönlichen Angriff klar verläuft. Das Gespräch führte Dr. Benedict Carstensen.
Redaktioneller Hinweis: Dieses Interview ist eine Zusammenfassung des Transkripts aus Episode 17 unseres Podcasts „Level Up Klinikführung“. Das gesamte Gespräch sehen Sie in unserem Podcast (Abruf-Nr. 50867165).
Frage: Herr Dr. Weinert, Manche halten Humor in der Medizin für nett, aber nicht entscheidend. Wie relevant ist er wirklich für eine Abteilung?
Antwort: Das hängt von den Menschen ab. Rund 20 Prozent der Bevölkerung sind stark über Humor und Kontakt motiviert – für sie ist Humor ein zentraler Antrieb, auch in der Arbeit. Unter Ärzten ist dieser Anteil kleiner, unter Pflegekräften deutlich größer. Wer ein Team mit vielen solcher Menschen führt, sollte Humor ernst nehmen.
Frage: Viele Chefärzte fürchten, Humor untergrabe ihre Autorität.
Antwort: Häufig ist das Gegenteil der Fall. Humor ist eine Möglichkeit, Verbindung zu schaffen. Studien zeigen: Richtig eingesetzt stärkt Humor die Autorität von Führungskräften. Humorvoll zu führen, heißt ja nicht, dass ich mich komplett mit jemandem verbrüdere. Die Frage ist: Inwieweit kann ich selbst in einer gewissen Weite Vulnerabilität zeigen? Wer über sich selbst lachen kann, zeigt Selbstbewusstsein und wird glaubwürdiger. Das schafft psychologische Sicherheit. Und in einem sicheren Klima werde ich auch auf Dinge hingewiesen, die mir sonst niemand zu sagen wagt, weil die Distanz zu groß ist.
Frage: Gibt es eine einfache Regel, was geht und was nicht?
Antwort: Wir Mediziner lieben ja immer die sogenannten Vier-Felder-Tafeln. Ein Witz richtet sich gegen mich selbst oder gegen jemand anderen – und er wertet auf oder ab. Fremd und aufwertend ist fast immer erlaubt. Selbst und abwertend – d. h. über sich selbst zu lachen – ebenso. Selbst und aufwertend kann auch funktionieren, aber unter Umständen auch ein wenig arrogant wirken. Tabu ist nur eine Kombination: fremd und abwertend. Dahin fällt jeder sexistische oder rassistische Witz. Er schafft Distanz statt Verbindung und hat im Krankenhaus nichts verloren.
Frage: Und die Hierarchie?
Antwort: Über Menschen einer anderen Hierarchieebene Witze zu machen, ist heikel. Als Chefarzt über Assistenzärzte zu spotten, funktioniert nicht. Von unten am Sockel des Mächtigen zu kratzen, ist eher erlaubt. Schwierig sind auch Witze über Abwesende. Und über Patienten oder Krankheiten? Nein – es sei denn, ich habe die Krankheit selbst. Dann gehöre ich dazu.
Frage: Sie unterscheiden klar zwischen verbindendem und zynischem Humor.
Antwort: Sarkasmus ist oft ein Schutzmechanismus. Man erlebt ihn häufig bei Menschen, die einen Burnout entwickeln. Eine Dimension des Burnouts ist die Depersonalisierung, d. h. der Aufbau von Distanz. Wer Richtung Burnout geht, versucht über sarkastischen Humor Distanz aufzubauen – zur Arbeit und zu den Patienten. Komme ich in eine Abteilung mit viel beißendem Humor, sagt mir das: Hier wird das toleriert, und die Leute brauchen es, um die Bedingungen auszuhalten. Kein gutes Zeichen. Wo dagegen positiv gelacht wird, geht die Arbeit leichter – und es gibt weniger Krankheitstage.
Frage: Wie bleibe ich trotzdem verbindlich?
Antwort: Eine Visite ist keine Stand-up-Show. Humor heißt nicht, dass alles lustig ist, sondern dass er dosiert möglich ist. Gebe ich eine klare Anweisung, ist allen klar: Das ist kein Witz. Und wenn jemand abwertende Sprüche über Patienten oder Pflegekräfte macht, sage ich, dass das nicht angebracht ist. Man fördert, was man toleriert.
Frage: Was ist eigentlich schädlicher – unreflektierter Humor oder gar keiner?
Antwort: Das Problem beim unreflektierten Humor ist, dass man erst nachher feststellt, was man gerade gesagt hat. Aber dann ist es zu spät. Ein gesprochenes Wort ist wie ein abgeschossener Pfeil. Das gehört uns nicht mehr und wir haben keinen Einfluss mehr auf die Flugbahn. Und wenn es jemand trifft und verletzt, dann ist es gesagt. Kein Humor ist wenigstens die sichere Option, weil man mit einem Witz niemanden verletzt. Allerdings gibt man sich dann dadurch auch unnahbar. Und es fehlt einem vielleicht der Input von den Menschen um mich herum, den es bei einer größeren Verbindung geben könnte.
Frage: Welche eine Sache sollten Chefärzte morgen anders machen?
Antwort: Bevor Sie einen Witz machen, lassen Sie ihn kurz durch den Filter laufen: Geht es um mich oder um jemand anderen? Wertet er auf oder ab? Ist der Witz fremd und abwertend, dann bleiben lassen!
Herr Dr. Weinert, vielen Dank für das Gespräch!
Zum Interviewpartner — Dr. Mark Weinert ist Anästhesist, Intensiv- und Notfallmediziner sowie Kommunikationstrainer für Führungskräfte in der Medizin. Sein Buch „Der 1-Minuten-Arzt. Einfach. Besser. Kommunizieren. Das Praxisbuch für Menschen im Gesundheitswesen“ (2023; ISBN 978 3 3478 7816 7) behandelt u. a. Mitarbeiterführung, schwierige Gespräche und den Umgang mit Medien und Juristen.