· Fachbeitrag · ZR-Fachgespräch (Teil 2)
PAR bei Pflegebedürftigen: „Jede Reduktion der Entzündung ist ein Gewinn!“
Defizitäre Mundhygiene und parodontale Erkrankungen liegen bei älteren Senioren und Pflegebedürftigen häufig vor, wodurch auch das Risiko für Wurzelkaries steigt. Mit welchen Maßnahmen Praxen dieser Patientengruppe und ihren Angehörigen bzw. dem Pflegepersonal Unterstützung geben können, sprachen wir bereits in ZR 03/2026, Seite 8 , mit Prof. Dr. Dr. Greta Barbe (Teil 1). In dieser Fortsetzung des Gesprächs (Teil 2) geht es um die Effizienz der PAR sowie der topischen Fluoridierung bei Älteren.
REDAKTION: Wie effektiv ist eine systematische PAR-Behandlung bei älteren Senioren und Pflegebedürftigen, wenn gleichzeitig möglicherweise schädliche Einflussfaktoren auf die parodontale Situation nicht oder nicht ausreichend beseitigt werden? Lohnt sie sich zahnmedizinisch im Verhältnis zu Aufwand und Belastung für den Patienten?
BARBE: Die Frage nach der Effektivität oder dem „Lohnen“ einer systematischen PAR-Behandlung bei älteren, pflegebedürftigen Menschen unter fortbestehenden Risikofaktoren wird häufig gestellt – aus meiner Sicht stellt sich diese Frage aber gar nicht. Wir konnten in einer randomisiert-kontrollierten Studie ( iww.de/s15206 ) bei hochbetagten Pflegeheimbewohnern (Durchschnittsalter 85 Jahre) zeigen, dass bereits eine einmalige aufsuchende antiinfektiöse Therapie (AIT) im Rahmen der verkürzten PAR-Strecke mit subgingivaler Instrumentierung innerhalb von drei Monaten zu messbaren Verbesserungen führte. Blutungsneigung (BOP) und Sondierungstiefen (PPD) nahmen signifikant ab, auch wenn die Plaquewerte nur moderat beeinflusst wurden. Hier wurde also genau die Situation abgebildet, nach der Sie fragen. Die Therapiezeit betrug im Durchschnitt etwa 14 Minuten und wurde pragmatisch vor Ort im Pflegeheim durchgeführt. Die Belastung für die Patienten war gering, der klinische Nutzen hingegen klar nachweisbar. Bei mobileren Seniorinnen und Senioren, die eine Praxis aufsuchen können, sind unter strukturierten Bedingungen sicher noch bessere Ergebnisse zu erwarten.
Natürlich bleibt die Mundhygiene in dieser vulnerablen Population oft unzureichend. Dennoch kann daraus auf keinen Fall die Konsequenz gezogen werden, gänzlich auf eine Therapie zu verzichten. Die Alternative wäre, eine bekannte parodontale Erkrankung mit der entsprechenden oralen Inflammation unbehandelt zu lassen – mit fortschreitendem Attachmentverlust, zunehmender Entzündungslast, Schmerzen, funktionellen Einschränkungen und zu erwartenden systemischen Auswirkungen und Komplikationen.
Ziel ist hierbei sicher nicht die perfekte parodontale Situation, sondern eine pragmatisch erreichbare, möglichst entzündungsarme Stabilisierung. Gerade bei älteren und pflegebedürftigen Menschen gilt: Jede Reduktion der Entzündung ist ein Gewinn. Eine stabilere Mundsituation unterstützt Kaufunktion, Ernährung, Lebensqualität und allgemeine Gesundheit.
Der Aufwand einer strukturierten, auch verkürzten PAR-Therapie steht daher in einem sehr günstigen Verhältnis zum Nutzen, wenn man diese Frage überhaupt stellen möchte. Übrigens sind in der verkürzten Strecke notwendige konservierend-chirurgische Maßnahmen einschließlich des Glättens überstehender Füllungsränder vor oder im zeitlichen Zusammenhang mit der Parodontitistherapie nicht gefordert. Aus zahnmedizinischer Sicht lohnt sich die Behandlung – nicht trotz, sondern gerade wegen der bestehenden Einschränkungen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass wir im Rahmen der Behandlung, die betroffenen Menschen häufiger sehen als früher und dabei immer wieder auch Gelegenheit haben, andere Probleme oder Risiken der Mundgesundheit im Verlauf besser zu beobachten bzw. einschätzen zu können.
REDAKTION: Aufgrund des Attachmentverlustes ist das Risiko für Wurzelkaries erhöht. Ist hier eine topische Fluoridapplikation 4x jährlich sinnvoll und effektiv?
BARBE: Die Frage nach einer routinemäßigen topischen Fluoridapplikation viermal jährlich lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern muss individuell anhand des Kariesrisikos entschieden werden.
Selbstverständlich ist Fluorid in der Prävention und Therapie der Wurzelkaries evidenzbasiert wirksam. Auch die Wurzelkaries ist ein multifaktorielles Geschehen: Mundhygienefähigkeit, Plaquekontrolle, Xerostomie, Ernährungsgewohnheiten, kognitive Einschränkungen und allgemeiner Gesundheitszustand beeinflussen das Risiko maßgeblich. Fluorid spielt dabei eine zentrale, aber nicht alleinige Rolle. Je nach individueller Risikokonstellation kommen unterschiedliche Strategien infrage: Hoch konzentrierte Fluoridlacke, Fluoridgele, die Anwendung von Zahnpasten mit erhöhtem Fluoridgehalt (z. B. 5.000 ppm), gegebenenfalls ergänzend fluoridhaltige Mundspüllösungen. Um aktive Wurzelkaries zu arretieren, wenn invasive Maßnahmen vermieden werden sollen oder nicht möglich sind, ist Silberdiaminfluorid (SDF) insbesondere bei vulnerablen, pflegebedürftigen Patienten eine international evidenzbasierte und auch in aktuellen Leitlinien empfohlene Option (wenn auch in Deutschland für diese Indikation off-label use) (iww.de/s15207). Eine viermal jährliche Fluoridapplikation kann bei hohem Wurzelkariesrisiko also durchaus sinnvoll sein, sollte jedoch Teil eines individualisierten Präventionskonzepts sein. Entscheidend ist eine strukturierte Risikoeinschätzung und die Anpassung der Maßnahmen an die jeweilige Lebenssituation und Mundhygienefähigkeit.
Bei Interesse an dieser Thematik möchte ich zudem ausdrücklich auf die Informationsplattform mund-pflege.net hinweisen. Dort finden sich für Angehörige, Pflegende und das Praxisteam praxisnahe Materialien, Anleitungen und Hintergrundinformationen zur Mundpflege bei älteren und pflegebedürftigen Menschen. Die Plattform orientiert sich dabei nicht nur an wissenschaftlichen Leitlinien, sondern entspricht auch den Handlungsempfehlungen des Expertenstandards zur Förderung der Mundgesundheit in der Pflege vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Darüber hinaus wird das Thema auch im Rahmen des ECG-Kongresses im Mai in Köln intensiv aufgegriffen (iww.de/s15228). Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich dort weitergehend zu informieren und fachlich auszutauschen!
REDAKTION: Frau Prof. Barbe, vielen Dank für dieses Gespräch!