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·Fachbeitrag ·Notfallmanagement

Patienten mit Epilepsie: Sind Sie darauf vorbereitet?

| Sind Sie auf Patienten mit Epilepsie vorbereitet? Nach einer Studie der Universität Ulm in Kooperation mit dem Epilepsie-Zentrum Bethel in Bielefeld [1] fühlt sich die Mehrheit der befragten Zahnärzte beispielsweise nicht ausreichend über mögliche Wechselwirkungen von Analgetika und Antibiotika mit den Epilepsie-Medikamenten informiert. Dabei behandeln fast alle der kontaktierten Zahnmediziner (97 Prozent) nach eigenen Angaben Patienten mit Epilepsie. Welche Besonderheiten gibt es da zu beachten? |

Aussagen von Zahnärzten

70 Prozent der Zahnmediziner gaben an, bei Epilepsie-Patienten eine Behandlung unter kurzzeitiger Vollnarkose zu bevorzugen. Eine gleich große Anzahl empfahl Dentalkeramik als Material für Frontzahnversorgungen und 64 Prozent von ihnen würden dieser Patientengruppe keinen herausnehmbaren Zahnersatz anbieten. 21 Prozent der kontaktierten Zahnmediziner glauben, dass ihr Equipment eigentlich nicht auf die Behandlung von Anfall-Patienten abgestimmt ist.

Aussagen von Patienten

Insgesamt wurden im Rahmen dieser Studie 100 Patienten mit Epilepsie zu ihren Zahnbehandlungen befragt, ihre Zahnärzte und Neurologen kamen auch zu Wort. 82 Patientenfragebögen gingen in die Auswertung ein:

 

  • Die meisten befragten Patienten (84 Prozent) konsultierten ihren Zahnarzt ein- bis zweimal jährlich,
  • 79 Prozent informierten den Zahnarzt über ihre Erkrankung ‒ aber 6 Prozent vermieden Zahnbehandlungen aufgrund der Epilepsie,
  • 10 Prozent der Patienten erlebten bereits einen Anfall in der zahnärztlichen Praxis.

Aussagen von Neurologen

Interessante Ergebnisse gab es auch auf der Seite der behandelnden Neurologen: 62 Prozent der teilnehmenden Fachärzte wurden bereits um Rat im Umgang mit dieser Patientengruppe gefragt, 71 Prozent waren sich der besonderen Risiken der Interaktion von Antibiotika/Analgetika und Antiepileptika bewusst. Mit der Einnahme von Valproinsäure würden 8 Prozent pausieren, wenn größere Zahnbehandlungen anstünden.

 

92 Prozent der Neurologen empfahlen kritischen Patienten eine Behandlung unter Vollnarkose. Zu „kritischen Patienten“ gehören Unkooperative sowie jene mit Lernschwierigkeiten, mit häufigen generalisierten tonisch-klonischen oder komplex-partiellen Anfällen.

Patienten mit Epilepsie: So sind Sie darauf vorbereitet!

Bei Patienten mit Epilepsie lässt sich deutlich häufiger Gingivitis und Parodontitis nachweisen. Umso häufiger Anfälle verzeichnet wurden, desto massiver war der Erkrankungszustand. [4] Neben der konventionellen Zahnpflege kann der Gebrauch einer elektrischen Zahnbürste, die Verwendung von Chlorhexidin sowie regelmäßige professionelle Zahnreinigung der Parodontitis vorbeugen. Die Gingivahyperplasie durch das Medikament Phenytoin kann meist durch gute Mundhygiene oder einen Wechsel der Medikation eingegrenzt werden. Carbamazepin hat als Nebenwirkungen oft Xerostomie und Stomatitis, bei Valproinsäure sind Wundheilungsstörungen und postoperative Blutungen und Infektionen beschrieben.

 

Das Schmerzmittel Acetylsalicylsäure (ASS, z. B. Aspirin®) vergrößert nicht nur die Blutungsneigung, es verdrängt in höheren Dosen z. B. auch die Valproinsäure ‒ ein Antikonvulsivum aus der Plasmaproteinbindung ‒ und hemmt dessen Metabolisierung. Dies kann zu einer erhöhten Konzentration von Valproinsäure und damit zu epileptischen Anfällen führen. [3]

Maßnahmen vor der Behandlung

Vor der Behandlung von Epilepsie-Patienten empfehlen sich folgende Maßnahmen:

 

  • Medikamente und deren orale Nebenwirkungen erfassen;
  • Prophylaxeplan erstellen;
  • Notfallprozeduren ausbilden und mit dem Team durchspielen;
  • Bei der Behandlung Stress und Auslöser vermeiden.

 

Minimieren Sie den Risikofaktor „Stress“!

Stress ist einer der Faktoren, die einen Anfall auslösen können. Planen Sie zusammen mit dem Patienten die Termine zu einer Tageszeit, zu der die Anfälle weniger wahrscheinlich sind ‒ meist ist das am Morgen.

 

Nutzen Sie Techniken zur Minimierung von Stress und Angst. Erklären Sie die Behandlungsschritte vor Beginn und während der Behandlung. Diese Interaktion ermöglicht es Ihnen gleichzeitig, den Status des Patienten während der Behandlung zu beurteilen. Erscheint das Risiko eines epileptischen Anfalls zu groß, kann eine Behandlung unter Sedierung (z. B. mit Benzodiazepin) stattfinden.

 

Zur Lokalanästhesie sollten Substanzen ohne hohen Adrenalinzusatz verwendet werden, z. B. Mepivacain und Articain (maximal 1 : 200.000).

 

Minimieren Sie den Risikofaktor „Licht“!

Licht kann das Evozieren eines epileptischen Anfalls verstärken: Bei der photosensiblen Epilepsie werden Anfälle durch blinkende Lichter oder sich verschiebende Muster ausgelöst. Notfalls sollte der Patient eine dunkle Brille tragen. Kontrollieren Sie auch während der Behandlung die Lichtquellen!

Was tun bei einem Anfall im Behandlungsstuhl?

Erleidet der Patient trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einen Anfall, bietet folgende Checkliste Hilfestellungen:

 

  • Checkliste: Maßnahmen bei einem Anfall im Behandlungsstuhl
  • Bewahren Sie Ruhe!
    • Schützen Sie den Patienten vor Verletzungen.
    • Entfernen Sie alle Instrumente, Schutzbrille etc. vom Patienten.
    • Fahren Sie den Zahnarztstuhl in eine Rückenlage und so tief wie möglich zum Boden.
  • Legen Sie etwas unter den Kopf, damit dieser nicht auf den Boden oder auf die Lehne schlägt. Dabei reicht oft die eigene Hand vollkommen aus.
  • Legen Sie den Patienten in Seitenlage, das hilft gegen Aspiration von Sekreten oder zahnärztlichen Materialien.
  • Halten Sie den Patienten nicht fest.
  • Versuchen Sie nicht, den Kiefer zu öffnen oder gewaltsam Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben. Legen Sie auch nicht Ihre Finger in den Mund ‒ Sie könnten gebissen werden!
  • Messen Sie die Zeit des Anfalls. Er kann länger erscheinen, als er tatsächlich ist.
  • Rufen Sie den Notarzt, wenn der Anfall länger als drei Minuten dauert.
  • Rufen Sie den Notarzt, wenn der Patient beginnt, zyanotisch zu werden.
    • Geben Sie Sauerstoff mit einer Geschwindigkeit von 6-8 l/min.
    • Wenn der Anfall länger andauert oder bei wiederholten Anfällen: Verabreichen Sie 10 mg Diazepam intramuskulär (i.m.) oder intravenös (i.v.) oder 2 mg Ativan i.v. oder i.m. oder 5 mg Mitazolam i.m. oder i.v.
  • Achten Sie auf die Möglichkeit einer Verlegung der Atemwege und auf unkontrollierbare Anfälle.
 

Sobald der Anfall vorbei ist

Sobald der Anfall vorbei ist, empfiehlt sich folgendes Vorgehen:

 

  • Checkliste: Maßnahmen nach einem Anfall
  • Nehmen Sie an diesem Patienten keine weitere zahnärztliche Behandlung an diesem Tag mehr vor.
  • Versuchen Sie, mit dem Patienten zu sprechen, um das Niveau des Bewusstseins während der postiktalen Phase zu bewerten.
  • Versuchen Sie nicht, den Patienten festzuhalten, er könnte verwirrt sein.
  • Der Patient darf die Praxis nicht verlassen, wenn sein Bewusstsein nicht vollständig wiederhergestellt ist.
  • Kontaktieren Sie die Familie des Patienten, wenn er alleine ist.
  • Machen Sie eine kurze orale Untersuchung auf Verletzungen. Je nach Zustand: Entlassen Sie den Patienten mit einer verantwortlichen Person nach Hause, zu seinem Hausarzt oder in die Notaufnahme für eine weitere Abklärung.
 

Quellen

  • Die Literaturliste finden Sie unter zr.iww.de unter diesem Beitrag.
Quelle: Ausgabe 01 / 2017 | Seite 5 | ID 44424056