logo logo
Meine Produkte: Bitte melden Sie sich an, um Ihre Produkte zu sehen. Anmelden
Menu Menu
MyIww MyIww
Jetzt testen

·Fachbeitrag ·Forensik

Kindesmisshandlung: Hier sollten Sie misstrauisch werden

| Da sich Kindesmisshandlungen vor allem innerhalb der Familie ereignen, sind ihre Opfer auf Hilfe von außen angewiesen ‒ und das umso mehr, je jünger sie sind. Doch wie kann man Kindesmisshandlung erkennen? Seien Sie deshalb misstrauisch bei Verletzungen im Kopfbereich, bei langen Zeitspannen zwischen Unfallzeitpunkt und Zahnarztbesuch sowie beim gleichzeitigen Vorliegen mehrerer frakturierter, luxierter oder traumatisch dislozierter Zähne in unterschiedlichen Segmenten der Kiefer! |

Rolle des Zahnarztes als Entdecker einer Kindesmisshandlung

Der Zahnarzt hat eine strategische Bedeutung bei der Diagnose einer Kindesmisshandlung. Effektiv zeigen 50 Prozent der misshandelten Kinder orofaziale Läsionen oder Halsläsionen. Eltern misshandelter Kinder wechseln häufig die Ärzte, um eine Entdeckung zu verhindern, aber sie besuchen eher auch weiterhin ihren Zahnarzt. [1] Die Täter, die sonst sehr häufig den Arzt wechseln, haben gegenüber dem Zahnarzt weniger Misstrauen. [2]

 

Doch trotz dieser bevorzugten Stellung der Zahnärzte bleibt die Zahl der erkannten Fälle gering. Grund sind oft Unsicherheit beim Vorgehen sowie die Angst, ein Gerichtsverfahren anzustoßen. Dass deshalb auch die Zahnärzte gefordert sind, wurde inzwischen erkannt: Von einigen zahnärztlichen Körperschaften wurden besondere Initiativen und Fortbildungsangebote zu dieser Thematik entwickelt.

 

  • Anzeichen für eine mögliche Kindesmisshandlung [3]

Bei den Kindern

  • Verletzungen, Hämatome u.ä. im Gesicht oder an den Extremitäten
  • Mehrzeitige Verletzungen, Verletzungen unterschiedlicher Abheilungsstadien (unterschiedliche Färbung mehrerer Blutergüsse),
  • Bilateral lokalisierte Verletzungen
  • Mehrfache Kopfverletzungen an unterschiedlichen Seiten bei anamnestischer Angabe eines Sturzes als Ursache,
  • Das gleichzeitige Vorliegen mehrerer frakturierter, luxierter oder traumatisch dislozierter Zähne in unterschiedlichen Segmenten der Kiefer
  • Ängstlichkeit, Schreckhaftigkeit und Apathie, Alarmbereitschaft („frozen watchfulness“) sowie eine depressiv-gespannte Haltung oder ein abwartend-passives Verhalten („verschlagen“).

 

Bei den Eltern

  • Großer Zeitversatz zwischen Unfall und Inanspruchnahme des Notdienstes
  • „Überfürsorgliches“ Elternteil, das das Kind keinen Moment alleine lässt
  • Auffallend wortreiche Erklärungen über den Unfallhergang
  • Widersprüche zwischen Unfallschilderung und Verletzungen
  • „Ärztehopping“
 

Spuren von Misshandlungen zeigen sich in der Regel

 

  • im Gesicht um die Augen sowie an Mund, Kieferwinkel und Wange
  • im Mund durch 
    • frakturierte, luxierte oder traumatisch dislozierte Zähne
    • Lazerationen im Bereich der labialen Mukosa oder des harten Gaumens, an Oberlippe, Frenulum der Lippe, Zunge
  • am Kopf
    • an Hals und Nacken, Ohren, Schläfenbein und Region hinter den Ohren (Retroauricularegion)
    • an der behaarten Kopfhaut oder Schädeldecke.

 

Sturzverletzungen dagegen treten oft an hervorstehenden Körperstellen auf: etwa an Nase, Kinn, Stirn, Hinterkopf.

Der Verdacht ist da ‒ was soll man tun?

Hegt ein Zahnarzt den Verdacht auf das Vorliegen einer Kindesmisshandlung, so stellt sich die für ihn sehr diffizile Frage nach dem weiteren Vorgehen. Dazu einige Anregungen:

 

1. Dokumentation

Wichtig ist in jedem Fall die ausführliche Dokumentation unter Zeugen ‒ holen Sie also einen Mitarbeiter dazu! Dokumentieren Sie die Verletzungen fotografisch und erstellen Sie einen rechtssicheren Befundbogen! Kindesmisshandlungen müssen sorgfältig dokumentiert werden, insbesondere wenn das Jugendamt oder die Polizei informiert werden. Mitgeteilte Angaben und eigene Untersuchungsergebnisse müssen unter Angabe von Datum und Uhrzeit schriftlich fixiert werden.

 

Neben einer Fotodokumentation (mit Maßstab, auch Digitalfotos zulässig) für sichtbare Verletzungen ist die Verwendung von Skizzenvordrucken zu empfehlen. Neben allgemeinen Ratgebern stehen Zahnärzten und den Praxisteams inzwischen fachspezifische Checklisten zu problematischen Symptomen und spezielle Befundbögen zur Verfügung. Diese können Sie im Online-Bereich des ZR unter zr.iww.de (Downloads/Arbeitshilfen) herunterladen.

 

In einer Studie der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf wurde jede zweite (51 Prozent) der Verdachtsdiagnosen niedergelassener Ärzte bestätigt. Bei 30  Prozent konnte keine Aussage über eine Misshandlung gemacht werden, nur bei 19 Prozent konnte eine Misshandlung ausgeschlossen werden. [4]

 

2. Gespräch und Hilfsangebote

Zunächst sollte versucht werden, mit den Erziehungsberechtigten zu reden und auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen. In der Regel wird es für den Zahnarzt nicht möglich sein, das Problem des Kindes und der Familie zu lösen. Die Zusammenarbeit mit anderen Hilfeeinrichtungen ist deshalb unbedingt erforderlich. Sie können Eltern auf geeignete Beratungs- und Unterstützungsangebote vor Ort aufmerksam machen (zum Beispiel Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen, Frühförderstellen, Familienzentren).

 

3. Meldung

Scheitert das Gespräch mit den Eltern oder reicht dieser Schritt zur akuten Gefahrenabwehr nicht aus, ist die Information an das Jugendamt gestattet. Ein Verstoß gegen die Schweigepflicht liegt hier nicht vor. In Deutschland schafft das neue Kinderschutzgesetz eine Erlaubnis, bei gewichtigen Anhaltspunkten die zuständigen Behörden zu informieren (§ 4 BKindSchG).

 

PRAXISHINWEIS | Wichtig in diesem Zusammenhang ist ein Urteil des Kammergerichts Berlin vom 27. Juni 2013 (Az. 20 U 19/12): Demnach ist es rechtmäßig, dass Sie Strafverfolgungsbehörden und Jugendamt informieren, wenn Sie bei einer Behandlung von Kindern den ernsthaften Verdacht einer Kindesmisshandlung haben. Zur Rechtfertigung müsse eine Misshandlung nicht erwiesen sein. Das Berliner Kammergericht stellte klar, es sei „nicht Aufgabe der Ärzte, einen Verdacht ,auszuermitteln‘, das heißt definitiv zu klären, welche Ursache eine Verletzung hat; es sei ausreichend, dass die betreffenden Verletzungen typischerweise durch Kindesmisshandlung hervorgerufen werden und somit ein ,begründeter Verdacht‘ vorhanden ist.

 

Zugleich ist der behandelnde Zahnarzt berechtigt, sich selbst Hilfe und Beratung durch eine erfahrene Fachkraft bei der öffentlichen Jugendhilfe einzuholen. Er darf dabei auch die erforderlichen Daten in pseudonymisierter Form an die Jugendhilfe weitergeben. Auch beim konsiliarischen Einschalten eines Rechtsmediziners zur weiteren ‒ anonymen ‒ Befundabklärung wird nicht gegen die Schweigepflicht verstoßen.

 

Es kann auch ohne Einverständnis des Patienten/der Patientin gehandelt werden, wenn die Gesundheit bzw. die drohende weitere Gesundheitsbedrohung als höherwertiges Rechtsgut eingestuft werden. [5]

 

Gewalt gegen Kinder verläuft chronisch rezidivierend und eskalierend. Durch frühzeitiges Erkennen kann die Gewaltspirale unterbrochen werden. Der Tatverdächtige ist im sozialen Nahfeld des Kindes zu suchen. Es zeigt sich, dass selten nur ein Kind einer Familie betroffen war. [5] Nicht nur bei schweren Verletzungen ist die Ultima Ratio die Information der zuständigen Behörden (zum Beispiel Jugendamt) oder Einschalten der Polizei; dies wäre ebenfalls über die Rechtsmedizin möglich. [4] Eine stationäre Einweisung oder Aufnahme des Kindes kann sowohl der Diagnosesicherung dienen als auch einen zeitlich begrenzten Schutz für das Kind darstellen.

 

Quellen

  • [1] Rayman S et al. Child abuse: concerns for oral health practitioners. N Y State Dent J. 2013; 79 (4): 30-34.
  • [2] Hutt J M.Kindesmisshandlung. Die Pflichten des Zahnarztes. Rechtsgrundlagen in Frankreich. Newsletter des AKFOS 2002; 9 (3) : 79-82.
  • [3] Wahl N. Phänomenologische, kriminologische und epidemiologische Aspekte der Kindesmisshandlung im Großraum Hamburg 4. Hamburg, 2011.
  • [4] Ergebnisse der Studie zu Misshandlung, Vernachlässigung und Missbrauch von Kindern in Hamburg (UKE-Kinder-KOMPT), Pressekonferenz am 22. Mai 2008 .
  • [5] Hamburger Zahnärzteblatt 2014; 54 (1): 7-8.
Quelle: Ausgabe 06 / 2015 | Seite 5 | ID 43388056