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26.03.2009 |Allgemeine Zahnheilkunde

Der Stellenwert von Zahnseide - ein Plädoyer für zahnmedizinischen Sachverstand

von Prof. Dr. Ulrich Schiffner, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Eine aktuelle Reportage der Zeitschrift „feminin & fit“ berichtet unter der Überschrift „Zahnseide - Der große Pflegeflop“ über die angebliche Ineffektivität der Zahnseide-Anwendung. Der als Titelgeschichte aufgemachte Artikel, der als Pressemeldung in weiteren Druckerzeugnissen verbreitet wird, sorgt derzeit für Unruhe unter motivierten Patienten wie auch unter Prophylaxe-Fachkräften. Wie kommt es zu einer derartigen Meldung, und was ist davon zu halten? 

 

Um es zunächst auf den Punkt zu bringen: Die Botschaft ist falsch und kommt durch eine Aneinanderreihung stets weiter simplifizierender und verfälschender Zitationen zustande. An der zahnmedizinisch indizierten Zahnseideempfehlung, verbunden mit Motivationsmaßnahmen und Demonstrationen, ändert sich nichts! 

 

Im Einzelnen: Ausgangspunkt ist eine systematische Literaturumschau über die in kontrollierten klinischen Studien durch Fädeln erzielte Karieshemmung. Diese soll über die Evidenz der durch Zahnseideanwendung bewirkten Karieshemmung Auskunft geben. 

 

Das unter dem erstrebenswerten Ziel abgesicherter wissenschaftlicher Evidenz in den vergangenen Jahren zunehmend angewendete Instrument der systematischen Literaturumschau, verbunden mit statistischen Metaanalysen, ist geeignet, ob seiner „Modernität“ den Blick auf die Schwächen und Risiken dieses Instruments zu verstellen. Es muss herausgestellt werden, dass nach Formulierung der Fragestellung und der zu deren Beantwortung angewendeten Suchkriterien ein formalistischer Prozess abläuft, an dessen Ende ein auf diese Frage und Suchstrategie bezogenes Ergebnis steht. Nicht in die Fragestellung einbezogene Parameter - zum Beispiel nicht-randomisierte Studien - oder durch die Suchkriterien ausgeschlossene Fakten werden nicht erfasst. Am Ende steht also ein zwar abgesichertes, aber nur in einem sehr engen Korridor zutreffendes Ergebnis. 

Die Aussage beruht auf sechs Studien an Kindern

Im vorliegenden Fall fand eine Literatursuche in englischsprachigen Datenbanken statt. Die Suche ergab zunächst 143 klinische Studien zur Zahnseideanwendung. Aufgrund der zuvor definierten Einschlusskriterien wurden 94 Studien sofort wieder verworfen, da der Zahnseideneffekt von anderen Effekten überlagert sein konnte. Von den verbliebenen 49 Studien wiesen 44 keine geeigneten Kontrollgruppen (Gruppen ohne Zahnseideanwendung) auf oder waren als vorläufiger Bericht deklariert. Das besagt jedoch nicht, dass die jeweils erzielten Ergebnisse unzutreffend gewesen wären. Dennoch wurden sie der Suchstrategie folgend nicht weiter berücksichtigt. 

 

Zu den letzten fünf Studien wurde aufgrund der fachlichen Kenntnisse der Autoren eine weitere hinzugezogen, die durch die elek-tronische Recherche nicht erfasst worden war. Die gesamte Analyse beruht also auf sechs Studien. Diese wurden an 808 Kindern im Alter von vier bis dreizehn Jahren durchgeführt. 

 

Zwei der Studien, bei denen den Kindern durch die Untersucher schultäglich die Zähne gefädelt wurden, ergaben Karieshemmungsraten von bis zu 40 Prozent. Die übrigen Studien, bei denen die Probanden ihre Zähne eigenständig fädelten, ergaben keine Karies-hemmung. Die Autoren hoben auf die alltägliche Situation ab und stellten die Unzulänglichkeit der seltenen oder unüberwachten Zahnseideanwendung in den Vordergrund. Der präventivzahnmedizinische Sachverstand hingegen würde bestätigt finden, dass das Fädeln prinzipiell das Potenzial zur Approximalkarieshemmung hat, und nach Möglichkeiten suchen, die Akzeptanz der regelmäßigen Anwendung zu fördern. 

Zitationsfolge, die an das Kinderspiel „Stille Post“ erinnert

Mit dem Ergebnis der Literaturübersicht beginnt jetzt eine Zitationsfolge, die an das Kinderspiel „Stille Post“ erinnert. In einer Mitteilung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) heißt es mit Bezug auf die Literatur-übersicht: „Zur Wirksamkeit von Zahnseide bei Erwachsenen und zur Vorbeugung anderer Probleme wie Zahnfleischerkrankungen fanden sich keine Studien.“ Das trifft formal zwar zu, doch wurden den Einschlussbedingungen der Literatursuche folgend gar keine Studien mit Erwachsenen identifiziert, und Aussagen über „Zahnfleischerkrankungen“ wurden überhaupt nicht gesucht. 

 

Insofern erfolgt an dieser Stelle eine fälschliche Interpretation der zugrundeliegenden Publikation. Diese Interpretation ist jedoch Kernaussage des jetzt in der Laienpresse erschienenen Artikels und seiner Weiterverbreitung unter der Überschrift „Zahnseide verhindert keine Zahnfleischerkrankungen“. Es sei wiederholt, dass dies überhaupt nicht beurteilt worden ist. Zudem ist es falsch. So findet eine weitere Übersichtsarbeit eine Vielzahl von Studien, bei denen es auch unter Zahnseideanwendung zu signifikanten Reduktionen von Plaque, Gingivablutungen und Taschentiefen gekommen ist. 

 

Eine weitere systematische Literaturübersicht kommt zwar zu differenzierteren Resultaten und sieht die positive Effekte der Zahn-seideanwendung zeigenden Studien in der Minderheit. Die Schlussfolgerung lautet aber: „The dental professional should determine, on an individual patient basis, whether high-quality flossing is an achievable goal.“ Nicht mehr und nicht weniger. An dieser Stelle kommt glücklicherweise wieder der zahnmedizinische Sachverstand ins Spiel. 

 

Dieser Sachverstand weiß, dass es mitunter Alternativen zur Zahnseide gibt, die effektiver sind und vom Patienten besser akzeptiert werden. Er weiß aber auch um die Indikationen bei engen Zahnzwischenräumen und die individuelle Auswahl der Patienten. Von professioneller Seite ist dabei eine Information hinsichtlich der sachgemäßen Handhabung und dem Nutzen der Zahnseide unbedingt erforderlich. Die Anwendung von Zahnseide muss professionell demonstriert und trainiert werden - nicht zuletzt, um bei unsachgemäßem Gebrauch drohende Verletzungen der Interdentalpapille zu vermeiden. 

Fazit

Es ändert sich also nichts an der zahnmedizinisch begründeten und angeleiteten individuellen Empfehlung zum Zahnseidegebrauch, die von Stellungnahmen namhafter wissenschaftlicher Fachgesellschaften wie der DGZMK oder der American Dental Association ADA unterstützt wird. 

 

Untenstehend die Literaturliste. 

Quelle: Ausgabe 04 / 2009 | Seite 8 | ID 125542