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  • · Fachbeitrag · Patientensicherheit

    „Ein kleiner Sticker kann ein Gamechanger sein!“ oder: So fördern Sie Speak-up im OP

    Im OP tragen Mitarbeitende der Uniklinik Münster ihren Vornamen sichtbar auf der Stirn ( CB 09/2025, Seite 6 ff.). Die einfache und kostengünstige Maßnahme soll die Kommunikation verbessern, Hierarchien abbauen und die Patientensicherheit stärken. PD Dr. Jens Hölzen, stellvertretender Klinikdirektor an der Chirurgischen Uniklinik Münster, war an der Einführung beteiligt. Dr. Benedict Carstensen sprach mit ihm über seine Erfahrungen

     

    Redaktioneller Hinweis: Dieses Interview ist eine Zusammenfassung des Transkripts aus Episode 20 unseres Podcasts „Level Up Klinikführung“. Jetzt reinhören unter iww.de/s12737.

     

    Frage: Herr Dr. Hölzen, was genau verbirgt sich hinter der Initiative?

     

    Antwort: Die Idee ist einfach: Alle Mitarbeitenden tragen im OP einen Sticker mit ihrem Vornamen. Die Sticker unterscheiden sich je nach Berufsgruppe durch Farben und Formen. So ist schnell erkennbar, wer zum Team gehört und wer sich noch in Ausbildung befindet. Im OP sieht man oft nur die Augenpartie. Gerade in einer großen Universitätsklinik mit vielen Mitarbeitenden, Studierenden, Auszubildenden und Hospitierenden ist es daher schwierig, alle richtig anzusprechen. Üblich waren früher Ansprachen wie „Hallo Anästhesie“. Heute können wir die Menschen direkt mit ihrem Namen ansprechen.

     

    Frage: Was verändert sich dadurch im Arbeitsalltag?

     

    Antwort: Die Zusammenarbeit wird persönlicher. Der Vorname ist zugleich eine Einladung, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wir sprechen uns häufiger per Du an und treten stärker als Team auf. Das betrifft nicht nur die persönliche Wertschätzung, sondern auch die Sicherheit. Wer den Namen des Gegenübers kennt, spricht ihn in einer kritischen Situation leichter an.

     

    Frage: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

     

    Antwort: Eine junge Studentin schaute während einer robotischen Operation mit in die Konsole. Sie sagte irgendwann: „Jens, schau mal dort oben an der Leber. Da blutet noch etwas.“ Genau das ist die Speak-up-Kultur, die wir wollen. Jeder im Raum soll sich für den Patienten verantwortlich fühlen und sich trauen, etwas anzusprechen. Früher hätte ich mich als junger Arzt vermutlich nicht getraut, einen Professor auf eine solche Situation hinzuweisen.

     

    Frage: Wie wirkt sich die Maßnahme auf die Hierarchien aus?

     

    Antwort: Wir wollen fachliche Kompetenz und Erfahrung keineswegs infrage stellen. Darum geht es nicht. Problematisch sind Hierarchien in der Kommunikation und in der Wertschätzung. Wenn Menschen das Gefühl haben, unwichtig zu sein, schweigen sie möglicherweise auch dann, wenn sie ein Risiko erkennen. Durch die persönliche Ansprache sprechen wir mehr miteinander und weniger übereinander.

     

    Frage: Gibt es belastbare Hinweise auf einen positiven Effekt?

     

    Antwort: Wir haben Mitarbeitende befragt. Eine erste Auswertung aus unserem Team zeigte einen klaren Effekt bei Zufriedenheit und Akzeptanz. Die große Mehrheit begrüßt die Namensschilder und möchte sie weiter nutzen. Viele sehen darin einen sicherheitsrelevanten Beitrag. Außerdem wird das Team-Timeout nach Einschätzung der Mitarbeitenden sorgfältiger durchgeführt.

     

    Frage: Wie gewinnt man Mitarbeitende für ein solches Projekt?

     

    Antwort: Man sollte nicht einfach loslegen. Wir haben zunächst ein Pilotprojekt umgesetzt und anschließend weitere Abteilungen einbezogen. Wichtig sind eine gute Kommunikation, die Unterstützung der Klinikleitung und die Beteiligung des Betriebsrats. Auch skeptische Stimmen müssen gehört werden. In unserem Fall kam vom Betriebsrat sogar der Vorschlag, die Form der Sticker zu nutzen, um Auszubildende kenntlich zu machen.

     

    Frage: Welche Stolpersteine gibt es?

     

    Antwort: Die Maßnahme muss im Alltag zuverlässig funktionieren. Sticker müssen verfügbar sein und ersetzt werden können. Außerdem dürfen sie sich im OP nicht lösen und in das Operationsgebiet fallen. Bei Mitarbeitenden, bei denen der Sticker durch Schweiß schlechter hält, verwenden wir zusätzlich einen transparenten Klebestreifen. Entscheidend ist auch eine ausreichende Beteiligung. Wenn nur ein oder zwei Personen mitmachen, wirkt die Idee schnell lächerlich. Bei einer hohen Akzeptanz trägt sie sich dagegen selbst.

     

    Frage: Lässt sich das Konzept auf andere Bereiche übertragen?

     

    Antwort: Grundsätzlich profitieren alle Bereiche von einer persönlichen Ansprache. Besonders groß ist der Nutzen dort, wo schnelle Entscheidungen und hohe Patientensicherheit wichtig sind, etwa in der Notaufnahme, im Schockraum oder im Herzkatheterlabor. Das Prinzip muss nicht überall mit einem Sticker auf der Stirn umgesetzt werden. Entscheidend ist, dass der Name sichtbar und die Ansprache persönlich ist.

     

    Frage: Was raten Sie Kollegen, die die Idee aufgreifen möchten?

     

    Antwort: Sie sollten sich Verbündete suchen und Erfahrungen anderer Häuser nutzen. Wir bieten interessierten Kliniken Hospitationen an und zeigen offen, wie die Umsetzung funktioniert. Außerdem braucht es ein klares Change-Management mit festen Verantwortlichkeiten, regelmäßiger Evaluation und sichtbarer Kommunikation der Fortschritte. Die Mitarbeitenden müssen erkennen, was sich durch die Maßnahme verbessert hat.

     

    Herr Dr. Hölzen, vielen Dank für das Gespräch!

     

    Quelle: Ausgabe 11 / 2026 | Seite 6 | ID 50960411