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  • · Fachbeitrag · Patientenführung

    „Aber die KI hat mir etwas anderes gesagt!“ – so verändert KI das Arzt-Patienten-Verhältnis

    von Dr. Alexandra Widmer, FÄ für Neurologie und ärztl. Psychotherapeutin

    Mitte der 2000er-Jahre begann eine Entwicklung, die bis heute andauert: Patienten recherchieren ihre Symptome sowie die Therapiemöglichkeiten im Internet und suchen danach den Arzt auf. Für den Arzt ist dies Fluch und Segen zugleich: Segen, weil der Patient sich vorab informiert hat. Fluch, weil er als Laie die Informationen nicht einordnen kann. Und weil deren Wahrheitsgehalt zum Teil kritisch zu hinterfragen ist. Seit Kurzem wird „Dr. Google“ ergänzt wenn nicht abgelöst durch eine neue Herausforderung: Informationen, die durch Künstliche Intelligenz (KI) generiert werden.

    Patient legt KI-generierte Therapieplanung vor – ein Schlüsselmoment

    Vor genau einem Jahr kam ein Patient in meine Sprechstunde, legte sein Handy auf den Tisch und sagte zu mir: „Frau Dr. Widmer, ich will eigentlich gar nichts mehr. Nur noch Ihr Go. Ich habe alles mit meiner KI überprüft.“ Er zeigte mir sein Handy und wie er tagelang akribisch einen personalisierten Prompt entwickelt hatte, der alles über ihn wusste. Zusätzlich hatte er all seine Befunde der letzten zehn Jahre hochgeladen. Zumindest hatte er seine persönlichen Daten geschwärzt. Seine Diagnose und die weitere Therapieplanung standen fest. Ich sollte nur noch die passende Medikation ausstellen. Im ersten Moment war ich sprachlos und ahnte gleichzeitig, dass das ein Schlüsselmoment in meinem ärztlichen Leben sein würde. Ich habe recht behalten.

    KI verbieten oder laufen lassen? Beides keine guten Ideen!

    Das, was ich in den vergangenen zwölf Monaten mit und ohne meine Patienten in der Auseinandersetzung mit KI erlebt habe, ist erst der Beginn einer neuen Ära in der Medizin. Die Anzahl der Veröffentlichungen zum Thema KI in der Medizin überschlägt sich. Die gängigen Large Language Models liefern sich gefühlt Woche für Woche einen Wettstreit darum, wer nun besser ist. Gleichzeitig wird längst an Audio-KI und Video-KI in Form von passenden Brillen für uns Ärzte gearbeitet. Die Systeme werden hören und sehen und immer stärker in Diagnostik, Dokumentation und Kommunikation eingebunden werden. Und wir? Wir kommen kaum noch hinterher. Während in vielen Kliniken noch immer ein Faxgerät herumsteht und der eine nicht weiß, was der andere macht, ist in der Not des Personalmangels, der Überstunden und der steigenden Anforderungen das private Handy vieler Kollegen längst der Ort geworden, an dem man sich schnell Unterstützung durch eine KI sucht. Also KI verbieten? Keine gute Idee. Sie einfach laufen lassen und darauf vertrauen, dass Ärzte schon wissen werden, was sie tun? Auch keine gute Idee.