· Fachbeitrag · Grundlagenforschung
Intensivmedizin: Restriktiver Einsatz von Fixierungen ohne Nachteile im Verlauf
Eine multizentrische RCT aus Frankreich stellt die routinemäßige Fixierung bei invasiv beatmeten Intensivpatientinnen und -patienten infrage. In der R2D2-ICU-Studie („Restrictive Use of Restraints and Delirium Duration in ICU“) zeigte eine zurückhaltende Fixierungsstrategie im Vergleich zu einer systematischen Anwendung keine schlechteren Verläufe – weder bei Koma- und Delirtagen noch bei Sicherheitsendpunkten.
Fixierung oder nicht? Die Praxis ist international uneinheitlich
Hintergrund ist die kontroverse Praxis, Arme und teils Beine zu fixieren, um Selbstextubationen oder das Entfernen von Zugängen zu verhindern. Fixierungen bergen Risiken wie Verletzungen, erschweren die Pflege und können psychisch belasten. International ist der Einsatz uneinheitlich; in Teilen Europas wird eher sediert statt fixiert.
Symptombezogene vs. systematische Fixierung wurden verglichen
Die Studie randomisierte auf 10 französischen Intensivstationen 396 intubierte, schwer kranke Menschen (median 65 Jahre, SOFA 7; rund 90 % initial komatös). Verglichen wurden zwei Strategien: restriktiv (Handgelenksfixierung nur bei deutlicher Unruhe, RASS ≥3; tatsächlich fixiert wurden 36,2 %) versus systematisch (Fixierung ab Tag 1 mit täglicher Reevaluation; median 16,8 Stunden/Tag; bei 28,5 % vorzeitig beendet). Primärer Endpunkt war die Zahl der Tage ohne Koma oder Delir in den ersten 14 Tagen nach Randomisierung.
Ergebnis: Unterschied ist statistisch nicht signifikant
Unter restriktiver Strategie lebten die Patientinnen und Patienten im Median 6,67 Tage ohne Koma oder Delir (95-%-KI 5,69–7,65) gegenüber 6,30 Tagen (5,35–7,24) bei systematischer Fixierung. Die adjustierte mittlere Differenz von 0,37 Tagen (95-%-KI -0,71 bis 1,46) war statistisch nicht signifikant und klinisch nicht relevant. Die Selbstextubationsraten lagen ähnlich (9,2 % vs. 8,5 %), die 90-Tage-Mortalität betrug 37,2 % versus 41,0 %. Ein erhöhter Einsatz von Sedativa, Analgetika oder Antipsychotika im restriktiven Arm zeigte sich nicht.
FAZIT — Die Autorinnen und Autoren folgern, dass auf eine routinemäßige Fixierung verzichtet und der Einsatz individuell entschieden werden kann – vorausgesetzt, die Pflegepersonalausstattung erlaubt dies. Auf den beteiligten Stationen betreute eine Pflegekraft im Schnitt 2,5 bis 3 Patientinnen und Patienten. Für die Klinikpraxis stützen die Daten SOPs mit klarer, RASS-basierter Indikation und täglicher Reevaluation sowie einer sorgfältigen Abwägung von Nutzen, Risiken und rechtlichen Anforderungen. |
Quelle
- Sonneville R, Couffignal C, Sigaud F, et al. Restrictive vs Liberal Physical Restraint Strategies in Critically Ill Patients: The R2D2-ICU Randomized Clinical Trial. JAMA. Published online March 17, 2026. doi.org/10.1001/jama.2026.2897